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Mein Handy nervt

Neulich, als ich ein paar Socken wegwarf, weil sie ein kleines Loch hatten, überkam mich ein geradezu nostalgisches Gefühl: Ich habe diese Socken kaum gekannt, und schon müssen sie von mir gehen. Ich kann mich nicht mal mehr erinnern, wann und wo ich sie gekauft habe, aber alt sind sie nicht geworden. Vor allem sind sie mir völlig fremd geblieben. Als ich jung war, hatte ich ein viel innigeres Verhältnis zu meinen Socken: Ich wusste, von wem ich sie geschenkt bekommen hatte, und wenn sie erst einmal an vielen Stellen gestopft und geflickt waren, in mühevoller, intimer Handarbeit, waren sie meine ganz und gar individuellen Bekannten. Sie hatten sich mir sozusagen anverwandelt, sie waren ein Teil von mir, gehörten zu mir, und ich war ein Teil von ihnen: Meine Arbeit, meine Betrachtung steckte in ihnen.

Na gut, was sind schon Socken, das ist eben der Unterschied zwischen einer Mangelgesellschaft und einer Überflussgesellschaft, und sicher will ich nicht behaupten, Erstere sei besser. Aber dann fiel mir ein, dass es mir mit dem Radiorekorder genauso ging wie mit den Socken. Was war das für eine Freude, als ich meinen ersten bekam, den ich mir mit aller Sorgfalt einer lebenswichtigen Entscheidung im Quellekatalog ausgesucht hatte! Bald kannte ich alle Funktionen, ich wusste, was er konnte und was er nicht konnte. Dann begann ich an ihm herumzubasteln, ausgediente Autolautsprecher anzuhängen beispielsweise. Und schließlich hatte auch er seine Macken: Die Aufnahme zum Beispiel funktionierte nur, wenn man den Aufnahmekopf zweimal hintereinander in einem ganz bestimmten Winkel drückte und dann eine Weile festhielt, manchen Sender bekam ich nur dann ohne Rauschen, wenn ich die Antenne manipulierte, das Kassettendeck war mehrfach geklebt, der Tonkopf musste mit einer Schraube immer wieder in der Höhe nachreguliert werden. Auch mit meinem Radiorekorder war ich in gewisser Weise verwachsen. Jetzt schaue ich die Abspielgeräte kaum mehr richtig an. Es dauert mir schon zu lange, sie aus der Verpackung zu nehmen. Was ich ganz bestimmt nicht durchlese, ist die Gebrauchsanweisung. Ich ziehe sie, fluchend, allenfalls dann zu Rate, wenn ich gar nicht zurechtkomme. Die meisten Funktionen meines Geräts kenne ich gar nicht – ich bin froh, das zu wissen, was ich unbedingt brauche, obwohl ich sagen muss, dass ich manche Dinge, die ich mit dem alten Rekorder tun konnte, jetzt nicht mehr kann, weil ich mir nie die Mühe gemacht habe, herauszufinden, wie es geht. Dass die eingebaute Uhr immer noch 00:00 blinkt, verursacht mir ein schlechtes Gewissen. Ich würde sagen, mein aktueller Radiorekorder und ich sind uns ziemlich fremd geblieben.

Und wie ist es mit dem neuen PC? Dem Handy? Die Zeit, die ich mir nehme, mich mit den Dingern vertraut zu machen, wird immer kürzer, und das Gefühl, das ich dabei habe, immer schaler: Ich habe geradezu die Empfindung, ich tue den Geräten Unrecht: Sie sind so toll, und ich verstehe sie gar nicht. Ich mache mir keine Mühe mit ihnen. Eigentlich kann ich es kaum erwarten, bis sie eine kleine Macke haben, damit ich sie wegwerfen kann. Kaufen macht Spaß. Das Auto? Tja, mein Vater hat seins noch selbst repariert. Er und sein alter Ford waren ein unzertrennliches Paar. Ich kann mir nicht mal die Zulassungsnummer meines Wagens merken.

Tatsächlich hat das Fremdwerden unserer Alltagsdinge inzwischen auch das Werk- und Arbeitszeug erreicht. Über Computerprogramme beispielsweise muss man kein Wort mehr verlieren: Vom ersten Textverarbeitungsprogramm, mit dem ich schrieb, konnte ich mit Fug und Recht behaupten, dass ich es verstanden und verinnerlicht, ja dass ich es mir anverwandelt hatte. Mein Chef schreibt genau deshalb bis heute in einer alten DOS-Version. Ich dagegen benutze die neueste Version. Die Autokorrekturfunktion treibt mich in den Wahnsinn: Ich weiß nicht, wie ich sie ausschalten kann. Aber auch der Tennisschläger in meiner Hand fühlt sich fremd an. Ich habe ihn vor sechs Wochen gekauft.

Unvertraut ist mir auch die Wohnung, in der ich gerade lebe – nachdem ich berufsbedingt mal wieder umgezogen bin. Küche und Bad wurden ohnehin gerade neu gemacht. Ich mache mir nicht mehr die Mühe, meine Nachbarschaft zu erkunden. Nach dem siebten Ortswechsel hat man es satt. Ich muss wissen, wo ich einen Bäcker finde, einen Supermarkt, einen CD-Laden und ein Kino. Was interessiert mich der Rest? Mein Arbeitsvertrag läuft noch über ein halbes Jahr.

Ach ja, und meine Freunde und Bekannten. Wie gewonnen, so zerronnen. Wenn ich neue Geschäftspartner und Kollegen treffe, haben wir schlicht keine Lust mehr, uns wechselseitig unsere Lebensgeschichten anzuhören. Wir gehen einen trinken, gehen ins Kino und auch mal wandern, und wenn wir in die nächste Stadt ziehen, gehen wir eben auseinander. Vielleicht sieht man sich einmal wieder, wir bleiben in Kontakt – E-Mail und Handy machen es uns ja nicht schwer. Über alle dem schleicht sich bei mir immer stärker jenes Gefühl ein, das Ödön von Horváth so schön auf den Punkt bringt: „Eigentlich bin ich ganz anders, nur komm ich so selten dazu“. Vielleicht sollten wir noch einmal über die Bedeutung des Begriffs „Entfremdung“ nachdenken – einfach so, ganz unprätentiös.

Hartmut Rosa

© Le Monde diplomatique, Berlin Hartmut Rosa lehrt Soziologie in Jena.

Le Monde diplomatique vom 12.05.2006,