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Bloß nicht ins Heim

Bloß nicht ins Heim

Selbstbestimmung im Alter, Teilhabe, Respekt und Würde sind Rechte, keine frommen Wünsche von Heike Haarhoff

Frau T. lebt in einer kleinen Straße im Berliner Norden in einem großen Haus. Ihr Mann hat es einst für sie und sich gebaut, und für die Kinder, die die T.s dann nie hatten. Vor 25 Jahren ist er gestorben, seither ist Frau T., inzwischen 87 Jahre alt, allein.

Und jetzt? Eine Nichte, 700 Kilometer entfernt. Ein Verwandter in Übersee. Und Frau T.: Heiser, weil die Gelegenheiten für Gespräche selten geworden sind. Ängstlich, weil ihr die Beine nicht mehr gehorchen wollen, und verunsichert, weil sie immer öfter nicht weiß, ob sie aus der Haustür kommend rechts oder links abbiegen muss, um zu ihrem Hausarzt zu kommen. „Fortschreitende Demenz“, hat der Arzt in ihrer Krankenakte vermerkt.

Es gibt Grund, sich Sorgen zu machen um Frau T. Die alte Dame möchte partout nicht ins Pflegeheim. In das bisschen Erinnerung, die sie noch hat, haben sich Fernsehberichte aus früheren Jahren eingegraben – über vorschnell gelegte Magensonden oder volle Windeln, die zu wechseln über Stunden vergessen wurde. Nach Schätzung des Bundesverbands privater Anbieter sozialer Dienste (bpa) fehlen in Deutschland derzeit 30 000 Pfleger; bis zum Jahr 2020 könnten es bis zu 220 000 sein.

Der größte Mangel herrscht in der Ambulanten Pflege. Doch auch in den Heimen sind Überlastung und Überforderung spürbar, selbst in denjenigen, die es gut meinen und sich viel Mühe geben mit ihren Senioren. Dazu kommt: Die gesetzliche Pflegeversicherung, die der damalige Sozialminister Norbert Blüm (CDU) 1995 zu Zeiten der schwarz-gelben Koalition unter Helmut Kohl einführte, paritätisch von Arbeitgebern und Arbeitnehmern finanziert (nach dem Prinzip: die Jungen sparen nichts an, sondern übernehmen die Kosten der Alten), war von Anfang an nur eine Teilkaskoversicherung.

Stillschweigend wurde vorausgesetzt, dass die Deutschen entweder gar nicht so alt und damit pflegebedürftig würden oder dass die Familien soziale Verantwortung für ihre Angehörigen übernähmen. Verkannt wurde nicht nur die demografische Entwicklung, wonach Deutschland in wenigen Jahren den Status einer Republik der Hochbetagten erreicht haben wird; verkannt wurde auch die Chance, Pflege als gesellschaftliches Ressourcenthema zu begreifen.

Stattdessen setzt die schwarz-gelbe Regierung unter Angela Merkel weiter darauf, die Pflege zu privatisieren – auf Kosten von Angehörigen und Familienarrangements, die an ihre Grenzen stoßen: Weil alte Eltern und erwachsene Kinder heutzutage nur noch selten am selben Ort leben. Weil Ehefrauen, Töchter und Schwiegertöchter, die bislang die Gebrechlichen pflegten, daheim, still und kostendämpfend, seltener zur Verfügung stehen.

Heute weiß man: Je nach Pflegeheim kommen schnell 1 000 bis 3 000 Euro pro Monat zusammen, die die Senioren für Kost und Logis aus eigener Tasche bezahlen müssen – zusätzlich zu den Leistungen aus der Pflegeversicherung. Haben sie dieses Geld nicht – das Statistische Bundesamt hat Anfang des Jahres ausgerechnet, dass dies bei 400 000 Menschen in Deutschland der Fall ist (2009 waren es noch 5 Prozent weniger), springt der Staat ein. Doch der guckt genau hin, bevor er zahlt: Im Fall von Frau T. etwa müsste wohl zunächst ihre Immobilie verkauft und der Heimplatz aus diesem Erlös kofinanziert werden. Das wiederum schmeckt den Erben nicht.

Und so suchen Frau T.s Angehörige derzeit fieberhaft nach einer kostengünstigeren Alternative, mit denen sowohl die alte Dame als auch sie selbst sich anfreunden könnten: Denkbar wäre etwa, sich durchzuwurschteln mit einer privat finanzierten osteuropäischen Pflegerin im eigenen Haushalt, zusätzlich sogenannte Sachleistungen eines ambulanten Pflegedienstes in Anspruch zu nehmen, stundenweise bezahlt aus der Pflegeversicherung, plus ein wenig verwandtschaftliche Hilfe. Für diese zahlt die Pflegeversicherung ein sogenanntes Pflegegeld, maximal 700 Euro pro Monat sind es in der höchsten Pflegestufe. Viele Deutsche in vergleichbarer Situation favorisieren dieses Modell. Für Frau T. jedoch scheidet es aus, weil sie eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung braucht. Die ist aber ohne das Back-up von Angehörigen vor Ort finanziell nicht zu stemmen.

Und so liebäugelt die 700 Kilometer entfernt lebende Nichte derzeit heimlich mit einer Option, die der Boulevard unlängst als „Export von Oma und Opa“ geißelte und als unwürdig einer christlich geprägten Gesellschaft wie der deutschen zieh: die demente Frau T. im Ausland pflegen zu lassen. In Tschechien existieren bereits solche Angebote, oder, findet die Nichte, klimatisch für die ewig frierende Frau T. noch besser: Thailand. „Das wäre dann zwar auch ein Heim, aber eben mit viel mehr Personal, mehr menschlicher Wärme und Zuwendung, mit Frauen, die abends auf einer Matte neben meiner Tante einschlafen und morgens wieder aufwachen würden, die sie liebevoll umsorgen und ihr zuhören würden“, sagt die Nichte. „Ob meine Tante nun 700 Kilometer oder 7 000 weg ist – sehen würden wir uns vermutlich nicht häufiger.“

Thailand als Option

Derlei Angebote hat sie im Internet gefunden; der Schweizer Sozialarbeiter Martin Woodtli etwa, Jahrgang 1961, hat das eigene Schicksal zum Geschäftsmodell gemacht. Nach dem Freitod seines Vaters hatte er vor Jahren die Pflege seiner alzheimerkranken Mutter übernommen und sie zu sich nach Thailand geholt, wo er damals schon lebte. „Ich bin überzeugt, dass vermehrt nach neuen Betreuungsformen gesucht werden muss, damit wir den Bedürfnissen von Menschen mit Demenz, aber insbesondere auch ihrer Angehörigen gerecht werden können“, wirbt Woodtli für sein exotisches Pflegeprogramm unter deutschsprachiger Leitung.

In einem „angenehmen und liebenswürdigen Umfeld“ bieten Woodtli und sein thailändisches Team „Menschen mit Demenz eine 1:1-Betreuung rund um die Uhr“. Was Politiker in Deutschland quer durch alle Parteien eine kaltherzig-zynische Abschiebung schutzbedürftiger alter Menschen schimpfen, verteidigt Woodtli nüchtern-pragmatisch: „Sie haben drei Betreuerinnen, die sich ablösen und ausschließlich für eine pflegebedürftige Person zuständig sind.“ Und das alles zu einem Preis, der niemanden ruiniere: Die Gesamtkosten, verspricht der Pflegemanager, betrügen „in der Regel weniger als die Hälfte einer Pflegeeinrichtung in der Schweiz oder in Deutschland“.

Ähnliche Angebote, speziell an pflegebedürftige deutsche Senioren gerichtet, gibt es schon in Osteuropa oder sie sind dort im Aufbau. Noch sind es Nischen. Und werden es wohl auch bleiben. Jedenfalls solange die Pflegekassen an ihrer derzeitigen Praxis nichts ändern, wonach an im Ausland lebende pflegebedürftige Deutsche lediglich das Pflegegeld von maximal 700 Euro pro Monat ausgezahlt wird. „Für mich“, sagt die Nichte, „ist es dennoch eine Option. Ich hätte die Hoffnung, dass meine Tante in Thailand aufgrund der gesellschaftlichen Traditionen einfach besser in Würde altern kann.“

In Würde altern. Das ist das Dilemma, das sich Angela Merkels schwarz-gelbe Koalition in bald vier Jahren Amtszeit außerstande sah zu lösen; die Opposition spricht von einem pflegepolitischen Debakel, einem Armutszeugnis für einen der reichsten Industriestaaten der Welt. Mehr als zwei Drittel der Deutschen wollen laut Umfragen lieber in den eigenen vier Wänden altern als in ein Pflegeheim abgeschoben zu werden. Und sie haben laut UN-Behindertenkonvention auch einen Anspruch darauf, sagt der Geriater Christoph Fuchs vom Städtischen Klinikum München: „Demenz ist eine Daseinsform. Wir brauchen nicht weitere Medikation, sondern mehr menschliche Präsenz.“

Doch die Politik duckt sich weg vor dieser Herausforderung. Das Jahr 2011, von der Koalition großspurig als „Jahr der Pflege“ ausgerufen, verstrich tatenlos. Und das, obwohl der Handlungsbedarf messbar ist: Die Zahl der Pflegebedürftigen von derzeit 2,5 Millionen wird sich in einer demografiebedingt und dank des medizinischen Fortschritts stetig alternden Gesellschaft bis zum Jahr 2050 ungefähr verdoppeln; die Wahrscheinlichkeit, dass jeder Dritte dieser Menschen dement wird, ist hoch.

2012 wurde der Beitragssatz zur gesetzlichen Pflegeversicherung immerhin moderat um 0,1 Prozentpunkte auf nunmehr 2,05 Prozent des Bruttoeinkommens angehoben, auch werden private Pflegezusatzversicherungen seither staatlich gefördert.

Doch mehr fällt der schwarz-gelben Regierung zum Thema Pflege nicht ein, und mehr wird ihr dazu auch nicht einfallen. Ein echtes Reformkonzept würde ein gewisses Interesse an Versorgungsfragen und Empathie voraussetzen. Man darf in diesem Zusammenhang keine allzu hohen Erwartungen an einen Gesundheitsminister stellen, dessen vermutlich erschütterndste Lebenserfahrung sein dürfte, im Herbst möglicherweise nicht mehr zu mitzuregieren.

Das Geld für das Heer an Pflegebedürftigen reicht unterdessen hinten und vorne nicht. Zudem greift die Pflegeversicherung derzeit lediglich bei körperlichen Gebrechen und nur in Ausnahmefällen bei psychisch-kognitiven Beeinträchtigungen wie der altersbedingten Demenz. Es fehlt weiterhin die gesetzliche Anerkennung, dass nicht bloß körperliche Einschränkungen, sondern auch geistige Gebrechen ebenso hohe Ansprüche auf Leistungen aus der Pflegeversicherung begründen.

„Wir brauchen einen Paradigmenwechsel“, sagt der Sozialexperte Jürgen Gohde (parteilos), der unter der großen Koalition von Union und SPD ab November 2006 den Pflegebeirat leitete: „Wir brauchen einen neuen Gesellschaftsvertrag.“ Einen Vertrag, der sich auseinandersetzen müsste mit der Wertorientierung, aber auch der sozialen Produktivität im Land. Selbstbestimmung im Alter, Teilhabe, Respekt und, um noch ein großes Wort zu bemühen: Würde – das sind keine spinnerten Ideen, sondern sozialrechtliche Ansprüche.

Derzeit aber, sagt Gohde, fehle es nicht nur an Unterstützung für die 1,5 Millionen Angehörigen, die ihre Verwandten daheim pflegten. Es fehle an altersgerechten Wohnungen – bundesweit etwa 2,5 Millionen – und Nachbarschaften, in denen auch Demente möglichst lange selbstständig leben könnten, weil es dort Lebensmittelläden, Ärzte oder Friseure in für sie erreichbarer Nähe gibt.

Bereits 2009 legte Gohde als damaliger Vorsitzender des Pflegebeirats der Bundesregierung einen Abschlussbericht vor, in dem er nicht nur mahnte, den Pflegebedürftigkeitsbegriff endlich neu zu definieren. Er lieferte auch verschiedene Vorschläge zur Finanzierung. Der Bericht basierte auf einem breiten gesellschaftlichen Konsens – Vertreter der Arbeitgeberschaft, der Gewerkschaften, Pflegekassen, Kirchen und Sozialverbänden, des Bunds, der Länder und Kommunen trugen ihn mit. 2009 war Wahljahr. Die große Koalition nahm Gohdes Bericht im Kabinett zur Kenntnis – und widmete sich sodann dem Wahlkampf.

Der Bericht, so aktuell wie nie, wurde bis heute nicht umgesetzt. Und anstatt Taten folgen zu lassen, setzte der neue Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr den Pflegebeirat 2012 in leicht veränderter personeller Zusammensetzung erneut ein. Es sollten letzte Details geklärt werden, hieß es. Finanzielle Zusagen dagegen verweigerte Bahr. Und so, das erzählte neulich freimütig das Beiratsmitglied Gernot Kiefer, zugleich Vorstand des Spitzenverbands der gesetzlichen Kranken- und Pflegeversicherung, dürfe man gewiss sein, dass auch die jetzige Legislaturperiode verstreichen werde, ohne dass der Pflegebedürftigkeitsbegriff auch nur ansatzweise umgesetzt sei.

Und solange das alles so ist, spricht einiges dafür, dass Frau T. aus einer kleinen Straße im Berliner Norden ihr Leben an einem fernen Ort beschließen wird.

Heike Haarhoff ist Gesundheitsredakteurin der taz.

Le Monde diplomatique vom 14.06.2013,