12.05.2006

Stummer Geist

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Stummer Geist

von Ignacio Ramonet

Während der jüngsten Revolte gegen den Ersteinstellungsvertrag (CPE) in Frankreich standen die Begeisterung und Lebendigkeit der Straße wieder einmal in traurigem Kontrast zum Schweigen der Intellektuellen. Das war bereits im November 2005 so, beim Aufruhr in den Banlieues. Inmitten des lärmenden Geschwätzes gab es kaum eine Stimme, die es vermocht hätte, die Ereignisse zu „lesen“, ihre tiefere Bedeutung freizulegen und in Handlungsperspektiven umzusetzen. Zu den wenigen Ausnahmen gehören John Berger und Jean Baudrillard.

Die Gesellschaft ist mangels überzeugender und mobilisierender Interpretationen der Ereignisse in Gefahr, die Symptome ihrer Krankheit zu verkennen und deshalb immer wieder dieselben „Krisen“ zu durchlaufen.

Intellektuelle sind Leute, die ihre im Bereich Wissenschaft, Kunst oder Kultur erworbene Bekanntheit dazu nutzen, öffentlich für Ideen zu werben, die sie für richtig halten. Seit 200 Jahren ist es in den modernen Staaten ihre Aufgabe, gesellschaftliche Entwicklungen zu entschlüsseln und den Weg auszuleuchten, der zu mehr Freiheit und zu weniger Entfremdung führt.

Anlässlich der beiden erwähnten Ereignisse wurde deutlich, wie sehr uns die Analysen von Pierre Bourdieu, Cornelius Castoriadis oder Jacques Derrida fehlen.

Haben wir heute noch Intellektuelle, auf die wir uns beziehen können? Inwiefern hat sich mit der Medialisierung der Gesellschaft auch die Bedeutung des Intellektuellen verändert? Warum gibt es neben dem faschistischen Intellektuellenhass à la Goebbels und der Intellektuellenfeindlichkeit der US-amerikanischen Rechten eine Art Selbstzerstörung durch exzessive Medienpräsenz, wie sie zum Beispiel Bernard-Henri Lévy vorexerziert?

Eine weitere zentrale Frage lautet, wie und warum sich angesehene Denker in Zeitungen und Verlagshäusern, aber auch an öffentlichen Institutionen wie Universitäten für private Interessen einspannen lassen (siehe das Dossier „Frankreichs Intellektuelle“).

Le Monde diplomatique vom 12.05.2006, von Ignacio Ramonet