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Kriegsgefangene in Agdez und Tindouf

Fadil Leili war 17 Jahre alt, als sie ihn abholten. Im Polizeikommissariat folterten sie ihn drei Tage lang, ohne ihm überhaupt eine Frage zu stellen. Der Grund: Sein älterer Bruder war einer der wichtigsten Führer der Polisario. Im Gefängnis von Agdez, einer Kleinstadt am Rand der Wüste, traf er Schwester, jüngeren Bruder, Vater und Mutter wieder. Nach 15 Jahren Haft kam die ganze Familie im Jahr 1991 frei. Die Mutter ist noch heute krank, der Bruder verlor nach sechs Jahren Einzelhaft den Verstand und wurde nach seiner Freilassung tot aufgefunden. Eine Autopsie verweigerte man den Eltern. Fadil Leili ist heute Rechtsanwalt in El Aaiún. Er kennt viele Geschichten, die seiner eigenen ähneln. Unter König Hassan II., dem Vater des heutigen Monarchen, wurden tausende Sympathisanten und Verwandte von Polisario-Partisanen inhaftiert, Folter war gang und gäbe. Das ist unbestritten. Streiten kann man kann sich allenfalls darüber, wie viele letztlich den Qualen erlagen, ermordet wurden oder einfach „verschwanden“ – zweifellos einige hundert.

Von der anderen Seite weiß Brahim Hajjam zu berichten. Er lebt in der nordmarokkanischen Stadt Sidi Slimane und hilft ehemaligen Kriegsgefangenen, die oft 20 Jahre Haft in einem Wüstencamp der Polisario bei Tindouf hinter sich haben, bei der Wiedereingliederung in die Gesellschaft. Im vergangenen August hat die Polisario die letzten 404 ihrer einst über 2 000 marokkanischen Kriegsgefangenen freigelassen. Nach Artikel 118 der III. Genfer Konvention hätten sie alle „ohne Verzug“ schon 1991 freikommen müssen, als der Waffenstillstand zwischen der marokkanischen Armee und der Polisario in Kraft trat. Dieselbe Konvention verbietet auch Zwangsarbeit, der alle Kriegsgefangenen unterworfen waren. Aber noch schlimmer: Misshandlungen an Gefangenen waren mindestens bis 1994, als die jährlichen Besuche des Internationalen Roten Kreuzes begannen, an der Tagesordnung – laut zahlreichen Zeugenaussagen sogar noch bis über die Jahrtausendwende hinaus. Die von Danielle Mitterrand, der Gattin des einstigen französischen Staatspräsidenten, geleitete Stiftung „France Libertés“ hat sich jahrelang vehement für die politischen Ziele der Polisario und für die Flüchtlinge in Tindouf eingesetzt. Nachdem sie 338 Kriegsgefangene einzeln interviewt hatte, veröffentlichte sie vor zweieinhalb Jahren einen niederschmetternden Bericht: 121 Männer seien in den Polisario-Camps an den Torturen gestorben. Dem Rapport wurden eine Reihe Fehler nachgewiesen. Doch dass Zwangsarbeit üblich und Misshandlungen keine Einzelfälle waren, lässt sich schwerlich bestreiten. Die Aussagen sind eindeutig.

Thomas Schmid

Le Monde diplomatique vom 13.01.2006,