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Chaos und Furcht

Der hauchzarte Schlag eines Schmetterlingsflügels über der Taiga, lehrt die chaostheoretisch geschulte Meteorologie, kann ein schweres Unwetter über Mitteleuropa verursachen, mit gigantischen Sachschäden, schweren Störungen des öffentlichen Lebens, im schlimmsten Fall mit vielen Toten.

Der Schmetterlingsflügelschlag ist das Paradebeispiel für das chaostheoretische Postulat nichtlinearer Ursache-Wirkung-Ketten, nach dem winzigste Ursachen gewaltige Folgen haben können. In anderen Fällen dagegen zeitigen dieselben Ursachen keinerlei Folgen. Und umgekehrt können gewaltige Ursachen nahezu wirkungslos bleiben. Unwetter über der Taiga lassen in der Regel das Wetter über Mitteleuropa völlig kalt.

Manchmal hat es den Anschein, als ließen sich die sozialen und politischen Ereignisse der globalisierten Welt nur noch mit den Modellen der Chaostheorie fassen: Einmal entstehen gewaltige Trends mit unabsehbaren Folgen aus dem Nichts; man denke etwa an den Hype um Lady Dis Tod. Dann wieder bleiben gewaltige Anstrengungen völlig wirkungslos; als Beispiel mag das Milliarden Menschen in Bann ziehende „Live 8“-Spektakel im letzten Sommer dienen, das zwar zu einem Schuldenerlass für Afrika führte, aber an den Lebensumständen der Menschen dort schlicht nichts ändern wird.

Einem Schmetterlingsflügelschlag ähnelt auch der Abdruck von zwölf Mohammed-Karikaturen in der dänischen Zeitung Jyllands Posten – und einem heftigen Unwetter das, was durch sie ausgelöst wurde. Allerdings kommt in der sozialen Welt etwas hinzu: In der „zeitlosen Zeit“ des vernetzten Globus können zwischen Flügelschlag und Donnerhall Monate liegen, in denen nichts geschieht. Auch die räumliche Distanz zwischen Ursache und Wirkung spielt keine Rolle mehr. Ereignisse sind nicht nur zeitlos, sondern auch raumlos.

Chaostheoretische Deutungen unserer globalen Gesellschaft sind allerdings das Letzte, was wir hören wollen. Denn sie legen nahe, dass der Gang der Welt keinen festen Ursache-Wirkung-Beziehungen folgt, sodass es im Geflecht der Rückkopplungen und Feedbackschleifen keine identifizierbaren „Verursacher“, also auch keine klaren Verantwortlichen und keine stabilen Problemlösungen gibt.

Weil ein solcher Blick auf die Welt Angst macht, folgen wir lieber dem Deutungsmuster einer Trennung von Anlass und Ursache: Die Karikaturen mögen der Auslöser des Aufruhrs sein, die Ursache sind sie gewiss nicht. Die Ursache liegt im ökonomischen Rückstand der arabischen Welt oder in ihrem Demokratiedefizit oder auch im Wahrheitsanspruch monotheistischer Religionen. Diese Sicht auf die Ereignisse folgt dem modernisierungstheoretischen Weltverständnis, nach dem Säkularisierung, ökonomische Entwicklung und Demokratisierung logische Zielpunkte gesellschaftlichen Fortschritts sind. Ausbrüche irrationaler Gewalt sind dann ein vorhersagbares Ergebnis von Modernisierungsblockaden.

Die Entwicklungen in den modernen westlichen Gesellschaften seit 1989 lassen freilich Zweifel aufkommen. Ist nicht gerade die EU, das modernste aller politischen Gebilde, durch ein massives Demokratiedefizit gekennzeichnet, haben die Fundamentalisten und Evangelikalen nicht auch bei uns gewaltigen Zulauf, bauen wir nicht unseren Sozialstaat samt unseren völker- und menschenrechtlichen Standards wieder ab, während just unsere Wirtschaft am nachhaltigsten stagniert?

Alternativ bieten sich allenfalls noch marxistisch inspirierte Deutungen an, denen zufolge die spätmoderne Gesellschaftsentwicklung durch die unerbittliche Logik der Kapitalverwertung bestimmt ist, deren Zwänge und Widersprüche faschistische und fundamentalistische Tendenzen sozialpsychologisch erklärbar machen. Auch diese Deutung legt lineare Ursache-Wirkung-Beziehungen nahe. Was aber, wenn der Gewaltausbruch in Frankreich, die Vogelgrippe, der 11. September oder der Karikaturenstreit eben keiner geschichtlichen Logik, sondern dem Kontingenzprinzip des Schmetterlingsflügels folgen? Was, wenn diese Ereignisse einerseits kontingente Erscheinungen darstellen, die genauso gut hätten wirkungslos bleiben können, andererseits aber doch den Gang der Weltgeschichte beeinflussen?

Tatsächlich hat es den Anschein, als seien diese Ereignisse beides zugleich: zum einen Symptome eines weltweiten Wirkens politisch-ökonomischer Mächte – des Empires! – zum anderen aber Oberflächenerscheinungen, die ebenso zufällig wie unkontrollierbar sind. Es ist vielleicht nur eine Frage der Zeit, bis nach Aids und der Vogelgrippe eine neue globale Seuche um sich greift – aber wo sie auftritt und wen sie am stärksten trifft, welche Wirtschaftsbranchen sie ruiniert und welchen sie nützt, scheint dem Zufall überlassen.

Die Erscheinungen an der Oberfläche, das Spiel der Emotionen und Ideen, die Eruption und das Verschwinden von Konfliktlinien und die Richtung und Stärke der Kapitalströme entsprechen offenbar dem Muster chaotischer Meteorologie, wenngleich sie vielleicht einer universellen Logik unterliegen. Allein: Es sind die Entwicklungen an der chaotischen Oberfläche, die Wohl und Weh, Hoffnungen und Ängste, Leben und Tod der Subjekte bestimmen. Für diese Subjekte ist es fast tröstlicher, von einer kalten, unerbittlichen ökonomischen Logik regiert zu werden, als dem blinden Spiel des chaotischen Zufalls ausgesetzt zu sein.

Hartmut Rosa

Hartmut Rosa lehrt Soziologie in Jena.

Le Monde diplomatique vom 10.03.2006,