Artikel drucken zurück

Lockstoff Sprache

edito

Lockstoff Sprache

Einheitsmarkt, Einheitswährung, Einheitssprache? Die Euroscheine sorgen bereits für den glatten Austausch zwischen Handelsreisenden ohne Herkunft und Geschichte. Aber heißt das auch, dass Studenten unterwegs auf ihr Wörterbuch verzichten sollen? Nur mit einem Flughafen-Englisch im Gepäck, das man überall einsetzen kann, insbesondere an französischen Universitäten? Die sind nämlich immer noch genauso „rückständig“ wie der Rest des Landes. Stellen Sie sich vor, dort spricht man immer noch Französisch!

Deshalb hat sich Frankreichs Hochschulministerin Geneviève Fioraso vorgenommen, diese „Sprachbarriere“ zu beseitigen, die „Studenten aus Schwellenländern wie Korea, Indien und Brasilien“ davon abhalte, in Frankreich zu studieren. Dabei ist die Sprache Molières in 29 Staaten der Welt offizielle Landessprache und die Anzahl der französischen Muttersprachler wächst – vor allem in Afrika. Doch von dort möchte Frankreich ja auch keine Studenten anlocken. Die können sich doch die hohen Studiengebühren gar nicht leisten.

An den US-amerikanischen Universitäten, wo der Anteil ausländischer Studenten (3,7 Prozent) weit unter dem der französischen Hochschulen (13 Prozent) liegt, käme niemand auf die Idee, Vorlesungen und Seminare auf Mandarin anzubieten, um diesen „Rückstand“ aufzuholen. „Wenn wir keine Lehrveranstaltungen auf Englisch einrichten, können wir uns bald zu fünft an einen Tisch setzen, um über Proust zu diskutieren“, spottete Madame Fioraso kürzlich. Schon Nicolas Sarkozy verhehlte nicht seine Verachtung für die Geisteswissenschaften und bedauerte die Studenten, die sich mit Madame de La Fayettes „Prinzessin von Clèves“ abquälen müssten, anstatt Jura oder BWL zu studieren.

Das 1994 verabschiedete Toubon-Gesetz hat festgelegt, dass Aufnahmeprüfungen, Ausbildung und Examina auf Französisch abzulegen sind. Eine Handvoll renommierter Akademiker, die dieses Gesetz „aus dem letzten Jahrhundert“ ablehnt, behauptet, die Verteidigung der Vielsprachigkeit (die übrigens auch noch in diesem Jahrhundert in den meisten internationalen Organisationen praktiziert wird) halte englische Muttersprachler davon ab, in Paris zu studieren.

Aber man kann doch die „Attraktivität“ einer Sprache nicht an der Zahl der Studenten aus Schwellenländern bemessen. Was wirklich zählt, ist der intellektuelle Austausch über Fragen, die die Welt bewegen. Soll man sich in Frankreich, das seine Filmszene und kulturellen Besonderheiten immer verteidigt hat, damit abfinden, dass als einzige Wissenschaftssprache nur noch das (übrigens oft entstellte) Idiom der Supermacht übrig bleibt?

„Heute besteht das Paradox darin, dass die Amerikanisierung und Förderung des Englischen nicht allein von den Amerikanern vorangetrieben wird“, sagt der Linguist Claude Hagège. Glücklicherweise tragen auch andere als die Franzosen – vor allem in Afrika und Quebec – zum Fortbestand der kulturellen Vielfalt bei. Ihre Beharrlichkeit sollte die politisch Verantwortlichen stärker beeinflussen als der Fatalismus von zwei Dutzend Akademikern. Serge Halimi

Le Monde diplomatique vom 14.06.2013,