Visum für die Reise ins Paradies

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Visum für die Reise ins Paradies

Wie zwanzig palästinensische Muslime aus Syrien in den Irak zogen und nur einer zurückkehrte von Maria A. Kalbazyk

Zum Empfang servierte Zahra, die Ehefrau des Mudschahid, rote Götterspeise mit Erdbeeren und Tee. Dann blieb sie stundenlang allein in der Küche. Ihr Mann will sie lieber nicht mit seinen Geschichten belasten. Sie ist seit zwei Jahren mit dem 30-jährigen Palästinenser Chalid verheiratet. Chalid betreibt eine bescheidene Hähnchenbraterei in Jarmuk, dem größten palästinensischen Flüchtlingslager von Damaskus, gelegentlich verdient er sein Geld auch als Stukkateur und Elektriker.

Jarmuk besteht seit 1957, Chalid wurde hier geboren. Es ist heute ein Vorort mit 110 000 Einwohnern innerhalb der Stadtgrenzen von Damaskus. Er hat Palästina noch nie gesehen.

Chalid aus Jarmuk hat als Einziger aus seiner Einheit den Hubschrauberangriff überlebt, den die US-Armee im Irak gegen seine Gruppe flog. Das war vor drei Jahren, und sie waren 20 Mann, alles junge Palästinenser, darunter Nachbarn und sein jüngster Bruder, und sie hatten gerade ihre vierten Anschlag hinter sich. Es ist für Chalid nicht einfach, das Durchlebte zu verarbeiten.

In den Straßen von Jarmuk hängen palästinensische Flaggen, an den Wänden großformatige Porträts von Jassir Arafat und Scheich Jassin, aber kein einziges der sonst im Straßenbild allgegenwärtigen Bilder des syrischen Staatschefs Baschar al-Assad. Der Kontaktmann führt mich durch die verwinkelten Straßen Jarmuks zur versteckt gelegenen Wohnung.

Als wir in das Wohnzimmer eintreten, begrüßt Chalid uns freundlich, aber ohne mir die Hand zu geben. Auch im weiteren Verlauf des Gesprächs schaut er mir nicht ein einziges Mal ins Gesicht. Offensichtlich nimmt er die Vorschriften sehr ernst, an die er sich als strenggläubiger, verheirateter Muslim zu halten hat.

Nach einem laut und deutlich gesprochenen Bismillah, dem islamischen Glaubensbekenntnis, beginnt er, in einem elegantem Hocharabisch langsam zu erzählen. Ein Freund, der auch im Irak kämpfte, sei kürzlich verschwunden. Er muss nicht verraten worden sein. Da die Reise in den Krieg von seiner Moschee in Kooperation mit dem syrischen Regime organisiert wurde, kann es auch gut sein, dass die Geheimdienste einfach die Visumanträge durchforstet haben, die alle jungen Freiwilligen in gutem Glauben an die richtige Sache ausgefüllt hatten.

Eine Woche später bekam die Mutter seines Freundes einen Anruf: Sie könne ihren Sohn abholen. Sie fand ihn, wie telefonisch angekündigt, auf der Straße vor einem Büro des staatlichen Sicherheitsdienstes, in einer roh gezimmerten Kiste, tot und misshandelt. Auch deshalb will Chalid seine Geschichte einmal vollständig erzählen und niedergeschrieben haben: Er muss davon ausgehen, ebenfalls in Kürze gefasst zu werden.

Entgegen anders lautenden Gerüchten, sagt Chalid, sei es heutzutage unmöglich, von Syrien aus in den Irak zu gelangen. Die gesamte Grenze sei mittlerweile zu einer zwei Kilometer breiten Sperrzone ausgebaut. Die US-Soldaten auf der irakischen Seite zögern nicht, bei Annäherung scharf zu schießen. Chalid ist überzeugt: Allenfalls über Jordanien gelangen Freiwillige derzeit noch in den Irak. Er weiß von kampfbereiten Männern zu berichten, die viele hundert Kilometer durch die Wüste zu Fuß zurückgelegt haben.

Für Chalid kam die Berufung im März 2003. Am Vorabend der US-Invasion riefen die Imame in der Moschee dazu auf, die arabische Erde gegen die Ungläubigen zu verteidigen. Da spürte er, obwohl als ältester Sohn für das Wohl der Familie verantwortlich, seine religiöse Pflicht, diesem Ruf Folge zu leisten. Die Notwendigkeit des Kämpfens gegen die US-Invasion, die sah er ein. Drei Tage vor dem Einmarsch der US-Truppen, es war ein Montag, er weiß es noch genau, traf er sich mit einigen hundert kampfbereiten Gläubigen vor der irakischen Botschaft. Sie bekamen Visa ausgestellt und fuhren in mehreren, von der syrischen Regierung gestellten Reisebussen in zehn Stunden bis zur Grenze und dann weiter durch den ganzen Irak bis in der Nähe der Stadt al-Kut in der Provinz Wasit.

Es war Chalids erste Auslandsreise

Sie waren zwanzig Mann, die meisten Freunde und Nachbarn, mit denen er Fußball spielend auf den Straßen des Lagers aufgewachsen war, aber auch einige Cousins und sein kleiner Bruder. Im Irak schliefen sie in Verstecken, zunächst im Freien, und nachdem die Einwohner vor den näher rückenden US-Truppen geflohen waren, in leer stehenden Schulen.

Es war die erste Auslandsreise eines jungen Mannes, der bis dahin noch bei seiner Mutter gewohnt hatte. Und der eine handwerklich-künstlerische Ausbildung genießen durfte, wie seine kunstvoll gestalteten, mit geschwungenen Bögen und eingelassenen Lichtern dekorierten Zimmerdecken bezeugen.

Chalid machte den Eindruck, als hoffe er, bei einem harmlosen Menschen aus Europa sein Redebedürfnis stillen zu können. Denn weder seinen Freunden noch dem Imam kann er seine Erlebnisse anvertrauen. Seine Frau will er nicht belasten – nicht nur um ihre Psyche zu schützen, er will sie auch vor der Folter durch die Sicherheitsdienste bewahren. Von den USA dazu gedrängt, durchkämmt der krakenartig verzweigte syrische Geheimdienst Muhabarat derzeit die Reihen derer, die zu Beginn der US-amerikanischen Invasion freiwillig, auf Drängen ihrer Imame und mit staatlicher Unterstützung in den Krieg zogen.

An das Einzige, was ihm tatsächlich helfen könnte, eine intensive psychologische Betreuung, ist natürlich nicht zu denken. Und das öffentliche Sprechen über seine inneren Schmerzen würde ihn den Kopf kosten.

In den ersten Tagen des Krieges konnten die Mudschaheddin im Irak problemlos Waffen und Sprengstoff organisieren. Wenn sie in sunnitischen Gegenden campierten, schenkten oder verkauften die Einheimischen den Gast-Gotteskriegern jede Art von Kriegsmaterial, später erbeuteten sie ihren Bedarf mit Überfällen auf US-Fahrzeuge. Noch heute kann man in den Souvenirläden von Damaskus unter dem Ladentisch allerlei Devotionalien erwerben, die aus der Beute der Mudschaheddin stammen: US-Rangabzeichen für Gefreite im Zwanzigerpack, noch original versiegelt, oder goldglänzende, massive Erkennungsmarken, die den Träger als Mitglied der irakischen Sicherheitskräfte ausweisen.

Den ersten seiner unerfahrenen Kampfgefährten verlor Chalid, noch ehe sie ihren ersten Anschlag ausführen konnten. Er wurde entführt. Chalid und seine Kameraden waren alle unverheiratete Männer um die zwanzig, die in der Heimat noch bei ihren Familien wohnten. Im Irak lebten sie von ihren Ersparnissen und von Spenden, die sie von Moscheen oder den Teilen der Bevölkerung erhielten, bei denen sie als Widerstandskämpfer willkommen waren. Doch viele schiitische Iraker, die so lange die Unterdrückung des Saddam-Regimes durchlitten hatten, zeigten sich kurz nach dem Sturz Saddams sehr froh über die Anwesenheit der US-Armee und verrieten den Soldaten die Verstecke der Mudschaheddin. Dafür wurden sie mit 2 000 Dollar belohnt.

Einer von Chalids Mitstreitern verschwand aus dem Souk und wurde nie wieder gesehen. Von da an lagerten sie in der Schule nur noch ihr Material, während sie selbst versteckt im Freien schliefen. Informationen oder Anweisungen gab es für Chalids Gruppe, aber auch für die anderen sich selbst organisierenden und autonom operierenden Mudschaheddin-Gruppen weder über Funktelefon noch über Internet. Vielmehr schwärmten Späher und Kuriere über die Dörfer aus und verbreiteten in den Schulquartieren und Moscheen ihre Informationen über das Vorrücken der US-Armee und den aktuellen Frontverlauf. Chalid erzählt fast schwärmerisch von den ersten Tagen, wie jeder Kriegsveteran auf dieser Welt, der von der neuen, aufregenden Zeit im Männerbund berichtet, noch immer fasziniert vom Zusammenhalt im Untergrund, der auf der gemeinsam verbrachten Jugend beruhte, auf gemeinsamen Idealen, den gemeinsamen Mahlzeiten, dem gemeinsamen Beten. Auf gemeinsam erlebten Adrenalinschüben.

Als Chalid von der ersten Operation berichtet, für die er das arabische Wort amal benutzt (das man mit „Tun, Handeln, Wirken, Leistung, Ausführung“, aber auch mit „militärische Operation“ übersetzen kann), springt der schmale, drahtige Mann auf und holt aus dem Nebenzimmer eine Plastiktüte. Darin eine schwarze Wollmütze, in die Augenlöcher geschnitten sind, ein blut- und sandverkrusteter schwarzer Overall, ein Schultergürtel aus dickem Armeestoff mit Fächern für Sprengstoff.

Mit fast kindlicher Begeisterung legt Chalid den Gürtel um und beginnt zu erklären, was in welchem Fach zu verstauen war. Dann zieht er ein in Plastikfolie eingeschweißtes Saddam-Hussein-Poster aus der Tüte, auf dessen Rückseite er in ordentlicher arabischer Handschrift sein Testament aufgeschrieben hat, und plötzlich schießen ihm die Tränen in die Augen. Da niemand in seiner Gruppe Papier bei sich hatte, musste er es auf einem von der Wand gerissenen Saddam-Poster verfassen, als er spürte, dass sein Leben in Gefahr war. Vor ihrer ersten Operation hatte er den Großteil seiner Besitztümer seinem achtzehnjährigen Bruder überschrieben. Es war ein Überfall auf einen Waffentransport, der erste von vier Anschlägen auf US-Konvois, bei denen nach Chalids Angaben mindestens 25 US-Soldaten getötet wurden, aber nicht nur sie. „Dass mein kleiner Bruder sterben musste …“

Said sei mit einem Lächeln gestorben

Chalid bricht schluchzend in Tränen aus. Eine Zigarette, und er hat sich wieder so weit gefangen, dass er das anstehende Gebet beginnen kann. Mit voller Stimme singt er, wie es nur sehr fromme Muslime vermögen, die die Kunst der Koranrezitation vollendet beherrschen, und die Anwesenheit der Fremden scheint ihn dabei nicht zu stören.

Als Chalid von dem ersten, gelungenen Anschlag berichtet, ist er wieder ganz der stolze Kriegsveteran. Mit neu erwachtem Eifer berichtet er, wie seine Gruppe in Verstecken auf die herannahenden US-Fahrzeuge warteten, wie sie die Straßen präparierten oder Hinterhalte legten, aus denen sie auf die US-Soldaten feuerten, die doch so „dumm“ seien und „feige wie Frauen“ geschrien hätten. Doch nach den ersten Erfolgen kam die erste Enttäuschung, als irakische Kämpfer, die sich seiner Gruppe anschließen wollten, nicht zum Training, geschweige denn zu den verabredeten Aktionen erschienen.

Nach dem Abklingen der großen Sandstürme und nachdem die US-Armee die Kontrolle über Bagdad gewonnen hatte, wurde die Lage für die Mudschaheddin im Osten des Landes immer schwieriger. Die US-Armee begann, die Straßen, über die sie ihre Konvois schickte, mit Hubschraubern zu sichern. Unmittelbar nach der dritten Attacke der Krieger aus Jarmuk tauchten über ihren Positionen die Apache-Helikopter auf und deckten sie mit Maschinengewehrsalven ein. Nicht einmal die Hälfte von Chalids Gruppe überlebte. Als er am Tag danach zurückkehrte, fand er den durchsiebten Leichnam seines 25-jährigen Nachbarn, mit dem er aufgewachsen war. Der Körper seines Freundes Said sei immer noch warm gewesen, versichert er und schwört bei Gott, Said sei „mit einem strahlenden Lächeln auf den Lippen gestorben“, weil ja „keine Seele stirbt, wenn es nicht von Gott bestimmt ist“. Chalid nimmt seinen Kampfanzug in die Hand, streicht über das verkrustete Blut. Er hat damals Said zurück ins Camp geschleppt, hat ihn begraben. Schluchzend beginnt er zu zittern. Dann bricht er in Weinen aus, kurz und bitterlich. Zigarettenpause.

„Was die Amerikaner machen, ist noch viel schlimmer.“ Als wolle er Saids Tod vor sich selbst rechtfertigen, spricht Chalid über Berichte aus irakischen Frauengefängnissen. Im Internet soll es ein Video geben, in dem eine irakische ehemalige Gefangene berichtet, wie US-Soldaten muslimische Frauen vergewaltigen. Das Internet scheint Chalid gut zu kennen, obwohl er aus Angst vor Überwachung keine E-Mail-Adresse besitzt. Auf einmal beginnt er, mit uns über Kriegsvideos zu plaudern, die man herunterladen könne. Ob ich schon Tschetschenien kenne, dass sei ja das Brutalste, da würden Köpfe rollen, er habe aber auch CD-Aufnahmen von gelungenen Operationen aus dem Irak, aus Palästina und auch aus Afghanistan. Wieder bricht eine fast kindliche Begeisterung aus ihm heraus. Er kenne hunderte islamische Propagandavideos, er könne sie mir alle brennen, damit ich sehe – und andere Europäer auch –, was die Imperialisten aus aller Welt mit den Muslimen anstellen. Und natürlich, wie es ihnen die internationalen Mudschaheddin heimzahlen: mit Erschießen, mit Kopfabschneiden.

Als ich vorsichtig frage, warum Chalid, der immer noch für die Sache zu brennen scheint, sich schon im Sommer des ersten Kriegsjahres entschlossen hat, nach Syrien zurückzukehren, wird er wieder sehr ernst. „Von uns zwanzig war ich nach der vierten Operation als Einziger noch übrig.“ Als sein sieben Jahre jüngerer Bruder durch das MG-Feuer aus dem Apache-Hubschrauber gefallen war, wurde Chalid sich wieder seiner islamischen Verantwortung als ältester Sohn der Familie bewusst, der für seine Eltern sorgen musste. Er versuchte, den Koran anders auszulegen, um eine Legitimation für seinen persönlichen Rückzug aus dem heiligen Krieg zu finden. Außerdem wurde es im Irak für Ausländer absurd gefährlich – lokaler Entführungsterror. Er kam zu dem Schluss, dass es von nun an besser sei, sich seiner Verwandtschaft zu widmen und eine eigene Familie zu gründen. Und so machte sich Chalid im Spätsommer 2003 per Minibus und Taxi auf den Rückweg nach Syrien. Im Frühjahr 2004 heiratete er dort Zarah, eine junge, strenggläubige Palästinenserin aus Jarmuk, die wie er selbst Palästina nur aus Erzählungen der Alten kennt.

Auf die Frage, ob er denn wolle, dass seine Söhne einmal in den Krieg ziehen, schüttelt er energisch den Kopf und lacht befreit. Nein, für ihn sei der Krieg vorbei, jetzt trage er eine wichtige Verantwortung, für das Wohl seiner Frau und – insha Allah – der noch kommenden Kinder. Und die würde er davon abhalten, in den Krieg zu ziehen.

Chalids Mutter weiß bis zum heutigen Tag nicht, dass ihr jüngster Sohn bereits seit drei Jahren tot ist. Chalid erzählt ihr, dass der Bruder im Ausland studiert. Er beginnt wieder zu schluchzen. Der Gotteskrieger hat noch nicht den Mut aufgebracht, die drei Worte auszusprechen, die seiner Mutter das Herz brechen würden.

© Le Monde diplomatique, Berlin Maria A. Kalbazyk ist Journalistin.

Le Monde diplomatique vom 09.06.2006, von Maria A. Kalbazyk

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