Artikel

Artikel drucken zurück

Brief aus Tel Aviv

von Patrick Batarilo

Ich schreibe aus einem Land, das jeden Tag aufs Neue das Bild umstößt, das ich mir von ihm mache. Seit zwei Monaten lebe ich in Tel Aviv. Und mein Symbol für Stadt und Land ist noch immer das Tattoo meiner israelischen Künstlerfreundin Keren: ein kleines, sehr sympathisches Fragezeichen am Unterarm.

An einem der ersten Abende ging ich mit Keren in der Gegend um den Boulevard Rothschild aus. Elf Uhr, die Straßen waren voll. Der neue internationale Ruf Tel Avivs als Party- und Clubkultur-Eldorado ist ein Aspekt ihres Lebens, von dem die Israelis mit leichtem Unglauben, aber gerne hören – im Gegensatz zu den ewigen Fragen nach dem Nahostkonflikt (hierzulande einfach „der Konflikt“), mit denen ausländische Besucher sonst so gern aufwarten. Im „Breakfast Club“ fand eine Ausstellung statt, zwei von Kerens Bildern waren dabei. In dem engen Raum zwischen Bildern und Bar tanzten einige hundert Israelis – mehr auf der Bar als daneben, schien es. Tel Aviv, die ausgelassene Partystadt. Ganz ohne Fragezeichen?

„Wenn du nicht weißt, was morgen ist“, sagte Keren, „dann feierst du eben heute.“ Das habe sie schon als Jugendliche so gemacht. „Auf meinen Schulbus wurden mehrere Selbstmordanschläge verübt. Damals bin ich zu Punkkonzerten gegangen.“ Damals – das war die Zeit der zweiten Intifada. Einer meiner ersten Abende, und mir wurde klar: Auch wenn kaum einer gleich darüber reden will – „der Konflikt“ wirft seinen Schatten auf alles, auch im Discolicht. Oder wie es Keren sagte: Wenn die Jugend Israels ausgelassener feiert als der Rest der Welt – dann ist das auch eine Form der Revolte gegen die Umstände.

„Revolte? – Verdrängung! Ausgelassener? – Pessimistischer!“ So benannte es der Grafikdesigner Oded am darauffolgenden Tag. Die nächste Krise, ob Krieg oder Anschlag, komme bestimmt. „An Veränderungen glauben in Israel nur die Extremisten.“ Odeds eigener Pessimismus bezog sich noch auf etwas anderes.

Am Eingang nicht nur der Tel Aviver Clubs, sagte Oded, werde er bei den üblichen Sicherheitschecks stets gründlicher durchsucht als zum Beispiel Keren oder ich. Warum? Herkunftsfrage. Odeds Familie ist in den Fünfzigerjahren aus dem Irak eingewandert. Über dem großen Widerspruch „des Konflikts“, sagte er, vergesse man die vielen kleinen Widersprüche, die das Zusammenleben der Juden untereinander bestimmen. Oft genug blieben sie genau deswegen ungelöst. Sephardische Juden wie er, erzählte Oded, die oft „orientalischer“ aussähen, seien von den in der Gründerzeit Israels dominierenden Juden aus westlichen Ländern, den Aschkenasim, jahrzehntelang diskriminiert worden. Die Dinge haben sich gebessert – ironischerweise auch, weil neue Einwanderungsgruppen äthiopischer und russischer Juden, von Letzteren fast eine Million, die Rolle der unbeliebten Minderheit übernommen haben. Gerade in Israel, sagte Oded, wo Juden alle Türen offenstehen sollten, seien sie oft verschlossen.

An Pessach, der Zeit, in der an den biblischen Auszug der Juden aus Ägypten erinnert wird, war ich zum Seder-Abendessen bei einer Familie säkularer Aschkenasim eingeladen. Der Hausherr war in den 1950er-Jahren aus Belgien eingewandert und sprach perfektes Französisch mit seinen perfekt Hebräisch sprechenden Kindern. Das Fest wurde mit einer legeren Heiterkeit begangen – als etwas, das selbstverständlich zur Identität auch säkularer Juden gehört. Die meisten Speisen hatten mit der Flucht aus Ägypten zu tun. Ungesäuertes Brot natürlich, die Matze. Und wieso Eier? Die gebe es, wurde gewitzelt, weil das Wasser im Roten Meer nicht völlig gewichen sei, sondern den Herren noch bis zum Schritt gereicht habe. Israel, das Land des ironisch-selbstbewussten Umgangs mit der eigenen Religion und ihren Traditionen?

Am Tag darauf besuchte ich Micka, die als Übersetzerin in Jerusalem arbeitet. 60 Kilometer Entfernung, eine andere Welt. Der Weg führte durch das orthodoxe Viertel Me’a Sche’arim. Auf den Straßen ultraorthodoxe Juden, an ihrer schwarzen Kleidung leicht erkennbar, die sich auf Jiddisch unterhielten und Micka missbilligend ansahen, weil sie – als Frau! – Fahrrad fuhr. An den Wänden Aufrufe zu Demonstrationen, zum Beispiel dagegen, dass in öffentlichen Bussen Männer und Frauen nicht getrennt sitzen. Auch ein Teil der israelischen Gesellschaft, sagte Micka. Ihr Standpunkt war deutlich gemäßigter als der vieler Tel Aviver. Nicht wenige der über 350 000 Ultraorthodoxen, hatte man mir dort erzählt, weigerten sich, den Staat Israel anzuerkennen, weil nur Gott den Juden eine neue Heimat geben dürfe; deshalb zahlten sie keine Steuern und gingen nicht zur Armee – sie nutzten, so der missbilligende Tenor, den Staat aus, ohne eine Gegenleistung zu erbringen. Israel, das Land, in dem die Tradition zum Fetisch wird? Moderne Kommunikationstechnik sah ich übrigens auch in Me’a Sche’arim. Über eine iPhone Application kann man jetzt sogar sein Gebet direkt an die Klagemauer schicken.

In Mickas Wohnung probte gerade die Band ihres Mitbewohners ein jiddisches Schtetl-Lied – in einer Reggae-Fassung. Micka ist Ende zwanzig und in drei verschiedenen NGOs aktiv. Eine dieser NGOs organisiert Hochzeiten. Ein ziviles Eherecht fehlt in Israel, es gibt keine standesamtlichen, nur religiöse Eheschließungen. Eine Heirat zwischen Juden und Nichtjuden ist in diesem Rahmen unmöglich – von Homoehe ganz zu schweigen. Mickas NGO bietet daher eine Ersatzzeremonie an. Es gibt noch einen anderen Ausweg: Viele säkulare Juden fahren zum Heiraten ins Ausland, vorzugsweise ins nahe gelegene Zypern – nach internationalem Recht muss Israel diese Ehen anerkennen. Eine andere NGO, für die Micka arbeitet, versucht, ein Kinderbuch herauszugeben, dessen Protagonistin eine israelische Araberin ist. Geht das finanziell? Schwierig, fast unmöglich. Aber etwas tun muss man.

Von Mickas Wohnung aus fuhr ich nach Hebron in Westjordanland – durch den Jerusalemer Checkpoint, an der 2003 errichteten israelischen Sperranlage vorbei. Auf ein Stück der bis zu acht Meter hohen Mauer hat der britische Streetart-Künstler Banksy eine Taube gemalt: einen Olivenzweig im Schnabel, mit kugelsicherer Weste, im Visier eines unbekannten Schützen. In Hebron besuchte ich einen palästinensischen Ingenieur. Zum Einkaufen nahm er mich in die Altstadt. Marktstände gibt es dort allerdings kaum noch, weil etwa 500 jüdische Siedler, die sich in ein paar Gassen verschanzt haben, den Basar von ihren Wohnungen aus mit Flaschen und Steinen bewerfen. Die 500 Siedler werden von einer erheblich größeren Zahl israelischer Soldaten beschützt.

Abends, während sein zwölfjähriger Sohn mich im Schach schlug, begann der Ingenieur über Politik zu reden. Er werde nach Ramallah ziehen. Warum? Nicht genug Arbeit in Hebron. Und die Kinder? Auch ihretwegen. Er wolle keine Angst haben müssen, dass seine Kinder auch irgendwann mit Steinen werfen. Bis auf einige Fanatiker seien die Palästinenser zum Frieden bereit. Doch auf israelischer Seite gebe es keine gesprächsbereiten Politiker. Das Gleiche, nur mit umgekehrten Rollen, hatten mir meine Freunde in Tel Aviv gesagt. Israel und die besetzten Gebiete – das Land des Schachmatt.

Zurück fuhr ich übrigens mit einem Fahrrad, das ich mir in Hebron gekauft hatte – die ganze Strecke von Hebron bis Tel Aviv. So etwas würde kein Israeli oder Palästinenser machen – zu gefährlich. Dass so etwas nur einem Ausländer einfallen kann, war, wenn ich meinen israelischen Freunden glaube, auch der einzige Grund, warum ich die Strecke unbeschadet überstanden habe und auch am Checkpoint nicht aufgehalten wurde. Dass die Fahrt meinen Freunden so gefährlich vorkam, liegt umgekehrt auch daran, dass sie etwas Vergleichbares noch nie gemacht haben – noch nie machen konnten. Denn Israelis dürfen nur in bestimmte Gebiete des Westjordanlands und Palästinenser nur in Ausnahmefällen nach Israel. Israel und Palästina – zwei Unbekannte.

Jerusalem aus Eisen,

aus Blei, aus Dunkelheit –

hatten wir Dich nicht befreit?

Die Zeilen stammen aus einem Lied des israelischen Sängers Meir Ariel, 1967 geschrieben, kurz nach der Besetzung des Westjordanlands im Sechstagekrieg. Meir Ariel war einer der Elitesoldaten, die geholfen hatten, Jerusalem einzunehmen. Sein Song „Das bleierne Jerusalem“ war eine Parodie auf den patriotischen Hit „Das goldene Jerusalem“ – eine Abrechnung mit der Erfolgsstory des Sechstagekriegs. Dass die militärische Erfolgstory keine für das Land war, darauf weisen nicht nur die Probleme hin, die Israel heute mit seinen Nachbarländern hat: die existenzielle Bedrohung Israels von Osten her durch den Iran und die strategische Bedrohung von Norden her durch die Hisbollah. In jüngster Zeit ist als Drittes die Legitimitätskrise dazugekommen. Israel begreift, gerade unter dem zunehmenden Druck der jetzigen US-Regierung, dass der Westen nicht länger willens ist, selbstverständlich ein Land zu unterstützen, das seine moralische Legitimität durch die fortwährende Besatzung selbst infrage stellt. Das gibt im Land selbst nicht nur zu Pessimismus Anlass.

Der Blick der anderen kann auch den eigenen Blick auf sich selbst ändern, so fasste es Oded zusammen, der Grafikdesigner aus Tel Aviv. Wir waren auf dem Weg zu einer Feier des israelischen Unabhängigkeitstags am 20. April. 62 Jahre alt wurde Israel an diesem Tag. Auf den Dächern wehten Fahnen, und wo es nur ging, wurde gegrillt. Um uns herum liefen Kinder auf und ab, mit riesigen aufblasbaren Plastikhämmern in den Nationalfarben in der Hand. Mit den Hämmern schlugen sie einander lachend auf die Köpfe.

Patrick Batarilo ist Journalist. © Le Monde diplomatique, Berlin

Le Monde diplomatique vom 14.05.2010,