Sanitäre Modelle für alle

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Sanitäre Modelle für alle

Als in den 1980er-Jahren die Forderung nach Wasser- und Abwassersystemen für alle erstmals auf die internationale Tagesordnung kam, entwickelten Entsorgungspioniere eine Reihe von alternativen, kostengünstigen und wassersparenden Toilettenmodellen. Aus der Latrine wurde ein deutlich angenehmeres und saubereres Örtchen, wo die Hinterlassenschaften der Benutzer auch gleich an Ort und Stelle kompostiert oder biologisch abgebaut werden können.

Umweltaktivisten propagieren die- se „ökologische Entsorgung“ auch als eine Methode, um aus Fäkalien Düngemittel zu gewinnen. Die Idee sagt nicht jedem zu, kommt aber in manchen Gesellschaften – vor allem Skandinaviens und Indochinas – sehr gut an. Toiletten ohne Abfluss in eine Kanalisation gibt es inzwischen in vielen Varianten. Die Modelle sind zwar in der Regel nicht aus makellosem Porzellan und haben keine Druckspülung, sind aber dennoch sauber und benutzerfreundlich. Solche Toiletten kosten ab 20 Dollar aufwärts. Bei vielen Modellen dient ein Sperrwasser als Geruchsverschluss (wie bei den üblichen WCs), allerdings muss das Wasser aus einem Krug nachgeschüttet werden. Bei einigen „trockenen“ Modellen werden die Exkremente mit Asche abgedeckt und der Geruch durch intelligente Belüftungstechnik gemindert.

In einfachen Stadtrandsiedlungen mit rechtwinklig angelegten Straßen wird manchmal auch eine Art reduzierte Kanalisation mit dünneren Abwasserrohren angelegt, die natürlich schon etwas kostspieliger ist. Es gibt inzwischen also eine Reihe praktischer Lösungen für Wohngebiete, die kein Abwassersystem im uns vertrauten Sinne zulassen. Solche Lösungen können den Milliarden sanitär unterversorgten Menschen helfen, die in ländlichen Regionen oder den slumähnlichen Quartieren der großen Metropolen leben. Diese Anlagen werden außerdem ständig verbessert und damit für die Käufer attraktiver: Die Kloschüsseln werden heute aus farbigen Plastikmaterialien gefertigt, es gibt billigere Ventilationsanlagen, Klodeckel und Reinigungsmittel sind noch im letzten Kramladen erhältlich.

Da so viele der sanitär unterversorgten Menschen einfach zu arm sind, um sich ein modernes Trockenklosett zu kaufen, stellt sich die Frage, wie die Kosten für die sanitären Anlagen und Entsorgungssysteme zwischen Staat und Einzelpersonen beziehungsweise -haushalten aufgeteilt werden sollen. Bei der sanitären Revolution des 19. Jahrhunderts war ziemlich schnell klar, dass die Bewohner der ärmeren Stadtteile keine Kanalisation bekommen würden, falls über deren Bau allein der Markt entscheiden sollte. Deshalb nahmen die Kommunen und die staatlichen Gesundheitsbehörden die Sache in die Hand. Sie legten die Kanalisation an und finanzierten auch die dazugehörigen Sammel- und Kläranlagen, nicht aber die Toilettenschüsseln oder die Anschlüsse der einzelnen Haushalte.

Die kostengünstigen neuen Anlagen dienen oft nicht nur als Toilette, sondern auch als Behältnis für die (chemisch desinfizierten und nicht sehr geruchsbelästigenden) Exkremente. Es mag naheliegend erscheinen, dass jeder Haushalt für das Toilettenbecken und den Bau der Kabine selbst aufkommen soll. Doch viele Familien in ärmeren Gesellschaften können sich eine separate Toilette ohne Kredit oder öffentlichen Zuschuss nicht leisten. Und wenn sie es geschafft haben, eine solche Minianlage zu bauen, kommen die laufenden Kosten für Entleerung und Beseitigung hinzu. Es wäre nicht fair, von bitterarmen Leuten zu verlangen, dass sie diese Kosten selbst aufbringen, wenn zugleich in den besseren Wohnvierteln das Kanalsystem und die Entsorgung der Abwässer in aller Selbstverständlichkeit aus öffentlichen Mitteln finanziert wird.

In den armen Ländern sind bereits viele sanitäre Projekte vollständig aus Entwicklungshilfeprogrammen finanziert worden. Das Resultat war nicht selten ein aufwendiges Toilettengebäude, das wie ein Tempel mitten in einer Armensiedlung thront und doch nicht genutzt wird. Aufgrund solcher Erfahrungen sind manche Entwicklungsexperten zu der Überzeugung gelangt, dass die Leute sich nur dann mit solchen Anlagen identifizieren und sie auch benutzen werden, wenn sie alles selbst bezahlt haben. Die entsprechenden Programme sehen keine Hilfszahlungen vor, vielmehr wird den potenziellen Benutzern vermittelt, dass es für ihre Gesundheit und ihren Lebensstandard gut ist, wenn sie mehr auf Hygiene achten und ihr „Geschäft“ nicht im Freien verrichten. Bei dieser Methode lassen sich viele der Angesprochenen zunächst überzeugen, bauen dann aber nur sehr primitive Latrinen, mit der Folge, dass sie schnell zu ihren alten Gewohnheiten zurückkehren.

Inzwischen haben viele Politiker und Entscheidungsträger in den ärmeren Ländern begriffen, dass es bei Toiletten nicht nur um Fragen der öffentlichen Gesundheit, sondern auch um den privaten Komfort geht – und damit um geschäftliche Möglichkeiten. Die entscheidende Aufgabe besteht nun darin, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass einheimische Handwerker und Bauunternehmer – und die Arbeiter, die Latrinen und Güllegruben entleeren – eine neue, anerkannte und gut verdienende Sanitärbranche aufbauen können. In Indien und Indonesien gibt es beispielsweise bereits eine solche lokale Branche, in der junge Männer und Frauen, die ansonsten kaum einen Job finden würden, ihren Lebensunterhalt verdienen. Sie verkaufen, liefern und installieren sanitäre Anlagen, sie sammeln, recyceln und entsorgen die Fäkalien, sie bauen lokale Verbrennungs- und Kläranlagen oder verlegen Abwasserleitungen. Dazu bedarf es allerdings häufig einer Anfangsinvestition, die durch das partnerschaftliche Zusammenwirken von staatlicher Entwicklungshilfe mit Kommunalbehörden und lokalen Unternehmen aufgebracht werden kann.

Der Beitrag der öffentlichen Hand würde idealerweise darin bestehen, dass sie vernünftige Rahmenbedingungen schafft und Finanzierungsmodelle ermöglicht, durch die Arbeitsplätze in wirtschaftlich überlebensfähigen Bereichen entstehen. Dazu gehören auch Dienstleistungen wie Installation und Reparatur von Toiletten und Tanks oder die Verarbeitung der Fäkalien zu Methan- oder Biogas.

Politiker und Entwicklungshilfeexperten haben für die Schattenexistenz von Abwasserrohren, Kleinkläranlagen und Ähnlichem eine naheliegende Entschuldigung parat: Die Nachfrage nach sauberem Trinkwasser bestehe überall, während niemand die ordentliche Entsorgung der Abwässer fordere. Aber dieses Bedürfnis artikuliert sich nur deshalb nicht, weil das Thema tabu ist, und nicht etwa weil die Menschen es nicht hätten. Tatsächlich ist dieses Bedürfnis durchaus vorhanden, zumal in den übervölkerten Großstädten. Hier gibt es eindeutig eine stark wachsende Nachfrage nach Toiletten. Hygienische Motive spielen dabei eine eher untergeordnete Rolle. Wichtiger ist das Bedürfnis nach Würde, Komfort, Privatsphäre und Sicherheit, insbesondere für Frauen und Kinder (während Männer die Toilette oft auch als Statussymbol wahrnehmen).

Untersuchungen in Ghana, Benin und Indien belegen diesen Nachfragetrend. Besonders aufschlussreich ist ein Projekt im indischen Bundesstaat Tamil Nadu. Hier wurde ein Fonds von 200 000 Dollar aufgelegt, aus dem Frauenselbsthilfegruppen Kleinkredite für sanitäre Verbesserungen bekommen können, die im Durchschnitt bei 91 Dollar liegen. Aufgrund ihrer langjährigen Erfahrungen mit Kleinkrediten haben es diese Gruppen geschafft, über Kredite von lokalen Geschäftsbanken und eigene Ersparnisse weitere 1,1 Millionen Dollar aufzubringen – und damit den Kreis der Kreditnehmer deutlich zu erweitern.

Auch andere Studien und Projekte widerlegen die Auffassung, das die Armutsbevölkerung in den überfüllten Städten an sanitären Verbesserungen nicht interessiert sei und dafür kein Geld ausgeben könne oder wolle. Im Gegenteil: Die Leute wollen nicht nur Toiletten, Duschen und Waschbecken, sondern auch eine funktionierende Abwasserentsorgung. Aber sie muss zuverlässig sein und bezahlbar.

Le Monde diplomatique vom 12.02.2010

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