Artikel

Artikel drucken zurück

Thailändisches Dekor

von Charlotte Wiedemann

Jede Möhre zur Rose geschnitzt. Und selbst das Klopapier aufs Zierlichste plissiert, bevor es mit einem Bückling dem Touristen überreicht wird. Unser Thailand, ach, wo ist es hin? Straßenkämpfe, Schüsse, Rauch über Bangkok. Thailand wird nie mehr so sein wie zuvor. Aber wie war es denn?

Unwillig konstatiert die hiesige Öffentlichkeit den Zerfall eines Trugbilds. Unser Thailand, das war das Produkt jahrelanger Berieselung durch die Tourismusindustrie und die von ihr alimentierten Medien. Die Krise war längst im Gange, da befand ein Magazin noch neckisch: „Alles in Buddha.“ Nach den Gründen muss man nicht lange fahnden: Eine halbe Million Deutsche fliegen jedes Jahr nach Thailand und 150 000 Schweizer. Andere Länder verschwinden nach einer einzigen Bombe dauerhaft im Orkus des Bösen. Im Fall Thailand versichert die „Tagesschau“, die südlichen Tourismusgebiete seien weiterhin sicher, während ihr Korrespondent in Bangkok noch die Leichen zählt.

Im Trugbild Thailand legte sich das Dekor einer fein geschnitzten Ordnung über eine ständig anwachsende gesellschaftliche Unordnung. Bei den meisten Ländern ist unser Blick umgekehrt: Wir übersehen, wie viel friedliche Geordnetheit es selbst dort geben kann, wo eine Bombe fliegt. In einer Welt, in der alles Fremde zunehmend als Bedrohung erscheint, war „unser Thailand“ ein Zufluchtsort: domestizierte, ungefährliche Exotik. Grazil und servil.

Die Thai selbst können Spannungen lange hinter einer Fassade von Harmonie verbergen. Konfrontation um jeden Preis vermeiden, Konflikte negieren, das ist tief in ihrer Tradition verwurzelt. Ursprünglich stammen die Thai aus Südchina; die ersten wanderten von dort seit dem 7. Jahrhundert Richtung Südwesten, doch die große Welle der Migration rollte erst, als ihr Staat Nan Chao im 13. Jahrhundert von den Mongolen besetzt wurde. Statt Fremdherrschaft zu ertragen, gingen die Thai lieber. Knapp sechs Jahrhunderte später, als Briten und Franzosen alle Nachbarn Siams kolonialisiert hatten, verteidigten die Thai ihre Freiheit durch Anpassung: König Mongkut öffnete das Land den wirtschaftlichen Begierden der Westler, sein Sohn Chulalongkorn modernisierte die Verwaltung mithilfe europäischer Berater. Kein anderer König fegte so viel Thai-Traditionen hinweg – und doch wird Chulalongkorn heute als Bewahrer des Thai-Seins verehrt.

Thai sehen sich gern als ein besonders reines und feines unter den Völkern Südostasiens. Dabei machten sie viel Fremdes zum Eigenen. Nach ihrer Ankunft im Gebiet des heutigen Thailand mischten sie sich mit den dortigen Völkern der Mon und der Khmer, übernahmen aus Indien ihre Religion, entlehnten von den Khmer leicht abgewandelt die Schrift, die Kunstformen, den Tanz. Und sind doch überzeugt, dies alles sei ganz genuin Thai.

Im modernen Thailand hat sich viel von der Mentalität des alten Siam erhalten. Siam war eine strikt hierarchische Gesellschaft; in der feudalen Pyramide hatte jeder seinen genau festgelegten Platz – und sogar einen präzise bezifferbaren Wert. Die Richter beurteilten jedes Vergehen nach einer Tabelle von Würdepunkten: Das Leben eines Rikschafahrers war weniger wert als der kleine Finger eines Prinzen.

Noch heute ist es wichtig, den eigenen Status und den des Gegenübers richtig einzuschätzen und korrekt dosierten Respekt zu zeigen. Der Wai, die gebetsähnlich zusammengelegten Hände, ist weit mehr als ein Gruß, er definiert soziale Beziehungen. Ob die Hände zur Stirn, zum Kinn, zur Brust gehoben werden oder unter dieser Linie bleiben, wie Kopf und Schultern gesenkt werden oder aufrecht bleiben, all das ist soziale Pantomime.

Die Sprache Thai kennt selbst für einfache Dinge wie essen und schlafen verschiedene Worte, je nach sozialem Rang und Grad der Höflichkeit. Und wer je dem König einen Brief schreiben möchte, muss dafür einen Experten in der Kunst der Untertanensprache bemühen. Der Ausdruck für „ich“ heißt, an den König gerichtet: „der Staub unter dem Staub unter Ihren Füßen.“

Die anerzogene Zurückhaltung und Scheu vor Konfrontation sind schon länger in Widerspruch geraten zu den neuen Werten eines verwestlichten, kapitalistischen Landes. Der Materialismus der aufgestiegenen städtischen Mittelschichten hat mit der kontemplativen Weltabgewandtheit des alten bäuerlichen Thailand nichts mehr gemein. Kaum verwunderlich, dass die Krise der Gesellschaft auch den Buddhismus erfasst hat. Äbte kaufen sich Ordenstitel, unterhalten Geliebte, steigen in Luxushotels ab. Viele junge Mönche sind drogenabhängig. Der Ansehensverlust des staatsnahen Buddhismus schmerzt das Land wie eine verschwiegene Krankheit.

Neue Kulte füllen das spirituelle Vakuum. In Pathum Thani, einem Vorort von Bangkok, ist die Meditationshalle der Dhammakaya-Sekte zwanzig Fußballfelder groß. Nachts leuchtet der riesige kuppelförmige Schrein wie ein soeben gelandetes Ufo, ein Chedi aus 300 000 kleinen Silikonbuddhas. Ebenso viele Gläubige werden bei Massenmeditationen zu einer perfekten Ästhetik arrangiert. Es sind Bilder einer totalitär wirkenden Harmonie.

Im Kontrast dazu die rauen realen Disharmonien. Es wuchs nur die Wirtschaft, nicht sozialer Fortschritt und soziale Teilhabe. Die Bangkoker Schicht, die Thailand seit Jahrzehnten beherrscht, haben eine Gesellschaft geprägt, in der Gewalt, organisierte Kriminalität und die soziale Verachtung alles Schwachen fest verankert sind.

Innerhalb weniger Monate wurden Tausende erschossen, die auf den „schwarzen Listen“ der Polizei standen. Offiziell war es ein Feldzug gegen Drogenhändler, doch viele Opfer hatten nichts mit Drogen zu tun. Thailändische Menschenrechtler beklagen seit Jahren eine hohe Zahl außergesetzlicher Tötungen. Ökologen, die Umweltskandale publik machten, wurden ermordet.

Die niedergebrannten Bangkoker Einkaufszentren sind ein vernachlässigbarer Schaden – im Vergleich mit den Beschädigungen, die dem Land durch seine korrupten Eliten zugefügt wurden, etwa beim Raubbau an den Wäldern. Gewaltig das Schattenreich einer illegalen Ökonomie, mit Repräsentanten in den besten Kreisen: Unter den Parlamentariern finden sich Drogenhändler, Waffenschieber, Händler von illegal geschlagenem Holz.

Die armen Thai im Norden und Nordosten des Landes haben sich von dieser Elite lange bevormunden lassen. Im Norden begann in den 1990er-Jahren Thaksin Shinawatras populistische Kampagne, und gerade dort zeigt sich, wie irreal das Trugbild Thailand ist. Die Werbung mit ländlicher Ursprünglichkeit und unbeschädigter Kultur schaufelt Massen ausländischer Touristen in klimatisierte Jeeps; in farbenfrohen Gewändern werden ihnen Angehörige von 20 Bergvölkern vorgeführt, die weitgehend rechtlos sind. Sie sind in den letzten 200 Jahren aus den Nachbarländern zugewandert, die anderen leben quasi illegal, auch wenn sie im Land geboren sind. Eine Million Menschen, einen legalen Status hat nur jeder Dritte.

Wanderarbeiter, meistens Flüchtlinge aus Burma, erleben besonders häufig die gewalttätige Seite einer vermeintlich sanften Gesellschaft. Human Rights Watch enthüllte im Februar: Migranten würden vergewaltigt, missbraucht, ausgeraubt und gefoltert, ohne dass die Täter, oft Polizisten, Angst vor Konsequenzen haben müssten. Eine Augenzeugin gab zu Protokoll, zwei Polizisten hätten einem burmesischen Jungen in die Brust getreten, bis er starb. Er hatte ihre Fragen auf Thai nicht beantwortet. Die Lage der Migranten sei die perfekte Illustration eines thailändischen Sprichworts: „Die Schwachen fliehen vor dem Tiger, um auf das Krokodil zu treffen.“

Patronage dominiert die Gesellschaft, bis hinein in eine besonders bizarre Variante der illegalen Ökonomie: die Untergrundlotterie. Gewettet wird auf die letzten drei Ziffern der offiziellen staatlichen Lotteriezahlen, die Spieler können auch kleinste Beträge setzen. Das Glücksspiel der Armen wird über ein hierarchisches Geflecht von Agenten und Unteragenten abgewickelt, mit einem Boss an der Spitze, der eine ganze Provinz monopolisiert. Politiker benutzten dieses Agentennetz bei Wahlen, um Stimmen zu kaufen; der Gehorsam der Gekauften galt als garantiert – aus Respekt gegenüber allen Reichen und Einflussreichen.

Nun kam das Land in die Stadt. Viele Städter verhöhnten die Rothemden der „Vereinigten Front für Demokratie gegen Diktatur“ als Bauerntölpel, verachteten sie allein schon wegen ihrer manchmal dunkleren Hautfarbe: tumbe, gekaufte Krawallmacher. Gewiss, Thaksin, der Milliardär und Expremier, hat die Empörung der Armen für seine Zwecke instrumentalisiert. Aber die Missbrauchten zeigen ein zweites Gesicht: das der sozialen Emanzipation.

William Klausner, ein amerikanischer Hochschullehrer, der seit einem halben Jahrhundert Thai-Kultur erforscht, sieht einen „dramatischen Wandel“ in der Mentalität der Landbevölkerung. Die Dorfbewohner zögerten nicht mehr, in die Konfrontation zu gehen. Ihre einstige Unterwürfigkeit habe sich verändert: durch den Einfluss von Fernsehen, kommunalen Radiostationen und Mobilfunkkommunikation, aber auch durch die Aufklärungsarbeit demokratischer Aktivisten.

Tiefgreifend, unabsehbar ist der Umbruch. Die gegenwärtige Krise sei ein „Krieg der Meinungen“ über Demokratie, Nationalismus, Monarchie und soziale Gerechtigkeit, sagt die 37-jährige Supinya Klangnarong, Medienrechtlerin und Bloggerin. „Die Gesellschaft ist stark polarisiert und gespalten. Hass ist weit verbreitet.“ Überall herrschten Spannung und Frustration, sogar innerhalb von Familien stünden sich Lager gegenüber. Ein Thailand ohne Dekor.

Charlotte Wiedemann ist Journalistin und Autorin, zuletzt erschien von ihr: „Ihr wisst nichts über uns! Meine Reisen durch einen unbekannten Islam“, Freiburg (Herder) 2008. © Le Monde diplomatique, Berlin

Le Monde diplomatique vom 11.06.2010,