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Kleinbritannien soll größer werden

Kleinbritannien soll größer werden

Grauer Himmel über der Bretagne. Nieselregen fällt auf das wellige Land des Kreiz Breizh. Hier und da versteckt sich ein Bauernhof hinter Hecken. Die Straßen führen durch kleine und mittlere Städte. Nester wie Coray, Rostrenen oder Scaër haben den Großteil ihrer Infrastruktur längst eingebüßt. Die Geschäfte sind aus den Ortszentren weggezogen, öffentliche Einrichtungen dünn gesät, Bahnhöfe verwaist. Schon immer zog es die Menschen nach Paris oder in die weite Welt: In der 4 000-Seelen-Gemeinde Gourin erinnert eine Kopie der Freiheitsstatue an die Auswanderer in New York.

Aber die Bretagne zieht auch Menschen an. Seit Beginn der 2000er Jahre wächst die Bevölkerung um jährlich 25 000 bis 30 000. Der Zuzug konzentriert sich jedoch nur auf wenige Gebiete. Die jungen Berufstätigen lassen sich im Speckgürtel um die bretonische Hauptstadt Rennes und entlang der Korridore nieder, die die beiden vierspurigen Straßen (die Route nationale 12 an der Nordküste und die Route nationale 165 im Süden) durch die Region ziehen. Die Südküste lockt vor allem Rentner an. „Als ich Bürgermeister von Auray war, habe ich mich um den Bau von Sozialwohnungen gekümmert“, erzählt Michel Le Scouarnec, inzwischen Senator des Departements Morbihan. „Heute finden die jungen Leute in manchen Dörfern keine Wohnung mehr, weil mehr als die Hälfte der Häuser als Zweitwohnsitz genutzt wird.“

Die Raumordnungspläne des „Zukunftspakts für die Bretagne“ sehen vor, die Route nationale 164, die Lebensader der Region, bis 2020 fast vollständig zur vierspurigen Schnellstraße auszubauen. Davon soll die ganze Bretagne profitieren. Und dann gibt es da noch den großen Metropolisierungsplan, den die Regierung von François Fillon 2010 eingeleitet hat und der nun von seinem Nachfolger Jean-Marc Ayrault mit viel Verve fortgesetzt wird.

Manche befürchten allerdings, dass sich das Stadt-Land-Gefälle in der Bretagne durch diese Pläne nur noch mehr vertiefen wird. So verleiht etwa die am 19. Dezember 2013 vom Parlament beschlossene Reform Gemeindeverbänden und Ballungszentren mit mehr als 400 000 Einwohnern den Status einer „Metropole“. Diese erhalten erweiterte Kompetenzen in puncto Wirtschaftsentwicklung, Wohnungsbau, Raumordnung, Wasserverteilung und Müllentsorgung.

„Die Metropolen Rennes, Brest und Nantes werden regionale Zuständigkeiten an sich reißen, zum Beispiel die Verteilung von EU-Geldern“, warnt Daniel Cueff, der grüne Bürgermeister der kleinen Gemeinde Langouet, die seit zehn Jahren ihren eigenen Solarstrom produziert. „Die Region muss sich dann vor allem um die Löcher dazwischen, also um die trostlosesten Gebiete kümmern. Eigentlich sollte die Reform den Reichtum in die entwickelten urbanen Zentren lenken, damit diese dann die gesamte Region mitziehen. Stattdessen wird sie vor allem das Dreieck Rennes–Vannes–Nantes stärken. Und die ohnehin ärmeren Gemeinden im Westen und in der Mitte werden abgehängt.“

Bei seiner großen Pressekonferenz am 14. Januar 2014 öffnete Staatspräsident François Hollande den Weg für eine umfassende regionale Neuorganisation des Landes – von den derzeit 22 Regionen sollen durch diverse Fusionen am Ende 15 Regionen übrig bleiben. Für die Bretagne sind zwei Hypothesen denkbar: eine „Wiedervereinigung“ mit dem südöstlich angrenzenden Département Loire-Atlantique oder die Auflösung und Fusion der Region in einem neuen „Großen Westen“.

Die erste Option trifft in der Bretagne und in Loire-Atlantique auf breite Zustimmung. Der Regionalrat der Bretagne hat sich 2001 und 2008 für die Wiedervereinigung ausgesprochen. Und Umfragen zufolge sind 58 Prozent der Bretonen und 62 Prozent der Bewohner des Departements Loire-Atlantique dafür, zur historischen Bretagne zurückzukehren. Nantes (Bretonisch: Naoned), heute Verwaltungssitz der Region Pays de la Loire, war im Mittelalter die Hauptstadt des bretonischen Herzogtums und wurde erst 1941 durch ein Dekret von Marschall Pétain von der Bretagne getrennt.

In Wirtschaftskreisen favorisiert man allerdings eher die Entwicklung der Metropolenregion Nantes–Rennes–Angers um den künftigen internationalen Flughafen Notre-Dame-des-Landes herum. Dadurch wäre der westliche Zipfel der Bretagne (Finistère, „das Ende der Welt“) trotz des geplanten Ausbaus der Route nationale 164 noch weiter abgehängt.

Am Tag von Präsident Hollandes Pressekonferenz konnte die Werft STX-Atlantique von Saint-Nazaire (Loire-Atlantique) einen Großauftrag vermelden, den Bau einer riesigen Fähre mit Flüssiggasantrieb. Bestellt hat das „Öko“-Schiff die in Roscoff (Finistère) ansässige Britanny Ferries, die 1972 auf Initiative der Landwirtschaftskooperative Sica gegründet wurde. Manche erhoffen sich davon ein positives Signal – für neue Arbeitsplätze und für das Wirtschaftspotenzial einer wiedervereinigten Bretagne. Jean-Arnault Dérens Laurent Geslin

Le Monde diplomatique vom 14.02.2014,