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Khaled al Saai

Die Kalligrafie als herausragende Kunsttradition des Orients war zuallererst Zeremonie und Ritual, bei dem alles, sogar das Atmen, strengen Vorschriften unterlag. Die Pracht der Schrift diente dem höchsten Ruhme Allahs, und der gesamte künstlerische Wille konzentrierte sich auf die besonders schmuckvolle Niederschrift des geoffenbarten göttlichen Worts. Eine Ausschmückung durch Bilder, wie wir sie von dem mittelalterlichen Codizes kennen, ist im Islam verboten.

Für den 1970 in Syrien geborenen Khaled al Saai ist die Kalligrafie „das höchste Ritual, das ein Mensch ausführen kann“. Aufgewachsen in einer Familie von Kalligrafen studierte er in Damaskus und Istanbul die Kunst der schönen Schrift, die, gleich der ornamentalen Kunst, traditionell tiefe Gläubigkeit und individuelle Kunstfertigkeit verbindet, aber keinen individuellen Ausdruck zulässt.

Khaled al Saai, der heute an der Universität von Sharjah in den Vereinigten Arabischen Emiraten unterrichtet, hat in seinen Papier- und Wandarbeiten die Kalligrafie weiterentwickelt. Es gelte, sagt er, die Moderne mit den Formen der traditionellen Kunst zu verbinden, die Gefahr des Folklorismus zu bannen und ein neues, verändertes Erbe entstehen zu lassen.

In seinen jüngsten Bildern sind die Schriftzeichen aus dem Bedeutungszusammenhang gänzlich isoliert – womit er eine zentrale Erfahrung des Individuums in der Moderne aufgreift. Die Zeichen entwickeln ein Eigenleben, das neben Farbgebung und -auftrag durch die Anlehnung an je verschiedene Schreibstile gekennzeichnet ist. Hier und da erinnert das massenhafte Erscheinen einzelner Schriftzeichen auf der Leinwand an sich bewegende Gruppen, lassen an Reiterarmeen denken. Mit Buchstaben bildet er Tableaus, die in der Fantasie zu Landschaften werden. Mit seinem Spagat zwischen Tradition und freier Kunst ist al Saai unter den Kalligrafen der Golfstaaten nicht nur hoch geachtet, sondern auch heftig umstritten. M.L.K.

Ausstellung: „Languages of the desert/ Sprachen der Wüste. Zeitgenössische arabische Kunst aus den Golfstaaten“. Kunstmuseum Bonn bis 20. November 2005. Der gleichnamige Katalog (Hg. K. Adrian von Roques und Prof. D. Ronte) erschien im Dumont Verlag 2005.

Le Monde diplomatique vom 11.11.2005,