Stalin starb gestern

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Stalin starb gestern

Stalin starb gestern

Unter Putin werden die Geschichtsbücher erneut umgeschrieben von Irina Scherbakowa

Anlässlich der Feiern zum 70. Jahrestag des Endes der Schlacht um Stalingrad fassten die russischen Behörden in den letzten Januartagen des Jahres 2013 einen absurden, für das historische Gedächtnis und die Geschichtspolitik des heutigen Russlands allerdings charakteristischen Entschluss: Sechs Tage im Jahr, zu den bedeutendsten Daten des Großen Vaterländischen Krieges, soll die Stadt Wolgograd wieder Heldenstadt Stalingrad heißen. Eine groteske Situation entstand, denn es ist völlig unklar, wie diese Namensänderung – für jeweils nur einen Tag – in der Realität vollzogen werden soll. Es ist eine Entscheidung, die die ideologische Verwirrung der derzeitigen Machthaber spiegelt: Zwar empfinden sie sich als Bewahrer sowjetischer, sogar stalinscher Traditionen, indem sie den Sieg im „Großen Vaterländischen Krieg“ zum zentralen Element patriotischer Großmachtrhetorik machen; dennoch schrecken sie davor zurück, der Stadt endgültig den Namen Stalins zurückzugeben. Offenbar ist ihnen klar, dass dies einen veritablen Skandal bedeuten würde.

Schon zu sowjetischer Zeit sprach man in Russland von „unserer nicht vorhersagbaren Vergangenheit“. Dieser Satz bedeutet: Nichts prägt das Bild der russischen Vergangenheit so sehr wie die russische Gegenwart. Eine Umbenennung Wolgograds in Stalingrad, sei es auch nur an sechs Tagen im Jahr, wäre vor zwanzig Jahren, ja sogar noch vor dreizehn Jahren undenkbar gewesen. Um aber zu verstehen, warum sich Russland neuerlich in der Umklammerung dieser „nicht vorhersagbaren Vergangenheit“ befindet und warum das Verhältnis zu Stalin auch sechzig Jahre nach dessen Tod noch immer den Gradmesser für das gesellschaftliche Bewusstsein darstellt, müssen wir in die zweite Hälfte der 1980er Jahre zurückblicken.

Es wird behauptet, die wichtigste Kraft für Gorbatschows Perestroika seien die engagierten „Leser“ gewesen, und in einem gewissen Sinn ist das auch richtig. Denn tatsächlich waren es die „Leser“, also die Vertreter der sowjetischen – technischen wie künstlerischen – Intelligenz, die den Reformkurs Gorbatschows unterstützten. Nicht mit der Gründung von großen oppositionellen Parteien oder Bewegungen, wie es etwa die polnische Solidarność war, begann die gesellschaftliche Veränderung damals, sondern mit der Veröffentlichung zuvor verbotener Texte. Themen, Bücher und Autoren kehrten zurück in die Literatur und die Publizistik.

Das wichtigste dieser Themen war die Repression. Sie hatte das kommunistische Regime zu jeder Zeit begleitet, in massiver Form unter Stalin und etwas weniger „menschenfresserisch“ unter Breschnew. Obwohl es bis zur Perestroika keine dem breiten Publikum zugänglichen Schriften über den Gulag gab – sieht man von Ausnahmen wie Alexander Solschenizyns „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“ ab –, war dieses verbotene Thema doch präsent und schmerzhaft. Noch lebten Hunderttausende, ja Millionen Menschen, die diese Repressionen persönlich erlitten hatten. Und obwohl sie nicht über das Erlebte sprechen durften, das Trauma verdrängen mussten, war die Erinnerung an den Terror doch nicht auszulöschen.

Mit der Absetzung Chruschtschows im Jahr 1964 war das sogenannte Tauwetter zu Ende gegangen – und damit die Entstalinisierung in Literatur, Film und Kunst. Dafür begann nun eine mehr als zwanzig Jahre andauernde Epoche der Untergrundliteratur: einer Literatur des „Samisdats“ (Selbstverlag) und des „Tamisdats“ (Auslandsverlag), die eine relativ große Verbreitung in der russischen Intelligenz fand. Nicht zuletzt verdankte sie das den Sendungen ausländischer Radiostationen.

Und natürlich verstand sich die breite Mehrheit der Schriftsteller und Künstler in den Jahren vor der Perestrojka bestens auf die Verwendung von Allegorien, auch auf jenes Schweigen, dessen man sich unter der Zensur oft bedienen musste. Die Beispiele hierfür sind zahllos. Die Kultur der 1970er und 1980er Jahre lebte davon, und die große Mehrheit der Beteiligten hatte die Verfolgungen persönlich durchlitten. Sie hatten – wie Warlam Schalamow, Alexander Solschenizyn, Juri Dombrowski, Dmitri Lichatschow – die stalinistischen Lager überlebt oder sie waren Kinder von Opfern des Terrors, wie Bulat Okudschawa, Wassilij Axjonow, Juri Trifonow. Die Zensur verbot ihnen, über ihre persönliche Erfahrung zu sprechen. Doch das Thema war aus Leben und Kultur nicht zu verbannen, es wurde sogar zum Kennzeichen dieser Epoche.

Gorbatschows Perestroika begann mit „Glasnost“, mit Transparenz, dem schrittweisen Ende der Zensur. Mit einem publizistischen Boom und dem Streben breiter gesellschaftlicher Schichten nach der Wahrheit über die Vergangenheit. Die Wahrheit über die Repressionen vor Stalin, unter Stalin und nach Stalin, über die wirkliche Zahl der Opfer und über das Schicksal der verschiedenen Kategorien von Opfern, wie den als Kulaken verbannten Bauern oder den deportierten Völkern.

„Stalin starb gestern“: So betitelte der Dissident und Historiker Michail Gefter einen 1987 erschienenen Essay. Dieser Titel wurde zum geflügelten Wort, weil er vielen klarmachte, dass die bitter notwendigen Veränderungen im Land ohne eine endgültige Trennung von jenem System, das Stalin errichtet hatte, und ohne ein Verständnis dafür, was dieses System darstellte und wie viele Opfer es gekostet hatte, nicht möglich waren.

Den Höhepunkt der Perestroika – und, wie es damals aussah, auch den Markstein einer veränderten Einstellung zur Vergangenheit, zur Sowjetmacht, zu Lenin, Stalin und den Repressionen – bildete das Jahr 1989. Bekanntlich fanden in diesem Jahr nicht nur die ersten freien Wahlen in Russland seit 1917 statt, sondern es erschienen neben dem „Archipel Gulag“ von Solschenizyn auch eine ganze Reihe anderer zuvor verbotener Werke. Ebenfalls in diesem Jahr wurde unter dem Vorsitz des aus der Verbannung zurückgekehrten Andrej Sacharow die erste unabhängige (damals noch gesamtsowjetische) gesellschaftliche Organisation „Memorial“ gegründet.

Ihr Ziel, für das sie breite Unterstützung erhielt, war es, an die Opfer der Repressionen zu erinnern, die Geheimarchive zu öffnen und alle ehemaligen politischen Gefangenen zu rehabilitieren. In vielen Städten fanden in Klubs und Kulturpalästen sogenannte Gewissenswochen statt. Menschen brachten Fotografien und Dokumente von Opfern der Repressionen mit, ihre eigenen oder die von Angehörigen, die sie dann im öffentlichen Raum ausstellten. So entstanden die ersten „wilden“ Ausstellungen, die dann hie und da in die örtlichen Museen übernommen wurden, und schließlich das Volksarchiv der Erinnerung.

An verschiedenen Orten der damaligen Sowjetunion wurden Massengräber entdeckt, in denen zur Stalinzeit die Opfer des Terrors verscharrt worden waren. In Moskau fand man mindestens drei solcher Orte. Man begann Namenslisten zu veröffentlichen, und es gelang, die Namen von fast 40 000 Moskauern zu ermitteln, die hier begraben waren. Zum ersten Mal erfuhren die Verwandten der Ermordeten, wohin ihre Angehörigen verschwunden waren.

Im Herbst 1991 schließlich wurde unter dem Druck der Öffentlichkeit das Gesetz über die Rehabilitierung aller Opfer politischer Repressionen verabschiedet. Ein Jahr später folgte ein außerordentlich demokratisches Archivgesetz, das vorsah, die Klassifizierung „geheim“ für alle Dokumente zu löschen, die mit den Repressionen im Zusammenhang standen. Zudem wurden die Fristen für Verschlusssachen geregelt und eine schrittweise Übergabe des Materials aus den geschlossenen Archiven in allgemein-staatliche Einrichtungen vereinbart.

Damals glaubten viele, dies sei erst der Beginn eines breit angelegten Prozesses der Aufarbeitung; die traumatischen Erfahrungen mehrerer Generationen und deren jahrzehntelanges Verschweigen würden in den Mittelpunkt einer gesellschaftlichen Auseinandersetzung rücken. Dieser Prozess aber stellte sich als sehr viel schwieriger und schmerzhafter heraus, als man es Ende der 1980er Jahre geahnt hatte.

Auf den Zerfall des Sowjetimperiums im Jahr 1991 folgten Veränderungen, die nicht in die Gedankenwelt des sowjetischen Durchschnittsmenschen passen wollten: Die Abspaltung der baltischen Staaten nahm man noch hin – man hatte sie schon immer irgendwie als Fremde angesehen –, auch die der kaukasischen und zentralasiatischen Republiken. Dass aber auch die Ukraine und Weißrussland sich aus dem Staatenverbund verabschiedeten, war für viele völlig unfassbar.

All das erfolgte vor dem Hintergrund der beginnenden Wirtschaftsreformen. Sie beschleunigten den Zusammenbruch der sowjetischen Wirtschaft, der sich sehr schmerzhaft auf das Leben von Millionen von Menschen auswirkte. Der tägliche Kampf ums materielle Überleben verdrängte nicht nur das Interesse an der Aufarbeitung, die gerade noch von allen verdammte Vergangenheit nahm sogar eine nostalgische Färbung an. Hinzu kam, dass die Generation der Zeitzeugen, der Träger der Erinnerung an den stalinistischen Terror, langsam verschwand und dass die nach Wahrheit lechzenden „Leser“ der Perestroika – die Lehrer, Wissenschaftler, Künstler – zu den größten Verlierer der Reformen zählten.

All das führte dazu, dass gegen Ende der 1990er Jahre die Tragik der sowjetischen Vergangenheit verblasste. Deren Bild verklärte sich zusehends, die Geschichte wurde zu einem mythologischen „Kultur- und Erholungspark“ – ein vergnüglicher Kitsch, ähnlich den überall erhältlichen russischen Holzpuppen, in denen Stalin nur eine Figur unter anderen ist.

Die politische Führung der Jelzin-Zeit schwankte zwischen Kritik am kommunistischen Regime (etwa als bei den Präsidentenwahlen 1996 die reale Gefahr bestand, der Kommunist Sjuganow könnte sie gewinnen) und Sowjetnostalgie. Die Bevölkerung erinnerte sich in den schwierigen 1990er Jahren sehnsüchtig an die angeblich so glücklichen 1970er Jahre, und diese Sehnsucht wurde auch bedient. Die Fernsehstationen sendeten alte Filme und Shows, in denen Popstars in endloser Folge sowjetische Lieder vortrugen.

Irgendwelche Leitlinien, die Orientierung für eine Aufarbeitung der Vergangenheit geboten hätten, entstanden nicht. Weder gab es eine ernsthafte juristische Auseinandersetzung mit dem kommunistischen Regime und der Rolle Lenins, Stalins und deren Mitstreitern, noch wollte sich das Parlament mit dieser Frage befassen. Der „Prozess gegen die KPdSU“, der 1992, also schon mitten in der Wirtschaftskrise, begann, endete de facto ohne Ergebnis. Die Sicherheitsorgane und Geheimdienste blieben gänzlich unbehelligt.

Die Regierungen dieser Jahre sahen es als ihre vordringliche Aufgabe an, den Übergang zur Marktwirtschaft zu vollziehen. Die führenden Ökonomen und Technokraten hegten einen tiefen Widerwillen gegen jegliche Propaganda. Um Ideologie kümmerte man sich nicht. Die Bedeutung einer konsequenten „Entsowjetisierung“ wurde unterschätzt – mit traurigen Folgen.

Zudem erweckte der im Dezember 1994 begonnene erste Tschetschenien-Krieg alte Gespenster wieder zum Leben: Stalin hatte 1944 die „tschetschenische Frage“ mit der Deportation einer ganzen Volksgruppe „gelöst“. Die Rhetorik der Militärs, der Regierenden und einiger Journalisten war durchsetzt mit Stalin’schen Wortschöpfungen wie „Säuberung“ oder „Banditenformation“.

Die Feierlichkeiten zum 50. Jahrestag des Sieges im Großen Vaterländischen Krieg wurden 1995 zum ersten Mal seit der Perestroika wieder pompös und im sowjetischen Geist organisiert. In diesem Stil sind auch der riesige Siegespark und das „Museum des Großen Vaterländischen Krieges“ in Moskau am „Poklonnaja-Hügel“ (Verehrungshügel) gestaltet. Sowjetisch-monumental geriet auch das Denkmal für Marschall Schukow, das vor dem Eingang zum Roten Platz aufgestellt wurde.

Im kleineren, universitären Rahmen bemühte man sich dennoch weiter um die Schaffung eines historischen Gedächtnisses. Dank des neuen Archivgesetzes wurden tausende Dokumente veröffentlicht – später sprach man gar von einer „Archivrevolution“. Die wissenschaftliche Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit begann. Erste Monografien erschienen, und Arbeiten ausländischer Wissenschaftler wurden übersetzt, die sich mit den „weißen Flecken“ in der sowjetischen und russischen Geschichte beschäftigten. Und endlich wurden reale Zahlen der Opfer des stalinistischen Terrors genannt: 12 Millionen Menschen.

Der Mechanismus der Massenrepression und des Großen Terrors der Jahre 1937/1938 wurde erforscht, ebenso wie das Archivmaterial über die sogenannte Entkulakisierung, die Deportation „verurteilter“ Völker, die organisierte Hungersnot in der Ukraine und in Südrussland Anfang der 1930er Jahre, die Ereignisse von Katyn, wo der NKWD im Frühjahr 1940 mehr als 20 000 polnische Offiziere, Amtsträger und Intellektuelle erschossen hatte, und vieles mehr.

Auf Initiative von Memorial wurden sogenannte Totenbücher erstellt – mit kurzen Biografien der Opfer aus den verschiedenen russischen Regionen. In der ersten Hälfte der 1990er Jahre wurden die Denkmäler einiger sowjetischer Akteure abgerissen und viele Straßen und Städte umbenannt. Gedenkstätten wurden errichtet und Gedenktafeln angebracht, wo Opfer des kommunistischen Terrors begraben lagen. So entstand auch das bis heute einzige derartige Denkmal im Zentrum Moskaus: ein Felsen von den Solowetzki-Inseln, wo sich die ersten Lager befanden. Er wurde von Mitgliedern Memorials nach Moskau gebracht und 1990 gegenüber dem Hauptsitz des sowjetischen Geheimdienstes am Lubjankaplatz aufgestellt.

Doch all diese Bemühungen konnten Ende der 1990er Jahre nicht mehr darüber hinwegtäuschen, dass das Thema Repressionen an den Rand des gesellschaftlichen Bewusstseins gerückt war. Es tat sich ein tiefer Graben auf zwischen dem Erkenntnisstand der Historiker und dem Bewusstsein der Bevölkerung, die mehrheitlich den wieder auflebenden alten und neuen sowjetischen Mythen anhing.

Doch auch die Zarenzeit geriet in den 1990er Jahren in den Sog der Verklärung, was zum Kult um die erschossene Zarenfamilie führte. Dass die Weigerung des letzten Zaren Nikolaus II., Reformen zuzulassen, und seine Unfähigkeit, der allgemeinen Korruption zu begegnen, wesentlich zur Revolution beigetragen hatten, verschwieg man ebenso wie seinen Beitrag zu den brutalen Pogromen gegen die jüdische Bevölkerung am Vorabend der Revolution. Die russisch-orthodoxe Kirche nährte diese konservativen Tendenzen und gewann immer mehr an Einfluss.

Zu Beginn des neuen Jahrtausends wurde offensichtlich, dass in der Gesellschaft die Vorstellung von Ordnung, Stärke und einer „harten Hand“ an Boden gewann. Ein kritischer Blick zurück in die Vergangenheit meinte die unruhigen Zeiten der Perestroika und die „unsicheren Neunziger“, an die man sich nur ungern erinnerte. Die entscheidende Wende begann, als Putin 2000 Präsident wurde: Von da an wurde mit der Geschichte Politik gemacht.

Die Idee eines starken Staates mit einem starken Führer an der Spitze entwickelte sich zur nationalen Ideologie. Mit dem Aufbau der vertikalen Macht beriefen sich die Kremlideologen auf die „starken Machthaber“ der Geschichte und erklärten, nur solche könnten Russland zum Erfolg führen.

De facto indoktrinierte man die Menschen mit der nur unwesentlich abgewandelten alten zaristischen Formel, ein starkes Russland müsse sich auf drei Säulen stützen: Orthodoxie, Autokratie und Volkstümlichkeit. Man zog eine direkte Linie von Peter dem Großen zu Putin. Auch andere historische Figuren sollten diesen Machtanspruch unterstreichen, wie Fürst Alexander Newski, der im russischen Bewusstsein vor allem noch dank des Films von Sergej Eisenstein existierte, und Zar Iwan der Schreckliche. Und natürlich durfte auch die stärkste Figur in der Reihe russischer Machthaber nicht fehlen: Stalin. Die Repressionen und die Brutalität seines Regimes konnte man nicht mehr leugnen. Da aber nun der Sieg im Großen Vaterländischen Krieg seither als patriotische Klammer und Begründung des nationalen Stolzes diente, wurde Stalin nach vielen Jahren wieder zum Garanten dieses Sieges erklärt.

Stalin wurde, das ist kein Übertreibung, zum Superstar. Auf fast allen Fernsehkanälen liefen Serien, in denen er auftauchte. In den Buchhandlungen häuften sich pseudohistorische Untersuchungen, die mit den sogenannten „Mythen der Perestroika“ aufräumten und deren Autoren sich bemühten nachzuweisen, dass nicht Stalin der Organisator der Massenrepression gewesen sei, dass er die russisch-orthodoxe Kirche immer verteidigt habe und dass das Massaker von Katyn doch ein Verbrechen der Deutschen war und dergleichen mehr. Den Höhepunkt dieser Stalin-Kampagne, die von Plakaten, Kalendern, Souvenirs, ja sogar Stalin-Ikonen und Denkmälern flankiert wurde, stellte 2009 das Fernsehprojekt „Der Name Russlands“ dar. Es war eine Show, die den größten Russen aller Zeiten küren sollte. Stalin erhielt mit großem Abstand die meisten Stimmen der Zuschauer und nur mithilfe einiger Manipulationen gelang es, Alexander Newski auf den ersten Platz zu hieven, um einen Skandal zu vermeiden.

Der größte Russe aller Zeiten

Diese Darstellung Stalins und die Propagierung eines starken Staates mussten zwangsläufig in Widerspruch zu den in den 1990er Jahren erschienenen Geschichtsbüchern geraten. Folglich mischte sich die Staatsmacht zunehmend in den Geschichtsunterricht an russischen Schulen ein. Eine der wichtigen Errungenschaften der 1990er Jahre war die Vielfalt der Geschichtslehrbücher gewesen und die Möglichkeit, unter ihnen zu wählen – sowohl für die Lehrer als auch für die Schüler. Sie mögen Unzulänglichkeiten und Schwächen enthalten haben, aber sie erwähnten immerhin den Terror der Stalinzeit und die Schaffung eines totalitären Regimes unter seiner Führung.

Das entsprach in keiner Weise dem neuen Konzept einer „patriotischen“ Erziehung. Am deutlichsten wurde dieser Widerspruch während der gesamtrussischen Konferenz für Geschichtslehrer im Jahr 2007, die Putin zum Anlass nahm, die neuerliche Erstellung eines einheitlich verbindlichen Lehrbuchs zu fordern. Der jungen Generation solle „eine glückliche Identität“ vermittelt werden, andernfalls würde sie nur „Antipatrioten hervorbringen“. Dieser Ideologie zufolge durfte es keine Geschichte geben, mit der zu leben „schrecklich“ sein könnte. Die russische Jugend solle über diesen Teil der sowjetischen Geschichte auf „ausgewogene“ Weise informiert werden. Man begann also, die Lehrbücher umzuschreiben beziehungsweise neue zu verfassen, in denen die tragischen Seiten der sowjetischen Geschichte ausgeklammert blieben, die mit grausamen Mitteln durchgesetzte Modernisierung unter Stalin gerechtfertigt und dieser de facto rehabilitiert wurde.

An zentraler Stelle in diesem neuen Bild von der Vergangenheit stand der Sieg im Großen Vaterländischen Krieg. Die Erinnerung an den immens hohen Preis, der für diesen Sieg bezahlt wurde, sollte ausgelöscht werden. Ebenso die Erinnerung an die unnötig hohe Zahl von Opfern durch die Grausamkeit der sowjetischen Armeeführung. Alle Themen im Zusammenhang mit dem Krieg, die während der Perestroika ins Zentrum des Interesses gerückt waren, wurden wieder an den Rand gedrängt.

Die oft äußerst tragischen persönlichen und familiären Erinnerungen an diese Zeit existierten fortan wieder abgetrennt von der großen Geschichte und verbanden sich nicht selten auf absurde Weise mit einem durchaus positiven Bild von Stalin und der Sowjetmacht. Besonders schmerzhaft dabei war die Frage nach Schuld und Verantwortung, denn die Grenze zwischen Opfern und Tätern war nicht leicht zu ziehen – viele der Täter wurden ja später selbst zu Opfern. Auf die Frage, wer an der russischen Tragödie des 20. Jahrhunderts schuld sei, konnte es entweder gar keine Antwort geben, oder man behalf sich mit den Mythen aus den 1930er Jahren und der Zeit des Kalten Kriegs.

Besonders unangenehm wurde diese Frage vor dem Hintergrund der Geschichtspolitik in den baltischen Staaten. Dort wurden Museen der sowjetischen Besatzung eingerichtet, in denen Sowjetrussland nicht als Befreier von einem faschistischen Regime gezeigt wurde, sondern als stalinistisches Imperium, das neue Unfreiheit brachte.

Antiwestliche Tendenzen nahmen zu, der Geist des Kalten Kriegs kehrte zurück, und Russland erschien wieder als Festung, umgeben von lauter feindlichen Kräften.

In jüngster Zeit konnte allerdings auch eine gegenteilige Strömung wahrgenommen werden. Die ständige Präsenz Stalins in den Medien begann vor allem das junge Publikum zu langweilen. Es wanderte vom Fernsehen ins Internet ab. Die Wirtschaftskrise 2008, die alles überwuchernde Korruption, Unzufriedenheit mit der Regierung, der Justiz, der Polizei und anderen Staatsorganen lässt vor allem diese Generation daran zweifeln, dass der starke Staat für die lang erwartete Ordnung sorgen wird. Der Interimspräsident Dmitri Medwedjew versuchte zaghaft eine Modernisierung. Dass sie unumgänglich sein würde, war den gebildeten Städtern längst klar. Ebenso deutlich spürten sie aber auch, dass eine Modernisierung ohne die Abrechnung mit dem Stalinismus, ohne Fortsetzung dessen, was in den 1990er Jahren begonnen worden war, nicht möglich sein würde.

Aus solchen Überlegungen heraus entstand das Programm einer „Entstalinisierung“, vorgeschlagen von der Organisation Memorial und unterstützt von ebendieser städtischen Intelligenzija. Die Ziele dieses Programms waren Hilfen für die Opfer politischer Repression sowie die Errichtung von Denkmälern, die Einrichtung von Museen, eine juristische Aufarbeitung des kommunistischen Regimes und der freie Zugang zu Archiven. Als Medwedjew dieses Programm 2011 offiziell vorschlug, zog das nicht nur heftige Diskussionen nach sich, sondern auch Demonstrationen und Proteste stalinistischer, konservativer und nationalistischer Kräfte. Dennoch hoffte Memorial noch bis Herbst 2012, wenigstens Teile des Programms verwirklichen zu können. Inzwischen aber war deutlich geworden, dass der Staatsapparat mit allen Mittel versuchen würde, es auf allen Ebenen zu boykottieren.

Die Zeit des Protests und der Demonstrationen während des Wahlkampfes 2012 vermittelte zunächst den Eindruck, als seien die Probleme mit der eigenen Geschichte und die Konflikte darum in den Hintergrund getreten. Doch sehr bald stellte sich das Gegenteil heraus. Die Entscheidung des Regimes, den Weg in den Konservatismus einzuschlagen und „die Schrauben anzuziehen“ (eine Formulierung aus der Stalinzeit, die nun wieder auftauchte), die Verfolgung der Teilnehmer an Protestkundgebungen, das Gesetz gegen sogenannte ausländische Agenten, und der deutliche „Linksruck“ eines bestimmten Teils der Jugend – all das löste neues Interesse an der Geschichte aus.

Die Folgen der unbewältigten Vergangenheit werden dabei immer offensichtlicher: Die Zivilgesellschaft ist schwach und zersplittert, sie hegt eine tiefsitzende Angst vor den Mächtigen und ist, jedenfalls bis zu einem gewissen Grad, an Unfreiheit gewöhnt. Die jüngsten Ereignisse in Russland haben eine tiefe Spaltung der Gesellschaft offenbart – zwischen dem modernen, gebildeten und demokratisch eingestellten Teil und den traditionalistischen, konservativen und bewahrenden Kräften, auf die sich die derzeitigen Machthaber stützen.

Die Umbenennung Wolgograds macht diesen Konflikt deutlich. Wird die Vergangenheit die Menschen trennen und als ideologische Grundlage für neue Konflikte, für einen neuen Kalten Krieg, für die Legitimierung eines autoritären Regimes dienen? Oder kann der Weg des Erinnerns und des Anerkennens von Verantwortung für die eigene Vergangenheit eine wichtige Rolle bei der Schaffung demokratischer Werte spielen? Die Beantwortung dieser Fragen ist heute wichtiger als je zuvor.

Aus dem Russischen von Susanne Scholl Irina Scherbakowa war Professorin für Zeitgeschichte an der Universität Moskau. Zuletzt erschien von ihr: „Zerrissene Erinnerungen. Der Umgang mit Stalinismus und Zweitem Weltkrieg im heutigen Russland“, Göttingen (Wallstein) 2010. © Le Monde diplomatique, Berlin

Le Monde diplomatique vom 10.05.2013, von Irina Scherbakowa

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