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Aufklärung oder Propaganda

edito

Am 9. August 2010 war auf dem Titel des Time Magazine das Foto einer jungen hübschen Frau zu sehen mit einer riesigen klaffenden Wunde mitten im Gesicht. Zunächst hieß es, afghanische Taliban hätten Aisha Nase und Ohren abgetrennt – tatsächlich, so berichtete zwei Tage später in The Nation die Journalistin Ann Jones, die mit Aisha bekannt ist, hatte ihr Schwiegervater sie mit nachträglicher Zustimmung der Dorfältesten so zugerichtet, um seine „Ehre“ zu verteidigen.

Im Iran wurde Sakineh Mohammadi-Ashtiani wegen Ehebruchs ausgepeitscht und zum Tod durch Steinigung verurteilt. Auch ihr Foto ging um die Welt und wurde zum Symbol des Widerstands gegen das Regime in Teheran. Dass einem diese beiden Bilder zu denken geben müssen, hat weniger mit der Barbarei der afghanischen Islamisten zu tun oder mit neuen Erkenntnissen über das Ahmadinedschad-Regime (man denke nur an die Wahlfälschungen vom Juni 2009 und die Verfolgung und Ermordung von Oppositionellen).

Es fragt sich vielmehr, ob Fotos dieser Art Aufklärung nicht eher behindern, indem sie, unbeabsichtigt oder nicht, eine starke Symbolik mit gewagten politischen Zielen verbinden – wie der Fortführung des Kriegs in Afghanistan oder Verschärfung der Sanktionen gegen den Iran. Je mächtiger die symbolische Aussage, desto weniger zählt das politische Argument, die Ergriffenheit lässt einen Dinge schlucken, die man in besonnenem Zustand ablehnen würde.

Um Aishas Martyrium einen Sinn zu verleihen, schrieb das Time Magazine neben das Foto: „Was passiert, wenn wir Afghanistan verlassen?“ Einige Tage zuvor hatten 77 000 von Wikileaks veröffentlichte Dokumente (siehe nebenstehenden Beitrag) das moralische, politische und militärische Scheitern des westlichen Kriegseinsatzes belegt. Doch der Schock, den ein Foto auslöst, benötigt sehr viel weniger Reaktionszeit als die Analyse mehrerer tausend Seiten. Ein Foto als Mittel der Gegenaufklärung.

Lange Zeit argumentierten die Befürworter der Todesstrafe mit dem Verweis auf besonders schreckliche Morde, vorzugsweise an Kindern. Mit Überwachungskameras, systematischen Drogenerkennungstests, lebenslänglichen Freiheitssstrafen, chemischer Kastration von Sexualstraftätern im Gefolge eines schockierenden Verbrechens, das vielleicht hätte verhindert werden können, wurden bereits eine Vielzahl von Angriffen auf die Bürgerrechte beschlossen, darunter das grundlegende Recht auf Bewegungsfreiheit.

Natürlich kann ein Bild von hoher Symbolkraft auch dem Kampf um Gerechtigkeit dienen – man denke an Guernica oder Abu Ghraib. Doch ein Protest, der sich nur auf solche Auslöser stützt, wird bald von anderen, entgegengesetzten Emotionen verdrängt werden, denn die Menge der potenziellen Opfer ist unerschöpflich.

Werden sich Verstümmelungen von Frauen fortsetzen, „wenn wir Afghanistan verlassen“? Unsere Anwesenheit jedenfalls hat sie nicht verhindern können. Die Taliban besitzen genügend Fotos amputierter oder von westlichen Bomben getöteter Zivilisten. Vielleicht wird das Time Magazine eines Tages eines dieser Fotos auf dem Titel veröffentlichen. Fragt sich nur, mit welcher Schlagzeile.

Serge Halimi

Le Monde diplomatique vom 10.09.2010,