Direktflug von Ürümqi

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Direktflug von Ürümqi

Abdul-Karim Yaqoub ist Geschäftsführer der saudischen Industrie- und Handelskammer und vor allem zuständig für die Beziehungen zu China. Der junge Mann promoviert zudem gerade an der Universität Schanghai mit einer Arbeit über die saudisch-chinesischen Beziehungen. Yaqoub ist saudischer Bürger mit chinesischen Wurzeln: Seine Familie ist eine der muslimischen Familien Chinas, die Ende der 1940er Jahre auf der Flucht vor den vorrückenden Truppen Maos lieber nach Saudi-Arabien als nach Taiwan auswanderten. Schon in den 1930er Jahren waren chinesische Muslime vor Krieg und Gewalt in Ostturkestan (heute Xinjiang) geflüchtet und hatten sich in Mekka und Medina niedergelassen.

Nachdem die Kommunisten die Macht übernommen hatten, nutzten sie paradoxerweise die Religion, um mittels der sogenannten Hadsch-Diplomatie Beziehungen mit Saudi-Arabien zu knüpfen. 1955, als auf der Konferenz von Bandung 29 unabhängige Staaten Asiens und Afrikas die Bewegung der Blockfreien gründeten, vereinbarten der saudische Prinz (und spätere König) Faisal und der chinesische Außenminister Tschou En-lai, chinesischen Muslimen die Pilgerfahrt nach Mekka zu ermöglichen. Mit der Kulturrevolution jedoch, zu deren Zielen die Ausmerzung aller traditionellen Werte gehörte, versiegte der dünne Strom chinesischer Pilger.

Das Verhältnis zwischen beiden Ländern verschlechterte sich weiter, als Riad diplomatische Beziehungen zu Taiwan aufnahm und sich in den 1960er und 1970er Jahren aktiv an der von Tschiang Kai-schek gegründeten Antikommunistischen Weltliga beteiligte, der unter anderem die französische faschistische Bewegung Ordre nouveau, die US-amerikanische Heritage Foundation und Repräsentanten des argentinischen Diktators Jorge Videla angehörten. In dieser Zeit waren chinesischstämmige Saudis sogar in subversive Aktionen gegen die Volksrepublik eingebunden.

Als sich in den frühen 1980er Jahren das Verhältnis zwischen Washington und Peking stabilisierte, wollten die Chinesen auch die Beziehungen zum saudischen Königreich wieder aufnehmen, erzählt Yaqoub. Auch jetzt setzte man wieder auf die Hadsch-Diplomatie: „Die Chinesen wollten zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Zum einen wollten sie den Muslimen zu Hause zeigen, dass sie nichts gegen deren Religion hatten, zum anderen strebten sie die Annäherung an Saudi-Arabien an. 1981 setzte sich König Fahd am Rande des Nord-Süd-Gipfels von Cancún mit der chinesischen Führung zusammen.“

Schon 1979 hatte China die Hadsch wieder zugelassen, aber die Teilnehmerzahlen blieben gering, bis der Staat ab 1985 die Organisation selbst übernahm. Damals reiste auch erstmals eine offizielle chinesische Delegation nach Riad. Bis 2009 wuchs die Zahl der chinesischen Pilger auf 13 500 im Jahr an, und von Peking, Ürümqi, Lanzhou, Yinchuan und Kunming gibt es direkte Charterflüge nach Mekka.

Der politische Nutzen für die chinesische Seite wurde im Sommer Juli 2009 deutlich, als es in der Region Xinjiang zu Auseinandersetzungen zwischen einheimischen Muslimen und der chinesischen Obrigkeit kam. Bei Straßenschlachten in Ürümqi starben nach offiziellen Angaben mindestens 150 Menschen. Die Regierung in Riad verurteilte das repressive Vorgehen der Sicherheitskräfte nicht, auch die saudischen Medien hielten sich zurück (die einzigen Proteste aus der muslimischen Welt kamen damals aus Ankara).

Raed Krimli, Berater des saudischen Außenministers Saud al-Faisal, rechtfertigt dieses Schweigen: „Ein guter Muslim sollte ein guter Bürger sein, in China und in jedem anderen Land. Wir werden uns nicht in die inneren Angelegenheiten der anderen einmischen, und wir wollen auch nicht, dass sie sich in unsere Angelegenheiten einmischen. Das ist ein Grundsatz, den wir mit Peking teilen.“

Nach offiziellen Angaben leben in China 20 Millionen Muslime (wobei saudische Forscher von einer weit höheren Zahl ausgehen). Sie verteilen sich auf zehn unterschiedliche Ethnien, gehören jedoch in der Mehrzahl zu den turksprachigen Uiguren und den Hui, der einzigen chinesischen Minderheit, die durch ihre Religion definiert wird. Die Hui, weniger militant als die Uiguren, gelten als Nachfahren arabischer Händler, die sich während der Blütezeit des Handels entlang die Seidenstraße im Fernen Osten niederließen. Das Regime in Peking nutzt die Hui gern als „Brücke“ nach Arabien. Im September 2010 organisierte es zum Beispiel ein saudisch-chinesisches Wirtschaftsforum in Yinchuan, der Hauptstadt der autonomen Region Ningxia, in der die Mehrheit der Hui-Chinesen zu Hause ist.

Im Kampf gegen den muslimischen „Extremismus“ verfolgt Peking eine Doppelstrategie: Sie will die Legitimität des Regimes unter den Muslimen stärken und zugleich die radikalen Elemente ausschalten. Dafür braucht die chinesische Regierung das saudische Königshaus, den offiziellen „Hüter der heiligen Stätten“ in Mekka und Medina. Peking schickt seine Theologiestudenten auf die arabische Halbinsel und hofft, dass sich die Saudis für die Zulassung Chinas als Beobachter bei der Organisation der islamischen Konferenz (Organization of the Islamic Conference, OIC) einsetzen, der 57 Staaten angehören und deren administrativer Sitz in Dschidda ist. Im Juni 2010 hat OIC-Generalsekretär Ekmeleddin Ihsanoglu einen Besuch in China absolviert. Und im Oktober 2010 reiste der chinesische Innenministers Meng Jianzhu nach Riad, um ein Abkommen über Kooperation in Sicherheitsfragen zu unterschreiben und den „antiterroristischen Kampf“ der beiden Länder besser zu koordinieren. Alain Gresh

Aus dem Französischen von Jakob Horst

Le Monde diplomatique vom 14.01.2011, von Alain Gresh

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