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Brief aus Kapstadt

von Johann Rossouw

Lieber Klaus, in den Jahren unserer Korrespondenz über Nietzsche, Heidegger und Arendt habe ich dich als einen mustergültig guten Europäer kennengelernt: Du bist liberal in deinen politischen Ansichten, obwohl du ein wenig den Zeiten hinterhertrauerst, als der Sozialismus die säkulare Religion der Zukunft war. Du bist ein leidenschaftlicher Verfechter des Multikulturalismus, auch wenn dich die Frage, wie man mit dem Islam in Europa umgehen soll, etwas ratlos macht.

Nachdem du dich in Zeiten der Apartheid geweigert hast, südafrikanische Orangen zu kaufen, bist du heute ein treuer Freund der „Regenbogennation“ (eine Bezeichnung für Südafrika, die Erzbischof Tutu bei Reverend Jesse Jackson geklaut hat, der sie bei Nelson Mandelas Amtsantritt 1994 für die Vereinigten Staaten gebrauchte). Denn die „Regenbogennation des Südens“ ist für dich ein kleiner Hoffnungsschimmer am international düsteren Horizont.

Vielleicht aus Rücksicht auf deinen sanftmütigen Charakter, vielleicht auch, weil ich weiß, dass der Verlust unsrer liebsten Illusionen nicht zu verschmerzen ist, habe ich mich in den vergangenen Jahren bemüht, unseren Briefwechsel auf das vertraute und sichere Terrain jener unaufgeregten, scholastischen Tätigkeit zu beschränken, die ihr Europäer Philosophie nennt. Ich habe es also bewusst vermieden, mich über mein Land zu äußern, wenn man von der einen oder anderen oberflächlichen Bemerkung absieht („Der ANC ist wiedergewählt worden“, „Bill Clinton hat in Nelson Mandelas alter Zelle auf Robben Island geweint“).

Nun aber hat unser Gesundheitsminister zum wiederholten Male behauptet, im Kampf gegen Aids helfe Knoblauch und die afrikanische Kartoffel, und ich glaube, dass du mir deswegen in deinem letzten Brief vorgeworfen hast, ich wäre nicht ehrlich zu dir, wenn ich über mein Land spreche. So will ich nun mein Schweigen brechen und dir mit dem Risiko, unsere Freundschaft zu ruinieren, mein Land zu erklären versuchen, mein guter europäischer Freund.

Vielleicht sollte ich mit einem der vielen Nietzsche-Zitate beginnen, die wir beide so lieben: „Ich sage euch: man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können.“ Ich lasse mich oft von diesem Stern leiten, wenn ich an die rund fünf Millionen (eine umstrittene Zahl!) meiner südafrikanischen Mitbürger denke, die HIV-infiziert sind, während unsere Regierung – allen voran unser Präsident – nichts Besseres zu tun hat, als mit Aids-Dissidenten zu flirten oder eine „gesunde Ernährung“ zu empfehlen (die afrikanische Kartoffel!). Dabei könnte diese Regierung den Menschen die benötigten antiretroviralen Medikamente zur Verfügung stellen – ist es ihr doch gerade gelungen, den Preis dieser Medikamente und anderer Generika in einem Aufsehen erregenden Prozess gegen die multinationalen Patentinhaber massiv zu senken.

Der Stern leuchtet mir auch, wenn ich bedenke, dass Südafrika im November 2005 in dem schändlichen Wettkampf um die größte Kluft zwischen Arm und Reich Brasilien von Platz eins verdrängt hat, nachdem es Thabo Mbekis ANC in seiner neoliberalen Weisheit vorzog, im Verein mit den weißen Großkonzernen eine schwarze Mittelschicht zu etablieren, anstatt den lokalen Gemeinschaften Kapital und Bildung zukommen zu lassen. Oder dass von den 1 800 Mordopfern der letzten zehn Jahre auf südafrikanischen Farmen eine erkleckliche Zahl nicht weiße Farmer waren, sondern schwarze Arbeiter. Oder dass dringend benötigte Förderprogramme für Benachteiligte mittlerweile einfach darin bestehen, Weiße durch Schwarze zu ersetzen, wobei die Hautfarbe oft mehr zählt als die Qualifikation und in der Folge – zusätzlich bedingt durch Teilprivatisierungen und Mittelkürzungen auf dem öffentlichen Sektor – Krankenhäuser, Schulen, ganze Regierungsabteilungen und das Strafjustizwesen zusammengebrochen sind.

Oder wenn ich an das bezaubernd schlechte Englisch denke, das wir alle sprechen, während die (schwarze) Mehrheit der Kinder meines Landes bis vor kurzem in den ersten drei Schuljahren in ihrer Muttersprache und ab dann auf Englisch unterrichtet wurde und sich jeder wunderte, dass so viele schwarze Kinder weiterführende Schulen und Universität nicht schaffen, hingegen so viele weiße Kinder (die in ihren Muttersprachen studieren) immer noch die besten Noten bekommen.

Oder dass man im superreichen Sandton wegen seines Autos und im extrem armen Khayalitsha wegen seines Handys ermordet werden kann. Khayalitsha ist ein wenige Quadratkilometer großes Meer schwarzer Armut, wo mehr als eine Million Menschen im Schatten einer Stadtautobahn am Rande Kapstadts zu überleben versuchen und wo letztes Jahr „offiziell“ 342 Menschen ermordet wurden.

Ja, lieber Klaus, ich denke oft an Nietzsches Stern, wenn ich diese stürmische See betrachte, die wir mit meinem Land durchqueren müssen. Was aber ist dein Stern, wirst du mich vielleicht fragen, was hält dich sicher auf Kurs wie den heiligen Petrus, der über das Wasser wandelte, ohne auf die Wellen zu schauen? Warum schließt du dich nicht der einen Million Südafrikaner an, die jüngsten Statistiken zufolge ausgewandert sind und als Grund Kriminalität und Rassismus auf dem Arbeitsmarkt angeführt haben – von denen viele Afrikaander sind wie du, also jenem merkwürdigen Volk angehören, das einst Afrikas ersten antikolonialen Krieg gegen seine eigenen europäischen Vorfahren führte?

Erlaube mir, dich in Beantwortung dieser hypothetischen Frage auf einem kurzen Streifzug durch meine Erinnerungen und Gedanken der letzten paar Jahre mitzunehmen. Zunächst einmal, das wird dich vielleicht überraschen, gab es nur zwei Gelegenheiten, bei denen ich überhaupt erwogen habe, mein Land dauerhaft zu verlassen (um das Wort „emigrieren“ gar nicht erst in den Mund zu nehmen).

Das erste Mal war kurz nach unseren zweiten demokratischen Wahlen 1999. Ich weiß noch, wie ich gerade eine Waschmaschine in einem Waschsalon mit meiner Schmutzwäsche belud, als mir plötzlich klar wurde, dass das gar keine Wahl, sondern eine Volkszählung nach Rassenzugehörigkeit gewesen war. Einen Moment lang fühlte sich meine Haut wie eine (weiße) Zwangsjacke an. Doch dann fiel mir wieder ein, dass ich nicht meine Haut bin und dass alle Menschen, wenn sie „wir“ sagen, dies mit einer roten Zunge tun. Und so verflog der Gedanke, wegzugehen.

Das zweite Mal war zu Beginn eines zweijährigen Studiums in Frankreich. Im Mai 2001 blickte ich bei einem Konzert des Buena Vista Social Club im antiken Theater von Arles in den tiefblauen provenzalischen Frühlingshimmel und sagte mir: „Hier könnte ich leben.“ Aber das Leben ist kein Konzert, und in den zwei Jahren, die ich auf dem schönen, unter der Last seiner Geschichte ächzenden Alten Kontinent lebte – voller Sehnsucht nach meinem Land, in dem die Zukunft von allen Seiten in mehr Sprachen nach einem ruft, als du in deiner Heimat jemals hören wirst –, in diesen zwei Jahren wurde mir klar, dass ich ohne afrikanischen Sauerstoff langsam absterben würde.

Auch wenn uns in diesem schönen Land der Tod wie ein treuer Hund an den Fersen klebt, wie Breyten Breytenbach einmal gesagt hat. (Aber natürlich klebt er uns immer an den Fersen, und dass man in dem schönen Land auf so natürliche Weise daran erinnert wird, macht uns vielleicht alle von Haus aus zu Buddhisten. Vielleicht ist dir ja aus akademischen Gründen Heideggers „Freiheit zum Tode“ lieber, aber das ist nicht wirklich dasselbe.)

Als ich im März 2003 in das schöne Südafrika zurückkehrte, wurde mir, wie das häufig so ist, aus dem Abstand heraus klar, warum ich drei oder vier Jahre lang ein Unbehagen gegenüber meinem Land empfunden hatte, das ich nicht in Worte fassen konnte. Es geschah, als ich einmal mehr hörte, wie der heldenhafte Präsident unserer afrikanischen Renaissance den Namen des Kontinents der unendlichen Weiten, der Platz für alle bietet, in den Mund nahm. „Africa“, sagte er, und mir wurde schlagartig klar, dass sein „Africa“ nicht meines ist. Dass sein „Africa“ das der wirtschaftlichen und staatlichen Eliten ist, die von den krummen Rücken auf den Feldern, in den Minen und Fabriken wie die Made im Speck leben. (Aber musste er es nicht so sehen? Entwickeln im politischen Exil nicht irgendwann alle eine Postkartenfantasie ihres Vaterlands? Und versuchen sie am Ende nicht alle, nachdem sie zurückgekehrt und an die Macht gekommen sind, das Land nach der geliebten, eselsohrigen, vergilbten alten Postkarte von daheim umzumodeln?)

„Afrika“, sagte ich auf Afrikaans, dieser schönen Kreolensprache meiner Mutter, die eine Brücke zwischen dem Alten Kontinent und dem Kontinent der unendlichen Weiten bildet, und war plötzlich wieder in meinem Heimatland zu Hause.

Dann las ich eines Tages die Geschichte von einem verrückten melancholischen Puppenmacher, der in Istanbul ein unterirdisches Museum mit Schaufensterpuppen aus seiner und seines Vaters Werkstatt eingerichtet hatte, die alle Türken aus der guten alten Zeit darstellten. Orhan Pamuk erzählt diese Geschichte in „Das schwarze Buch“, und sie erinnerte mich daran, dass wir in unserem Land so sehr darum bemüht sind, auszusehen, wie andere uns sehen wollen, oder wie wir glauben, dass sie uns sehen wollen – hinter stereotypen kolonialen Masken, mit denen wir ihrem westlichen Blick vertraut erscheinen. Statt dass wir jenes Bild von uns zeigen, das wir längst sind.

In einem anderen von Pamuks Büchern, „Schnee“, gibt es eine Szene, in der Türken der verschiedensten politischen und religiösen Zugehörigkeiten in einem Hotelzimmer einen Streit vom Zaun brechen, am Ende aber zu einem fröhlichen Gespräch finden. Und ich begriff, dass mein Land genauso ist: Wir lieben uns, ohne es zu wissen.

Heute, mein lieber Klaus, wo der Nationalismus der Afrikaander von seiner Tochter, dem afrikanischen Nationalismus, abgelöst ist und alle glauben, es sei nur um die Apartheid und die Überwindung der Apartheid gegangen, heute sehe ich, wie meinem Land die dionysische Sehnsucht geraubt wird. Diese Sehnsucht, die in den Adern aller Länder pulsiert, wenn sie im Bann der Zukunft und der Geburt und der Möglichkeit stehen (Hannah Arendt, Klaus!) und zu lernen versuchen, wie man „wir“ sagt, wird uns von den Dieben der Zeit selbst gestohlen: von denen, die uns unter die Tyrannei der Unmittelbarkeit zwingen wollen, in der wir nicht nach und nach lernen können, „wir“ zu sagen, sondern alle sofort „ich“ sagen müssen.

Wie in dem Rammstein-Lied „Moskau“ – „Sie tanzt für mich, ich muss bezahlen / Sie schläft mit mir, doch nur für Geld / Ist doch die schönste Stadt der Welt“ – ist mein schönes Land gezwungen, zur Musik der gestohlenen Zeit zu tanzen, dem Soundtrack eines Films namens Konsum. Die auf der Tanzfläche werden – „kaufe und sei!“ – dazu gebracht, zu tanzen, bis sie umfallen, bis jegliches Begehren in ihnen erloschen oder pervertiert ist: Selbstmord, Drogen, tolle Häuser und schnelle Autos, Depression. Die anderen aber, die nie auf die Tanzfläche dürfen, die gezwungen sind, dem großen diabolischen Tanz mit Erektion und feuchter Vagina zuzuschauen, fallen schließlich in ihrer frustrierten Begierde über die Tanzenden her, vergewaltigen und morden und schonen auch einander nicht.

In dem schönen Land aber, mein lieber Klaus, sind wir viele. Und mit nur einem Wort können wir den Sturm besänftigen wie Jesus. Wenn wir lernen, dieses Wort in allen unseren Sprachen zu sprechen, wenn wir Wirtschaft und Demokratie nicht auf künstlichen Mangel, sondern auf unseren natürlichen Reichtum gründen, wenn wir nicht mehr mit Worten, sondern mit Stille beten, dann wird die göttliche Liebe (agape), die bürgerliche Liebe (filia) und die Liebe der Liebenden (eros) ein neues Land hervorbringen. Dieses Wort ist „wir“.

Dein afrikanischer Freund Johann Rossouw, Kapstadt, Südafrika

Aus dem Englischen von Michael Adrian © Le Monde diplomatique, Berlin Johann Rossouw ist Philosoph, Schriftsteller und Redakteur der Zeitschrift Die Vrye Afrikaan, der Le Monde diplomatique auf Afrikaans beiliegt.

Le Monde diplomatique vom 10.11.2006,