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Thomas Scheibitz

Im Sozialismus war die Ablehnung abstrakter Kunst eine Klassenfrage. Heute, da sich die Ideologien um Figuration und Abstraktion längst verflüchtigt haben, kann die Kunst aus dem Zusammenspiel beider Ansätze wieder kühne Kräfte schöpfen. Darin ist Scheibitz ein Meister.

Als Material seiner Bilder dienen ihm Versatzstücke aus Landschaften, Porträts, Stillleben oder Comics, doch diese Fragmente sind letztlich Zeichen, die in eine andere Welt – die komponierte Welt der (geometrische) Formen und Farbflächen – überführt worden sind. So sehr die Bäume, Fenster, Kannen, Köpfe oder Berge im ersten Moment zur Deutung verleiten, die an Kaleidoskope erinnernden Bilder sind der Wirklichkeit entrückt. Keine Erzählung wird sie erobern, keine „Kontextpolizei“, wie Scheibitz das nennt, wird ihrer habhaft werden. So können die Kunstwerke „am Rande des Figurativen“ (Scheibitz) durch die Leuchtkraft der Farbe ihr eigenes Spiel beginnen.

Das Atelier des Künstlers ist voll gestellt mit den Rohlingen seiner übermannsgroßen, verspielten Skulpturen. Viele warten auf den Farbauftrag. An der Wand hängen etwa zehn großformatige Bilder, an denen er gerade arbeitet, fast Kante an Kante. Auf diese Weise, sagt Scheibitz, ist jede Komposition schon im Entstehungsprozess herausgefordert, sich zu behaupten.

Thomas Scheibitz, 1968 als Sohn eines Steinmetzen im sächsischen Radeberg geboren, lernte zunächst Werkzeugmechaniker. In den 1990er-Jahren studierte er in Dresden Malerei und war Meisterschüler bei Ralf Kerbach. 2005 vertrat er gemeinsam mit Tino Seghal Deutschland auf der Biennale in Venedig. MLK

© Thomas Scheibitz.

Katalog: Scheibitz, London (Other Criteria), 2005. Courtesy: Produzentengalerie, Hamburg; Tanja Bonakdar Gallery, New York; Monika Sprüth/ Philomene Magers, Köln und München

Le Monde diplomatique vom 13.01.2006,