Die Diamantengräber von Mbuji-Mayi

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Die Diamantengräber von Mbuji-Mayi

Reise ins Herz des Kongo von Andrea Böhm

Mbuji-Mayi, Hauptstadt der Provinz Ost-Kasai, liegt rund 1 000 Flugkilometer von Kinshasa entfernt. Der Name bedeutet „Wasserstelle der Ziegen“ – ein hübscher Euphemismus für eine der reichsten Schatztruhen des Landes. Mbuji-Mayi ist weniger für seinen Viehbestand berühmt als für seine Rohstoffe. Anders als zu William Sheppards Zeiten geht es im Kasai heute nicht mehr um Kautschuk, sondern um Diamanten. Mbuji-Mayi war über Jahrzehnte eine geschlossene Stadt gewesen – zugänglich nur für Militärs, Regierungsmitglieder und die globalisierte Diamantenbranche mit ihren südafrikanischen Geologen, libanesischen und israelischen Händlern, belgischen Ingenieuren. Ohne Erlaubnis aus Kinshasa, ohne ordre de mission, durfte niemand die „Wasserstelle der Ziegen“ betreten.

Diese Sperre war Anfang 2008 aufgehoben worden, was nicht bedeutete, dass man vom Flughafen aus einfach ins Zentrum spazieren konnte. Schon gar nicht als weiße Ausländerin, die einen Rohdiamanten nicht von einem Glassplitter unterscheiden konnte und außer neugierigen Fragen nichts zu bieten hatte. Man brauchte einen Schutzpatron. Meiner hieß Félicien Mbikayi. Er war mir in Kinshasa empfohlen worden. Nach dem, was ich über ihn gehört hatte, stellte ich ihn mir als eine moderne Version von William Sheppard vor. Missionarisch, eloquent, charismatisch. Was das Aussehen anging, passte der Vergleich überhaupt nicht. Félicien war ein kleiner Mann mit rasiertem Schädel und phlegmatischer Stimme, der mich im Flughafengebäude mit den Worten empfing: „Bezahlen müssen Sie dort hinten.“

Im Büro der DGM, der Migrationsbehörde, notierte ein Beamter meinen Namen und meine Passnummer in einer dicken, schmutzigen Kladde und nahm 60 Dollar „Einwanderungsgebühr“ entgegen. Félicien setzte mich im Moukasha ab. „Ein ordentliches Hotel“ – 25 Dollar pro Nacht, inklusive zwei Eimer Waschwasser, regem Ameisenverkehr und ständiger Bewachung durch einen Polizisten mit einer klapprigen Kalaschnikow und einer Sonnenbrille, die von Karl Lagerfeld hätte stammen können. „Abfahrt morgen sieben Uhr“, sagte Félicien und verschwand mit einem verbeulten Geländewagen. Félicien Mbikayi, 41 Jahre alt, verheiratet, hatte ein abgeschlossenes Soziologiestudium und vier Kinder zu ernähren.

Wie die meisten Kongolesen ging er mehreren Beschäftigungen nach, unter anderem als Mitbetreiber eines Internetcafés und als Vorsitzender eines Vereins mit dem umständlichen Namen „Groupe d’Appui aux Exploitants de Ressources Naturelles“. Zu Deutsch „Gruppe zur Unterstützung von Förderern natürlicher Rohstoffe“. Vor allem war er ein wandelndes Lexikon, was das Geschäft mit Diamanten und die Geschichte seiner Stadt betraf. Um die Sache mit den Diamanten zu verstehen, sagte Félicien am nächsten Morgen, müsse man wissen, wie sie sich anfühlten. Ich verfluchte die frühe Uhrzeit. Mbuji-Mayis nächtlicher Geräuschpegel hatte wenig Schlaf erlaubt: brummende Generatoren, ekstatische Kirchengesänge bis vier Uhr morgens, Kneipenmusik und gegen 23 Uhr in sicherer Entfernung einige Schüsse. „Das Übliche: Ärger auf dem Polygon“, sagte Félicien und stopfte zerfledderte Geldscheine in einen Papierkorb, der an der Petro-Mbu-Tankstelle mit ihrer windschiefen Zapfsäule als Kasse diente. 1 200 kongolesische Francs kostete der Liter Benzin, zu diesem Zeitpunkt umgerechnet drei Dollar, weit mehr als in Kinshasa.

Félicien parkte den Wagen, Leihgabe einer Kirchengemeinde, am Rande des Marktes, heuerte zwei Straßenjungen als Autowächter an und stürzte sich ins Gedränge. Sein glänzender, verschwitzter Schädel wippte wie eine Leuchtboje zwischen den Händlerinnen, die Seife, Eier, Maniokpaste und Zuckerrohr anboten. Der Verkauf von Nahrungsmitteln und kleineren Gebrauchsgegenständen war Frauensache. Edelsteine waren Domäne der Männer. Rechts hinter dem Delikatessenstand – geröstete Schlangen und Raupen – hantierten die Diamantenhändler mit Waage, Pinzette und Taschenrechner. Ihre Füße steckten im Dreck, ihre Köpfe beugten sich über glitzernde Krümel. „Los, zeig ihr was“, sagte Félicien zu einem mürrischen Kerl mit dem Bauch eines Sumo-Ringers. Der Riese kippte ein Häuflein auf den Tisch, pickte mit Pinzette und erstaunlich flinken Wurstfingern die braun gefärbten Steine heraus und schob die weißen herüber.

„32 Karat“, sagte er lässig. „Na, wie fühlt sich das an?“ Seltsam billig fühlte es sich an. Wie seifige Glasperlen. Diamant. Das Wort stammt vom griechischen adámas, „unbezwingbar“. Kein anderes Mineral hat eine so harte Kristallstruktur. Mit Diamanten schneidet man Glas und Beton, bohrt nach Öl, formt Werkzeuge, schleift andere Rohdiamanten zu Juwelen. Tief unter den Füßen des Dicken und der Marktfrauen lagen einige der größten Diamantenfelder der Welt. Darüber hatte sich Mbuji-Mayi ausgebreitet, zweifellos eine der ärmsten Städte der Welt mit zwei, vielleicht drei Millionen Einwohnern. Die meisten träumten davon, irgendwann den einen, den großen Stein zu finden, der sie in die Welt der Reichen katapultieren würde. Félicien träumte nicht mehr. Sein Hauptberuf bestand darin, das böse Erwachen seiner Mitbürger abzumildern.

Selbst für kongolesische Verhältnisse bot Mbuji-Mayi ein hässliches Bild. Der Rost fraß das örtliche Wasserkraftwerk. Illegal gelegte Kabel wickelten sich wie Schlingpflanzen um die Holzmasten, deren Leitungen nur noch sporadisch Strom transportierten. Aus den Mauern der Werksanlagen der Miba, des halbstaatlichen Bergbaukonzerns, sprossen Gräser. Die Mauern des Zentralgefängnisses, in dem alle paar Monate ein Häftling an Hunger starb, hatten faustgroße Löcher. Lehmhütten verschachtelten sich mit Sperrholzverschlägen, die Schlaglochpisten dienten als Straßen, Märkte, Abwasserrinnen und Bühnen für schreiende Erweckungsprediger. Und an fast jeder Ecke saß in einem frisch verputzten Steinhaus ein Diamantenhändler. Mbuji-Mayi war eine Kreuzung aus sowjetischer Industrieruine, brasilianischer Favela und riesigem Flohmarkt.

Ein Schlagbaum an der Flussbrücke markierte die Stadtgrenze. Polizisten kassierten eine „Ein- und Ausreisegebühr“, einen Dollar pro Fahrzeug. Dahinter erstreckte sich eine scheinbar unendliche, bizarre Landschaft: rotbraune Hügel, aufgeschüttet mit Sand und Geröll, daneben tiefe Krater, gefüllt mit grünem Wasser. Meine Augen suchten nach Baggern und Raupen, aber das schwerste Gerät weit und breit war unser Auto. Männer hoben mit Schaufeln Löcher aus, Halbwüchsige schleppten Säcke mit Kiesel und Geröll über Schlammpfade oder schüttelten, knietief im Wasser, Sand durch große Siebe. Creuseurs hießen sie, Buddler, Gräber, Schürfer. Sie wirkten umso kleiner und entbehrlicher, je höher die Sandhügel wuchsen, je weiter die verseuchten Kraterseen sich ausdehnten. Eine Mondlandschaft, von Menschenhand geschaffen. „Wie tief graben die?“, fragte ich. „Dreißig Meter, manchmal tiefer“, sagte Félicien. „Völliger Wahnsinn“, sagte ich. „Na ja, so was habe ich auch mal gemacht.“ Er deutete auf einen menschenleeren Abschnitt am anderen Flussufer. „Das Polygon.“

Mondlandschaften, Erdlöcher und Träume vom großen Fund

Das Polygon bezeichnete das ertragreichste Diamantenfeld im Konzessionsgebiet der Miba – und den Schauplatz eines alltäglichen kleinen Krieges. Wachleute des Konzerns machten jede Nacht Jagd auf Schürfer, die sich auf das Gelände schlichen. Die Fronten waren unübersichtlich. Wer Werkschutz und Polizisten schmierte, bekam von ihnen ein Losungswort zugeteilt und konnte passieren. Wer nicht zahlte, war entweder bewaffnet oder lebensmüde. Oder beides. Die Lage, sagte Félicien, sei mit dem Auftauchen der suicidaires eskaliert, bewaffneten Gangs, die sowohl andere Schürfer ausraubten als auch den Miba-Werkschutz angriffen. Nach offizieller Lesart handelte es sich bei den „Selbstmördern“ um kriminelle Elemente. Félicien hegte einen anderen Verdacht.

Als geschulter Soziologe beobachtete er seine Mitmenschen und zog seine Schlussfolgerungen: In letzter Zeit, sagte er, trügen die suicidaires immer mehr und immer bessere Schnellfeuergewehre, während hochrangige Armeeoffiziere in Mbuji-Mayi immer mehr und immer protzigere Autos führen. Man müsse schon blind sein, um da keinen Zusammenhang zu sehen. „Können wir auf das Polygon?“, fragte ich. „Würde ich zurzeit nicht empfehlen“, antwortete mein Schutzpatron und lenkte den Wagen hinein in das Labyrinth aus Sandhügeln, Stollen und Kratern. Hier, außerhalb des Polygons, war das Schürfen, Buddeln, Sieben und Wühlen erlaubt. Hier wurde nicht geschossen, hier starb man leise. Zwei Männer begrüßten uns, stellten sich als Théodore und Séraphin vor. Théodore hatte seinen nackten Fuß sachte auf einem bräunlichen Schlauch platziert, der hinter ihm in der Erde verschwand. Séraphin hielt ein fingerdickes Seil in der Hand.

Daran hing seit den Morgenstunden das Leben ihres Kollegen Apollinaire. Der schaufelte tief unten mit bloßen Händen Erde in Säcke und saugte zwischendurch aus dem Schlauch Sauerstoff, den ein stotternder Generator nach unten pumpte. Die Schächte waren durch kniehohe Tunnel miteinander verbunden. In der Regenzeit gab die aufgeweichte Erde nach und brachte immer wieder Stollen zum Einsturz. Vor vier Monaten habe es Joseph erwischt, einen ihrer besten Schürfer, sagte Théodore. „Weil er so klein und wendig war.“ Und wahrscheinlich nicht älter als 14, genau konnten sie sich an sein Alter nicht erinnern.

Wir zählten ein Dutzend majimbas, Schächte, allein auf diesem Feld. Wie viele Tote tief unter der Erde zwischen Sand, Kies und Diamanten lagen, wusste niemand. „Komm rauf, wir haben Besuch!“, brüllte Théodore in den Stollen, rammte seine Fersen in den Sand und zog mit unserer Hilfe am Seil. Zehn Sekunden verstrichen, zwanzig, das Loch blieb schwarz. Dann tauchte ein winziger Lichtpunkt auf, schließlich der Umriss eines Kopfes, an dem eine Taschenlampe festgebunden war. Apollinaire, lehmverkrustet, die Augen rot unterlaufen, starrte nach oben. Ich hockte am Rand des Schachts und starrte nach unten. „Das gibt’s nicht“, krächzte er vergnügt, als würde ihm ein kaltes Bier gereicht. „Wo habt ihr denn die Weiße her?“ Da standen sie nun, Kongos Helden der Arbeit, und am liebsten hätte man sie ins nächstbeste Lazarett geschickt. Ihre vernarbten Beine steckten in verschlammten kurzen Hosen, der eine oder andere Arm sah aus, als wäre ein Bruch schlecht geschient worden. Théodores durchlöchertes T-Shirt entblößte seine hervorstehenden Rippen, die Augen von Apollinaire waren offenbar schon länger entzündet. Ihre Lebenserwartung lag vermutlich noch unter dem nationalen Durchschnitt von 46 Jahren.

Drei Säcke hatten sie seit dem Morgen vollgeschaufelt, jeder vierzig Kilo schwer. Drei Viertel dieser Ausbeute gehörte ihrem „Sponsor“, einem Diamantenhändler, der ihnen den Kredit für Schaufeln, Siebe, Seile und den altersschwachen Generator gewährt hatte. Ein Viertel der Säcke durften sie auf eigene Rechnung am Fluss aussieben. Diese Woche hatten sie noch keinen einzigen Stein gefunden – und wenn, dann hätten sie seinen Wert nicht schätzen können. Die Schürfer verstanden nichts von Reinheit und Form eines Rohdiamanten. Sie kannten die aktuellen Preise auf dem Weltmarkt nicht und vermochten oft nicht einmal zwischen potenziellen Schmuckdiamanten und Industriesteinen zu unterscheiden, die den Großteil der Vorkommen hier ausmachten. Die Händler diktierten ihnen die Ankaufpreise.

Was Théodore und seinen Männern nach einem Arbeitstag blieb, war meist nur ein trotziger Malocherstolz. Sie konnten stundenlang in einem kniehohen Tunnel kauern und zentnerweise Säcke vollschaufeln. Sie konnten ihre Todesangst unterdrücken, wenn oben plötzlich der Generator stockte und tief unten die Luft knapp wurde. Sie konnten von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang schuften. Wer in einem majimba arbeitete, stand in der Hierarchie der creuseurs ganz oben – über den Schürfern, die in den offenen Gruben schaufelten, Sandsäcke schleppten oder auf dem Flussboden nach Diamanten wühlten. Der majimba von Théodore und den anderen hatte einen Durchmesser von gut einem Meter. Zum Klettern hatten die Männer fußbreite Kerben eingeschlagen. Dann hatten sie die Innenwand mit Wasser, Lehm und Spaten so lange geglättet, bis sie glänzte. Ihr Schacht war, wie sie fanden, ein Prachtstück ihres Handwerks. Félicien war da anderer Meinung.

Seit Monaten versuchte er, Théodores Mannschaft davon zu überzeugen, dass auch ein creuseur sein Unfallrisiko mindern und seine Lebenserwartung erhöhen konnte. Féliciens „Gruppe zur Unterstützung von Förderern natürlicher Rohstoffe“ bestand aus ihm und drei weiteren Mitgliedern. Mit dem Eifer von Wanderpredigern zogen sie seit Jahren von Diamantenfeld zu Diamantenfeld, erklärten den Schürfern, wie man stabilere Stollen baut und dass sie lieber Kooperativen bilden sollten, anstatt sich wie Leibeigene einem „Sponsor“ auszuliefern. Sie lasen den creuseurs die internationalen und nationalen Gesetze gegen Kinderarbeit vor. Sie mahnten, verlassene majimbas zu markieren, damit niemand hineinstürzte, und im Bordell Kondome zu benutzen contre le Sida. Gegen Aids.

[…] Was aussah wie das afrikanische Lumpenproletariat, bildete die Stütze der kongolesischen Wirtschaft. Auf rund eine Million schätzt man heute die Zahl der creuseurs im Kongo. Meistens sind es Männer und Jungen, die in die Schächte und Stollen steigen, sich unter die Erdoberfläche wühlen, wo die weltweit größten Reserven an Kobalt, zehn Prozent der weltweiten Reserven an Kupfer und gigantische Diamantenvorkommen liegen. Frauen und Mädchen schuften über der Erde, auf den wenigen Feldern, die inmitten der verseuchten Minen noch bewirtschaftet werden, oder am Eingang zu den alten Bergwerken, wo sie die Steinbrocken zerstoßen, die die Männer herauswuchten. Dieses Millionenheer erwirtschaftet fast ein Jahrzehnt nach dem offiziellen Kriegsende immer noch den Großteil des kongolesischen Rohstoffexports. Es ernährt mit den wenigen verdienten Dollars gut ein Sechstel der Bevölkerung, zahlt Schürfgebühren und Steuern, wird mit illegalen Abgaben erpresst. Aber es gräbt weiter. Gräbt und gräbt und gräbt. Und träumt vom großen Fund.

Andrea Böhm ist Journalistin bei der Zeit. Dieser Text ist entnommen aus ihrem Buch: „Gott und die Krokodile“, das im Februar beim Pantheon Verlag erscheint. © Pantheon Verlag, München 2011

Le Monde diplomatique vom 14.01.2011, von Andrea Böhm

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