Die guten Dinge

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Die guten Dinge

Die Grasmücke und der Pirol sind wieder zurück. Wir entnehmen die frohe Botschaft dem Monatsbrief von Manufactum, zusammen mit dem Bestellzettel für den handgeschmiedeten Wurzelstecher (30 Euro) und die original französischen Mairübchen (2 kg für 13,50 Euro). Und im Sommerkatalog erfahren wir, dass „in den Diepholzer Hochmooren eine der letzten großen Moorschnuckenherden lebt und wirkt“ und dass nunmehr, dank Manufactum, die Wolle der „urtümlichen Rasse“ in einer „nordhessischen Handweberei“ verwoben wird. Eine schwerer Schlag gegen die Globalisierung, die „mit neuseeländischer Wolle den Markt verstopft“.

Ach, er kostet nicht viel, der Spott über das gusseisern-originalbakelitene Grünspießertum des Versandhauses für „die guten Dinge“, die es „noch“ gibt – „noch“ wie Apokalypse und Schlussverkauf. Aber was spricht eigentlich gegen Messer, die schneiden, Stoffe, die halten, Möbel, die stabil sind? Nichts.

Die Katalogprosa allerdings, diese elitäre Parodie bäuerlich-handwerklicher Selbstversorgung, ein Themenpark von Utensilien aus der Kindheit auf der Basis von zwei gesicherten Mittelschichtseinkommen – die weckt in uns eine tiefe Sehnsucht nach Plastikstühlen, Junk-Food und Dosenbier. Das beginnt schon mit dem Ruskin-Zitat, das jeden Katalog als Motto ziert: „Es gibt nichts Gutes, das nicht irgendjemand ein bisschen schlechter und ein bisschen billiger machen könnte“, umschmeichelt der Manufactum-Chef den Kunden, der ihm mit seiner Bestellung hilft, gegen die „Gefährdung der Qualität“ und den „Verlust an Geschichtlichkeit“ anzukämpfen.

Ach, John Ruskin: Der lobte das Handwerk und ging mit seinen Studenten in die Elendsviertel, wo sie Kanalisationsgräben aushoben und Blumen pflanzten, um den Sinn für Schönheit dorthin zu tragen, wo Armut ihn nicht aufkommen ließ. Und Ruskins Schüler Oscar Wilde schrieb auf edelstem Material Pamphlete für den Sozialismus. Die guten Dinge, die es noch gab, und die gute Gesellschaft, die es noch nicht gab – sie waren für diese Ästheten des Alltäglichen nicht zu trennen.

Aber der Nochismus ist fad, als politische Nostalgie nicht weniger denn als ästhetische. Und Manufactum ist kein politisches Delikt, sondern ein profanes Versandhaus, das uns die doppelt emaillierte Schüssel mit blauem Rand (wunderbares Teil!) im Doppelpack mit dem Distinktionsgewinn verkauft, der von der Illusion lebt, wir könnten dem „Globalisierungszirkus“ fernbleiben und das europäische Handwerk retten.

Wer alles schon hat, der wird zum konsumierenden Antikonsumisten. Diese Marktlücke weitete sich stetig, als die Grünen realistisch und KB-Kader zu Kulturtheoretikern wurden, als sich die letzten Tischlergenossenschaften zerstritten hatten, die Botschaften über Artensterben und Polkappenschmelze alltäglich wurden und auf tibetanischen Massagematten die Einsicht keimte, dass man, wenn schon nicht die Welt, so doch wenigstens sich selber retten könne, mit Sensibilität, Gelassenheit usw.

Aber die Zeiten werden härter. Es wächst nicht nur die Abstiegsangst der fest Angestellten, sondern auch der Legitimationsbedarf für deren gebrauchswertgestützte Innerlichkeit. Abzulesen ist das an den Nachfüllpackungen für den Bücherschrank „aus der Feuerlandkirsche“ (1 719 Euro). In der Buchabteilung Manuscriptum steht neben Gustav Freytag und Willibald Alexis („Ruhe ist die erste Bürgerpflicht“) als einziges zeitgenössisches Buch die flammende Kampfschrift des ultraliberalen Ökonomen H. H. Hoppe: „Demokratie, der Gott, der keiner war“. Die Botschaft: Der Staat beutet die Menschen aus, Demokratie ist Kooperation von parasitärem Mob und Demagogen, dagegen hilft nur Anarchokapitalismus und natürliche Autorität. Die bösen alten Mentalitäten, es gibt sie noch.

Neulich saßen in einer schönen Küche sechs Linke beim Spargelessen. Einer kam mit belgischem Kapuzinerbier von Manufactum. Und dann gestanden alle, dass sie dort „schon mal“ kaufen. „Aber nur, wenn keiner drin ist, den ich kenne“, sagte der mit dem Kapuzinerbier und Stunden später: „Was wir wirklich brauchen, ist eine neue Sozialismusdiskussion.“

Immerhin – Manufactum verkauft, als ideellen Bonus, auch noch solche kleinen, hartnäckigen Impulse. Es gibt sie noch, die Sehnsucht, „seinen Existenzzweck ebenso klar und selbstbewusst zu verkünden wie die Entschlossenheit, ihm unbedingt, unter allen Umständen und auf ewig gerecht zu werden“.

Fetischismus ist die Fixierung eines sozialen Verhältnisses oder einer Sehnsucht oder einer Angst in einem Ding. Im Manufactum-Katalog wird das „Gasdruck-Thermometer“ für den Garten aus dem Braunschweiger „Traditionsunternehmen“ (495 Euro) mit solch existenzialer Prosa angepriesen. Wen also im „schlitz- und zapfengefügten Gartenhaus aus durchgetrocknetem Lärchenholz“ mit Terrasse (7 850 Euro) die Melancholie überfällt, der schreibe keine kulturkritischen Glossen gegen possierliche Randphänomene mehr, sondern schmiede, ja schmiede ein kleines Projekt gegen die soziale Langeweile. Abends darf er dann ohne schlechtes Gewissen Diepholzer Moorlämmer in die handgeschmiedete Pfanne hauen und bei Navettes de Teltowâ mit Freunden überlegen, wie man den Staat retten kann.

Oder die Heidschnucken. Und die Handarbeit. Und den Pirol sowieso.

Mathias Greffrath

© Le Monde diplomatique, Berlin Mathias Greffrath ist freier Journalist.

Le Monde diplomatique vom 09.06.2006, von Mathias Greffrath

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