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Tanzt den Sufi-Rock

Pakistan und Indien üben den musikalischen Grenzverkehr von Peter Pannke

Love Pakistan“, titelte die Times of India am Neujahrstag 2010. „Wirkt es nicht seltsam“, hieß es in dem ganzseitigen Artikel, „diese beiden Wörter nebeneinander stehen zu sehen? Wenn wir an die andere Seite der Grenze denken, fallen uns eher Terror, Hass und Fanatismus ein. Aber diese allzu oft wiederholten Wörter verschließen nur unseren Geist vor der unbestreitbaren Tatsache, dass auch jenseits der Grenze Menschen wie wir leben.“

Für Verständigung zwischen den zwei Staaten zu werben, die 1947 aus der Teilung Britisch-Indiens hervorgegangen sind, ist nach wie vor heikel. Deshalb sicherten sich die Herausgeber vorsorglich gegen Beifall von der falschen Seite ab: „Für Millionen Inder ist die Teilung immer noch das traumatischste Kapitel ihrer Erinnerung – eine tiefe, offene Wunde im Körper und in der Seele dieser Nation, die auch die vergangenen sechs Jahrzehnte nicht schließen konnten. Vier Kriege haben Indien und Pakistan ausgefochten, den fünften konnten wir im letzten Augenblick abwenden, unzählige Schüsse sind an der Grenze gefallen. Nach wie vor beäugen wir einander mit Misstrauen und Feindseligkeit. Aber noch nie war die Notwendigkeit so groß, dass sich die einfachen Leute einmischen. Wäre es nicht Zeit, dass wir in einem kühnen ersten Schritt aufeinander zugehen, um den Kreislauf von Feindschaft und Gewalt anzuhalten?“

Mit diesem Artikel begann eine groß angelegte Kampagne, für die sich die Times of India und die Zeitungen der Jang-Gruppe – die größten Medienunternehmen der beiden Länder – zusammengetan hatten. Sie wollten die Möglichkeiten der friedlichen Verständigung ausloten, ohne Rücksicht auf die Politiker, die den Terroranschlag auf Mumbai im November 2008 wieder einmal zu gegenseitigen Vorwürfen nutzten, dafür aber unter Mitwirkung der Zeitungsleser und Blogger.

„Aman ki Asha“, die „Hoffnung der Leute“, hieß die Kampagne, die mit einer Konzertreihe eingeläutet wurde. Eine ganze Flut von Aktionen, Dichterlesungen, Seminaren über wirtschaftliche Zusammenarbeit, runden Tischen und Musikveranstaltungen kam ins Rollen. Den Anfang machte der indische Sänger Kailash Kher, der im Alten Fort in Delhi zusammen mit Rahat Fateh Ali Khan aus Pakistan auftrat. Der auch in Pakistan populäre Kher gilt als der Shootingstar des Bollywood-Soundtracks, während Rahat Fateh Ali für seine verpoppte Sufi-Musik vom indischen Filmmagazin Stardust mit einem Preis ausgezeichnet wurde. In einem Stadion in Mumbai traf die pakistanische Sufi-Diva Abida Parveen auf die indische Klassiksängerin Shubha Mudgal, ähnliche Großveranstaltungen lockten Zehntausende in die Stadien der indischen Metropolen.

Ganz neu ist die Idee freilich nicht. Die voluminöse Abida Perveen tritt seit Jahren regelmäßig bei einem indischen Festival auf, das an den mittelalterlichen Sufi-Dichter Amir Khusrau erinnert. Sein Grab liegt im Süden von Delhi und ist heute ein Wallfahrtsort. Ein paar hundert Meter entfernt, im berühmten Mausoleum des Mogulfürsten Humayun, fand in diesem Jahr wieder das Jahan-e-Khusrau-Festival statt, das der indische Modezar und Filmregisseur Muzaffar Ali 2001 ins Leben gerufen hatte. Alljährlich ließen sich die Zuhörer durch Sufi-Klänge in Ekstase versetzen – bis das Festival 2006 wegen der Spannungen zwischen Hindus und Muslimen ausgesetzt wurde. Inzwischen ist der musikalische Grenzverkehr wieder möglich, im Februar 2010 begeisterten Sufi-Musiker aus Pakistan das indische Publikum.

Bis sich in Pakistan 1977 der Militärdiktator Zia-ul-Haq an die Macht putschte und dem Land eine von den saudischen Wahabiten inspirierte, rückschrittliche Version des Islam verordnete, war der Sufismus eine Art inoffizielle Staatsreligion. Trotzdem hatten es die Musiker und Künstler hier von Anfang an deutlich schwerer als ihre indischen Kollegen.

Wenn der Taxifahrer es wagt, Musik laufen zu lassen

Der heute 90-jährige indische Sitarvirtuose Ravi Shankar konnte mit George Harrison um die Welt touren und die Musik zum kulturellen Aushängeschild seiner Heimat machen; All India Radio bot tausenden Studiomusikern eine feste Anstellung; die winterliche Konzertsaison lockte mehr und mehr ausländische Touristen nach Indien, wo die Musikindustrie boomte – auf der anderen Seite der Grenze konfiszierte Zia-ul-Haq die Einkünfte der Sufi-Schreine und verbannte Musik aus den Rundfunk- und Fernsehkanälen.

Zwar erlangten die pakistanischen Medien unter der Präsidentschaft von Benazir Bhutto und Pervez Musharraf größere Freiheiten, gegenwärtig sieht es aber schon wieder schlechter aus: Vor kurzem haben die Behörden Facebook gesperrt. Betroffen sind zwei Millionen Nutzer, die das soziale Netzwerk in Pakistan angeblich hat. Anstoß nehmen die Islamisten vor allem auch an Musik, erst recht an den westlichen Einflüssen, die sie vermittelt. Bombendrohungen richten sich nicht nur gegen Kirchen und schiitische Moscheen, sondern auch gegen Kassettenläden und Konzerte. Schon seit Jahren werden Taxifahrer, die Musik spielen, verprügelt, Videos und DVDs verbrannt, einige Musiker sogar getötet.

Daraus zu schließen, dass es in Pakistan keine Musik mehr gebe, wäre allerdings verfehlt. Die Pakistaner sind mindestens so musikbegeistert wie ihre indischen Nachbarn, übertroffen wird das nur noch von der gemeinsamen Leidenschaft für Cricket. „Wenn sich unsere beiden Länder wieder vereinigen würden, hätten wir das stärkste Cricketteam der Welt!“, meinte eine junge Inderin in dem hunderte von Seiten langen Blog auf www.amankiasha.com. „Ich würde mein Leben dafür geben, wenn wir uns zusammentun könnten“, kommentierte ein Pakistaner.

Doch nicht in allen sportlichen Fragen sind die Nachbarn einer Meinung. Ebenso erregt wie kontrovers diskutierte die Öffentlichkeit über die Heirat des – inzwischen kaltgestellten – pakistanischen Cricketkapitäns Shoaib Malik mit dem indischen Tennisstar Sania Mirza. Bal Thackerey, der Führer der fundamentalistischen Shiv Sena, der „Armee Shivas“, forderte, der unpatriotischen Braut die indische Staatsbürgerschaft zu entziehen, ein islamisches Gremium erließ eine Fatwa, in der der Bräutigam dafür gerügt wurde, dass er vor der Heirat im Haus der Schwiegereltern übernachtet habe.

Shoaib und Sania sind natürlich nicht das erste indisch-pakistanische Liebespaar. Viele Paare seien schon seit Jahren glücklich verheiratet, war in den Zeitungen zu lesen, behindert würden sie nicht durch ideologische Differenzen, sondern durch die Reise- und Visaprobleme, die ihnen die Bürokraten auf beiden Seiten bereiten. Dass im Ausland lebende Inder und Pakistaner meist problemlos miteinander auskommen, ist allgemein bekannt.

Hamid Mir, der Chef von Geo TV in Islamabad, bekam im April in Delhi den „Lifetime Achievement Award“ der Südasiatischen Wirtschaftsgemeinschaft SAARC. Bei der Verleihung hob er die zahlreichen Joint Ventures hervor, die die in Afghanistan lebenden 60 000 Pakistaner und 8 000 Inder verbinden. Und er erzählte davon, wie sich die pakistanischen Angestellten einer Kabuler Baufirma für einen indischen Kollegen einsetzten, den die Taliban gekidnappt hatten – und daraufhin freiließen.

Der erste Sufi-Musiker aus Pakistan, der über die Grenzen seines Landes hinaus berühmt wurde, war der 1997 verstorbene Nusrat Fateh Ali Khan. Vorreiter der musikalischen Grenzüberschreitung war jedoch die Rockband Junoon. „Eine kraftvolle Mischung aus fäusteschwingendem Hardrock à la Led Zeppelin oder Santana und traditionellen südasiatischen Rhythmen auf Tabla und Dholak“, befand das Wall Street Journal, die New York Times erhob sie zu „U2 Südostasiens“.

Benazir Bhutto ließ die Band zu ihrem Regierungsantritt aufspielen, ihr Nachfolger Nawaz Sharif verbannte sie wiederum aus allen Rundfunk- und Fernsehkanälen. Der Popularität von Junoon tat das keinen Abbruch. Als sie 1998 die Atombombentests beiderseits der Grenze kritisierten und in einem Song „kulturelle Fusion statt Kernfusion“ forderten, eroberten sie Indien im Sturm. Vor 20 000 Zuschauern stachen sie bei einem von MTV India ausgetragenen Wettbewerb Sting, Def Leppard und Prodigy aus und wurden zur „best international rock band“ gekürt.

Unter Präsident Musharraf kehrte Junoon nach Pakistan zurück. Für den Dokumentarfilm „The Rockstar and the Mullah“ reiste der Gründer und Leadsänger der Gruppe, Salman Ahmad, durch Pakistan und diskutierte mit konservativen Klerikern, Musikern und Menschen von der Straße über das Musikverbot, das dem Islam immer wieder nachgesagt wird. „Ein Ammenmärchen, das sich irgendwie in den Köpfen festgesetzt hat“, war sein Fazit – keiner der Befragten konnte ihm irgendeinen Beweis für ein solches Verbot vorlegen.

Den Höhepunkt seiner vor kurzem erschienenen Autobiografie „Rock & Roll Jihad“ bildet eine Reise vom pakistanischen Lahore ins indische Patiala. Dort hat sich Salman auf die Suche nach den Spuren seiner Großeltern gemacht, die vor sechzig Jahren aus Indien fliehen mussten. Der Videoclip zu seinem Song über die Versöhnung der Enkelgeneration trifft den Nerv der Zeit. Die jungen Leute haben die Nase voll von der säbelrasselnden Rhetorik ihrer Großväter, sie wollen Frieden.

Mittlerweile gibt es etliche jüngere Bands, die sich ein Beispiel an Junoon nehmen. Obwohl sie von den 30 Millionen CDs, die Junoon verkauft haben soll, nur träumen können, die Millionengrenze haben inzwischen auch Hardrockbands wie Karavan, Aaroh und Mizraab längst überschritten. In Pakistan ist derzeit jedes Konzert ein Wagnis, aber das scheint die trotzige Kreativität der Jugendlichen – 60 Prozent der Bevölkerung sind unter 18 – nur noch mehr herauszufordern.

Der Tanz auf dem Vulkan geht weiter, getanzt wird in Pakistan aber nicht zu Hiphop oder Techno-Rhythmen, sondern zu Sufi-Rock. In Indien sind pakistanische Rockmusiker willkommen, sie gelten als besonders professionell. Abgesehen von Azal, die den Soundtrack zu dem Bollywood-Hit „Singh is King“ lieferten, gibt es viele andere pakistanische Bands, die ihr Geld in Indien verdienen.

Trotz der überwältigenden Übermacht von Bollywood gibt es immer wieder pakistanische Filme, die auch in Indien zum Erfolg werden. „Khuda Kay Liye“ beispielsweise erzählt die Geschichte zweier Brüder, die beide Sänger sind. Der eine wird Islamist, der andere wandert in die USA aus, gerät – zu Unrecht – unter Terrorismusverdacht und wird gefoltert.

„Ramchand Pakistani“, eine auf einer wahren Begebenheit beruhende Ballade über einen kleinen Jungen, gedreht von der pakistanischen Regisseurin Mehreen Jabbar, hat die Probleme der Teilung einem großen Publikum bewusst gemacht. Beim Ziegenhüten in der Grenzregion überschreitet der Held versehentlich die Demarkationslinie und wird auf der indischen Seite ins Gefängnis gesperrt. Auch sein Vater gerät in indische Gefangenschaft, so dass sich die Mutter allein durchschlagen muss. Die Musik zu dem Film stammt von Shubha Mudgal, einer der Galionsfiguren der „Aman ki Asha“-Kampagne.

Dass der musikalische Grenzverkehr auch seine Tücken haben kann, bekam der Pilot einer Maschine von Pakistan International Airways – das Kürzel PIA wird gern als „Please Inform Allah“ umgedeutet – zu spüren. Als er vergaß, den Bordlautsprecher auszuschalten, während er einen indischen Filmsong schmetterte, um die Stewardess ins Cockpit zu locken, beschwerten sich die Passagiere über die unpatriotische Gesangseinlage.

Indische Fernsehsendungen werden in Pakistan mit einer ähnlichen Begeisterung konsumiert wie einst das Westfernsehen in der DDR. Am meisten Aufsehen erregte allerdings die Grenzüberschreitung von Ali Saleem, dem populärsten Talkmaster Pakistans, dessen Karriere als Benazir-Bhutto-Darsteller begann. Später lockte er – perfekt geschminkt und in glitzernde Saris gehüllt – als „Nawazish Ali Begum“ die Prominenten beider Länder auf das Plüschsofa seiner TV-Show. Selbst Mullahs und Politiker erlagen seinem Charme. Die Weltpresse staunte. Ein Transvestit, der mit seinen Gästen flirtete und damit auch noch Erfolg hatte, passte nicht so recht in das Bild, das die Welt von Pakistan hat. Im Land selbst schien das längst nicht so außergewöhnlich, schließlich hatten schon im Mittelalter einige Sufi-Heilige im Industal sich in Frauenkleider gehüllt, mit zierlichen Glöckchen behängt und getanzt. 2007 wechselte Ali Saleem für einige Zeit zum indischen Sender 9X – er wollte seinen indischen Fans näher sein.

Der Grenzübergang Attari-Wagah zwischen dem indischen und pakistanischen Teil des Pandschab spielt eine ähnliche Rolle wie in Deutschland die Glienicker Brücke oder der Checkpoint Charlie. Das allabendliche martialische Ritual der Wachablösung, bei dem auf beiden Seiten die Grenzposten aufmarschieren, lockt seit Jahren Touristen und Friedensaktivisten an. 2001 wurde der Maler und Aktionskünstler Jimmy Engineer, der – die pakistanische und die indische Flagge an die Brust geheftet – von Islamabad nach Delhi marschieren wollte, noch an der Grenze aufgehalten. Neuerdings tauchen hier immer mehr Peaceniks auf, die Kerzen anzünden und Taschentücher, auf die Kinder Friedenssymbole gemalt haben, zusammenknoten.

Die versöhnlichen Initiativen der Track II diplomacy

Im nahe gelegenen Amritsar hat sich ein jährliches Friedensfestival etabliert, an dem viele hundert Künstler aus beiden Ländern teilnehmen. Nach dem Anschlag in Mumbai im November 2008 hat eine Theatergruppe aus Lahore als Erste den Schritt über die Grenze wieder gewagt, um ein vom Sufi-Dichter Bulleh Shah inspiriertes Stück aufzuführen. Auch der Friedensbus, eine Initiative von Premierminister Vajpayee und seinem damaligen pakistanischen Kollegen Nawaz Sharif, fährt hier, sofern es nicht gerade wieder eine Unterbrechung wegen akut verschlechterter Beziehungen gibt, regelmäßig über die Grenze.

„Track II diplomacy“ heißen auf dem Subkontinent die Initiativen, die sich unterhalb des diplomatischen Frostschleiers abspielen. Doch allmählich schalten sich auch Politiker ein. Der frühere Außenminister Khursheed Mahmud Kasuri überraschte die Teilnehmer eines illustren indo-pakistanischen Medientreffens, das Ende April unter dem Banner von „Aman ki Asha“ in Karatschi stattfand, mit der Nachricht, dass eine Lösung des Kaschmir-Konflikts unmittelbar bevorstünde, aber dann musste Präsident Musharraf abtreten.

Dem gegenwärtigen pakistanischen Präsidenten Asif Ali Zardari wirft Fatima Bhutto, die Nichte von Benazir Bhutto, in ihrem neusten Buch „Songs of Blood and Sword“ vor, ihren Vater ermordet zu haben. Vorgestellt hat sie den Band zunächst in Indien, mittlerweile ist er auch in Pakistan erhältlich. Fatima Bhutto und ihre jungen pakistanischen Schriftstellerkollegen wie beispielsweise Mohammed Hanif (dessen satirischer Debütroman „A Case of exploding Mangos“ über den rätselhaften Flugzeugabsturz Zia-ul-Haqs auch ins Deutsche übersetzt wurde) und Daniyal Mueenuddin sind auf indischen Literaturfestivals immer willkommen. Im pakistanischen Staatsfernsehen ertönt John Lennons „Give Peace a Chance“ als akustisches Logo – offenbar kommt die Zivilgesellschaft mit ihren Friedensbemühungen besser voran als die offiziellen Vertreter der beiden Länder.

Peter Pannke hat als Autor, Musiker und Komponist dem Kulturaustausch zwischen Europa, Asien und Afrika wesentliche Impulse gegeben. Zuletzt veröffentlichte er „Sänger müssen zweimal sterben. Eine Reise ins unerhörte Indien“, München (Malik) 2006. 2009 wurde er für sein Lebenswerk mit dem Rabindranath-Tagore-Kulturpreis ausgezeichnet. © Le Monde diplomatique, Berlin

Le Monde diplomatique vom 11.06.2010,