Die Blinden und die Wissenden

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Die Blinden und die Wissenden

Die Blinden und die Wissenden

von Bruno Preisendörfer

Kann heute eine frühkindliche Hornhautverkrümmung auf einem Auge im Erwachsenenalter durch eine Laserbehandlung korrigiert werden? Ja. Führt die Korrektur durch eine Laserbehandlung zu einem besseren Sehvermögen? Nein. Warum nicht? Weil das frühkindliche Gehirn nicht gelernt hat, das Auge mit der Hornhautverkrümmung zu benutzen wie ein Auge ohne Hornhautverkrümmung. Das „Lasern“ der Hornhaut ändert nichts an der Verarbeitung der Wahrnehmung im Gehirn, es bleibt gewissermaßen einäugig.

Konnte ein blind geborener Mensch des 18. Jahrhunderts einen Würfel von einer Kugel unterscheiden, ohne sie anzufassen, wenn er nach einer Staroperation, die gerade möglich geworden war, auf einmal fähig wurde, zu sehen? Und wie verhält es sich mit dem Schamgefühl des Blindgeborenen, der nicht sehen und mithin auch nicht fühlen kann, wie es ist, gesehen zu werden? Fragen wie diese stellte der am 5. Oktober vor dreihundert Jahren geborene französische „philosophe“ Denis Diderot in seinem „Brief über die Blinden“. Der Clou dieses Textes bestand darin, über den Zusammenhang von sinnlicher Wahrnehmung und moralischer Empfindung aufzuklären. Aber dadurch, dass Materialität und Moralität einander so nahe kamen, rückte die Idealität Gottes in weite Ferne. Das war gefährlich.

Am Morgen des 24. Juli 1749 drang die Pariser Polizei in Diderots Arbeitszimmer ein, um den „Brief über die Blinden“ zu beschlagnahmen. Dabei fand sie auch Notizen über die englische „Cyclopaedia“ von Ephraim Chambers. Das griechische „cyclo“ bedeutet „Kreis“, und als Zyklopen, als „Kreisäugige“ bezeichnete Homer furchterregende Riesen mit nur einem Auge, kreisrund und mitten auf der Stirn. Ein solches Ungeheuer war nahezu unbesiegbar, es sei denn, man machte es betrunken und rammte ihm, während es seinen Rausch ausschlief, einen glühenden Pfahl durchs Auge. So machte es Odysseus mit dem menschenfressenden Polyphem.

Der englische „Cyclopädist“ Ephraim Chambers war kein Menschen-, aber ein Wissensfresser. Im Jahr 1728 erschien seine zweibändige „Cyclopaedia, or, An universal dictionary of arts and sciences: containing the definitions of the terms, and accounts of the things …“ – der Titel ist noch lange nicht zu Ende und würde bei vollständiger Wiedergabe die Spalte füllen. „Cyclopaedia“ könnte man mit „Kreis der Bildung“ übersetzen, und an der Erweiterung dieses Kreises arbeitete Diderot, als er verhaftet wurde. Es ging ihm zusammen mit d’Alembert und dem Verleger Le Breton darum, den englischen Zyklopen ins Französische zu übersetzen und dessen Gesichtsfeld um weitere Wissenskreise zu erweitern. Das geschah vor allem durch Querverweise, etwa beim Artikel „Menschenfresser“: „Das sind Völker, die von Menschenfleisch leben. Die Kyklopen werden von Homer als Anthropophagen oder Menschenfresser bezeichnet.“ Am Ende des Artikels, der übrigens nicht von Diderot stammt, steht: „siehe Eucharistie, Kommunion, Altar“ – eine Schmähung der katholischen Verwandlung von Brot und Wein in Leib und Blut Christi als christliche Menschenfresserei.

Tippt man bei Wikipedia „Menschenfresser“ ins Suchfeld, erscheint ein Artikel über Tiere, die Menschen fressen, und ein Verweis auf „Kannibalismus“. Der Kannibalismus-Artikel erwähnt die Opferriten der Azteken und das Verspeisen eines Missionars auf Fidschi, verbrennt sich aber nicht den Mund am Hostienverzehr. Im Abschnitt über die Antike wiederum nennt der Artikel Herodot und Juvenal, aber weder Homer noch Polyphem noch Odysseus. Allerdings erscheint ein recht ordentlicher Artikel, wenn man „Polyphem“ direkt eingibt. Auch bei vernetztem Wissen kann es an der Verlinkung hapern.

Gleichwohl liegt in der unabschließbaren Verknüpfung von allem mit allem der wesentliche Unterschied zwischen den irgendwie immer einäugigen Wissenskreisen Diderots und seiner zahlreichen Mitarbeiter und dem vieläugig verfolgten Netz einer ständig fortschreibenden (wenn auch nicht immer fortschreitenden) dauerkommunizierenden „Community“ aus zahllosen anonymen Beiträgern (die meisten sollen männlich sein).

Ursprünglich war das gar nicht so gewollt. Am Anfang stand nicht die Intelligenz schwärmerischer und bienenfleißiger anonymer Wissensverteiler, sondern die Fachkompetenz ausgewiesener Experten. Im März 2000 begannen Jimmy Wales und Larry Sanger mit der Internetenzyklopädie „Nupedia“. Die Autoren waren nicht anonym, und die Beiträge durchliefen ein Kontrollverfahren, das an die „peer reviews“ der Fachzeitschriften angelehnt war. Daraus wäre ein „ganz normales“ Riesenlexikon geworden, das sich von anderen modernen Lexikonriesen wie dem Brockhaus oder der „Encyclopaedia Britannica“ hauptsächlich durch das Gewicht unterschieden hätte, nicht das Gewicht der Worte, sondern das der Bücher, in dem sie standen oder eben nicht mehr zu stehen brauchten, weil jedermensch sie auf dem „Schirm haben“ konnte.

Wiki änderte alles. Am besten schaut man selbst bei Wikipedia nach, was ein Wiki ist. Hier nur so viel: „Ein Wiki (Hawaiisch für ‚schnell‘) ist ein Hypertext-System für Webseiten, deren Inhalte von den Benutzern nicht nur gelesen, sondern auch online direkt im Webbrowser geändert werden können.“ Auf einmal konnten alle mitreden, das heißt: mitschreiben. Am 21. Januar 2001 wurde die Internetadresse wikipedia.com eingestellt, zweihundertfünfzig Jahre nach Auslieferung des ersten Bands von Diderots „Enzcyclopédie“.

Das französische Mammut- und Meisterwerk, dessen Vorbereitung durch die viermonatige Haft Diderots (Wikipedia rechnet falsch und nennt drei Monate) unterbrochen worden war, wuchs vom Erscheinen des ersten Bands 1751 bis zu Diderots Rückzug 1772 auf 28 Bände: siebzehn Textbände (davon kamen zehn auf einmal im Jahr 1765 heraus) und elf Tafelbände, alle im riesigen Folioformat.

Es handelte sich buchstäblich um Wagenladungen des Wissens. Die Blätter wurden in Lagen gelegt oder in Fässer verpackt mit Postkutschen zu den Subskribenten gefahren und erst von den Empfängern zu Büchern gebunden. Die Anschaffungs-, Transport- und Bindekosten waren riesig.

Dennoch kann die Enzyklopädie nicht als umfangreichstes europäisches Lexikon angesehen werden, nicht einmal als erstes. Ihr ging, wie erwähnt, als Vorbild und Vorlage die zweibändige „Cyclopaedia“ von Chambers voraus und dieser wiederum das 1704 in London veröffentlichte „Lexicon technicum“ von John Harris. In Deutschland war im gleichen Jahr das „Reale Staats- und Zeitungs-Lexicon“ erschienen, und von 1732 bis 1754 kam Johann Heinrich Zedlers „Grosses vollständiges Universal-Lexicon aller Wissenschafften und Künste“ heraus. Es umfasste 68 Bände, war alphabetisch nach Stichworten gegliedert und verfügte über abertausende Verweise. Viele dieser Verweise waren jedoch im Wortsinn u-topisch und führten nirgendwohin. Immerhin lässt sich Polyphem „zedlern“, auch online: „Er war ein Cyclope, und zwar der stärckeste unter allen, so an Größe den hohen Bäumen auf den Felsen gliche, ein Auge nach Art der Cyclopes auf der Stirn hatte, und weder nach dem Jupiter noch andern Göttern was fragte.“

Großartig! Diderot, der Philosoph, schafft Gott aus der Welt, indem er nicht an ihn glaubt. Der Riese Polyphem lässt Jupiter Jupiter sein und macht einfach, was er will. Der Hellste war der Einäugige aber nicht. Und wenn er schon nicht nach den Göttern fragte, hätte er genauer nach dem Menschen fragen sollen, „indessen fragte er doch den Ulysses nach seinem Namen“, erzählt Zedler, „der sich denn Utis nannte“. Nach seiner Blendung ruft der Dummkopf „die andern Cyclopen herbey; allein, da ihn diese fragten, was ihm fehle, sagte er, dass ihm Utis sein Auge ausgestochen, weil aber Utis so viel als Niemand heißt, glaubten sie, er vexire sich mit ihnen und giengen alle wieder ihre Wege“.

Der einäugige Polyphem versteht nicht richtig zu fragen und der blinde nicht richtig zu antworten. Darin besteht seine eigentliche Blindheit. Aber auch Aufklärung kann blind sein. Diderot sprach in seinem „Brief über die Blinden“ Menschen ohne Sehvermögen die Humanität ab. Drei Jahrzehnte später korrigierte er die eigene Blindheit. In einem Zusatz zum Brief nahm er sein früheres Urteil als Vorurteil zurück.

Zu dieser Einsicht hatte die Liebe geführt. Sophie Volland, seine Herzens-, Seelen- und vermutlich auch Sinnenfreundin während der Entstehungsjahre der Enzyklopädie, hatte eine im zweiten Lebensjahr erblindete Nichte, die charmant, intelligent und der Liebling der Familie war. Aus der Nähe betrachtet sieht manches anders aus als von fern studiert. Das gilt für jedes Wissen, ob man es „nachschlägt“, „herunterlädt“ oder „auf dem Schirm hat“.

Bruno Preisendörfer ist Schriftsteller in Berlin. Zuletzt erschien von ihm: „Hat Gott noch eine Zukunft?“, Essays, Stuttgart (Hirzel) 2013, und „Die Schutzbefohlenen“, Roman, Gießen (Psychosozial Verlag) 2013. www.fackelkopf.de © Le Monde diplomatique, Berlin

Le Monde diplomatique vom 11.10.2013, von Bruno Preisendörfer

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