Wohlstandsdämmerung

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Wohlstandsdämmerung

Mathias Greffrath

Merkel: „Der Ring hat mich sehr beeindruckt, da er so klar zeigt: Wenn die Dinge am Anfang verquer sind, kann sich manches entwickeln, aber es wird nie wieder gut.“

„Die Zeit“: „Das Rheingold wird nicht gehoben.“

Merkel: „Genau. Es erfüllt mich mit Schmerz, dass die Sache von ihrem Ausgangspunkt her nicht mehr abwendbar ist.“

Es war wie im Märchen für brave Kinder um 1900: Wotan und weitere Götter in wallenden Gewändern, die Heroen mit Bärenfellbrüsten, die Nibelungen halb vertierte Kreaturen und richtig riesige Riesen und feuerspeiende Drachen. Und lauter Sänger, die laut an der Rampe singen. Wagners Weltgestalten, wie von ganz früher, oder aus dem Fantasy-Comic. Dazwischen liefen allerlei heutige Normalmenschen herum: Kids mit Skateboards, Touristen mit Kameras, Flüchtlinge, die auf Fahrrädern ihre Habe über grüne Grenzen retten, Penner in städtischen Brachen, arbeitslose Taschenbuchleser, AKW-Ingenieure und etliche mehr.

Doch beide Welten berührten sich nicht, sahen einander nicht, spielten nicht miteinander. Das war furchtbar anzusehen, darob wurde der Regisseur von der Bühne gebuht. So geschehen kürzlich in Bayreuth, beim neuen „Ring des Nibelungen“. Es war eine Qual, aber die Reise lohnte sich dennoch. Wenn große Unternehmungen scheitern, fallen zuweilen kleine Erkenntnisse ab.

Die Götter und die Mythen wirken noch, irgendwo an abgelegenen Orten. Und das heißt: Es gibt sie noch, die großen, weltbezogenen Leidenschaften wie Liebeswahn, Machtgier, Zerstörungslust – und Opfermut und Heldentaten, als Versuche der Rettung. Diese dramaturgische Idee hatte den Mythenkenner Tankred Dorst bei seiner Inszenierung getrieben. Aber die Gegenwartsmenschen auf der Bayreuther Bühne waren nur Schatten ohne Eigenschaften, blind für das Titanengeschehen. Und die Kostümgötter waren nicht einmal mehr Projektionen menschlicher Leidenschaften.

In Wagners windungsreicher Mythologie haben Götter mit menschlichen Eigenschaften eine fehlerhafte Menschheit in die Welt gesetzt. Die aber scheitert bei dem Versuch, den Schlamassel der Geschichte zu korrigieren, denn das erforderte das Handeln freier Menschen und das Brechen schlechter alter Verträge. Aber freie Menschen sind so gold- und sex- und machtbesessen wie die Götter selbst, und so endet das Ganze in Weltenbrand, Heldentod und Göttersterben. Wagners Versuch, dem politisch impotenten Bürgertum nach 1848 seine eigenen Melodien vorzuspielen, um es zum Tanzen zu bringen, war nur der extremste Ausdruck der kulturreligiösen Erwartung, dass Erkenntnis, Schönheit und kathartische Gewalt das Menschengeschlecht – oder doch wenigstens die Deutschen – humanisieren könnten. Eine alteuropäische Hoffnung, die noch in Habermas’ jüngster Beschwörung nachbebte, dass „die semantischen Potenziale“ der großen Kunstwerke, der ästhetischen und religiösen Überlieferung kollektive Gefühle formen und gesellschaftsverändernde Kraft haben könnten. Es ist leider ein kategoriales Missverständnis – im Hinblick auf den „Ring“ und überhaupt.

Schon in den Gründerjahren, als Bayreuth zum Pilgerort der besser betuchten Sensiblen wurde, war diese Hoffnung vergebens. Wagners Synthese aus Bakunin’scher „Lust an der Zerstörung“ und deutschtümelndem Antikapitalismus wurde in den gotisierenden Überbau der wilhelministischen Eliten integriert, mit einem Tropfen Untergangslust. Die Kluft zwischen den Höchstleistungen der bürgerlichen Kultur – in ihrer aufklärerischen oder romantisch-innerlichen Version – und ihrer materiellen Basis existierte von Beginn an. Die Kunst der Moderne wurde zum Dekor der Salons, in den Diktaturen zur staatlichen Metaphysik der Unterwerfung. Und wo sie ihren radikalen Impuls bewahrte, changierte sie ins Unkonsumierbare, Spezialistische, Skandalöse. Zur „Läuterung“ der Eliten eines „in Zersetzung übergehenden Spätkapitalismus“, wie Thomas Mann 1933 glaubte, taugte sie nie.

Heute ist die Kulturindustrie zur letzten Wachstumsbranche geworden, Radikalität im Reich der Symbole wird geduldet und gesponsert. Die Veralltäglichung des Skandalösen stabilisiert den inneren Frieden – im Theater wie beim Vodafon-Prozess oder bei der Parteienfinanzierung. Kunst erregt die Künstler und ihr Publikum wie Geld die Börsianer und Macht die nachrückenden Politiker. Aber die Querverbindungen sind gekappt, geistige Gebilde wirken schon lange nicht mehr als Impuls in einer Gesellschaft, die weder durch verbindliche religiöse oder kulturelle Normen integriert ist noch durch Patriotismus oder Staatsräson, sondern nur noch über den Markt.

Weil der immer schlechter funktioniert und neue Klassenspaltungen und Anomie zunehmen, rufen besorgte Politiker, Unternehmer und Kommentatoren heute verstärkt nach kulturellem Kitt: nach einer „Erneuerung der Werte“, nach Patriotismus, einer Identifikation mit deutschen Traditionen, einer „Leitkultur“. Kultur oder gar Religion sollen als Bindemittel zusammenhalten, was die Ökonomie spaltet.

Aber Werte und gute Traditionen kommen nicht aus kultursoziologischen Werkzeugkästen. „Große Erzählungen“ lassen sich nicht konstruieren, weil eine krisenhafte Gesellschaft Integrationsbedarf hat, sondern weil soziale Bewegungen sich aufmachen, die Krise zu überwinden. Die „großen Erzählungen“ unserer neueren Geschichte waren die des sozialen Christentums, die des solidarischen Sozialismus und die des Güterglück verheißenden Liberalismus. Aber alle drei sind verblasst.

Die Kirchen, die im Sozialwort 1997 noch eine „primäre“ Umverteilung forderten, haben vor dem Neoliberalismus kapituliert, rationalisieren ihre sozialen Einrichtungen und modernisieren ihr Kerngeschäft zu einem „Spiritualismus light“. Die Sozialdemokratie hat mit der Ortsvereinskultur auch die Forderungen nach Wirtschaftsdemokratie, „Humanisierung der Arbeit“ und „Kulturgesellschaft“ aufgegeben, ist dem Irrglauben der Angebotsökonomie erlegen und in drei Parteien zerfallen, deren Klientelen kein gemeinsames Programm mehr zustande bringen. Der rheinische Liberalismus schließlich, der die Marktfreiheit mit sozialer Sicherheit und öffentlichen Einrichtungen kombinierte, funktioniert nicht mehr, seit die Wirtschaftseliten sich von den Fesseln einer nationalen „Produktionskultur“ befreit haben und sich nicht mehr an die informellen Verträge des Korporatismus gebunden fühlen, die ein Produkt der deutschen Geschichte sind.

Wohlstandsdämmerung also. Die alten Ideale sind verschlissen, und jeder versucht, sich selbst zu retten. Weder die Erkenntnisschocks der 1970er- und 1980er-Jahre, noch die absehbare Erschöpfung der fossilen Schätze, aus denen unser Reichtum geschmiedet ist, noch das Schmelzen urzeitlicher Gletscher haben zu neuen kulturellen Großtaten angestiftet, geschweige denn zu „großen Erzählungen“.

Im Vorschatten der „Götterdämmerung“ klagen die Nornen: „Zu End’ ewiges Wissen! Der Welt melden Weise nichts mehr.“ Die Weltesche ist verdorrt, die Gesellschaftsverträge sind zerbrochen, die Schicksalsfäden gerissen. Ohnmächtig sehen sie zu, wie die Siegfrieds sich weiter um das Rheingold balgen. Es ist eine alte Geschichte, nur die Nornen sind ewig neu: „Das Kapital verlässt das Land und lässt die Menschen und die Politik zurück“, klagt Richard von Weizsäcker über die Globalisierung. Und den polnischen Papst ergriff am Ende seines Leben die bange Ahnung, dass Gott sich von der Welt abgewandt haben könnte.

Keine Apokalypse, nur eine diskrete Erwärmung

„Weißt du, wie das wird?“, fragen die Nornen. Nun, am Ende der Dramas, gibt Brünnhilde, im Angesicht des Weltenbrandes, das Rheingold und den Ring, der die hemmungslose Akkumulation antrieb, den Naturtöchtern zurück. „Aus den Trümmern“, so Wagners Regieanweisung, „sehen die Männer und Frauen in höchster Ergriffenheit dem wachsenden Feuerschein am Himmel zu.“ Und aus dem Orchestergraben kommt die Hoffnung, die Menschen jedes Mal nach historischen Katastrophen hegen: dass es nun anders wird.

Die Gegenwartsmenschen, die dieses Jahr über die Szene geistern, fliehen nur kurz aus dem brennenden Hotel, in dem sie Party machten. Als der Bombenrauch sich verzogen hat, kommen sie mit ihren Stühlen wieder zurück. Keine finale Katastrophe. Kein Exodus. Nicht einmal ein Lernschock. Nur eine vorübergehende Dissonanz in der unendlichen Akkumulationsmelodie. Keine Apokalypse, nur eine diskrete Erwärmung. Ohne größeren Schaden, es sind nur ein paar alte Bilder verbrannt, mit irgendwelchen unbekannten Figuren drauf, und Chiffren der Vergangenheit. Es wird schon irgendwie weitergehen.

So schlug am Ende das öde Nebeneinander, die Beziehungslosigkeit von mythologischem Kasperletheater und herumirrenden Zeitgenossen, in ernüchternde Wahrhaftigkeit um: Die unteren Ränge sind nur blasse Statisten, eine „unterschiedslose Masse ruinierter armer Teufel, denen keine Erlösung mehr hilft“ (Karl Marx), ohne Interesse für die Hoffnungen ihrer Ahnen und die Taten ihres Führungspersonals, denn in der Zeitung lesen sie alle Tage, dass dies alles „ohne Alternative“ sei. Das machte diese Inszenierung gänzlich ungeeignet als Beitrag zur Leitkultur.

Aber so gesehen war ihr ungelenkes Scheitern die ideale Entsprechung von ästhetischer Form und gesellschaftlichem Inhalt. Nicht schön anzusehen, langweilig und ungemütlich, missraten und gänzlich ungeeignet das kulturelle Nationalfest der Eliten. „Augen zu und die Musik hören“, rieten die Kritiker, und man hielt sich daran.

Noch einmal die alte Leier vom Ende der Kunst? Ach nein, die Kunst kann gar nicht sterben. Dass die Gier nach abstraktem Reichtum die Welt zerstört, dass Männer im Spiel der Macht die Liebe töten – es sind überzeitliche schlimme Wahrheiten. Es ist der Stoff, aus dem der „Ring“ geschmiedet ist, und jeder zweite Hollywood-Film speist sich aus diesem Tragödienarsenal. In einzelnen Seelen wirkt sie, mal so und mal so, bei den einen in Bayreuth, bei den andern auf RTL.

Nur: Die bildungsbürgerliche Hoffnung, dass noch irgendeine „Leitkultur“, irgendein „Erbe“ folgenreiche gesamtgesellschaftliche Diskussionen über dieses Unglück in Gang setzen möge, dass Kunst zum Brechen schlechter Gesellschaftsverträge und zum Ausbruch aus Gefängnissen aller Art anstiften könnte – die ist schon lange tot. Oder sagen wir, sie schläft den Schlaf der Brünnhilde, wenn sie nicht einer epochalen sozialen Bewegung Ausdruck geben kann. In unseren Breiten geschah das im Vormärz, in den Ausstrahlungen der russischen Avantgarde, in der ästhetischen Linken der Weimarer Republik, schließlich nach 68. Aber dies ist kein Versuch, das Verhältnis von Kultur und Politik in Deutschland abschließend zu klären. Hier ging es nur um den Bayreuther „Ring“ von 2006 im Deutschland von 2006. Stagnation, beziehungsloses Nebeneinander beides. Schwer auszuhalten beides. In Berlin gibt’s nächste Woche die Dreigroschenoper, mit Campino in der Hauptrolle, das Ganze bezahlt von der Deutschen Bank.

© Le Monde diplomatique, Berlin

Le Monde diplomatique vom 11.08.2006, von Mathias Greffrath

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