Brief aus Kalkutta

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Brief aus Kalkutta

Brief aus Kalkutta

von Elisa Bertuzzo

Spätmonsun-Sturm, 29 Grad Celsius. „Leg dich so hin, den Kopf aber auf dieser Seite, nicht auf dieser.“

Sie weiß, dass entlang der Wand, unter den zusammengestückelten Bänken und Teekiosks, eine Menge Tiere von der Art unterwegs sind, die man nicht nah beim Schlafen haben möchte. Ich erkenne beim genauen Hinschauen Mäuse, Kakerlaken, den Schwanz einer nach oben kletternden Ratte … Selbstverständlich legt man den Kopf nicht in diese, sondern in Gleisrichtung! Doch dies ist Wissen, das man durch jahrelange Erfahrung erarbeiten muss: Durga, anders als ich, die Anfängerin, führt seit ihrer Kindheit dieses Pendlerleben; der Bahnsteig des Bahnhofs von Dum-Dum ist der Ort, an dem sie die meisten Nächte verbringt.

Seitdem sich die „Mohammedaner“, wie Durga sie nennt, in ihrer Gegend breitgemacht haben, sei es für Frauen gefährlich, dort nach 23 Uhr unterwegs zu sein. „Nachts finde ich keinen, der mich bis zum Dorf fährt; ich muss eine schmale Straße entlang durch ein paar Dörfer und den Wald laufen, es gibt keine Straßenbeleuchtung. Dann sind nur die Männer auf der Straße, sie trinken und werden gewalttätig. Es ist viel besser, in Dum-Dum zu bleiben. Hier sind die Polizisten gut, und jeder kennt sowieso jeden“, sagt sie. Morgens um fünf kommt der erste Zug, und mit ein bisschen Glück lässt sich am Bahnhof von Barasat ein van puller finden, der für 15 Rupien die sechs, sieben Kilometer zum Dorf fahren will.

Schon hat sie am Ende des Bahnsteigs den übrig gebliebenen saag – die Aronstabsblätter, die in ihrem Dorf wild wachsen und sich in der Stadt so gut verkaufen lassen – entsorgt und sich an der öffentlichen Toilette notdürftig erfrischt. Viele andere Frauen, erschöpft und schweigsam wie sie, kommen und gehen. Täglich erreichen sie mit ihrem Gemüse Dum-Dum, den äußersten Zugbahnhof Kalkuttas, und verbringen dort einen halben Tag und die ganze Nacht.

Wir legen die frühlingsgrüne Plane aus, über die noch eine leichte Decke und machen uns an unser Abendessen: rumali roti (hauchdünnes Brot aus dem Tanduri) und chana bator (Curry aus Erbsen und Kichererbsen) von der Essbude hinter dem Bahnhof. Wie empört Durga war, als sie hörte, dass von mir ein höherer Preis verlangt wurde als normal!

Der letzte Zug ist schon lange vorbei, inzwischen haben sich die drei Bahngleise mit Leuten gefüllt, die hier über Nacht bleiben werden und sich, wie wir, ein paar Minuten ausruhen. Straßenmädchen mit gläsernen Augen vom Klebstoffschnüffeln, die mit allen scherzen; biri rauchende Gepäckträger; abgemagerte Greise – Männer und Frauen, die von ihren Familien ausgestoßen wurden. Drei Jungen spielen mit drei Welpen. Die Gemüseverkäufer jedoch bilden eine Gruppe für sich: Nicht alt, nicht jung, sie haben ein Zuhause, wo sie hingehören. Viele unter ihnen sind Frauen – keine Witwen oder verlassene Mütter, wie ich inzwischen weiß. Vielmehr bessern sie mit dem Verkauf von Gemüse die Löhne auf, die ihre Ehemänner – Rikschafahrer, Farmpächter, Tagelöhner – nach Hause bringen.

Durga macht aus dem letzten Teil ihres Saris ein Kissen, ich disponiere den Rucksack so um, dass mein Kopf einigermaßen bequem darauf liegt. Wir reden. Über Durgas Oma, von der sie die dunkle Haut und die lange Figur hat – zum Glück sind ihre Mädchen hell; die Jüngste allerdings, die ist dunkel: Einen Ehemann für sie zu finden, wird schwer werden … Über ihre Haare, die in letzter Zeit ausfallen; und über die Sorge, im Alter nicht mehr in Dum-Dum dazuverdienen zu können. Ihr Sohn will nicht arbeiten … Ich wiederum erzähle ihr von einer Reise durch Portugal, von den Nächten in den Bahnhöfen. Damals träumten wir, zwei Mädchen, von Jack Kerouac und von einem schwedischen Architekten, der von der griechisch-orthodoxen Kultur schwärmte …

Kurz betrachte ich die Situation von außen – und bin ansonsten damit beschäftigt, aus meinem Schal einen Schirm gegen das grelle Licht zu machen, das die alten Neonröhren von den Decken herunterschicken. Was macht es möglich, dass Durga und ich uns ausgerechnet auf dem Bahnsteig von Kalkuttas Nordbahnhof anfreunden? Es wohnt, scheint mir, eine gewisse Gewohnheit in diesem Unterschlupf, die uns liegen und erzählen und erinnern lässt, als ob wir zu Hause wären.

Für diese „Gewohnheit“ gibt es einen sehr passenden Begriff in Bengalisch, der Sprache von Westbengalen und dem benachbarten Bangladesch: „basha“, zu Hause. Freunde in Westbengalen wollten mir erzählen, man sage auf dieser Seite Bengalens – anders als im Osten, also in Bangladesch – nur „bari“ und nicht „basha“. Inzwischen ist mir klar geworden, dass sie mit Basha ein temporäres Wohnen verbinden, wohingegen Bari das eigene, also feste Haus, zugleich Geburtsort und Ruhestätte nach dem Tod, bezeichnet. Hier äußert sich die Dominanz der bäuerlichen Tradition Bengalens, nach der jede Familie in ihrem eigenen Haus untergebracht sein sollte.

Die Idee eines Mietshauses, und noch mehr einer Mietwohnung, ist ihr fremd und eigentlich nicht geheuer: eine Praxis des Wohnens, die hauptsächlich auf die Großstadt beschränkt ist. Selbst in Kalkutta jedoch strebt die Mittelschicht vor allem danach, ein eigenes Bari erwerben zu können, und sei es auch an der äußersten Peripherie. Darin unterscheidet sie sich übrigens nicht groß vom europäischen Kleinbürgertum, und auch die Folgen dieser Vorliebe – die Zersiedelung beziehungsweise Verbreitung von Ein- oder Zweifamilienhäuschen mit Garten und Hecke – prägen die Landschaft auf ähnliche Weise.

Für die Armen stellt die Idee eines eigenen Hauses in der Stadt bei den explodierenden Boden- und Immobilienpreisen freilich nicht mal einen Traum dar. Deshalb sprechen die meisten von Basha, dem sie das Bari auf dem Land, im vor Jahren notgedrungen verlassenen Dorf, entgegensetzen.

Für mich ist Basha zum Inbegriff der existenziellen Beziehung des Menschen zum Untergebrachtsein geworden, für unser Bedürfnis nach einem Ort und der Verbundenheit mit ihm, wo Friede herrscht, wo man Schutz findet, wo man Geschichten, Hoffnungen und Ängste mit den Angehörigen teilt. Diese Verbundenheit und deren Bedeutung –die nichts mit Besitz- und Eigentumsanspruch zu tun haben – verstehe ich, die ich seit vierzehn Jahren immer zur Miete wohne und in letzter Zeit etwa die Hälfte des Jahres in von Freunden zur Verfügung gestellten Gästezimmern und in den Pensionen Südasiens unterkomme, nur zu gut.

Führe ich nicht genau aus diesem Grund einen stillen Kampf mit dem Mann, der in meiner Wohnung im Zentrum Kalkuttas putzt? Ich kämpfe, ja, um die Pflanzen auf der Terrasse, die er ständig in ihrem Wachstum hemmt und auf engstem Raum zusammenquetscht. Nach meinen Befreiungsinterventionen fängt er am nächsten Tag wieder von vorn damit an. Ich kämpfe um die Küchengeräte, die immer zurückgestellt werden an den Platz, den sie am Tag meines Einzugs besetzten, obwohl sie für eine 1,83 Meter große Europäerin besser woanders stünden; und darum, dass er die „wertlosen“ Lehmbecher für Tee und Lassi, für die ich eine Sammlerleidenschaft entwickelt habe, nicht wegschmeißt.

Es versteht sich, dass ich dabei immer um mein „Zuhause-Gefühl“ kämpfe. Für eine Basha, die ich, sei sie auch temporär, als „ganz meine“ betrachten möchte. Paradoxerweise habe ich in der Luxusbude weniger Gestaltungsfreiheit als Durga in ihrem mehr schlecht als recht improvisierten Zuhause auf dem Bahnsteig von Dum-Dum. Dabei ist ihr nächtlicher Unterschlupf längst nicht ausreichend, geschweige denn heimelig.

Als wir auf die vollen Bahngleise blicken, frage ich sie, was sie davon hielte, wenn die Bahn eines ihrer umliegenden Gebäude für die Nächte zur Verfügung stellen würde. In ihren Augen leuchtet ein Licht auf, sie lächelt schüchtern, zum ersten Mal seit unserer Bekanntschaft, wie beim Gedanken an etwas Schönes: „Meinst du, sie würden es machen?“ Dann müsste sie im Winter nicht frieren und im Monsun vor den schiefen Regengüsse fliehen …

Nein, ich denke nicht, dass sie es machen werden. Doch das sage ich nicht. Irgendwo muss man damit anfangen, Bedürfnisse auszusprechen.

Elisa T. Bertuzzo leitet an der TU Berlin das Projekt „Archives of Movement“. © Le Monde diplomatique, Berlin

Le Monde diplomatique vom 08.11.2013, von Elisa Bertuzzo

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