09.04.2010

Sehr reale Turbulenzen

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Sehr reale Turbulenzen

Die globale Krise bringt die Schwachpunkte der indischen Wirtschaft zum Vorschein von Jayati Ghosh

Zu Beginn der Weltfinanzkrise herrschte die Ansicht vor, Indien werde schon deshalb nicht sehr stark in Mitleidenschaft gezogen, weil es nicht so stark in die Weltwirtschaft integriert sei und über einen stabilen Binnenmarkt verfüge. Diese Ansicht hat sich als falsch erwiesen. Zwar ist das indische Bruttoinlandsprodukt (BIP) nicht geschrumpft, sondern nur langsamer gewachsen –vom Spitzenwert 9,2 Prozent im Jahr 2007 fiel das BIP-Wachstum nach Regierungsangaben um ein Fünftel auf 7,4 Prozent im Jahr 2009 zurück; der Tiefpunkt soll Ende 2009 erreicht gewesen sein. Die Beschäftigung aber, besonders in der Exportindustrie, nahm ab. Die Ausfuhren fielen allein 2009 um 20 Prozent, und in einer Gruppe von Branchen schrumpfte die Zahl der offiziellen Stellen zusammengenommen um mehr als 620 000, auch wenn diese Verluste inzwischen wieder kompensiert sind. Ferner gibt es einen starken Kaufkraftverlust: Während einer Umfrage zufolge die Einkommen in der Industrie um durchschnittlich 6,6 Prozent stiegen und in anderen Wirtschaftsbereichen sogar eher sanken, verdoppelte sich die Inflationsrate innerhalb eines Jahres auf 10 Prozent im Februar 2010. Und der Anstieg der Lebensmittelpreise ist mit 18 Prozent noch höher.

Callcenter statt Waren

Der indische Wirtschaftsboom, der dem jüngsten Abschwung vorausging, profitierte in dreifacher Hinsicht von einer stärkeren Integration des Landes in die Weltwirtschaft. Er beruhte erstens auf steigenden Dienstleistungsexporten, vor allem von Software. Er war zweitens stark von Kapitalzuflüssen abhängig, besonders von kurzfristigen wie Aktienkäufen aus dem Ausland. Drittens dienten diese Kapitalimporte als entscheidende Stütze für einen großenteils kreditfinanzierten Binnenkonsum und einen Investmentboom. Dies hat dafür gesorgt, dass das Wachstum weitgehend ungleich verlief und für binnen- wie außenwirtschaftlich verursachte Krisen anfällig blieb.

Der Boom hing vor allem mit den Deregulierungen im Finanzsektor zusammen, die das Geschäft mit Konsumentenkrediten belebte und – gekoppelt mit steuerlichen Entlastungen für die Reichen – den Konsum des einkommensstärksten Fünftels der indischen Gesellschaft angekurbelt haben. Dadurch wurde der Anstieg des Bruttoinlandsprodukts beschleunigt, obwohl die konsumtiven Ausgaben der meisten Inderinnen und Inder auf niedrigem Niveau verharrten. Zugleich sank die Lohnquote (der Anteil der Löhne am Nationaleinkommen), während das Einkommen aus Gewinnen erheblich stieg. Dies und die ständige Expansion des Finanzsektors (der zusammen mit dem Immobiliensektor 2007 und 2008 fast 15 Prozent des BIPs ausmachte) sowie der unaufhörliche Anstieg von Vermögenswerten wie Häuser, Betriebe oder Kapitalanlagen waren die Hauptgründe für einen demonstrativen – wenn auch kreditfinanzierten – Konsum von Luxusgütern, den sich die Reichen und die Mittelklassen vor allem in den Städten leisteten. Diese Nachfrage wiederum führte zu höheren Investitionen und einem weiteren Produktionsschub.

Insgesamt bedeutete dies die Ablösung des alten indischen Entwicklungsmodells, in dem staatliche Ausgaben die wichtigsten Wachstumsimpulse setzten. Schon im Lauf der 1990er-Jahre übernahmen die Eliten und die wachsende Mittelklasse mit ihrem privaten Konsum die Rolle des Konjunkturmotors. Doch obwohl das BIP rasch anstieg, blieb die Landwirtschaft tief in der Krise stecken. Neue Arbeitsplätze entstanden zumeist nur in Form prekärer Jobs oder unterbezahlter Subunternehmerschaft. Einen solchen auf spekulativer Blasenbildung beruhenden Expansionskurs haben in den letzten 15 Jahren auch andere Entwicklungs- und Schwellenländern erlebt.

In der Realwirtschaft machte sich die Krise durch den schnellen Rückgang der Exporte von Gütern und Dienstleistungen bemerkbar. Diese hatten erheblichen Anteil am vorangegangenen Boom. Dass Indien verletzlicher war als China, hatte einen besonderen Grund: China verdankt seine Handelsüberschüsse vor allem den Warenexporten, während Indien vor allem Dienstleistungen exportiert und insgesamt ein Handelsbilanzdefizit aufweist. Beim Export von Waren beschränken sich die indischen Erfolge auf wenige Branchen wie die Textil-, Chemie- und Pharmaindustrie sowie auf Metalle und Metallprodukte. Die Exporte der ersten drei Branchen lebten stark von der dynamischen globalen Nachfrage, die Metallindustrie dagegen war größtenteils vom Bedarf der Chinesen abhängig.

Bei den Dienstleistungen wurde Indien bereits 2005 zum weltweit führenden Exporteur von Software und IT-Services, und 2007 kam bereits über ein Drittel aller Computer-Dienstleistungen aus Indien. Dazu gehören Programmentwicklungen, aber auch Datenerfassung und der Betrieb von Callcentern. Doch den stürmischen Aufschwung dieses Sektors mit einem Wachstum von mehr als 20 Prozent pro Jahr über mehr als eine Dekade hinweg hat die Krise jäh beendet: Für 2010 werden nur noch 5,5 Prozent erwartet. Die etwa 50 Milliarden US-Dollar Exportvolumen dieses Sektors stellen ein Drittel der indischen Exporte dar. Die Erfolge der Branche kompensieren also teilweise die Tatsache, dass die fortschreitende Liberalisierung des Welthandels keineswegs zu einem Boom der indischen Warenexporte geführt hat.

Diese Abhängigkeit von einem auf dem Export von Dienstleistungen beruhenden Wachstum macht Indien auch gegenüber anderen Regionen anfälliger. Denn die Exporte gehen schwerpunktmäßig in einige wenige Industrieländer: Knapp zwei Drittel der indischen Dienstleistungsexporte im IT-Bereich gehen in die USA, ein Fünftel nach Großbritannien. Diese Abhängigkeit wird durch einen weiteren Faktor verstärkt: Die Rücküberweisungen indischer Bürger aus dem Ausland stammen seit Mitte der 1990er-Jahre immer öfter aus den USA. Das erklärt sich aus der wachsenden Zahl von Kurzzeitmigranten, die mit Sondervisa in die USA reisen, um dort Software und andere IT-Dienstleistungen anzubieten. Auch diese Geldzuflüsse stellen so etwas wie Einkommen aus dem Handel mit Dienstleistungen dar und stammen größtenteils aus den USA und anderen Industrieländern. Ihr Volumen belief sich 2009 auf mehr als 50 Milliarden US-Dollar.

Jobverluste im Exportsektor

Der indische Arbeitsmarkt wurde nicht nur 2008/09 durch Jobverluste im Exportsektor getroffen, sondern ist auch 2010 aufgrund der hohen Inflation und durch das sinkende Realeinkommen der Beschäftigten im industriellen wie im Dienstleistungssektor gekennzeichnet. Ebenso mussten die selbstständigen Handwerker und Freiberufler, die mehr als die Hälfte der Beschäftigten ausmachen, Einkommenseinbußen hinnehmen. Verschlechtert hat sich auch die Lage in der Landwirtschaft. Die sinkenden Erlöse durch den drastischen Preisverfall bei den Exportprodukten haben die finanzielle Lage der Bauern verschärft, die ohnehin schon mit steigenden Kosten und einer hohen Kreditlast zu kämpfen hatten.

In der gesamten indischen Wirtschaft erhöhte sich der Druck auf die kleinen Produzenten auch wegen des Kapitalmangels: Weder offizielle noch informelle Kredite waren noch zu haben. Da ein Großteil der Beschäftigten im industriellen wie im Dienstleistungsbereich in Kleinbetrieben arbeitet, schlug die Krise in diesem Bereich unmittelbar auf die Arbeitslosenzahlen durch.

Erhebliche Auswirkungen hatte die Krise auch auf die allgemeinen Lebenshaltungskosten und insbesondere auf die Versorgung mit Lebensmitteln. Eines der größten Probleme der letzten Jahre war die Verteuerung der Grundnahrungsmittel. Die resultierte vor allem aus dem starken Anstieg der Weltmarktpreise, speziell zwischen Anfang 2007 und Mitte 2008. Aber auch als das internationale Preisniveau wieder absank, gingen die inländischen Lebensmittelpreise weiter in die Höhe. So stiegen 2009 die Preise für Nahrungsmittel weiter, während die Inflationsrate für die anderen Konsumgüter zeitweilig fast bei null lag. Seitdem hat die Arbeitslosigkeit weiter zugenommen, während die Lohneinkommen stagnieren oder weiter zurückgehen. Die Bauern, die für den Weltmarkt produzieren, erzielen wegen der jetzt wieder gefallenen Preise geringere Erlöse. Das alles vermindert die familiären Budgets für Lebensmittelkäufe, ein Problem, das für Indien schon immer zentrale Bedeutung hatte, speziell auf dem Lande.

Auch die Versorgung mit den wichtigsten öffentlichen Dienstleistungen hat stark gelitten, was vor allem auf die Haushaltsprobleme der einzelnen Bundesstaaten zurückzuführen ist. Die indische Verfassung hat zwar ein föderatives System geschaffen, die fiskalischen Zuständigkeiten aber sehr ungleich zwischen der Zentralregierung und den Regierungen der Einzelstaaten aufgeteilt. Die vollständige Kontrolle über die Geldpolitik und über weite Teile der Haushaltspolitik liegt bei der Zentralregierung in Delhi, doch die allermeisten öffentlichen Ausgaben, die sich unmittelbar auf den Alltag der Bürger auswirken, fallen im indischen Föderalismus für die Bundesstaaten an. Sie sind zum Beispiel für das Gesundheits- und Bildungswesen zuständig, aber auch für Investitionen in die Infrastruktur wie Straßenbau, Abwassersysteme und öffentliche Verkehrsmittel. Nachdem infolge des verlangsamten Wachstums die Steuereinnahmen der Einzelstaaten eingebrochen sind, mussten sie ihre Ausgaben zurückfahren und die öffentlichen Versorgungsleistungen einschränken.

An dieser Misere können auch die bislang beschlossenen staatlichen Programme nichts ändern. Sie sind weder quantitativ ausreichend noch finanzieren sie Ausgaben, die eine größere Multiplikatorwirkung erwarten lassen. Und einige der wichtigsten Bereiche wurden schlicht ignoriert oder vernachlässigt: Es gab weder mehr Mittel für die einzelnen Bundesstaaten noch Direktinvestitionen in den Wohnungsbau für die ärmeren und mittleren Schichten und auch keine Ausweitung der staatlichen Nahrungsmittelhilfen oder der Mittel für den Ausbau der öffentlichen Beschäftigung und der Sozialleistungen.

Das indische Bankwesen hat während der globalen Turbulenzen der Finanzkrise eine gewisse Stabilität demonstriert. Viele sahen den Grund dafür darin, dass man in Indien die Regulierung der Bank- und Finanzmarktaktivitäten nie aufgegeben habe. Doch gerade die Deregulierung in den 1990er-Jahren und nach der Jahrtausendwende hat die Rolle der staatlich kontrollierten Banken und Finanzinstitutionen im Kern verändert. Nachdem in den 1990er-Jahren die strengen Aufsichtsregeln für die Privatbanken gefallen waren und diese das Geschäft mit den lukrativsten Kunden zu monopolisieren vermochten, sahen sich auch die öffentlichen Banken zu einem Strategiewandel gezwungen. Nur so konnten sie neue Refinanzierungsquellen zur Kreditvergabe auftun und neue Aktivitäten und Investitionsprojekte entwickeln, um ihre Erträge aus Zinsen und anderen Aktivitäten zu erhöhen. Damals stiegen die Banken bei Versicherungsunternehmen ein oder engagierten sich in sensiblen Bereichen wie den Aktien- und Immobilienmärkten.

Riskante Geschäfte der Banken

Indien erlebte also einen relativ raschen Strukturwandel des gesamten Bankensektors, der einige problematische Folgen hatte: Die Geschäftsbanken exponierten sich auf dem Kreditmarkt weit stärker, als es ihre Kapitaldeckung eigentlich erlaubte. Wie vom Weltmarkt bekannt, sammelten sich auch in den indischen Bankportfolios immer mehr Kredite zweifelhafter Qualität an, was die Neigung der Banker verstärkte, solche Kredite in handelbare Wertpapiere umzuwandeln und damit das Risiko weiterzureichen. Das indische Finanzsystem war also gegen Krisen keineswegs immun. Und dennoch trieb die Regierung in Delhi selbst nach dem Ausbruch der globalen Finanzkrise – und entgegen dem weltweiten Trend zu stärkerer Regulierung – die Deregulierung und Privatisierung der noch vorhandenen öffentlichen Finanzinstitutionen voran.

Daraus ergibt sich eine klare Schlussfolgerung: Wenn das Wirtschaftswachstum Indiens nachhaltiger ausfallen und eine gerechtere Verteilung bewirken soll, bedarf es eines wirtschaftspolitischen Paradigmenwechsels. Das künftige Wachstum muss durch höhere Lohneinkommen stimuliert werden und auf eine Diversifizierung der Exporte setzen. Vor allem aber muss dafür gesorgt werden, dass die breite Bevölkerung auch die Vor- und nicht nur die Nachteile der ökonomischen Entwicklung abbekommt. Das erfordert insbesondere eine Erhöhung der öffentlichen Ausgaben in den vier Bereichen, die für ein neues Entwicklungsmodell entscheidend sind.

Der erste Bereich ist die Infrastruktur, womit nicht nur Häfen und Flughäfen gemeint sind, sondern auch befestigte Straßen auf dem Land und ein anständiges Abwassersystem. Der zweite Bereich ist die soziale Infrastruktur, also ein qualitativ hochwertiges Schul- und Ausbildungswesen für alle und ein garantierter Zugang zu Gesundheitsdiensten. Drittens geht es um die Sicherung der Grundbedürfnisse, also vor allem um die Versorgung mit Nahrungsmitteln, die in den letzten Jahren zum Hauptproblem für einen großen Teil der Bevölkerung geworden ist. Der vierte und ganz entscheidende Bereich ist die Beschäftigung: Hier muss die Wirtschaftspolitik vor allem dafür sorgen, dass „richtige“, also produktive und permanente Arbeitsplätze entstehen – statt ständig gefährdeter und schlecht bezahlter Gelegenheitsjobs.

Aus dem Englischen von Niels Kadritzke Jayati Ghosh ist Professorin für Wirtschaftswissenschaften an der Jawaharlal-Nehru-Universität in Delhi. © Le Monde diplomatique, Berlin

Le Monde diplomatique vom 09.04.2010, von Jayati Ghosh