Tischleindeckdich

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Tischleindeckdich

Leistung muss sich wieder lohnen, sagt der arbeitslose Ingenieur zu seinem Betreuer und lehnt den Billiglohnjob ab. Um sich zu einem neuen Anlauf zu motivieren, brauche er deutlich mehr Geld als seine Hartz-IV-Bezüge.

In der sozialen Hängematte liegt es sich zu gemütlich, erklärt der Vorstandsvorsitzende vor der Aktionärsversammlung. Um sich zu neuen Taten aufzuraffen und den Konzern aus der Krise herauszuführen, beantrage er die Halbierung seiner Bezüge.

Hat man dergleichen schon erlebt? Im Traum vielleicht, also in einer verkehrten Welt. In der richtigen Welt wird dem Arbeitslosen erklärt, man müsse ihm die Bezüge kürzen, damit er wieder Ehrgeiz entwickelt. Dem Spitzenverdiener in der „Wirtschaft“ dagegen wird abgenommen, dass er nur durch kräftige Anhebung seiner Bezüge zu motivieren sei. Und dass sein Schaffensdrang bei finanziellen Einbußen, etwa durch höhere Steuern, unweigerlich erschlaffen werde. Das wäre für alle schlecht, sagen die Erklärer der globalen Ökonomie: Unser Wirtschaftsschiff werde stranden, wenn auf der Kommandobrücke die Stimmung sinkt oder der Kapitän von Bord geht und woanders anheuert.

Die Konsequenzen sind klar. Die neoliberalen Weltgeister predigen eine Verteilungspolitik, die das Märchen „Tischleindeckdich“ neu ausdeutet. Die grimmige Variante von heute lautet: „Tischleindeckdich“ für die Chefetagen. „Eselstreckdich“ für die Mittelschicht der Leistungsträger, die gegen harte Konkurrenz ihre Karriere vorantreiben. Und „Knüppelausdemsack“ für die neue Helotenschicht der Arbeitslosen und der Beschäftigten, deren Arbeitsverhältnisse zu Recht prekär genannt werden.

Die Chefökonomen in den Medien wollen uns die Logik einer entfesselten Marktwirtschaft beibringen, deren letztinstanzlicher Richter die Börse ist – die Logik einer Wirtschaftsordnung, die „Entlassungen regelmäßig mit Kursgewinnen belohnt“, wie es Heiner Geißler formuliert. Die Logik des Börsenkapitalismus ist aber denen schwer zu vermitteln, die keine Kursgewinne, sondern nur die Entlassungen abbekommen.

Es bedarf also einer höheren Begründung. Moralische Werte, wie soziale Gerechtigkeit oder auch nur Chancengleichheit, fallen dafür aus. Sie sind ja „systemfeindliche“ Relikte eines Umverteilungsstaates, der die Wirtschaft lähmt. Ein Marktradikalismus, der sich zu seiner Amoralität bekennt, muss sich anders begründen. Er will die unterschiedlichen Lebenschancen, die er den Führungseliten, den Leistungsträgern und den niedrigen Chargen zuteilt, nicht mehr trotz, sondern gerade mit dieser Differenz legitimieren.

Deshalb trauen sich die neoliberalen Gesundheitsapostel, ihre Fastenpredigten an das gemeine Wirtschaftsvolk mit sozialdarwinistischen Argumenten zu unterfüttern. Sie drapieren ihre Legitimationsblöße mit einer modernen Leistungsanthropologie, die so neu freilich nicht ist. Die Species des Homo Oeconomicus zerfällt in zwei Untertypen; die einen brauchen, um sich anzustrengen, Champagner in die Kehle und einen Daimler unter dem Hintern; die anderen brauchen eine kalte Dusche und einen Tritt in den Arsch.

Dieses dichotomische Menschenbild unterscheidet streng zwischen Leistungshedonisten und Leistungsmasochisten. Die Hedonisten sind die Souveräne des Wirtschaftsgeschehens. Diese hochsensible Elite müsse positiv motiviert werden, damit sie die Last der Verantwortung für die Wirtschaft und damit fürs Großeganze nicht abwirft. Anders die Masochisten und die Knechte. Auch sie erbringen Leistungen, aber sie sind die Objekte der Wirtschaft und immer häufiger auch ihre Opfer, etwa wenn sie keine oder keine ihrer Qualifikation angemessene Arbeit finden. Diesem Phänotyp wird unterstellt, dass er nur auf das Drohen mit der Rute reagiere, ja zur Leistung geprügelt werden wolle. Deshalb müsse man ihm das Einkommen spürbar kürzen – als letzte Warnung vor dem Absturz.

Nun wird niemand bestreiten, dass es solche und solche Menschen gibt. Die einen reagieren eher auf positive, die anderen eher auf negative Anreize. Und die meisten Menschen auf beides, in unterschiedlichem Mischungsverhältnis. Doch die neue Leistungsanthropologie kennt nur ein klares Entweder-oder. Wobei Hedonisten und Masochisten hermetisch dem gesellschaftlichen Oben und Unten zugeordnet sind.

Im 18. Jahrhundert wurde aus dem dienenden „Gesinde“ das „Gesindel“ , dem man Arbeitsunwilligkeit unterstellte. Die Polarisierung in Gewinner, die auf Belohnung, und Verlierertypen, die auf Strafe reagieren, blockte damals wie heute den nahe liegenden Gedanken ab, dass die Motivation auch andersherum funktionieren könnte. Dass zum Beispiel ein Arbeitsloser engagierter den Park harken oder den Rollstuhl schieben dürfte, wenn die Kohle stimmte. Und dass ein Topmanager womöglich stärker motiviert wäre, wenn ihm nach einer Fehlentscheidung nicht der Goldene Handschlag winkte, sondern der Ein-Euro-Job in einem Entwicklungsland oder in der Altenpflege.

Ein utopischer Gedanke? Zugegeben. Verkehrte Welt? Natürlich. Aber Verkehrungen bringen uns zuweilen auf neue Gedanken. Angela Merkels neue Parole „Ein Herz für mehr Leistung“ lautet in verkehrter Form: Leistung mit mehr Herz. Die Formel könnte unsere Manager motivieren, das Unternehmensziel auf neue Arbeitsplätze statt am Börsenkurs auszurichten.

Niels Kadritzke

© Le Monde diplomatique, Berlin

Le Monde diplomatique vom 09.12.2005, von Niels Kadritzke

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