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Menschen dokumentieren

Pat Bertroche, ein Mediziner, der sich bei den Vorwahlen der Republikaner im US-Bundesstaat Iowa als Kandidat für das Repräsentantenhaus bewarb, glaubte eine Lösung für das „Flüchtlingsproblem“ zu haben: „Ich denke, wir müssen sie fangen, sie dokumentieren und sicherstellen, dass wir ihren Aufenthaltsort und ihre Beschäftigung kennen. […] Ich bin sogar dafür, dass man ihnen Mikrochips implantiert. Wenn ich meinem Hund einen Chip einsetzen kann, um ihn wiederzufinden, warum nicht einem illegalen Einwanderer?“

Olivier Ertzscheid, Dozent an der Universität von Nantes, der diese Äußerungen in seinem Blog öffentlich gemacht hat (www.affordance.info), ist überzeugt, „dass hier vielleicht zum ersten Mal ganz bewusst der Begriff ‚dokumentieren‘ benutzt wurde, um Vorhaben zu beschreiben, die weit über die schon jetzt sehr umfangreiche Registrierung von Menschen hinausgehen“. Mit oder ohne Mikrochip: Die Migranten ohne gültige Papiere – im Englischen „undocumented“ genannt – sind schon jetzt durch die Polizeibehörden recht genau „dokumentiert“.

Bei der Umsetzung der Politik der „Rücküberstellung“ von Migranten bedienen sich die europäischen Behörden biometrischer Methoden zur Erfassung. Die 2003 eingerichtete europäische Datenbank Eurodac speichert neben den „Personendaten“ auch die Abdrücke aller zehn Finger und der Handflächen von Asylbewerbern und „illegalen“ Ausländern. Manche Migranten versuchen dieser Erfassung inzwischen durch Selbstverstümmelung zu entgehen. Sie zerstören ihre Fingerkuppen durch Hitze oder mit Schleifpapier.

Philippe Rivière

Le Monde diplomatique vom 11.06.2010,