12.02.2010

Unsere Bilanz soll grüner werden

zurück

Unsere Bilanz soll grüner werden

Wie Unternehmen Nachhaltigkeit vortäuschen von Frank Figge, Tobias Hahn und Lydia Illge

Jedes Großunternehmen, das etwas auf sich hält, stellt heute alljährlich einen Nachhaltigkeitsbericht auf seine Internetseite: eine Bilanz der von dem Unternehmen ausgehenden Umweltbelastungen wie auch seiner sozialen Leistungen. Gewöhnlich sind diese Berichte leichte, reich bebilderte Lesekost. Sie lassen auch Konzerne aus Branchen mit hohem Ressourcenverbrauch möglichst „grün“ erscheinen. Ein treffliches Beispiel ist BP, eines der größten Ölunternehmen der Welt, nach eigenen Worten aber „beyond petroleum“. Zugleich produzieren manche Unternehmen einen „ökologischen Fußabdruck“, der den vieler Staaten übertrifft. So emittieren einige Energie- und Ölfirmen CO2 in einer Größenordnung wie Finnland.

Die Nachhaltigkeitsberichte vermitteln den Eindruck, dass die Unternehmen mit ökologischen Ressourcen ähnlich gewissenhaft umgehen wie mit Kapital. Ähnliches gilt auch für die Bewertung der Nachhaltigkeit von Unternehmen mit dem „Nachhaltigkeitsrating“, das so etwas wie „ökologische Bonität“ bewertet. Die begriffliche Parallele zum Rating im Finanzmarkt, wo es um die Bewertung der Kreditwürdigkeit von Unternehmen geht, soll suggerieren, dass hier die nachhaltige Unternehmensleistung analog zur ökonomischen Leistung abgebildet wird.

Genau das ist aber nicht der Fall. Denn in der Regel geht es keineswegs primär um die ökologische und soziale Unternehmensleistung. Vielmehr wird die Analyse ökologischer und sozialer Aspekte auf die Frage verkürzt, welchen Anteil sie zum Unternehmensgewinn beisteuern. Die Zürcher Agentur Sustainable Asset Management (SAM), die den Dow Jones Sustainability Index ermittelt, schreibt auf ihrer Internetseite: „Beim nachhaltigen Investieren werden traditionelle Finanzbewertungsmodelle ergänzt, indem auch nichtfinanzielle Kriterien, die den Shareholder Value beeinflussen, mit berücksichtigt werden.“

Grundsätzlich ist natürlich zu begrüßen, wenn dem Dow Jones Index der Finanzwelt ein Index der Nachhaltigkeit gegenübergestellt wird. Problematisch ist aber, dass dabei ein „grüner“ Ölkonzern besser abschneiden kann als ein „herkömmliches“ Windkraftunternehmen. Ein solches Finanzmarktinstrument setzt womöglich einen Anreiz zu weniger statt zu mehr Nachhaltigkeit.

Dass es bei den im Markt existierenden Ratingansätzen letztlich nicht um die absolute ökologische Belastung geht, zeigt auch ein Blick auf die notorisch undurchsichtigen Ratingverfahren. Den meisten sogenannten Öko- oder Nachhaltigkeitsratings liegen lange Kriterienlisten zugrunde. Nur wenige dieser Kriterien beziehen sich auf die faktischen Auswirkungen der Unternehmenstätigkeit auf Umwelt und Gesellschaft. So wird meist nicht berücksichtigt, wie stark ein Unternehmen zum Klimawandel beträgt. Und die Frage, wie kommuniziert wird, bekommt in der Regel größeres Gewicht als die Inhalte, die kommuniziert werden.

Dasselbe Problem zeigt sich bei den Rankings von Nachhaltigkeitsberichten. Analysiert wird hier nur, wie gut die Unternehmen über ihre ökologischen und sozialen Aktivitäten berichten. Wie gut oder schlecht die Unternehmen hinsichtlich Ressourcenverbrauch und Emissionen abschneiden, zählt dagegen nicht. Diese Aspekte sind auch nicht leicht zu bewerten, wie ein kritischer Blick in die Nachhaltigkeitsberichte vieler Unternehmen zeigt. Die präsentierten Grafiken und Zahlen sind zur Beurteilung der Nachhaltigkeitsleistung der Unternehmen oft nur sehr begrenzt geeignet. Und statt den ökologischen Fußabdruck des Unternehmens genau zu dokumentieren, beschränken sich die Texte gern auf Anekdoten. Häufig wird über einzelne Prozess- oder Produktverbesserungen berichtet, statt die Nachhaltigkeitsperformance systematisch und vollständig darzustellen. Wie viel CO2 ein Unternehmen tatsächlich in die Luft bläst und ob das gemessen am Durchschnitt der Branche viel oder wenig ist, bleibt oft im Dunkeln.

Überdies bieten die von den Unternehmen publizierten Daten häufig ein trügerisches Bild der sogenannten Nachhaltigkeitsleistung. Dies lässt sich sehr schön am Beispiel des Heizkraftwerks Wolfsburg West zeigen. Betrieben wird dieses Kraftwerk von der VW Kraftwerk GmbH, einer hundertprozentigen Tochter der Volkswagen AG, tatsächlich aber befindet es sich nur zu 5 Prozent im Besitz von Volkswagen. Es ist vielmehr ein eigenständiges Unternehmen (der Volkswagen AG Preussen Elektra AG OHG), das zu 95 Prozent dem deutschen Energieriesen Eon (über die Eon Kraftwerke GmbH) gehört.

Was bedeutet es nun, dass der Betreiber nicht der Besitzer und der Besitzer nicht der Betreiber ist? Der Trick ist, dass weder VW noch Eon das kapital- und emissionsintensive Kraftwerk in ihre Berichte aufnehmen müssen. VW kann geltend machen, dass es an dem Kraftwerk nur eine kleine Beteiligung hält. Eon dagegen kann argumentieren, man habe keine operative Kontrolle, sei also nicht der Betreiber und daher auch nicht rechenschaftspflichtig. In der Tat finden sich die CO2-Emissionen des Kraftwerks Wolfsburg West in keinem der Nachhaltigkeitsberichte, weder bei Volkswagen noch bei Eon.

Dabei geht es bei den Emissionen des Kraftwerks nicht um Peanuts, sondern um jährlich etwa 2,5 Millionen Tonnen, was mehr ist als die CO2-Emissionen von ganz Island. Im neuesten Nachhaltigkeitsbericht aus Wolfsburg sind die Emissionen der gesamten unternehmenseigenen Energieerzeugung nicht enthalten. Dies ist umso erstaunlicher, als die Volkswagen AG sich selbst bescheinigt, ein vertikal integriertes Energieversorgungsunternehmen im Sinne des deutschen Energiewirtschaftsgesetzes (EnWG) zu sein und über die Volkswagen AG wie auch über ein Tochterunternehmen seinen Bedarf an elektrischer Energie selbst zu erzeugen, zu vertreiben und zu verteilen.

Das Beispiel zeigt, wie man durch geschicktes Bilanzieren ein Kraftwerk samt seinen Treibhausgasemissionen aus den Berichten sowohl des Betreibers als auch des Besitzers entsorgen kann. Bedenklich sind dabei zwei Dinge. Zum einen die Existenz solcher legaler Tricksereien, zum anderen aber, dass die vielen kritischen Beobachter und Konsumenten diese Tricks nicht erkennen. Nur so ist zu erklären, dass die Volkswagen AG 2008 den deutschen Nachhaltigkeitspreis erhalten hat. Und VW wie Eon sind im Dow Jones Sustainability World Index gelistet, der laut SAM „die Performance der globalen Sustainability Leader“ misst. Eon schaffte es im September 2009 zum dritten Mal auf diese Liste der „besten“ zehn Prozent aller globalen Unternehmen.

Gegen das Motto „Tue Gutes und rede drüber“, das den Nachhaltigkeitsberichten zugrunde zu liegen scheint, ist gewiss nichts einzuwenden. Doch über die tatsächliche Nachhaltigkeitsleistung sagen diese Berichte häufig nicht viel aus. Allerdings gibt es bisher auch nur wenige praktikable Methoden, die den absoluten Ressourcenverbrauch oder die absoluten Emissionsmengen schädlicher Gase messen können und zu bewerten wagen. Was eine solche Methode leisten muss, erschließt sich aus einem kritischen Blick auf die ökonomische Bewertung von Unternehmen auf den Finanzmärkten.

Hier wird der Erfolg traditionellerweise ausschließlich an der Kapitalverzinsung des Unternehmens bemessen. Nach der Logik der Finanzmärkte schafft eine Investition nur dann Wert, wenn sie mehr Ertrag erbringt, als mit anderen Investitionen erzielt worden wäre; anders formuliert: wenn die Investition des Kapitalgebers sich höher verzinst als im Marktdurchschnitt. Kein Unternehmen kann allerdings auf Dauer erfolgreich wirtschaften, wenn es über keine ökologischen und sozialen Ressourcen verfügt. In die Bewertung von Nachhaltigkeit muss daher auch die Verzinsung ökologischer Ressourcen eingehen. Deshalb spielt es zum Beispiel eine Rolle, wie viele Tonnen Kohlendioxid ausgestoßen werden, um den Unternehmensgewinn zu erwirtschaften.

Die Verzinsung ökologischer und sozialer Ressourcen wird häufig mit einer höheren Kapitalrendite durch gutes Umwelt- oder Sozialmanagement verwechselt. Eine höhere Kapitalrendite ist jedoch nicht gleichbedeutend mit einer höheren – ökologischen – Verzinsung. Umgekehrt kann ein Unternehmen, das eine unterdurchschnittliche Marktrendite auf sein Kapital erzielt, zugleich sehr effizient mit seinen ökologischen Ressourcen umgehen. Es wird aber dennoch von den Finanzmärkten abgestraft werden, weil die den ökologischen Fußabdruck und damit auch die ökologische Verzinsung völlig außer Betracht lassen.

Die blinden Flecken des Markts

Eine hohe ökologische Verzinsung liegt zum Beispiel dann vor, wenn die Unternehmen relativ wenig Energie verbrauchen, um den Unternehmensgewinn zu erzielen. Dagegen benutzen Unternehmen wie BP viele ökologische Ressourcen, um eine hohe Rendite auf das Kapital zu erzielen. Sie haben, wie die Ökonomen sagen, einen hohen ökologischen Hebel. Im Finanzmarkt gilt ein hoher Hebel als Indikator hohen Risikos. Die ökologische und soziale Blindheit des Markts zeigt sich unter anderem darin, dass dieselbe Konsequenz im Bezug auf die Nachhaltigkeit nicht gezogen wird. Ein Unternehmen, das viel Fremdkapital einsetzt, gilt als risikobehaftet. Für Unternehmen, die viele ökologische und soziale Ressourcen einsetzen, gilt diese Automatik paradoxerweise nicht.

Diese Marktblindheit könnte man überwinden, würde man Unternehmen nicht allein nach der Kapitalrendite bewerten, sondern auch die Verzinsung ökologischer und sozialer Ressourcen berücksichtigen. Unternehmen, die ihre hohe Kapitalrendite auf Kosten von Umweltbelastungen erzielen, würden dann weitaus reeller im Sinne der Nachhaltigkeit bewertet.

Wie eine solche nachhaltige Rendite oder Verzinsung berechnet werden kann, führt zum Beispiel der Sustainable-Value-Ansatz vor. Er beruht auf der Idee, den Erfolg eines Unternehmens am Marktdurchschnitt zu bemessen, dabei aber eben nicht nur die Verzinsung des Kapitals in Rechnung zu stellen, sondern auch die ökologischer und sozialer Ressourcen. Die Logik einer Unternehmensbewertung, die das Kriterium Nachhaltigkeit berücksichtigt, lässt sich am Beispiel der vier Autobauer BMW, Renault, Daihatsu und General Motors (GM) darstellen.

In der Autobranche lag die Gesamtkapitalrendite im Zeitraum 2001 bis 2005 im Schnitt bei 3 Prozent. Über diesem Wert lagen BMW mit rund 6 und Daihatsu mit rund 4 Prozent. In der Sprache der Finanzanalysten: Beide Unternehmen schufen Wert. Dagegen lagen die Kapitalrenditen von Renault mit rund 2 Prozent und GM mit rund 0,5 Prozent unter dem Marktdurchschnitt. Sie vernichteten also Wert.

Mit derselben Logik kann man auch die CO2-Rendite untersuchen. BMW erwirtschaftete mit einer Tonne CO2 rund 3 200 Euro Gewinn – und lag damit über der durchschnittlichen CO2-Rendite, die rund 800 Euro pro Tonne betrug. GM mit nur 100 Euro Gewinn pro Tonne lag klar darunter. Damit zeigt sich auch beim CO2: BMW schaffte Wert, GM vernichtete Wert. Komplexer wird das Bild bei Renault und Daihatsu. Renault war zwar beim Kapitaleinsatz weniger rentabel als der Markt, erwirtschaftete aber mit jeder Tonne CO2 rund 2 000 Euro Gewinn und lag damit weit über dem Marktdurchschnitt. Daihatsu schaffte dagegen nur rund 600 Euro Gewinn pro Tonne CO2 und blieb damit unter dem Durchschnitt der CO2-Rendite, während es bei der Kapitalrendite darüber lag.

Wenn man die Verzinsung ökologischer Ressourcen in das Bild einbezieht, zeigt sich also, dass Renault einerseits ökonomischen Wert vernichtet, andererseits aber ökologischen Wert schafft. Bei Daihatsu verhält es sich genau umgekehrt. Noch aufschlussreicher ist ein Abgleich beider Indikatoren. Bei Renault ist der ökologische Wertgewinn größer als der ökonomische Wertverlust. Bei Daihatsu dagegen wiegt der ökologische Verlust schwerer als der ökonomische Vorteil.

Unsere heutigen Finanzmärkte, die auf dem ökologischen Auge blind sind, geben im Hinblick auf die Nachhaltigkeit also genau das verkehrte Signal: In unserem Beispiel wird Daihatsu als gut eingestuft, Renault dagegen abgestraft. Die Tatsache, dass Daihatsu seine Kapitalrendite durch Umweltbelastungen hebelt, fällt unter den Tisch. Und bei Renault verhindert die ökologische Blindheit die Einsicht, dass es im Sinne der Nachhaltigkeit besser wäre, einen ökonomischen Wertverlust in Kauf zu nehmen, um die Öko-Vorteile nicht einzubüßen.

Mit bunten Nachhaltigkeitsbroschüren und grün eingefärbter Marktkommunikation wird es also kaum gelingen, unser Wirtschaften in eine nachhaltigere Richtung zu lenken. Dazu bedarf es vielmehr einer ökologischen und sozialen Fundamentalanalyse, die von den tatsächlichen Belastungen der Unternehmen ausgeht – und so bewertet, dass die Finanzmärkte angemessen reagieren können und nicht mehr blind nur der Kapitalrendite hinterherhecheln. Unternehmen benötigen mehr als Kapital. Eine Analyse der Unternehmensleistung, die auf Nachhaltigkeit abhebt, darf also nicht auf die Kapitalrendite verengt sein. Sie muss vielmehr die Verzinsung aller eingesetzten Ressourcen berücksichtigen.

Frank Figge ist Professor of Management and Sustainability an der Queen’s University in Belfast, Tobias Hahn Associate Professor of Corporate Sustainability, CSR and Environmental Management an der Euromed Management School in Marseille, und Lydia Illge ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung (IZT). © Le Monde diplomatique, Berlin

Le Monde diplomatique vom 12.02.2010, von Frank Figge und Tobias Hahn / Lydia Illge