Artikel drucken zurück

Der Olympische Fluch

Der olympische Fluch

Diesmal traf es Sotschi von Guillaume Pitron

Überall Palmen. Unechte, grün fluoreszierende Neongebilde säumen die Straße vom Flughafen ins Stadtzentrum von Sotschi. Aber viel beeindruckender sind die echten. Sie überragen die Dächer des Badeorts und bilden einen dünnen Pflanzenvorhang zwischen dem Schwarzen Meer und den Ausläufern des Kaukasus. „Willkommen im Paradies!“, empfängt uns Igor Sisow, ein stolzer Bewohner der Stadt. „In diesen Breitengraden herrscht das angenehmste Klima der Welt, so ähnlich wie an der Côte d’Azur!“ Anzahl der Sonnentage pro Jahr: 300. Durchschnittstemperatur: 14,5 Grad. Hitzerekord: 39,4 Grad im Juli 2000. Auch im November zeigt das Thermometer noch 20 Grad. Urlauber schlendern am Hafen entlang, essen Eis und sitzen auf den grauen Kiesstränden in der Sonne.

In der Sowjetära war das Thermalbad am Schwarzen Meer bei der Mittelschicht ebenso beliebt wie bei Stalin und der gesamten kommunistischen Nomenklatura. Es war ein Symbol für den erfolgreichen Sozialismus. „Während des Kalten Krieges durften Westtouristen nur in drei Regionen der UdSSR reisen: Moskau, Sankt-Petersburg und Sotschi“, erklärt Sisow. Als Austragungsort der 22. Olympischen Winterspiele ist die „Sommerhauptstadt Russlands“ nun nach langer Zeit wieder Schaufenster des Landes.

„Zwei Drittel des russischen Territoriums frieren im Permafrost. Warum müssen diese Spiele in den Tropen stattfinden?“, fragt Iwan Netschepurenko von der Moscow Times. Auch wenn es nicht so aussieht: Die Stadt war, verglichen mit den gottverlassenen Gebirgsregionen des Ural und des Altai, die bestmögliche Wahl. Sotschi ist in die Infrastruktur der Region Krasnodar gut eingebunden und die nur 50 Kilometer entfernt liegenden Skipisten von Krasnaja Poljana an den Hängen des Kaukasus bieten ideale Schneeverhältnisse. Sotschi war Putins Favorit. Er hat viel politisches Kapital investiert, um Russland beim IOC durchzusetzen.

Die Ausrichtung dieser ersten postsowjetischen Olympischen Spiele stellte eine technische Höchst- und eine gigantische Bauleistung dar. Verglichen mit den Winterspielen von 2010 in Vancouver – Kostenfaktor: 1,4 Milliarden Euro – sprengt Sotschi auch in dieser Hinsicht alle Maßstäbe. Es sind mit 51 Milliarden Dollar (fast 37 Milliarden Euro) die teuersten Spiele aller Zeiten; und, so Maria Lipman von der Carnegie-Stiftung in Moskau: „Wenn es unabhängige Statistiken gäbe, läge der Betrag vermutlich weit höher.“

Am Ende einer von Schwerlastern, Militärkonvois und ein paar verirrten Kühen genutzten Serpentinenstraße taucht 600 Meter über dem Meeresspiegel in einer Staubwolke das olympische Dorf in Krasnaja Poljana auf. Beim Anblick der Baugerüste konnte man sich noch vor drei Monaten nur schwer vorstellen, dass der Bau von 19 000 Zimmern in weniger als hundert Tagen vollendet sein würde. Alexander Belokobilski, der geschäftsführende Direktor, ist „stolz, der Welt das schönste Gesicht Russlands zu zeigen“, das Gesicht einer Nation, die in fünf Jahren im Kaukasus eine Infrastruktur aus dem Boden gestampft hat, die zu entwickeln in den französischen Alpen ein halbes Jahrhundert gedauert hat.

Die Eiskunstlauf-, Hockey- und Curlingwettbewerbe finden im Olympia-Park am Meer statt – in sechs klimatisierten Stadien mit einer Gesamtkapazität von 70 000 Plätzen. Dazu kommen Unterkünfte, neue Straßen, Bahngleise, Stromnetze und eine erweiterte Kanalisation. Seit der Entscheidung des IOC für Sotschi im Juli 2007 haben hier 300 Firmen über 400 Bauten errichtet. Zeitweise schufteten auf der Olympia-Baustelle 75 000 Arbeiter, die in allen Regionen des Landes und den früheren Satellitenstaaten rekrutiert wurden. Als es zeitlich eng wurde, kündigten die Behörden an, sie würden zusätzlich 7 000 Arbeitskräfte aus Dagestan und Tschetschenien anheuern.

Russlands einziger Badeort begeht Selbstmord

An der Spitze des Projekts steht Putin persönlich. Seine politische Karriere als Ministerpräsident (1999 bis 2000), Präsident (2000 bis 2008), Ministerpräsident (2008 bis 2012) und wieder Präsident ist so lang, dass er den Verdienst und den politischen Profit der Spiele ganz sich selbst gutschreiben kann. Putin hat den Fortschritt der Arbeiten von Anfang an persönlich überwacht und in den letzten Monaten mehr Zeit in seiner Residenz Bocharow Ruchej bei Sotschi verbracht als im Kreml. Die Spiele gelten schon jetzt als sein politisches Vermächtnis.

Das Kapital für das eigens gegründete staatliche Bauunternehmen Olimpstroi stammt zum größten Teil aus dem vor zehn Jahren wieder verstaatlichten Erdölkonzern Yukos, dessen damaliger Eigentümer Michail Chodorkowski 2004 verhaftet wurde. Im Dezember 2013 wurde der ehemalige Oligarch begnadigt. Zudem wurden der Nickelmagnat Wladimir Potanin und der Aluminiummagnat Oleg Deripaska praktisch gezwungen, den Bau der Skistationen Rosa Chutor und Krasnaja Poljana zu bezahlen.

Wer die Vorgaben nicht erfüllt, fällt in Ungnade. So wurde Achmed Bilalow, früher Vizepräsident des Russischen Olympischen Komitees, wegen Verzögerungen beim Bau der Skisprungschanzen bereits vor einem Jahr entlassen und ist nach Deutschland geflüchtet. Auch die Medien wurden von Anfang an streng überwacht: „Die Presse durfte noch nicht einmal über das Erdbeben berichten – und das war 150 Kilometer von Sotschi entfernt!“, schimpft Alexander Walow, Gründer von blogsochi.ru, einer der wenigen unabhängigen Informationsquellen.

So umstritten die Modernisierung Sotschis – die Verwandlung in einen Beton-Dschungel, schreibt Blogger Walow – im Hauruckverfahren ist: Der Ort hatte die infrastrukturelle Erneuerung jedenfalls bitter nötig. „Die Arbeiten haben uns viel Gutes gebracht“, freut sich Iwan Sisow, wenn man bedenke, wie es früher gewesen sei: „Ständig Stromausfälle, das schlechte Verkehrsnetz und ein Flughafen aus Sperrholz.“ Die rasante Verwandlung des gemütlichen Städtchens in einen mondänen Badeort hat eine weitere Nebenwirkung: Sotschis neue Bekanntheit lockt scharenweise Immobilienmakler an. Wenn die Olympia-Party vorbei ist, sollen alle neuen Wolkenkratzer meistbietend verkauft werden.

Heute ist die Küste völlig entstellt: „Der einzige Badeort Russlands begeht Selbstmord“, empört sich die kommunistische Abgeordnete Ludmilla Schestak. Der 2009 beschlossene und vom IOC gebilligte Bebauungsplan, der die Traufhöhe auf maximal drei Stockwerke festgelegt hat, war von Anfang an Makulatur. Finanzielle Anreize hätten dafür gesorgt, heißt es, dass die Stadtverwaltung „systematisch Sondergenehmigungen für Wolkenkratzerprojekte mit 21 und mehr Stockwerken“ erteilt habe. „Deshalb ist die Ausnahme inzwischen die Regel“, klagt die Architektin Olga Kosinskaja, die schon 2011 unter Protest die Baukommission verlassen hat.

Die Bilanz sind Hunderte ungenehmigte Bauten und eine uferlose Korruption; die Bestechungsgelder für alle Baustellen zusammen dürften, laut dem Oppositionspolitiker Boris Nemzow, bei 22 Milliarden Euro liegen. In einem Klima von Laisser-faire und Straflosigkeit habe Sotschi seine Seele verloren. „Russland ist mit dem Chaos der 90er Jahre noch nicht fertig geworden, die Verunstaltung von Sotschi ist das deutlichste Symbol dafür“, meint auch Olga Kosinskaja. Die Spiele seien für das postsowjetische Russland zu früh gekommen. „Sie sehen ja selbst, unser Staat ist einfach noch nicht so weit.“ Dieser Meinung ist auch Semjon Simonow, der das örtliche Büro der NGO Memorial leitet. Man brauche sich nur die Arbeitsbedingungen der 16 000 nichtrussischen Arbeitskräfte (mehrheitlich Usbeken) anzuschauen, die ein Drittel aller Beschäftigten ausmachten: „In den nächsten Tagen werde ich dem Staatsanwalt eine Liste mit den Namen von 704 Arbeitern übergeben, die seit März 2013 nicht bezahlt wurden“, kündigt er in seinem kleinen, kargen Büro an. Er hat mehrere russische und türkische Baufirmen im Visier: „Die haben ausländische Zeitarbeitskräfte engagiert, ohne ihnen eine Arbeitserlaubnis zu verschaffen, und dann haben sie ihnen gedroht, sie bei den Behörden anzuzeigen.“

Die ausländischen Hilfsarbeiter wurden mit Hungerlöhnen von 1 Dollar pro Stunde abgespeist. Manche, die noch gar keinen Lohn erhalten haben, scheitern mit ihren Beschwerden meist im Dschungel der Subunternehmer. „Offensichtlich will Olimpstroi nicht wissen, was auf den unteren Ebenen geschieht“, schimpft Simonow, für den dieses „organisierte Chaos“ einer ausgefuchsten Logik folgt: „So viele Leute wie möglich, so billig wie möglich, so schnell wie möglich arbeiten lassen.“

Im Moskauer Büro von Human Rights Watch windet man sich: „So verwerflich diese Methoden auch sind, sie sind nicht annähernd so schlimm wie die Auswüchse, die wir 2008 bei den Sommerspielen in Peking angeprangert haben“, sagt Julia Gorbunowa. In der chinesischen Hauptstadt wurden Millionen Menschen zwangsumgesiedelt. Im Vergleich dazu zeigte die Umsetzung von 2 000 russischen Familien, die nach Aussage von Gorbunowa unter insgesamt zufriedenstellenden Bedingungen eine neue Bleibe erhalten hätten, doch von einer gewissen Rücksichtnahme seitens der Behörden.

Tatsächlich hatten die Einwohner von Sotschi nur das Recht zu schweigen. Sie waren Statisten in dieser großen Komödie der Macht. „Es gab zu viele Lügen, zu viel Willkür“, beklagt Wladimir Kimajew, Mitglied der Organisation Environmental Watch on North Caucasus, und zählt die systematischen Verletzungen der Umweltbestimmungen auf, die Olimpstroi billigend in Kauf genommen hat.

Nach der Abschlussfeier am 23. Februar will der Staat mit den Sporteinrichtungen erst richtig Geld verdienen und „aus Sotschi ein großes Erholungsgebiet im Süden Russlands machen“, meint Andrej Muchin, Leiter des kremlnahen Zentrums für politische Bildung. Mit den Superpisten, der Formel-1-Rennstrecke, auf der im Oktober 2014 der erste Grand Prix stattfinden soll, und Vergnügungsparks wie dem Sotschi-Park, einer Disney-Imitation gleich neben den Olympia-Stadien, sieht sich die Sommerhauptstadt schon als Touristenattraktion, die Urlauber aus aller Welt anlocken wird. Der jüngst von Putin ernannte Bauminister Michail Men soll die Region wirtschaftlich voranbringen. Doch die 2 Millionen Touristen, die vielleicht jedes Jahr nach Sotschi kommen, werden kaum ausreichen, die teure Olympia-Infrastruktur rentabel zu machen.

Aus dem Französischen von Claudia Steinitz Guillaume Pitron ist Journalist.

Le Monde diplomatique vom 14.02.2014,