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Nicht zufälliger Wille

Die Diskussion über die Schlussfolgerungen der Hirnforscher für unser Menschenbild und für die gesellschaftliche Praxis wie etwa die Strafverfolgung zeigt, dass die Philosophie wichtiger ist, als ihr institutioneller Status vielleicht nahe legt.

Einflussreiche Neurobiologen stellen zum Beispiel die These auf, dass wir determiniert sind: Wir seien in unserem Handeln und Urteilen durchgehend von Faktoren bestimmt, die sich in ihrer Wirksamkeit unserer Kontrolle durch Nachdenken, Prüfen, Kritisieren entziehen. Die Frage, ob das stimmt, kann aber nicht von naturwissenschaftlichen Disziplinen allein entschieden werden. Denn man muss zunächst ein klares, kohärentes Verständnis von Freiheit haben, bevor man die Frage, ob wir frei sind, einer gut begründeten Antwort näher bringen kann. Und für ein solches Verständnis sind philosophische Beiträge unverzichtbar.

In ihren Verhaltensexperimenten setzen Hirnforscher unausgesprochen oft Freiheit mit Zufälligkeit gleich. Die Existenz einer fälschlich so verstandenen Freiheit wird dann – zu Recht! – bestritten.

Eine freie Handlung wird dabei so verstanden wie ein Würfelwurf. Der Würfelwurf könnte so ausfallen oder auch so. Je nachdem, wie der Würfel zufällig geworfen wird, kommt er auf der Position von „sechs Augen“ oder von „vier Augen“ zu liegen. Entsprechend kann eine freie Handlung so oder so ausfallen. Je nachdem, was ich zufälligerweise will, tue ich dies oder jenes. Eine freie Handlung wird vorgestellt als das Produkt eines ungebundenen, zufälligen Willens. Ich würde auch anders handeln können, wenn ich nur anders gewollt hätte. Das ist das Würfelwurfmodell der Freiheit.

Dieses Modell ist falsch. Denn in ihm begreift man den freien Willen nach dem Vorbild eines unbewegten Bewegers. Es gibt – so der Gedanke – nichts, was mich in meinem Wollen festlegt, wenn ich in meinem Wollen frei bin. Aber das stimmt schon aus logischen Gründen nicht. Denn in jedes Wollen geht ein Gutheißen des Gewollten ein. Und jedes Gutheißen schließt eine vorausgesetzte Hinsicht ein, unter der das Gewollte gutgeheißen wird. Deshalb gibt es kein voraussetzungsloses Wollen. Dieses Gutheißen ist aber nicht durchgehend eine rein emotionale Reaktion „aus dem Bauch heraus“, die sich der rationalen Kritik völlig entzieht.

In einer überzeugenderen Auffassung ist man frei in seinem Tun, wenn man auch anders handeln könnte, gesetzt den Fall, man hätte einen Grund, anders zu handeln. Und man ist frei in seinem Wollen, wenn man auch etwas anderes, sogar Gegenteiliges wollen würde, gesetzt den Fall, es gäbe einen Grund für einen, etwas anderes zu wollen.

Das ist nicht der Fall bei dem, der unter Waschzwang leidet. Angenommen, er hat schon saubere Hände, dann gibt es für ihn einen Grund, etwas anderes zu tun und zu wollen, nämlich es zu unterlassen, sich die Hände zu waschen. Aber dieser Grund legt ihn nicht in seinem Wollen und Tun fest, obwohl es keine Gegengründe gibt. Sein Wollen und Tun variiert nicht mit verschiedenen Gründen, und genau deshalb ist er nicht frei.

Lutz Wingert

Unter www.aerzte-zeitung.de ist die dreiteilige Reihe des Autors zur Hochkonjunktur der Hirnforschung vollständig nachzulesen. Lutz Wingert ist Professor für Philosophie an der Universität Dortmund.

Le Monde diplomatique vom 13.01.2006,