Barbie-Komplott

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Barbie-Komplott

„Es ist ein Mädchen“, titelte die taz, als Angela Merkel Kanzlerin wurde. Die irritierten, erstaunten, glücklichen oder enttäuschten Erzeuger dieses neuen Wesens an der Spitze der Regierung, die Wähler, blinzelten skeptisch in die Zukunft.

Nun hat sie schon eine Weile begonnen, diese Zukunft; die Skepsis hat sich nicht vollends verflüchtigt, aber man hat sich immerhin daran gewöhnt: dass es – Mundwinkel rauf oder runter –so gekommen ist. Darüber, wie es dazu kommen konnte, wird eher insgeheim denn öffentlich gegrübelt: Eine Frau. Eine Frau aus dem Osten. Eine Frau aus der CDU. Eine Frau, die Physikerin von Beruf ist. Eine Angehörige von lauter Minderheiten. Sie hat es geschafft, auf den Chefsessel der Nation zu klettern –und das in einem Land, in dem eine kleine radikale Minderheit die Polster solcher Sessel in Wirtschaft, Medien und Universitäten mit Geschick gegen die Abnutzung durch Unbefugte zu verteidigen weiß.

Wie konnte das geschehen?

Noch hat niemand diese Frage beantworten können. Nächsten Monat soll allerdings ein Buch erscheinen mit dem schillernden Titel „Die Merkel-Strategie“ und der horrorfilmtauglichen Unterzeile „Das eiserne Mädchen und der Weg an die Macht“. Wahrscheinlich soll dieser zweifelhafte Ehrentitel ein Kompromiss sein zwischen dem Eisernen Kanzler, den wir ja schon hatten, und dem Eisernen Schmetterling, den sich die Filipinos mit ihrem beneidenswerten subtropischen Erfindungsreichtum haben einfallen lassen. Die „Eiserne Lady“ haben uns die Engländer schon vor zwanzig Jahren weggeschnappt, damals, als hierzulande der Geist der frühen Kohl-Ära herrschte und konservative Politik eher gummiartig denn metallisch gehandhabt wurde.

Der fünfzigjährigen Machthaberin ist also der Mädchentitel zugefallen; darin schwingt weder Respekt mit wie in der „Eisernen Lady“, noch Kavalierscharme wie in der Schmetterlingsvariante, sondern – das Grauen vor etwas Monströsem.

Und: „Merkel-Strategie“. Erinnert das nicht an den Da-Vinci-Code? Ist das nicht eine Anspielung auf das Methusalem-Komplott, das bestimmt schon längst eine Gerontokratie auf dem Boden der Republik errichtet hätte, wäre es nicht durch die mutigen Enthüllungen eines beherzten FAZ-Chefsessel-Inhabers rechtzeitig aufgedeckt worden?

Gegen eine drohende Diktatur der Alten Männer ist ein aus robustem Material bestehendes Mädchen mit strategischen Fähigkeiten natürlich die denkbar beste Waffe.

Wird Angela Merkel uns also retten? Die Republik vor dem Untergang, die Frauen vor der Ausgrenzung und, nicht zuletzt, die Tugenden der DDR-Bürger vor dem Vergessen? Bislang scheint niemand daran zu glauben. Und außer einer Riege adliger Damen, von denen man zuvor nicht einmal wusste, dass sie frauenrechtlerische Neigungen hegen, legte zu ihrer Kanzlerlerinnenwahl kaum jemand wirklichen Enthusiasmus an den Tag. Da war nur dieses zutiefst verunsicherte, zweifelnde Blinzeln in die Zukunft: Es ist ein Mädchen …

Rundum optimistisch zeigte sich nur Alice Schwarzer, die vor allem von den sich eröffnenden Berufsperspektiven für die kleinen Mädchen im Lande angetan war: „Kanzlerin oder Friseuse“ ist von jetzt an die Frage.

Sollte Angela Merkel wirklich die erste Mädchen-Kanzlerin sein? Ist ihre ständige Rede von „den Menschen“ schlechthin und denen „im Lande“ im Besonderen nur Tarnung ihrer wahren Absichten? War es langfristige strategische Girlie-Power, die der Kanzlerin zur Macht verholfen hat?

Ein Barbie-Komplott?

Einen Hinweis darauf könnte man der Neujahrsansprache der Kanzlerin entnehmen, als sie sich in bisher nie gehörter Weise über die ausgewiesene Jungs-Domäne Fußball äußerte: „Natürlich drücken wir unserer Mannschaft die Daumen, und ich glaube, die Chancen sind gar nicht schlecht. Die Frauenfußball-Nationalmannschaft ist ja schon Fußballweltmeister, und ich sehe keinen Grund, warum Männer nicht das Gleiche leisten können wie Frauen.“

Das ist natürlich offene Provokation. Wer hätte damals, als Helmut Kohl und Berti Vogts nach dem WM-Sieg, von Gefühlen überwältigt, einander in die Arme sanken beziehungsweise, physisch korrekt, Berti in Helmuts Arme sank, wer hätte damals gedacht, dass ausgerechnet aus den Reihen der CDU einmal die verwegensten feministischen Spruchblasen auf Kosten des deutschen Männerfußballs sprudeln würden?

Überhaupt: Warum ist das Mädchen-Komplott ausgerechnet in der christlichen Partei so erfolgreich gewesen? Die Antwort liegt auf der Hand: Die waren nicht wachsam genug bei der Sesselpolster-Verteidigung.

Die altgedienten Linken dagegen, durch die frühesten Regungen des Feminismus mit weiblichen Machtansprüchen konfrontiert, hatten lange genug Zeit, ihr innerparteiliches Immunsystem gegen dergleichen zu mobilisieren. Dieses reagiert sofort. Bei dem ersten Anzeichen von Sesselbesteigung durch ein weibliches Wesen erkennt es den Eindringling und erzeugt eine erfolgreiche Abwehrreaktion. Christliche Patriarchen dagegen erliegen dem Girlie-Bazillus wie einst die kolonisierten Völker den Masern. Hilflos müssen sie nun dem ungleichen Kampf zwischen Barbie und Methusalem zusehen.

Katharina Döbler

© Le Monde diplomatique, Berlin

Le Monde diplomatique vom 10.02.2006, von Katharina Döbler

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