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Gemeinsame Sprache

Edward Heath, konservativer Premierminister zwischen 1970 und 1974, nannte das besondere Verhältnis zu den USA eine „natürliche Beziehung“. Damit betonte er den nichtpolitischen Kern dieser Beziehung, die vor allem auf einer gemeinsamen Kultur und Sprache gründete. Genau diese Verwandtschaft hat freilich schon der Ire George Bernard Shaw mit seinem bekannten Aphorismus problematisiert: „Großbritannien und die Vereinigten Staaten sind getrennt durch eine gemeinsame Sprache.“

So muss es Harold Wilson (britischer Premier 1964–1970 und 1974–1976) bei seinen Treffen mit dem Texaner Lyndon B. Johnson empfunden haben. Die beiden Männer fanden nie eine gemeinsame Basis – vor allem wegen Wilsons beharrlicher Weigerung, britische Truppen nach Vietnam zu entsenden.

Im Gegensatz dazu entwickelte sich zwischen Harold Macmillan und John F. Kennedy eine geradezu innige Beziehung. Während der Kubakrise im Oktober 1962 unterrichtete Kennedy den „Prime Minister“ jeweils kurz vor Mitternacht telefonisch über die neuesten Ereignisse – und über seine Zweifel. Im Gespräch vom 24. Oktober schilderte Kennedy dem britischen Kollegen sein Dilemma: Sollte er in Kuba einmarschieren oder versuchen, die Krise zu nutzen, um den Druck auf Berlin abzubauen? Macmillan riet zur Zurückhaltung. Nachdem Kennedy am 26. Oktober zweimal angerufen hatte, bot ihm Macmillan an, die auf britischem Territorium stationierten US-Raketen bei den Verhandlungen mit Moskau in die Waagschale zu werfen. Der Präsident lehnte höflich ab. In der offiziellen Biografie Macmillans von Alistair Horne heißt es: „Die langen Telefongespräche auf dem Höhepunkt der Krise – übrigens die ersten dieser Art – hatten sicher nicht den Charakter offizieller Konsultationen, aber sie waren in jedem Fall mehr als ein simpler ‚Informationsaustausch‘.“ Zwei Tage später entschloss sich Chruschtschow, das Abenteuer abzubrechen. Die „Karibische Krise“ war beendet.

Bei einem Treffen in Nassau im Dezember 1962 bewährte sich erneut die gemeinsame Sprache. Macmillan war auf die Bahamas gekommen, um von Kennedy Unterstützung bei der Erneuerung der britischen Nuklearwaffen zu bekommen. Konkret ging es um die Polaris-Raketen, die neueste Errungenschaft der damaligen US-Militärtechnologie. Im Umfeld Kennedys sah man eine Weitergabe der Waffen an Verbündete skeptisch. Während eines gemeinsamen Spaziergangs am ersten Abend überzeugte Macmillan den Präsidenten von der politischen und strategischen Notwendigkeit, die britischen U-Boote damit auszustatten und sie in den Dienst der Nato zu stellen.

Eine vergleichbare Nähe kam später zwischen Ronald Reagan und Margaret Thatcher und dann wieder zwischen Bill Clinton und Tony Blair zustande. Eine noch engere Beziehung entwickelte Blair zu Clintons Nachfolger George W. Bush. Die beiden benutzten nicht nur dieselbe Sprache, sondern auch dieselbe Zahnpasta.

Le Monde diplomatique vom 10.09.2010,