Artikel

Artikel drucken zurück

Unsere teuren Toten

Unsere teuren Toten

von Bruno Preisendörfer

Wir leben in Nachkriegszeiten: 2012 – zweihundert Jahre Napoleons Russlandfeldzug, 2013 – zweihundert Jahre „Völkerschlacht bei Leipzig“, 2014 – hundert Jahre „Ausbruch“ des Ersten Weltkriegs. Alle diese Jubiläen, bei denen es nichts zu jubeln gibt, fanden und finden große mediale Aufmerksamkeit. In Ausstellungen kann man diese Vergangenheiten aus der Nähe betrachten, und hervorragende Bücher bieten historische Rück- und Überblicke aus der Vogelperspektive der Gegenwart. Beim Kriegsgedenkjahr 1914/2014 könnte man geradezu von einer Materialschlacht der Erinnerung sprechen. Dieses Gedenkjahr wird jedoch höchstens zehn Monate dauern, denn im November jährt sich der „Mauerfall“ zum fünfundzwanzigsten Mal. Die Vergegenwärtigung der Fernsehbilder von „Neunundachtzig“ wird die alten Geschichten von „Vierzehn-Achtzehn“ überlagern und verdrängen.

Unsere unmittelbar eigene Nachkriegszeit, eben die Epoche nach dem Kalten Krieg, die noch immer so unabgeschlossen ist wie die sogenannte Neue Weltordnung, wird mit tagesaktuellen Ansprüchen unsere Aufmerksamkeit an sich reißen. Mit Recht: Die gegenwärtigen und noch bevorstehenden Probleme beispielsweise in Afghanistan, Afrika und Arabien sind wichtiger als ein vor hundert Jahren totgeschossener Erzherzog. Der Tod eines einzigen deutschen Soldaten in Afghanistan oder eines französischen in Mali wiegt für uns schwerer als die Hinschlachtung von 47 000 Männern in der dritten Schlacht von Ypern im Sommer 1917.

Seit der Erschießung des ersten Bundeswehrsoldaten bei einem Auslandseinsatz am 14. Oktober 1993 in Kambodscha sind über hundert Bundeswehrsoldaten bei solchen Einsätzen ums Leben gekommen. Militärisch gesehen sind das wenige, politisch gesehen inzwischen aber so viele, dass der Wehrbeauftragte der Bundesregierung, Hellmut Königshaus, Ende 2013 in einem Interview darauf gedrungen hat, nicht nur für die psychologische Betreuung der Hinterbliebenen zu sorgen, sondern auch Strukturen für die administrative Abarbeitung der Todesfälle „nach Checkliste“ zu schaffen, wie er es formulierte. Die Truppe dürfte die Signale des Wehrbeauftragten positiv aufgenommen haben. Gleichwohl steckt hinter den „administrativen Strukturen“ und der „Checkliste“ die Etablierung eines Routinehandelns, das nicht nötig wäre, gäbe es nicht die Befürchtung, dass bei internationalen Einsätzen die Todesfälle zu Regelfällen werden.

Die von der neuen Verteidigungsministerin vorangetriebene Umwandlung der Bundeswehr zum Normalarbeitgeber hat ebenfalls mit der Entdramatisierung militärischen Interventionshandelns zu tun. Die Kosten der Kinderbetreuung in den Kasernen gehören zu dem, was an Infrastruktur zu Hause für die Kampfbereitschaft der Truppe im Ausland aufgewendet werden muss.

Jedenfalls sind die derzeitigen Kosten eines Militäreinsatzes, mitgerechnet die Behandlung verletzter Soldaten, die Therapie „Posttraumatischer Belastungsstörungen“ und die Versorgung der Hinterbliebenen relevanter für die gegenwärtige Kassenlage als die Erinnerung an die ungeheuere Verschwendung von Menschen und Material in der Vergangenheit. Man hat ausgerechnet, wie viel ein deutscher Soldat des Ersten Weltkrieges statistisch wert war (1 354 Dollar) und wie viel es, wiederum statistisch, die Entente gekostet hat, ihn zu töten (36 485 Dollar und 48 Cent). Umgekehrt war ein Brite oder Amerikaner 1 414 Dollar wert (ein Russe 700 Dollar), und die Reichswehr kostete es 1 1344 Dollar und 77 Cent, ihn zu töten. Man könnte auch ausrechnen, was die „Herstellung“ (Schulung, Training und Versorgung) eines Bundeswehrsoldaten heute im Durchschnitt kostet, in welchem Verhältnis das zum „Materialwert“ eines Talibankämpfers steht und in welchem Verhältnis die Behandlungs- und Versorgungskosten der Soldaten im Afghanistan-Einsatz zu den Materialkosten stehen.

Emotional relevant ist das Blut, finanziell relevant ist das Geld. Aber je mehr Blut fließt, desto wichtiger wird das Geld. Wenn die Körper jahrgangsweise auf Schlachtfeldern in Schlamm verwandelt werden, löst der Tod eines Einzelnen nur noch in kleinen Familiengemeinschaften Gefühle aus, nicht mehr im großen Kollektiv der Nation – jedenfalls nicht bis zu einem bestimmten Kipppunkt, den man als „revolutionären Moment“ bezeichnen könnte, wie den Oktober 1917 in Russland oder den November 1918 in Deutschland. Es sind dies die großen „historischen Stunden“, in denen die Mannschaften Lust bekommen, ihre Offiziere zu erschlagen und nach Hause zu gehen. Wenn die nationale Begeisterung verblutet ist, sehnen sich die an der Front alt gewordenen jungen Männer nach Hause zurück.

Fließt indessen wenig Blut, zählt jeder Tropfen – und jede Träne. Dann schickt man, wenn es finanzierbar ist, Drohnen statt Soldaten, um auf den Friedhöfen zu Hause nicht zu oft die Nationalflagge über einen Sarg legen zu müssen. Das Staatsoberhaupt kann die Beileidskarten nur so lange höchstpersönlich unterschreiben, solange im Einsatz auch höchstpersönlich gestorben wird und nicht in Serie. Je geringer zu Hause die Gewöhnung an Gefallene, desto höher die Investition in die Sicherheit der Soldaten in der Kampfzone. In großen und lang andauernden Kriegen, in denen so viele Menschen umkommen, dass die Zahlenangaben über die Toten hinten mit Rundungsnullen enden und damit den einzelnen Gefallenen selbst zur Null machen, in solchen Kriegen herrscht eine andere Ökonomie zwischen Blut und Geld, Körper und Technik, persönlicher Tapferkeit und organisatorischer Kampfkraft.

Nachdem im Mai 1940 Winston Churchill britischer Premierminister geworden war, kündigte er in seiner Rede an: „Ich will dem Hohen Haus das Gleiche sagen, was ich denen gesagt habe, die in die Regierung eingetreten sind: ‚Ich habe nichts zu bieten als Blut, Kampf, Tränen und Schweiß.‘ “ Mit dem Schweiß waren Arbeit und Entbehrung gemeint, an der Front und in der Fabrik. Destruktion muss produziert und finanziert werden. Blutvergießen kostet Geld.

Von „blood and money“ sprach Barack Obama am 24. September 2013 vor den Vereinten Nationen, davon, dass die USA „Blut und Geld geopfert und dadurch die Bereitschaft bewiesen haben, nicht nur für unsere beschränkten eigenen Interessen, sondern für die Interessen aller einzutreten“. Der britische „Jahrhunderthistoriker“ Eric Hobsbawm (1917–2012) hat einmal geschrieben, „nichts ist gefährlicher als eine Supermacht, die behauptet, der Welt einen Gefallen zu tun“. Obama befehligt als US-Präsident eine Militärmacht, die den gesamten Globus in sechs „Regionalkommandos“ aufgeteilt hat. Wenn Obama ein Friedensengel ist, wie die kurios voreilige Entscheidung der alten Männer in Stockholm nahelegte, dann ein schwer bewaffneter. Nie verfügte eine Macht über mehr militärische Mittel. Die USA geben dafür mehr Geld aus als die in der Statistik folgenden zehn nächsten Staaten zusammen. Jedem einzelnen Blutstropfen ihrer Soldaten entsprechen Abertausende von Dollar. Die ärztliche Behandlung und Invaliditätsversorgung der Veteranen aus dem Irak und aus Afghanistan wurden bis 2012 auf 135 Milliarden Dollar beziffert.

Der Literaturnobelpreis 1953 für Churchill war eine klügere Entscheidung als der Friedensnobelpreis 2009 für Obama. Die Auszeichnung bekam Churchill nicht als große historische Persönlichkeit, sondern als großer historischer Schriftsteller; und „für die glänzende Redekunst“, wie es in der Begründung hieß, „mit welcher er als Verteidiger von höchsten menschlichen Werten hervortritt“. Die Wahrheit von Blut, Schweiß und Tränen war eine des Krieges. Nachdem er überstanden und gewonnen war, sahen sich die Briten nach einem neuen Premier um.

Wie viel das Geld und das Blut jeweils auf der Opferschale wiegt, kann sich ändern. Die Neigung der Waage hängt ab von der Weltlage, von den politischen Konstellationen innerhalb der Mächte und von der Erinnerungsnähe der jeweiligen Kollektive, seien es Familien oder Nationen, zu vergangenen Katastrophen. Diese Erinnerungsnähe muss nicht mit der zeitlichen Nähe übereinstimmen. In den USA ist die historische Referenzkatastrophe der Vietnamkrieg mit seinen 58 000 gefallenen Amerikanern in zehn Jahren; in Deutschland, Frankreich und Russland ist es der Zweite Weltkrieg; in Japan die Endphase des Zweiten Weltkriegs mit dem Abwurf der beiden Atombomben; in England wiederum ist es der Erste Weltkrieg, „The Great War“. Dieser Krieg hatte für England den Verlust seiner globalen Dominanz zur Folge. Es wurde von den USA, die erst am 6. April 1917 Deutschland den Krieg erklärt hatten, als Weltmacht des 20. Jahrhunderts abgelöst.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts hat sich das Verhältnis zwischen Blut und Geld erneut verändert. Eine Handvoll Männer mit Teppichmessern fügte der Supermacht eine Verwundung zu, die man allenfalls von den Interkontinentalraketen der Sowjetunion befürchtet hatte. Die Sowjetunion gibt es nicht mehr, aber die Raketen stehen noch in den Silos. Der Aufbau eines satellitengestützten Schutzschilds im Weltraum wird von der Obama-Regierung mit ungeheuerem Aufwand an Geld und Personal fortgesetzt. Aber Satelliten richten gegen Selbstmordattentäter nichts aus. In den Kleinkriegen auf der Erde kommt es auf Informationen an, deren Beschaffung große Summen kostet – und großen Unmut hervorruft. Vielleicht bekommt nach Obama 2009 in diesem Jahr wie schon vorgeschlagen Edward Snowden den Friedensnobelpreis.

Bruno Preisendörfer ist Schriftsteller. Zuletzt erschien der Roman „Die Schutzbefohlenen“, Gießen (Psychosozial-Verlag) 2013: www.fackelkopf.de. © Le Monde diplomatique, Berlin

Le Monde diplomatique vom 14.02.2014,