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Islamismus

Der Umrisse dieses Begriffs sind unklar, da mit ihm die unterschiedlichsten und zuweilen auch gegensätzliche Gruppierungen belegt werden, von al-Qaida über die Hamas und Hisbollah bis zu den Muslimbrüdern, gewaltbereite Organisationen genauso wie andere, die die demokratischen Spielregeln beachten. Ihr einziger gemeinsamer Nenner besteht darin, dass sie sich auf eine jeweils bestimmte Interpretation des Islam berufen, durch die sie sich in ihrer politischen Arbeit leiten lassen.

Muslimbrüder

Die „Brüder“ sind die einflussreichste islamistische Organisation. Sie bilden gewissermaßen den Urgrund, aus dem ein Großteil der anderen islamistischen Gruppierungen, auch die radikalsten, hervorgegangen sind. Sie wurden 1928 von Hassan al-Banna in Ägypten gegründet, breiteten sich immer weiter aus und gründeten in vielen arabischen Ländern „Zweigstellen“, die aber unabhängig sind. Meist sind ihre Anhänger konservativ, lehnen aber den bewaffneten Kampf ab – außer in Palästina.

Salafismus/Salafiyya

Der Salafismus ist nicht so sehr eine Organisation als vielmehr eine in sich heterogene Strömung innerhalb des Islam. Salafisten fordern eine Rückbesinnung auf Taten und Verhaltensweisen des Propheten Mohammed und seiner Gefährten (salaf heißt auf Arabisch „Urahn/Vorfahr“). Die Salafisten sind oft durch den saudischen Wahhabismus beeinflusst und beschäftigen sich vor allem mit der Frage, was nach religiösem Gesetz verboten ist und was nicht. Oft meiden sie die Politik und beschränken sich auf die Re-Islamisierung der Gesellschaft, wobei sie für das gesellschaftliche Leben streng konservative Ziele verfolgen.

Sufismus

Der Sufismus ist eine mystische Strömung im Islam, die in Bruderschaften organisiert ist, deren Gründer spirituelle Lehrmeister waren. Auch der Sufismus ist durch seine Heterogenität gekennzeichnet. Im Westen gilt er als moderate Kraft und wird gern als Gegenspieler des Islamismus dargestellt, obwohl die Realität viel komplexer ist. So ist etwa Abdessalam Yassine, der Gründer der unterdrückten marokkanischen Oppositionsbewegung al-Adl wal-Ihsan, stark von der Sufi-Bewegung beeinflusst. Das gilt auch für andere islamistische Führungsfiguren wie Hassan al-Banna und den Sudanesen Hassan Tourabi.

Le Monde diplomatique vom 11.06.2010,