Wirtschaftsmodell ohne Zukunft

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Wirtschaftsmodell für die Zukunft

Wirtschaftsmodell ohne Zukunft

Algerien steht vor wirtschaftspolitischen Herausforderungen, die jede westliche Vorstellung von Strukturwandel übersteigen. Seit seiner Unabhängigkeit von Frankreich 1962 lebt das Land hauptsächlich von seinem Öl- und Gasreichtum. Die nachgewiesenen Ölreserven betragen etwa 12 Milliarden Barrel. Aber noch wichtiger sind die Gasvorkommen: Nach offiziellen Angaben lagern 4,5 Billionen Kubikmeter unter algerischem Wüstensand. Das sind immerhin 2,4 Prozent der weltweit nachgewiesenen Vorkommen. Durch den Export dieser Ressourcen verfügt Algerien zwar über einen enormen Reichtum (182 Milliarden US-Dollar Devisenreserven im Jahr 2012), doch die Kehrseite dieser Medaille ist der Stillstand.

Denn der vermeintliche Segen des Öls hat dazu geführt, dass sich Algerien im Lauf der letzten 50 Jahre vollkommen vom schwarzen Gold abhängig gemacht hat. Seit Langem bestreitet das Land konstant mehr als 95 Prozent seiner Gesamtexporte mit fossilen Energieträgern. Der Staat finanziert sich zu fast drei Vierteln aus Öl- und Gaseinnahmen. Mit anderen Worten: Algerien ist ein lupenreiner „Rentierstaat“. Seine finanzielle Grundlage besteht zum Großteil nicht aus der Besteuerung der wirtschaftlichen Tätigkeiten seiner Bürger, sondern dem Verkauf von Öl und Gas.

Die jahrzehntelange Konzentration auf den Energiesektor hat auch dafür gesorgt, dass andere Industrien fast ganz verschwunden sind. Der industrielle Bereich außerhalb des Öl- und Gassektors trägt gerade noch 5 Prozent zum algerischen Bruttoinlandsprodukt bei. Der Verarbeitende Sektor – ein wichtiger Pfeiler jeder funktionierenden Wirtschaft – ist in den vergangenen 20 Jahren um mehr als 50 Prozent geschrumpft. Algerien leidet unter einem massiven Deindustrialisierungsprozess, der mit Blick auf die Zeit „nach dem Öl“ dringend gestoppt werden muss. Manchen Analysten zufolge könnten Algeriens Öl- und Gasquellen schon in 25 Jahren versiegen.

Ein Teil der Renteneinnahmen fließt über den staatlichen Beschäftigungssektor, Infrastrukturmaßnahmen und Subventionen mehr oder weniger direkt an die Bevölkerung. Für das Jahr 2014 hat der algerische Staat Personalausgaben in Höhe von 62 Milliarden Dollar eingeplant, unter anderem für die Schaffung von 10 000 neuen Stellen bei der Polizei in den Südregionen des Landes.

Insgesamt machen die Ausgaben für die Gehälter der Staatsbediensteten rund 60 Prozent der Gesamtausgaben aus (in Deutschland etwa 8 Prozent). Doch ein aufgeblähter staatlicher Beschäftigungssektor, der nicht zuletzt dazu dient, den sozialen Frieden zu erkaufen, ist keine nachhaltige Lösung für das Beschäftigungsproblem. Die kann nur im Aufbau produktiver und vom Regime unabhängiger Industriestrukturen bestehen. Jakob Horst

Le Monde diplomatique vom 10.04.2014, von Jakob Horst

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