Wie alles anfing

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Wie alles anfing

Wie alles anfing

Jukka Sarjala, einer der Architekten der Schulreform von 1968, erinnert sich noch gut daran, wie umstritten die Einführung der Gemeinschaftsschule war: „Viele meinten zum Beispiel, dass man bestimmte Fächer gar nicht allen Kindern beibringen könne.“ Finnland hatte damals ein zweigliedriges System: Nach der 4. Klasse kam das Gros der Arbeiter- und Bauernkinder auf die Volksschule, und die Elite schickte ihren Nachwuchs in die mehrheitlich privaten Oberschulen.

Der Sozialist Yrjö Ruutu, der von 1945 bis 1950 das Zentralamt für Unterrichtswesen leitete, hatte schon kurz nach dem Zweiten Weltkrieg vorgeschlagen, staatliche Gemeinschaftsschulen für die 7- bis 16-Jährigen zu gründen. Sein Vorschlag kam jedoch nie über die berühmten Beratungsrunden hinaus. In den darauffolgenden Jahren kam es jedoch zu einem massiven Anstieg der Schülerzahlen, und das änderte alles. „Der Impuls für den Wandel ging vor allem von den Eltern aus“, erzählt Sarjala, „als ihnen klar wurde, dass es keine Chancengleichheit gab.“

1966 kam eine finnische Volksfront aus Zentrumspartei und Linksparteien an die Macht, die mit wechselnden Mehrheiten bis 1987 regierte. Drei große Reformen nahm sich die neue Regierung damals vor: in der Gesundheitspolitik, bei den Renten und im Bildungswesen. 1968 wurde das große Schulgesetz verabschiedet. Alle Regelschulen wurden unter staatliche Obhut gestellt und die Lehrerausbildung verbessert. Die neue neunjährige Gemeinschaftsschule wurde 1972 zunächst im Norden, dann schrittweise im Süden und in Helsinki eingeführt. Die Privatschulen gingen in Gemeindeeigentum über, womit zugleich deren Schulden getilgt wurden. „Manche behaupten, wir hätten uns von Schweden und der DDR inspirieren lassen“, berichtet Sarjala. „Aber wir hatten unsere eigenen Vorstellungen. Ausschlaggebend war die Erkenntnis, dass wir über keinen anderen Reichtum verfügen als das sogenannte Humankapital. Wir brauchen jeden Einzelnen.“

Viele Lehrer an den Sekundarschulen waren zunächst skeptisch oder sogar dagegen. Die beiden größten Lehrergewerkschaften entzweiten sich sogar darüber. Gleichzeitig wurde immer klarer, dass eine Reform unumgänglich war. Schließlich drängten die Jüngeren zur Einigkeit. Heute sind 96 Prozent der Lehrer Mitglied in der 1974 gegründeten Gewerkschaft für Erziehung (OAJ). Die lieferte sich 1984 mit der Regierung einen Kampf um einen besseren Status für Lehrer und eine Anpassung der Gehälter. Nach einmonatigen Streiks konnte sich die Gewerkschaft durchsetzen und gewann danach noch größeren Einfluss. „Die Politiker hatten begriffen, dass sie die Lehrer brauchten, um die Reform zu vollenden“, erklärt Ritva Semi, eine der 125 hauptamtlichen Gewerkschaftsmitarbeiter der OAJ.

Die Demokratisierung im Bildungswesen ging einher mit der Dezentralisierung des Landes, was sich in der Geschichte des Lehrplans (Opetussuunnitelma) widerspiegelt. Das erste, sehr umfangreiche Curriculum von 1970 beschrieb noch detailliert, was im Unterricht zu tun sei. Das zweite (1985) beschränkte sich darauf, die Ziele zu definieren. Daneben begannen die Kommunen ihre eigenen Lehrpläne zusammenzustellen. Seit dem dritten landesweiten Curriculum (1994), das noch knapper ausfiel, verfasst außerdem jede Schule als Ergänzung zum Gemeinde-Curriculum ihr eigenes pädagogisches Konzept. Bei all diesen Plänen arbeiten Lehrer, Wissenschaftler und Eltern eng zusammen.

„Heute tun die Konservativen so, als wären sie schon immer für die Gemeinschaftsschule gewesen“, sagt Ritva Semi. „Doch als sie in den 1990er Jahren auf dem Vormarsch waren“, erzählt der frühere Schulleiter Eero Väätäinen, „forderten sie die Wiedereinführung von Privatschulen und verunglimpften die Reform von 1968. Glücklicherweise konnten mit den ersten Ergebnissen von Pisa die Vorschläge der Konservativen sofort abgeschmettert werden.“

Väätäinen promoviert gerade über den Widerstand des finnischen Bildungssystems gegen die neoliberalen Übergriffe. Seiner Meinung nach war die Reform deshalb so erfolgreich, weil sie von einem breiten Bündnis getragen und von der Lehrergewerkschaft massiv unterstützt wurde. Des Weiteren spiele das Landleben und der hohe Grad an dezentral organisierten öffentlichen Aufgaben in der politischen Praxis eine große Rolle. Während der großen Wirtschaftskrise von 1991 bis 1993 erreichten Eltern und Lehrer mit ihren Protesten gegen die Kürzungen bei den Kommunalverwaltungen mehr als bei der Landesregierung. Philippe Descamps

Le Monde diplomatique vom 12.04.2013, von Philippe Descamps

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