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Die Sonne von Portugal

Die Sonne von Portugal

Die neue Auswanderung und die Sehnsucht der Emigranten von José Luís Peixoto

Lissabon, Anfang Februar. Die Sonne scheint durch das Fenster hinter mir. Durchflutet den ganzen Raum. Das Licht fällt auf den Bildschirm des Computers, an dem ich schreibe. In der Helligkeit reihen sich die Worte, eins ans andere, als wollten sie gemeinsam dessen Blässe auslöschen.

In unseren Gesprächen reden wir von eben dieser Sonne als einem der wesentlichen Vorzüge Portugals. Gewöhnlich sagen wir sinngemäß so etwas wie: Die Leute sehen vor allem das Negative, und sie schätzen nicht, was sie für selbstverständlich halten, das Einfachste und im Grunde genommen Wichtigste: die Sonne.

Dieses meteorologische Argument folgt fast immer auf die nationalen Fernsehnachrichten. Über die Sonne zu reden ist eine Möglichkeit der Flucht und der Verteidigung. Die Portugiesen sind von den Nachrichten traumatisiert. Eigentlich müsste es in unserer Sprache längst ein Wort für dieses spezifische, durch Nachrichten ausgelöste Befinden geben. Wo wir schon das Wort „saudade“ erfunden haben, um eine ganz besondere Form der Melancholie zu benennen, hätten wir uns inzwischen durchaus eine Bezeichnung für diesen Zustand übellaunigen Unbehagens einfallen lassen können.

Aber die Sonne vermag auch ein Trost zu sein. Wenn man hört, jemand sei nach England oder in die Schweiz ausgewandert, kommt unweigerlich der Kommentar: Ich wette, da in England (respektive in der Schweiz) gibt es so eine Sonne nicht. Wenn man das sagt, fühlt man sich für einen kleinen Augenblick leicht und unbeschwert. Vorläufig glaubt noch niemand, dass die Regierung so weit gehen wird, auch die Sonne zu privatisieren. Aber man weiß nie.

Auf Facebook klagen viele über den ersten Winter, den sie in einem Land mit Schnee verbracht haben. In den Kommentaren dazu wird gern darauf hingewiesen, dass, wer nach Rio de Janeiro gegangen sei, unter dem schwülheißen Sommer mit über 30 Grad zu leiden hätte. Diese Gemeinplätze der Globalisierung werden durch Meldungen eines einstigen Studienkollegen über die Temperaturen in Luanda ergänzt.

Die hypothetischen Facebook-Nutzer in Brasilien und Angola könnten dem Rat des portugiesischen Premierministers gefolgt sein, der vor zwei Jahren Hochschullehrern die Auswanderung in diese Länder empfohlen hatte. Eine andere beispieltaugliche Person in irgendeinem kalten Land der Erde könnte vielleicht unseren derzeit amtierenden Minister für Parlamentsangelegenheiten mit Stolz erfüllen: Dieser sei, so hieß es in allen Nachrichten, mit der neuen portugiesischen Auswanderungswelle zufrieden und vom Bildungsniveau der neuen Arbeitsemigranten beeindruckt.

Wenn es auch auf den ersten Blick nicht so aussehen mag: Diese Äußerungen zeugen von einem klaren Paradigmenwechsel im Hinblick auf die nationale Identität. Bislang hatte in Portugal „Auswanderung“ eine sehr präzise, symbolträchtige Bedeutung: Wer dieses Wort benutzte, bezog sich gewöhnlich auf jene Hunderttausende, die das Land in den 1960er und 1970er Jahren verlassen hatten. Auf der Flucht vor dem Elend der Salazar-Diktatur und vor den Kolonialkriegen gingen viele Menschen illegal über die Grenze, und wenn sie in Frankreich ankamen, war es wie eine Landung auf dem Mars. Ungebildet, wie sie waren, arbeiteten die Männer auf dem Bau und die Frauen als Reinigungskraft oder als Concierge.

Müsste ich ein Datum nennen, würde ich sagen, der Eintritt in die Europäische Union 1986 markierte den Anfang des Versuchs, diese Emigration aus dem Selbstbild Portugals zu löschen. Die Vorstellung, wir seien jetzt ein anderes Portugal, hat mit dem Empfang der Gelder aus Brüssel – und damit einer geringeren Abhängigkeit von den Überweisungen der Arbeitsemigranten – zu tun. Und sie entsprach auch den Gefühlen, die die Portugiesen, die das Land nicht verlassen hatten, für die Ausgewanderten hegten. Die Sozialpsychologie bemühend, würde ich sagen, es handelte sich um eine Mischung aus Neid und Scham: Neid auf die Autos und andere glanzvolle Gegenstände, die die Emigranten bei ihrem Heimaturlaub im August vorführten; Scham für deren geringe Bildung und wegen der Rückschlüsse, die daraus auf sie selbst bezogen gezogen werden könnten. Eine Scham, die viele Portugiesen noch immer empfinden.

So gesehen besagen die Erklärungen des Ministers für Parlamentarische Angelegenheiten, dass Emigration nach über zwanzig Jahren Ablehnung und kultureller Verachtung heute etwas ganz anderes sei und nicht mit der unangenehmen Vergangenheit zu verwechseln. Auf die derzeitige Auswanderung solle man sogar stolz sein. Das ist der Paradigmenwechsel, den ich meine.

Fraglos ist die Situation jetzt anders als in den 1960er und 1970er Jahren. Heute werden die Erklärungen des Ministers überall veröffentlicht, ebenso die kritischen Kommentare dazu. In den Redaktionen sind es übrigens größtenteils Praktikanten, die die entsprechenden Artikel schreiben: junge Menschen, deren Studienabschluss im Ausland nicht anerkannt wird und die vermutlich gerade das zweite oder dritte Praktikum absolvieren. Im Journalismus wie auch in vielen anderen Berufen sind fast alle unter Dreißigjährigen Praktikanten. Sie bekommen kein Geld und hoffen blind auf einen Vertrag. An Bewerbern für Praktikumsplätze herrscht kein Mangel, und viele finden, dass es nicht das Schlechteste ist, ein unbezahltes Praktikum zu machen. Zumindest hat man eine Antwort, wenn man gefragt wird, was man so macht.

Die Zahlen will schon keiner mehr wissen

Außerdem muss man, solange man als Praktikant bei einer Zeitung arbeitet, nicht im Callcenter Anrufe entgegennehmen oder in der Uniform einer multinationalen Fastfoodkette Gäste bedienen. In der jetzigen Situation gilt es nicht als unwürdig, nach sechzehn Jahren Schule und Universität, mit Diplom oder als Postgraduierter, unbezahlte Arbeit anzunehmen, die andere, die im Beruf schon Fuß gefasst haben, nicht mehr machen wollen.

Solche Dinge helfen, wie die Sonne, das erwähnte Befinden nach den Nachrichten zu ertragen. Leicht ist es nicht. Der Sturm schlechter Nachrichten weht ununterbrochen. Meteorologisch gesehen entspricht die Situation einem jahrelangen Winter. Manchmal gibt es in den Nachrichten Beiträge, die dem einfachen Bürger Wirtschaftsbegriffe erklären wollen. Da werden dann mit bunten Grafiken die Schulden erläutert und Zahlen aufgelistet, die Milliarden von Euros, die die Regierung bereits in den Bankensektor gesteckt hat.

Man hört aufmerksam zu und spürt, wie die Empörung dem Gefühl der Ohnmacht weicht. Milliarden Euro lasten schwer auf den Schultern von jemandem, der auf dem Wohnzimmersofa vor dem Fernseher sitzt. Andere hören schon nicht mehr hin, und bei Wörtern wie „Krise“ und „Sparpolitik“ geht alles, was gesagt wird, gleich in weißes Rauschen über.

Dabei gibt es tagtäglich neue Zahlen in Verbindung mit „Krise“ oder „Sparpolitik“. Letzte Woche waren es die Auswanderungszahlen. Offizielle, unanfechtbare, vom portugiesischen Statistikinstitut bestätigte Zahlen. Bekanntermaßen hinken Institutionen immer etwas hinterher, daher legte man jetzt erst die Zahlen für 2011 vor. Mit ihnen wurde auf der Grundlage wissenschaftlicher Studien nachgewiesen, was allgemein bekannt war: Die Auswanderung hatte im Vergleich zum Vorjahr um 85 Prozent zugenommen. Die meisten Auswanderer waren zwischen 25 und 30 Jahren alt, aber es gab auch eine beträchtliche Anzahl von Kindern und Jugendlichen. Die Anzahl der Auswanderer mit Hochschulabschluss hatte zwischen 2009 und 2011 um 49,5 Prozent zugelegt. 49,5 Prozent wie ein Kaufpreis: 99,50 Euro, damit es nicht so teuer aussieht.

Zahlen. Allen war längst klar, dass es in Portugal für die meisten neuen Studienabgänger keinen Arbeitsplatz gibt, vor allem den Studenten selber war das klar, während sie sich auf Examen in Themenbereichen vorbereiteten, die höchstwahrscheinlich wenig mit ihrem Berufsalltag zu tun haben würden. Wenn sie Literatur lieben und Glück haben, werden sie vielleicht bei einer Buchhandelskette Bücher einräumen. Wenn sie Mode mögen und Glück haben, werden sie vielleicht in einem Geschäft die Nummernkarten vor den Anprobekabinen verteilen. Außerdem hört man, dass es in Brasilien gute Möglichkeiten für Architekten gibt. In Deutschland werden Krankenpfleger gebraucht, man wird gut bezahlt und bekommt auch Deutschunterricht dazu.

Hin und wieder gibt es den erstaunlichen Versuch, das Problem zu einem Generationenkonflikt zu erklären. Man bezeichnet die jungen Leute als „verwöhnt“, beschreibt die Schwierigkeiten vorangegangener Generationen und zieht unsinnige Vergleiche. Die Älteren behaupten, dass früher alles viel schlimmer war. Die Jüngeren schreiben an die Wände, dass es jetzt schlimmer ist. Man kann sich da nicht einigen. Nicht beteiligt an dieser Diskussion sind die Alten, die aus nächster Nähe miterleben, unter welchen Schwierigkeiten ihre Kinder und Enkel leiden und mit welchen Problemen sie zu kämpfen haben. Und die wirklich Jungen, die es belastet, dass sie Eltern und Großeltern auf der Tasche liegen. Keine Generation ist da ausgenommen.

Es muss etwas gesagt werden. Letztes Jahr im September strömten die Menschen, Tausende, in den großen Städten auf die Straße. Sie mussten sich mit Worten Luft machen, sie waren kurz vor dem Ersticken. Sie hatten das dringende Bedürfnis sich zu äußern, Facebook reichte nicht mehr. Fast jeder brachte ein selbst gemaltes Plakat mit, darauf stand häufig ein Schimpfwort, Ausdruck tiefster Frustration über das hohle Politikergeschwätz. Die Antwort auf alle wohlformulierten Argumente, geradeheraus, war eine simple Beleidigung: Diebe. Darin kam zum Ausdruck, was sich im Laufe der letzten Jahre tagtäglich und immer mehr angestaut hatte, Nachrichtensendung für Nachrichtensendung. Das Unbehagen, die Verstörung, die von Tag zu Tag zunehmen. Das Gefühl, dass es nicht nur noch schlimmer werden kann, sondern auch wirklich wird.

Es muss etwas geschehen. Zum Beispiel nach London gehen, sich mit einem Freund ein Zimmer teilen und in einer Bar arbeiten; oder nach Luxemburg, bei Verwandten der Freundin wohnen, arbeiten, in einer Fabrik oder auf dem Bau, genauso wie die „Gastarbeiter“ in der 1960er Jahre. Anders als gewöhnlich behauptet wird, besteht die portugiesische Emigration derzeit nicht nur aus hoch qualifizierten Arbeitskräften, sondern ebenso aus Menschen mit schlechter Ausbildung und aus solchen, die sich im Ausland mit Tätigkeiten abfinden müssen, die weit unter ihrer Qualifikation liegen.

Den jungen Portugiesen ist nicht immer klar, was auf sie zukommt. Sie sind zu viele, und jeder Einzelne hat spezielle, ehrgeizige Ziele. Nur wenige unter ihnen können sich eine monotone, wenig anspruchsvolle, schlecht bezahlte Arbeit vorstellen, noch dazu in prekären Verhältnissen. In Portugal gilt für junge Leute unter dreißig ein Arbeitsvertrag für sechs Monate schon als stabiles Arbeitsverhältnis. Alle anderen landen in Arbeitslosigkeit, bei Honoraraufträgen oder Gelegenheitsjobs.

Ich nenne hier keine Zahlen, die Statistiken habe ich satt, wie fast alle in diesem Land. Ich rede hier von den unter Dreißigjährigen, aber ich könnte ohne Weiteres auch höhere Altersgruppen mit einschließen. Sie sind alle betroffen. Manchmal höre ich das Argument, alle würden diese Lage besser ertragen, hätten sie nie Anlass gehabt, sich eine andere Zukunft auszumalen, hätten sie nicht jahrelang daran geglaubt, einmal Designer oder Philosophielehrer zu werden. Welch ein trauriger Gedanke! Kann man das „Leben“ nennen, wenn die Zeit ohne Träume, ohne Wünsche, ohne Ambitionen verstreicht?

In einer Hinsicht hat der Minister recht, wenn auch nur sehr indirekt. Wir Portugiesen müssen stolz auf unsere Landsleute sein, die ein besseres Leben außerhalb Portugals suchen. Sie beweisen damit Mut und Fähigkeiten, die zu dem Besten gehören, was wir besitzen. Doch wir sollten ebenso stolz auf jene sein, die unser Land in den 1960er und 1970er Jahren verlassen haben. Sie haben dieselben Tugenden bewiesen. Ich weiß, wovon ich spreche. Ich bin stolz, Sohn eines Maurers und einer Hausangestellten aus der Pariser Vorstadt zu sein.

Es ist Anfang Februar. Portugal ist überaltert, und nun verlassen auch noch die jungen Leute das Land. Die Sonne scheint durch das Fenster hinter mir. Sie durchflutet den Raum, in dem ich sitze. In ihrem hellen Licht ermüden die Worte, genau wie das ganze Land. Es gibt Augenblicke, da scheinen sogar die Worte aufgeben zu wollen. Und wir fühlen uns von etwas bislang Unbekanntem besiegt. Wir müssen ihm ein Gesicht geben, unserer Angst ein Gesicht geben. Es muss etwas geschehen. Es muss etwas geschehen in diesem Land. Die sanfte Wärme der Februarsonne ist ein schwacher Trost. Sie reicht nicht aus, um auszugleichen, was uns an Hoffnung fehlt.

Aus dem Portugiesischen von Maralde Meyer-Minnemann José Luís Peixoto ist Schriftsteller.

Le Monde diplomatique vom 14.06.2013,