London ist nicht Paris

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London ist nicht Paris

Das britische Modell – praktisch, belastbar, aber längst nicht ideal von Peter Loizos

Aus Paris war im Juli 2005 nach den Anschlägen von London häufig die Einschätzung zu hören, das britische „multikulturelle“ Modell ethnischer Integration habe einen schweren Schlag erlitten. Die Straßenszenen vom November haben solche Stimmen zum Verstummen gebracht. Heute muss Staatspräsident Jacques Chirac von einer „tiefgehenden Krise“ sprechen, und es gibt die ersten Stimmen, die das Konzept der französischen Staatsbürgerschaft hinterfragen.

Was man nach den Attentaten von London in Frankreich kaum zur Kenntnis nahm, war die Tatsache, dass den Bomben in London viele junge Menschen aus Immigrantenfamilien zum Opfer fielen: Muslime, Hindus, Sikhs, Juden und Christen unterschiedlichster ethnischer Herkunft. Und wichtiger noch: Es waren berufliche Aufsteiger, denn um 9 Uhr früh sitzen vorwiegend junge Freiberufler in der U-Bahn, die zu ihren Medien- oder Werbeunternehmen in der Innenstadt fahren.

Nach den Unruhen in den französischen Banlieues brachte der konservative Londoner Spectator auf der Titelseite eine Karte Nordeuropas, überschattet von einem riesigen islamischen Halbmond, darunter das Wort „Eurabia“. Solche Demagogie zeugt wiederum von britischer Ignoranz. Viele Franzosen algerischer Abstammung sind so wenig „muslimisch“ wie die meisten Franzosen „katholisch“. Zwar stammen die meisten jugendlichen Straßenkämpfer aus nord- oder westafrikanischen Einwandererfamilien, aber sie haben nicht Kirchen angegriffen, sondern Autos und Schulen.

Dass in Frankreich dreißig Schulen abgefackelt wurden, hat viele Kommentatoren verbittert. Dabei gibt es auf den ersten Blick ein schlichtes Motiv, die Schulen anzugreifen. Eine Attacke auf dieses Symbol des Staates ist einfacher und weitaus weniger riskant als der Sturm auf ein Polizeirevier. Dennoch gilt, das diese Attacken zugleich Einrichtungen gelten, die den Tätern weiterhelfen könnten. Aber viele von ihnen können nach dem Abgang von diesen Schulen korrektes Französisch weder schreiben noch sprechen, obwohl Französisch ihre erste Sprache ist.

Ein französischer Soziologe hat auf originelle Weise die Benachteiligung ethnischer Minderheiten bei der Jobsuche ermittelt. Er reichte bei hunderten von Firmen identische Lebensläufe ein, aber mit ethnisch unterschiedlich gefärbten Namen. Die fiktiven Bewerber mit französischen Namen hatten fünfmal so viele Chancen wie die mit Immigrantennamen. Nach dem Gesetz ist in Frankreich jede Diskriminierung unzulässig, aber in der Praxis sieht es ganz anders aus, wie bei vielen anderen Aspekten der französischen staatsbürgerlichen Gleichheit. Kinder aus einer Minderheitenfamilie mögen die Schule erfolgreich absolviert haben, doch sie wissen natürlich, dass eine Bewerbung unter dem Namen Douala oder Abdel Kaarim kaum in die engere Auswahl kommen wird.

Die Ethnologin Dounia Bouzar meint, dass die Randalierer nicht randalieren, weil sie die Republik hassen, sondern weil sie an ihr teilhaben wollen. „Nur das Rad, das quietscht, bekommt die Wagenschmiere ab“, hat einmal ein Aktivist der Schwarzenbewegung in den USA gesagt. Die französischen Jugendlichen nord- und westafrikanischer Abstammung sind offenbar tiefer von der Gesellschaft entfremdet als farbige Jugendliche in Großbritannien.

Republikanische Gleichheit oder Glorifizierung der Vielfalt

Nun gibt es ja auch in Birmingham oder in Cardiff hohe Jugendarbeitslosigkeit, doch die entsprechenden Quoten für junge Weiße und junge Schwarze dürften in Großbritannien nur um wenige Prozentpunkte auseinander liegen.

Das verweist auf signifikante Unterschiede zwischen dem französischen und dem britischen Integrationsmodell. In Frankreich definiert man alle französischen Staatsbürger als Franzosen, Punktum. Es zählt allein, dass man Bürger der Republik ist. Der Staat ignoriert die kulturellen Unterschiede, statt sie explizit zu machen oder offiziell anzuerkennen. Getreu der laizistischen Tradition werden in den Schulen die religiösen Feste von Muslimen, Juden und auch Christen nicht gefeiert. Die Schule ist ein konsequent religionsfreier Raum. Deshalb dürfen – nach dem berühmten Urteil – muslimische Mädchen kein Kopftuch tragen, das ja sichtbarer ist als ein Kreuz oder ein Davidstern, der sich unter der Bluse verbergen lässt. Damit bleibt auch die Benachteiligung bestimmter ethnischer Gruppen im öffentlichen Raum ausgeblendet. Der Staat ist von Amts wegen blind und stumm gegenüber den Diskriminierungspraktiken auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt – die für die Opfer tägliche Erfahrung und ständiges Gesprächsthema sind.

Die Briten hingegen sind geprägt durch die konstitutionelle Monarchie. Das alte Empire gestattete es den vielen ethnischen Gruppen, sich als loyale Untertanen zu empfinden und darzustellen. Aus dieser Tradition stammt die „Glorifizierung der Vielfalt“ bei den postimperialen Briten: Der Staat sieht es als selbstverständliche Aufgabe, ethnische Diskriminierung zu beobachten und zu unterbinden, zumindest im öffentlichen Sektor.

Dem ging jedoch ein schmerzvoller Prozess mit massenhaften Rassen- und Arbeiterunruhen voraus. Ein Wendepunkt waren die Krawalle von 1960 im Londoner Stadtteil Notting Hill: Als weiße Jugendliche nach brutalen Angriffen auf junge Schwarze zu Gefängnisstrafen verurteilt wurden, begann sich die Lage zu beruhigen. Die Polizei lernte, demonstrierende Massen mit Lächeln statt mit dem Schlagstock zu beruhigen und nicht in jedem schwarzen Jugendlichen einen Kriminellen zu sehen. Am Ende einer langen Konfliktgeschichte ist Notting Hill mittlerweile zum Schauplatz eines alljährlichen „Black Carnival“ geworden, der tausende junge Weiße anzieht und heute als Symbol der Hoffnung auf harmonische Beziehungen zwischen den verschiedenen Communities gilt.

Nun ist Notting Hill nicht London. Und es ist ein Allgemeinplatz, dass auch London nicht Großbritannien ist. Und doch wurden in der Vergangenheit gerade in London die schärfsten Konflikte des ganzen Landes ausgetragen. Man denke nur an die Straßenkämpfe in Brixton von 1981, die einen überaus kritischen Parlamentsbericht über die Methoden der Polizei zur Folge hatten. Oder an die Krawalle von 1985 in Broadwater Farm im Londoner Norden, als die Polizei einen mutmaßlichen Drogendealer verfolgte und ein vermittelnder Beamter vor den Fernsehkameras vom Mob zu Tode geprügelt wurde. Der rassistisch motivierte Mord an Stephen Lawrence, einem schwarzen Schüler aus einem Londoner Vorort, führte wiederum zu einer Debatte über die nachlässigen Ermittlungen der Polizei und die „ethnische Voreingenommenheit“ der Institutionen.

Aber auch in der britischen Provinz kam es immer wieder zu Unruhen, die eine ethnische Färbung aufwiesen. Nach den Straßenkämpfen, die sich vor zwei Jahren asiatische und weiße Jugendliche in Bradford lieferten, versuchte die faschistische British National Party (BNP) Öl ins Feuer zu gießen. Nach wie vor werden der Polizei jedes Jahr tausende „Zwischenfälle mit rassistischem Hintergrund“ gemeldet. Allerdings bleiben die Straßenkrawalle und andere Zwischenfälle meist lokal begrenzt; zu einer allgemeinen, landesweiten Rebellion haben sich die Dinge nie entwickelt.

Das Bemühen um friedliche Beziehungen zwischen den diversen ethnischen Communities war also keinesfalls durchweg erfolgreich. Allerdings vermittelt die britische Gesellschaft den zahlreichen Minderheiten das Gefühl, dass es nicht unwillkommen ist, den Stolz auf ihre eigenen Traditionen und Besonderheiten auch öffentlich zum Ausdruck zu bringen.

Ethnischer Pluralismus in Medien und Werbung

Trotz immer wieder aufflammender Unruhen ist Großbritannien offenbar auf einem richtigen Weg. Es gibt ein liberales öffentliches Bewusstsein, das immer neu aktiviert werden kann. Kirchliche Gruppen sind bemüht, die Kluft zwischen einzelnen Gruppen zu überwinden. Diskriminierung am Arbeitsplatz steht unter Strafandrohung, die häufig recht wirksam ist – schon weil man sich mit einer juristischen Klage erhebliche Entschädigungssummen erstreiten kann. In Medien und Werbung sind ethnische Minderheiten weit häufiger und prominenter vertreten als in Frankreich. Die großen Fernsehsender präsentieren schwarze und asiatische Moderatorinnen, Korrespondenten und Entertainer. Die vielen Communities samt ihren Reibungen mit der Gesamtgesellschaft sind Gegenstand oft ironischer Comedy-Serien. Und immer wieder gibt es bittersüße Filmen, in denen die Spannungen zwischen ethnischen Gruppen durch Liebesbeziehungen und Humor gemildert werden.

Behörden auf kommunaler und regionaler Ebene sind angewiesen, bei ihrer Personalwerbung die volle Palette der ethnischen Gruppen anzusprechen. Das gilt insbesondere auch für die Polizei. Seit dem 11. September versuchen die Polizei und die anderen Sicherheitsorgane verstärkt, ihre Reihen mit Bewerbern aus den ethnischen Minderheiten aufzufüllen. Für den öffentlichen Dienst und zumal im öffentlichen Gesundheitswesen gilt eine Politik der „Chancengleichheit“, die zum Teil auf Maßnahmen „positiver Diskriminierung“ hinausläuft. Ein 2000 verabschiedetes Gesetz verpflichtet alle öffentlichen Körperschaften, „Rassengleichheit“ und gute Beziehungen zwischen Menschen unterschiedlicher ethnischer Abstammung anzustreben. In den Gemeinderäten auf kommunaler Ebene sind viele ethnische Minderheiten vertreten.

Und doch wird ein schwarzer Junge, dessen Familie aus der Karibik stammt, auch in Großbritannien fünfmal eher die Schule vorzeitig abbrechen als seine weißen Altersgenossen. Immigrantenfamilien landen viel häufiger in den schlimmsten Sozialwohnungen. Und sie werden oft von armen Weißen attackiert, denen es gegen den Strich geht, dass Immigranten überhaupt staatliche Leistungen beziehen.

Doch selbst extremistische Weiße halten sich verbal zurück und geben sich Mühe, einigermaßen vernünftig zu klingen. Nur wenn sie sich nicht belauscht fühlen, verraten sie ihre wahren Gefühle. Weil die Öffentlichkeit auf rassistische Töne höchst empfindlich reagiert, war man in Großbritannien schockiert, als Frankreichs Innenminister Sarkozy nach den ersten Unruhen von „Gesindel“ sprach. Denn dies war nicht ein unkontrollierter Ausbruch, sondern eine kalkulierte Reaktion, die dem Minister Sympathien bei potenziellen Wählern der rechtsradikalen Konkurrenz einbringen sollte und inzwischen auch eingebracht hat.

Das große Problem, vor dem das politische System Frankreichs steht, stellt sich aber auf der ökonomischen Ebene. Britische Zeitungen haben darauf verwiesen, dass die französische Wirtschaft in den letzten Jahren bei weitem nicht so viele Arbeitsplätze geschaffen habe wie die marktradikalere Politik der Blair-Brown-Regierung in London. Das mag etwas selbstgefällig und voreilig sein, denn ob die Beschäftigung über die nächsten Jahre in Großbritannien stabil bleiben wird, darüber gibt es unterschiedliche Ansichten. Aber für Frankreich ist richtig, dass in ökonomischer Hinsicht die Unruhen der Jugendlichen zu keinem ungünstigeren Zeitpunkt kommen konnten. Denn jetzt muss man nicht nur über die Arbeitsmarktpolitik nachdenken, sondern auch noch über das Verhältnis zwischen den ethnischen Gruppen auf ebendiesem Arbeitsmarkt. Im selben Moment, da man mehr Jobs schaffen muss, wird es weiße Franzosen geben, die in der erbitterten Konkurrenz mit Emigrantenkindern, die künftig gezielt gefördert werden müssen, dann womöglich ins Hintertreffen geraten.

Eine britische Zeitung schrieb ganz offen, Frankreich brauche nun eine Menge neuer „schlechter Jobs“, die den Arbeitslosen wenigstens die Chance eröffne, berufliche Erfahrungen zu sammeln und den Einstieg ins Berufsleben zu finden. Nötig seien also weniger die gut abgesicherten Arbeitsplätze, die informell für weiße Franzosen reserviert sind, als vielmehr bessere Chancen für so genannte Bindestrich-Franzosen, also Algerien-Franzosen, Mali-Franzosen und andere. Und das sind genau diejenigen, die für das offizielle Frankreich bislang kein Problem darstellen, weil der Staat diese Bindestrich-Identitäten offiziell nicht zur Kenntnis nimmt.

Zwangsläufig muss jetzt also auch in Frankreich die Diskussion über Benachteiligung und Diskriminierung nach ethnischen Kriterien beginnen. Und auch die überfällige Diskussion darüber, wie diese Minderheiten ihre Interessen vertreten können.

© Le Monde diplomatique, Berlin Aus dem Englischen von Niels Kadritzke

Le Monde diplomatique vom 09.12.2005, von Peter Loizos

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