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Die Rasenmaler von Kalifornien

Versuche, den amerikanischen Traum zu retten von Andy Kroll

Es war ein Wochenende Mitte Oktober – der Dow Jones hatte zum ersten Mal wieder die Marke von 10 000 Punkten erreicht, Goldman Sachs berichtete über ein „weiteres erfolgreiches Quartal“ mit einem Profit von 3,2 Milliarden Dollar, JP Morgan Chase hatte bereits einige Tage zuvor die Kleinigkeit von 3,6 Milliarden Dollar Gewinn ausgewiesen, und die New York Times titelte „Rettungspaket erweckt Banken und Boni zu neuem Leben“ – als ich die Nacht mit etwa 100 anderen Leuten auf einem Parkplatz im Norden Kaliforniens verbrachte.

Hätte uns ein Passant im Vorbeigehen einen flüchtigen Blick zugeworfen, hätte er uns für leidenschaftliche Musikfans halten können, die schon am Vorabend für Konzertkarten anstehen. Doch hier gab es kein Konzert. Es handelte sich vielmehr um eine Gruppe müder Seelen, die auf Klappstühlen kauerten und sich gegen die spätherbstliche Kälte in Windjacken, Wollmützen und Decken eingemummelt hatten. Sie sammelten sich vor dem Eingang zum Cow Palace, einer schäbigen Veranstaltungshalle am Südrand von San Francisco, die auch schon bessere Tage gesehen hat.

Den ganzen Tag über strömten Leute aus weit entfernten Städten wie Los Angeles, Phoenix und Las Vegas zu Tausenden in die Arena. All diese Leute waren arbeitslos, verschuldet und pleite und mit ihrem Latein am Ende. Und nun versuchten sie einen Platz in der warmen Halle zu ergattern, um an „America’s Best Mortgage Program“, einem Umschuldungsprogramm, teilzunehmen.

Der letzte Versuch dieser Eigenheimbesitzer, ihren amerikanischen Traum zu retten, hatte sie hierher geführt. Braune und gelbe Sitzreihen stiegen über einer flutlichtbestrahlten Arena auf, in deren Mitte normalerweise Viehschauen stattfinden oder Rodeos. Doch an diesem Tag standen hier nur Schreibtische. Es war die letzte Station der Save-the-Dream-Tournee, einer vom Verbraucherschutzbund Neighborhood Assistance Corporation of America (Naca) organisierten, groß angelegten Aktion zur Rettung von Schuldnern.

Die Nachfrage war gewaltig: Fast 45 000 verzweifelte Eigenheimbesitzer trafen im Verlauf der fünftägigen Veranstaltung im Cow Palace ein, um eine Umschuldung ihrer Hypotheken oder ihrer astronomisch verzinsten Kredite auszuhandeln. Diese Veranstaltung war für sie sehr viel attraktiver, als es jedes Popkonzert hätte sein können – und außerdem ganz und gar umsonst.

Drinnen trafen die Hausbesitzer auf die stoischen Finanz- und Rechtsberater der Naca, die stets eine Tasse Kaffee oder einen Energy-Drink in der Hand hielten und gelb-rote T-Shirts trugen mit Slogans wie „Stoppt die Kredithaie“ oder „Achtung, Immobilienhai!“. Sie analysierten Einkommen, Steuern und Ausgaben der Hausbesitzer und berechneten ihnen auf dieser Grundlage eine monatliche Hypothekenrate, die ihren finanziellen Möglichkeiten entsprach. Mit diesen Zahlen in der Hand setzten sich die Hausbesitzer dann in derselben Halle mit Vertretern ihrer Bank zusammen, um neue Konditionen für erschwingliche Hypotheken auszuhandeln.

Die professionelle Beratung durch die Verbraucherschützer brachte vielen eine Ersparnis von tausenden von Dollar, entschärfte ihre finanzielle Belastung und konnte in manchen Fällen sogar Zwangsvollstreckungen abwenden. Um die allgemeine Moral zu heben, führten Naca-Vertreter immer wieder ausgewählte Hausbesitzer zu einem Rednerpult, wo diese dann über Lautsprecher voller Begeisterung die großartige Arbeit lobten, die hier geleistet werde. Sie priesen die neuen Festzinsdarlehen, und während sie ihren Beratern, Freunden, der Naca und häufig genug auch dem Herrgott dankten, kämpften viele von ihnen mit den Tränen.

Ein Song über Kreditschulden

„Was für eine wunderbare Sache“, meinte Venus Roberts, eine Hausbesitzerin aus Los Angeles, die bei ihrer Bank niedrigere Hypothekenraten aushandeln konnte. Sie war mit ihrem kleinen, blümchengemusterten Koffer bereits auf dem Rückweg zum Bahnhof, als ich sie auf dem Parkplatz des Cow Palace ansprach. Roberts war am Freitag in aller Frühe angereist, hatte den ganzen Tag über gewartet und schließlich die Nacht in einem nahe gelegenen Hotel verbracht. Samstagmorgen stand sie wieder in der Schlange, bis sie endlich mit einem Berater sprechen konnte. Das Warten habe sich auf jeden Fall gelohnt, versicherte sie mir. Und in einem ehrfürchtigen Tonfall, als handle es sich um eine wundersame Erscheinung: „Naca bringt die frohe Botschaft, dass uns geholfen werden kann.“

Doch nicht alle Teilnehmer waren so begeistert wie Mrs Roberts. In der Nähe der Tische, an denen die Bankberater saßen, sprach ich mit Maria Hernandez aus San José. Sie hatte sich soeben mit Vertretern der Wachovia Bank getroffen und kochte vor Wut. Vor lauter Sorge und Erregung musste sie um Worte ringen: „Es war eine … mir fehlen die richtigen Worte. Es war eine Verarschung! Jawohl, es war eine komplette Verarschung.“ Wachovia lasse Leute wie sie einfach im Regen stehen. Da stünden sie in ihrer Verzweiflung zwei Tage lang Schlange, um am Ende mit leeren Händen nach Hause geschickt zu werden. (Leider standen uns auf der Veranstaltung keine Vertreter von Hypothekenbanken für ein Interview zur Verfügung.)

Maria Hernandez war so wütend, dass sich schnell eine kleine Menschenmenge von Frustrierten und Neugierigen um sie scharte. Selbst Bruce Marks, der kämpferische Vorsitzende von Naca, hielt an, um sie anzuhören. „Da kriegen wir erst diese ganzen Informationen, und wenn ich dann bei Wachovia bin, frage ich mich, wozu?“, empörte sie sich. „Soll ich vielleicht noch einmal hierherkommen? Oder sollen die Kinder noch eine Nacht im Bus schlafen?“

Doch die meisten Hausbesitzer, die ich bei „Save the Dream“ traf, waren weder so euphorisch wie Venus Roberts noch so verärgert wie Maria Hernandez, sondern befanden sich noch in einer Art Warteschleife: Zukunft ungewiss. Die Schlange begann draußen auf dem Parkplatz und zog sich danach durch die Sitzreihen der Arena, wo tausende Übernächtigte auf ein Gespräch mit einem englisch- oder spanischsprachigen Berater warteten, manche bereits seit 36 Stunden. Diejenigen, die noch nicht so weit waren, saßen in einem anderen Abschnitt der riesigen Halle und warteten darauf, dass der Orientierungsworkshop begann, ein Einstieg ins kleine Einmaleins der Wirtschaft im eigenen Haus.

Manche Hausbesitzer, mit denen ich am Samstag sprach, hatten bereits am Vortag zehn oder zwölf Stunden in der Schlange gestanden und waren vor Sonnenaufgang zurückgekehrt, um ihren Posten wieder einzunehmen. Manche hatten die Nacht, in Decken gehüllt, auf ihren Sitzen verbracht, andere trugen in Erwartung einer Nacht unter freiem Himmel einen zusammengerollten Schlafsack unter dem Arm.

Als ich mich mittags durch die Reihen der zentralen Wartezone kämpfte, wurde ich von Ed Kidwell angehalten, einem lauten, vierschrötigen Fernfahrer aus Fontana in Kalifornien, der eine Mütze mit dem Emblem der University of Southern California trug. Kaum hatte er meine Kamera und meinen Notizblock erspäht, legte er seinen riesigen Arm um meine Schultern, als wäre ich ein alter Freund, den er lange nicht gesehen hat.

„Ich hoffe einfach, dass ich mit guten Nachrichten nach Hause fahren kann, damit sich meine Familie nicht mehr so viele Sorgen machen muss“, erklärte er mir. Er sei schon in aller Herrgottsfrühe eingetroffen und hundemüde, aber wild entschlossen, die Sache mit der Hypothek in Ordnung zu bringen. Zum Beweis bot er mir an, einen selbst gedichteten Hypotheken-Song im Stil des Soulsängers Sam Cooke vorzutragen. Nachdem sich ein paar tausend Augenpaare auf uns geheftet hatten, räusperte sich Kidwell geräuschvoll und fing an, einige seiner Reim-dich-oder-ich-fress-dich-Verse in die Arena zu schmettern, die aus Worten wie „Entlastung“, „Umschuldung“, „IndyMac“ und „Baby“ zusammengebastelt waren.

Ein Fernfahrer, der ein Lied über Hypotheken anstimmt, Rentnerehepaare, die auf einem Parkplatz campieren, nur um sich beraten zu lassen, 4 000 erschöpfte „Fans“, die die Ankündigung eines festverzinslichen Darlehens zu 2 Prozent bejubeln, als sei es ein Sechser im Lotto – nach einem Tag bei „Save the Dream“ wird niemand mehr ernstlich behaupten, der US-Immobilienmarkt und die amerikanische Wirtschaft insgesamt hätten sich, was die Arbeiter- und Mittelklasse betrifft, von ihrem Zusammenbruch im Herbst 2008 erholt.

Mit dem geordneten Chaos im Cow Palace vor Augen würde auch niemand auf den Gedanken verfallen, das ganze Gerede über einen „Wirtschaftsaufschwung“ für mehr zu halten als eben Gerede – es sei denn, er arbeite zufällig für Goldman Sachs. Die erschöpften Gesichter der verzweifelten Hausbesitzer erinnerten mich an Dorothea Langes berühmte Fotografie von 1936, aus der Zeit der Großen Depression, die nur ein paar Kilometer von hier entfernt aufgenommen wurde: Bedürftige warten in einer langen Schlange auf die Essensausgabe im Mission District von San Francisco.

Die Nachricht, dass die Finanzjongleure, die das Hypothekendebakel verursacht und damit die globale Wirtschaftskrise ausgelöst hatten, bereits wieder zu ihren riskanten, kreditfinanzierten Geschäften zurückgekehrt seien, musste all denen, die an diesem Samstag im Cow Palace warteten, surreal erscheinen. In der Arena hatte sich ein leidlich repräsentativer Querschnitt dessen eingefunden, was die Medien den „Normalverbraucher“ nennen – und alle waren bis über beide Ohren verschuldet und versuchten sich inmitten dieses „Aufschwungs“ ohne Arbeitsplätze gegen die Zwangsversteigerung ihres Hauses zu wehren.

Der sogenannte Aufschwung zeichnet sich in den USA durch eine reale Arbeitslosenquote von 17,5 Prozent aus, durch immer weiter fallende Durchschnittslöhne und eine am Boden liegende Immobilienbranche. Die 937 840 Anträge auf Zwangsvollstreckung, die zwischen Juli und September 2009 eingereicht wurden, sind ein neuer Branchenrekord. Es gibt so viele, die sich umschulen lassen wollen, dass manche staatlichen Ausbildungszentren ihr Kursangebot bis zwei Uhr nachts ausgedehnt haben und dennoch zahllose neue Anwärter abweisen müssen. Niemand, den ich auf der „Save the Dream“-Veranstaltung interviewte, teilte die Ansicht von Finanzminister Tim Geithner oder Notenbankchef Ben Bernanke, dass es landesweit wirtschaftlich wieder bergauf ginge.

Wie Mary McCleese aus Oakland, die dank der Naca-Beratung ihr Haus fürs Erste behalten kann, stellvertretend für alle hier im Cow Palace sagte: „Schau dich doch um, wie viele Leute in der Zwangsvollstreckung sind oder ihr Haus schon verloren haben oder ihre Raten nicht mehr zahlen können, weil sie ihren Job verloren haben – da ist doch ganz klar, wie’s der Wirtschaft wirklich geht.“

Etwa eine Woche vor der Veranstaltung im Cow Palace mietete ich einen Wagen und fuhr von San Francisco aus Richtung Osten zum Ground Zero der Hypothekenkrise. Ich fragte mich, ob der Besuch einer der am schwersten von der Immobilienkrise betroffenen Städte zeigen werde, dass von der angeblich „aufkeimenden Erholung“ auch der gewöhnliche Amerikaner etwas mitbekam oder damit doch nur der Anstieg des Dow Jones und des Aktienkurses von AIG gemeint war. Natürlich könnten viele Städte Anspruch auf den Titel der „am härtesten vom Subprime-Desaster getroffenen Stadt“ erheben, von kosmopolitischen Zentren wie Las Vegas und Fort Lauderdale bis hin zu einfachen Vororten wie Bakersfield in Kalifornien oder Mesa in Arizona. Aber warum in die Ferne schweifen?

Stockton in Kalifornien ist eine unscheinbare Stadt in einem wasserarmen Teil des San Joaquin Valley, etwa 130 Kilometer östlich von San Francisco. Dass dieser Ort durch die Hypothekenkrise „dezimiert“ wurde, ist keine übertriebene, sondern eine mathematische Darstellung. In Stockton mit einer Bevölkerung von rund 300 000 wurde 2008 fast jedes zehnte Haus zwangsversteigert. Während andere Städte sich als „Artischockenherz“ oder als „Brotkorb Amerikas“ anpreisen, könnte Stockton mit Recht den Titel „Epizentrum des Subprime-Desasters“ für sich beanspruchen.

Die anderthalbstündige Fahrt führt über den Altamont-Pass mit seinem riesigen Windpark hinab in die Weite des Central Valley, wo man über die Interstate Five auf die breiten Schachbrettstraßen von Stockton gelangt, einer Stadt, die schon seit längerem die Wechselfälle der Immobilienkrise zu verkörpern scheint. Im Februar 2008 stürzte sich die Presse auf die Geschichte eines Kleinunternehmers, der eine Firma namens Greener Grass Company gegründet hatte. Seine Dienstleistung: Er besprühte die vertrockneten Vorgärten der zwangsgeräumten Häuser auf so realistische Weise mit grüner Farbe, dass der Rasen ohne Weiteres „für einen Golfplatz oder ein professionelles Football-Feld“ getaugt hätte, wie eine Lokalzeitung schrieb.

Vertrocknetes Gras und sozialer Frieden

Vor über einem Jahr hatte der Wirtschaftsnachrichtensender CNBC Stockton zur „Welthauptstadt der Zwangsversteigerungen“, erklärt und immer noch mussten hier die verwaisten Rasenflächen grün eingefärbt werden. Nur dass diese Arbeit inzwischen von der Gemeinde selbst erledigt wurde, denn vertrockneter Rasen, ein klarer Hinweis auf leerstehende Häuser, würde nur zu vielfältigen sozialen Problemen führen. Durch das Einfärben der Rasenflächen hoffte die Stadt, Unbefugte vom Eindringen in verlassene Häuser abzuhalten.

Im Laufe des Vormittags erreichte ich das Viertel Little John Creek in der Nähe des Flughafens am Südrand der Stadt. Das Erste, was ich sah, war ein verlassenes Haus in grün getünchter Umgebung. Die Farbe ähnelte tatsächlich mehr einem blassen Blaugrün und war in bizarren Streifen auf einen ausgetrockneten Rasen an der Togninali Lane aufgesprüht worden. Ehrlich gesagt, war dieses Grün ziemlich weit entfernt von einem Golf-Green, einem Football-Platz oder auch nur von den Nachbargärten, wo die Rasen von den Bewohner gewässert wurden.

Die leerstehenden Häuser wirkten wie Zahnlücken in einem breit lächelnden Gesicht. In praktisch jeder Straße gab es Hinweise auf Zwangsversteigerungen: verputzte Häuser mit polizeilichen Bekanntmachungen an der Eingangstür; windschiefe Verkaufsschilder in den Vorgärten; von der Sommersonne versengte strohgelbe Rasenflächen, die noch auf den schauerlich grünen Anstrich warteten.

Ich spazierte von einem leerstehenden Haus zum anderen, Fußwege entlang und Auffahrten hinauf, um einen Blick durch Fenster oder über den Gartenzäune zu werfen. Die meisten Gebäude standen vollkommen leer – „entmüllt“, wie es im Branchenjargon heißt – ohne eine Spur von ihren früheren Besitzern.

Nur in einigen wenigen fand ich noch Hinweise von Leben, das es hier einst gegeben hat. Hinter einem hellbraunen Holzhaus mit Doppelgarage am Little John Creek, auf dessen Veranda am helllichten Tag das Licht brannte, entdeckte ich einen platten Basketball, einen Spielzeugkran und ein Skateboard. Vor einem anderen Haus ganz in der Nähe lag im Blumenbeet des Vorgartens der Abfall der Immobilienkrise: Visitenkarten von Maklern und Hypotheken-Agenturen.

Im Laufe des Tages kam ich durch ein halbes Dutzend weitere Wohngebiete in verschiedenen Vierteln von Stockton, und überall zeigte sich dasselbe „dezimierte“ Bild wie in Little John Creek: über ein Jahr nach dem Zusammenbruch leere Häuser, so weit das Auge reicht. Die Zwangsvollstreckungsquote in Stockton ist zwar von 9,5 Prozent der Häuser im Jahr 2008 auf 3,5 im dritten Quartal 2009 zurückgegangen, aber es ist immer noch die vierthöchste Quote von allen Großstadtregionen in den USA.

Bevor ich nach Stockton kam, hatte ich mir die Krise als ein mehr oder weniger lokal begrenztes Phänomen vorgestellt: Die Mehrheit der betroffenen Häuser, so dachte ich, werde sich auf einige wenige, gespenstische Viertel konzentrieren. Aber zumindest in Stockton ist das genaue Gegenteil der Fall: Die Häuser in Zwangsvollstreckung sind wie Salz und Pfeffer über das gesamte Stadtgebiet verstreut. Oft steht nur ein solches Haus, manchmal stehen auch zwei oder drei unbewohnte Häuser in einer ansonsten belebten Straße oder Sackgasse, wo Kinder Basketball spielen und Nachbarn am Sonntagnachmittag ihre Autos polieren oder in offenen Carports ihre Freunde zum Grillabend einladen.

Wahrscheinlich würde eine Geschichte über einen völlig entvölkerten Stadtteil mehr Emotionen wecken, aber vom ökonomischen oder sozialen Standpunkt aus betrachtet ist gerade die Durchmischung von bewohnten und leerstehenden Immobilien für die verbliebenen Eigenheimbesitzer wesentlich problematischer.

Laut einer Schätzung des Center for Responsible Lending (Zentrum für verantwortungsbewusste Kreditvergabe) verzeichneten die bewohnten Nachbarhäuser von Zwangsvollstreckungen allein im Jahr 2009 einen Wertverlust von insgesamt etwa 500 Milliarden Dollar, was bei insgesamt 69,5 Millionen Eigenheimen eine durchschnittliche Wertminderung von 7 200 Dollar pro Immobilie ausmacht. Eine Studie der Federal Reserve Bank of Chicago hat darüber hinaus gezeigt, dass durch eine Zunahme von Zwangsvollstreckungen auch die Zahl der Gewaltverbrechen in einer Wohngegend steigen würden.

Wer ein Eigenheim in einer schwer von der Krise gebeutelten Gegend besitzt und es nicht rechtzeitig verkauft hat, der hat einen beträchtlichen Investitionsverlust zu beklagen. Denn nun besteht kaum noch die Möglichkeit, das Haus wieder zu verkaufen und anderswo Arbeit zu suchen oder ein günstigeres Haus zu erwerben. Mit anderen Worten, in einer Stadt wie Stockton kann man einer Krise wie dieser nicht so leicht entkommen.

Auf Plakatwänden und Werbetafeln, die wie Wahlplakate die Straßen von Stockton säumen, heißt es: „Umschuldung ist machbar!“ oder „Darlehensrefinanzierung – Rufen Sie uns an!“ Ich zählte fünf Plakate in einem einzigen Block. In ihrer Masse vermittelten sie den Eindruck, dass den Betroffenen tatsächlich geholfen werden könnte. Aber da – abgesehen von einer örtlichen Telefonnummer – die Absender anonym bleiben, ist eigentlich sofort klar, dass es sich hier um Bauernfänger handelt, die verzweifelten Hausbesitzern mit leeren Versprechungen das letzte Geld aus der Tasche ziehen wollen.

Wie sich herausgestellt hat, ist die Hypothekenkrise eine Sternstunde für Ganoven, die es auf die Arglosen und Angeschlagenen abgesehen haben. (Erst kürzlich gab das FBI bekannt, dass seit neun Monaten in Florida gegen 500 Verdächtige wegen Hypothekenbetrugs mit einem Kreditvolumen von 400 Millionen Dollar ermittelt wird.)

An den großen Durchgangsstraßen von Stockton verdrängten professionell gestaltete Hochglanzplakate die dubiosen Angebote. Darauf werden die Bürger aufgefordert, von der soeben erst verlängerten Steuergutschrift für Hauskäufer in Höhe von 8 000 Dollar Gebrauch zu machen. Wen stört’s, dass diese Förderungen von Ökonomen und Immobilienexperten gleichermaßen kritisiert wird, die befürchten, dass sich mitten in der schlimmsten Krise schon wieder eine neue Immobilienblase bilden könnte. Noch hat sich der Staub über den Trümmern des letzten Finanzbebens nicht gelegt, da träumen die Bauunternehmer in Kaliforniens Central Valley bereits von neuen Spekulationen.

Irgendwann folgte ich den Schildern mit der Steuergutschrift und gelangte zu einer neuen Trabantenstadt namens Cobblestone Bay. Dort, am Rande von Stockton, sprießen neue Häuser mit weißen Lattenzäunen aus dem Boden. Nachdem ich einen Großteil des Tages in Stadtteilen verbracht hatte, in denen jede Menge Häuser zwangsversteigert werden, beschlich mich inmitten dieser leeren Neubausiedlung ein unangenehmes Déjà-vu-Gefühl, als stehe Cobblestone Bay bereits heute vor seiner künftigen Zwangsvollstreckung. Das Einzige, was fehlte, war das grün getünchte Gras.

Nullenergiehäuser im Nirgendwo

Alle Plakate, die mit dieser Steuergutschrift von 8 000 Dollar lockten, führten in solche einförmigen Neubaugebiete, die genauso gut in Arizona oder Florida stehen könnten. In der genau gleichen Bauweise wurden während der kalifornischen Boomjahre 2005 und 2006 die Häuser aus dem Boden gestampft, die heute zwangsversteigert werden.

Als die Sonne hinter den Hügeln auf der anderen Seite des Tals unterging, legte ich an der prunkvollen Einfahrt zu einer Wohnsiedlung namens Golden Eagle am äußeren Rand der Stadt einen letzten Halt ein. In der Mitte stand ein eindrucksvoller, fünfstufiger Springbrunnen. Große schmiedeeiserne Tore, geschmückt mit fliegenden Adlern, grenzten die Neubausiedlung von den Nachbargrundstücken ab. Nur dass es dahinter gar keine Siedlung gab. Golden Eagle bestand aus einem einzigen unfertigen Gebäude und sechs Hektar Brachland. Baumaschinen verharrten reglos im Staub. Vor dem Eingangstor warb eine Bautafel noch für das ambitionierte Projekt, doch drinnen gab es praktisch nichts zu sehen.

Ich notierte mir von dem Schild am Eingang von Golden Eagle eine Telefonnummer und rief im Laufe der Woche bei dem Bauherrn an, einem Mann namens Tom Ruemmler. Er erzählte mir, dass er schon seit mehr als drei Jahren an dem Projekt sitze und eine energieeffiziente, luxuriöse Wohnsiedlung plane, die grüne Gemeinde der Zukunft. Auf dem Hypothekenmarkt ist Ruemmler kein unbeschriebenes Blatt: Mitte der 1990er-Jahre gewann er einen zig Millionen Dollar schweren Prozess wegen Hypothekenbetrugs gegen eine Bank in Sacramento, deren Kreditabteilung er selbst einmal geleitet hatte.

Wer, fragte ich ihn, wird sich ein maßgearbeitetes, hochwertiges, hypoallergenes Nullenergiehaus in einer Stadt kaufen, die zum Inbegriff für Zwangsversteigerungen geworden ist, wo die Immobilienpreise in den Keller gesunken sind und wo fast jeder sechste Einwohner arbeitslos ist? „Ich wende mich an eine andere Klientel“, antwortete Ruemmler ausweichend. „Meine Kunden machen vielleicht ein Fünzigstel von einem Prozent aller Hauskäufer aus.“ Ob er allen Ernstes glaube, dass er in einem Ort wie Stockton dreißig Luxusliegenschaften an einen derart winzigen Teil der Bevölkerung verkaufen könne? „Genau jetzt ist der richtige Zeitpunkt für maßgeschneiderte Lösungen“, behauptete er. „Es gibt da draußen genügend Leute, die sowohl das Geld haben als auch jemanden in der Familie, der unter Allergien leidet.“ Da draußen, im San Joaquin Valley, wo an fast jeder Ecke ein Haus zwangsversteigert wird, will er seine Kunden finden.

Aus dem Englischen von Robin Cackett Andy Kroll lebt in San Francisco und schreibt für die Zeitschrift Mother Jones und für TomDispatch, wo dieser Artikel erstmals erschien. © Agence Global; für die deutsche Übersetzung: Le Monde diplomatique, Berlin

Le Monde diplomatique vom 15.01.2010,