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Ohne Sang und Klang

Pinochet war ein Mörder. Ein Opfer seiner Diktatur erinnert sich von Luis Sepúlveda

José Augusto Ramón Pinochet Ugarte alias José Pinochet alias Mister Escudero alias J. A. Ugarte, um nur einige der zahlreichen Pseudonyme zu nennen, unter denen er seine millionenschweren Konten bei Banken in den Vereinigten Staaten, auf Jersey und Grand Cayman Island, in der Schweiz und in Hongkong einrichten ließ, starb sang- und klanglos.

Er hatte seine 91 Jahre als ein armseliges, niederträchtiges Subjekt gelebt, dessen bekannte Talente sich in Verrat, Lüge und Raub erschöpften. Es ist also kein Zufall, dass seinem von militärischem Pomp begleiteten Begräbnis am 12. Dezember Komplizen aller Art beiwohnten, das heißt all jene, die einst auf die eine oder andere Weise von der Ausplünderung der Opfer und der Staatskasse profitierten, während seine Mentoren durch Abwesenheit glänzten. Kein wichtiger Vertreter der Botschaft der Vereinigten Staaten oder einer neofaschistischen Organisation Spaniens oder Italiens war zugegen.

Auch die „Intellektuellen“ des Regimes fehlten, die damals an der Tarnung einiger der von General Manuel Contreras und dem CIA-Agenten Michael Tonwley geleiteten Folterzentren beteiligt waren. So konnten diese offiziell als Schreibwerkstätten fungieren, in denen man über die Werke des Diktators „Politik, Politikaster und Demagogie“ oder „Ich bin ein Soldat“ und andere stilistische Perlen meditierte, während der spanische Diplomat Carmelo Soria gefoltert und ermordet wurde.

Seine ihm herzlich zugetane Bewunderin, Frau Thatcher, entschuldigte sich mit nachvollziehbaren altersbedingten Einschränkungen. Frau Kirkpatrick, eine weitere Anhängerin, hatte am 8. Dezember beschlossen, selbst das Zeitliche zu segnen. Sein Berater Milton Friedman, der es sich nicht hatte nehmen lassen, Pinochets Wirtschaftsmodell zu loben, das Millionen Chilenen den wirtschaftlichen, moralischen und kulturellen Ruin gebracht hatte, war bereits am 16. November verschieden.

Als Pinochet auf dem Höhepunkt seines kurzlebigen Ruhms davon träumte, das Fundament eines spezifisch chilenischen Nationalkatholizismus zu errichten, ernannte er sich selbst zum „Capitán General Benemérito de la Patria“, zum „Verdienstvollen Führer des Vaterlandes“. Er konnte sich schließlich nicht wie sein Vorbild Franco zum „Caudillo“ ernennen (Pinochet war der einzige ausländische Vertreter, der beim Begräbnis des kleinen Mannes aus Ferrol weinte). Von einem Uniformschneider ließ er sich eine um fünf Zentimeter höhere Schirmmütze anfertigen, bereicherte seine Uniform um ein unheilvolles Cape, für das Dracula Pate gestanden hatte, und ließ sich schließlich einen Befehlsstab überreichen, der einem Nazifeldmarschall alle Ehre gemacht hätte.

Unterdessen hatte er freilich mehrere Geistliche umbringen lassen – Antonio Llidó, André Jarlán und Joan Alsina –, was seinen Plan zunichte machte, aus Chile ein Land von Spitzeln in Soutane zu machen, denn die katholische Kirche stellte sich mehrheitlich auf die Seite der Verfolgten und Gefolterten und ihrer Familienangehörigen, die auf der Suche nach mehr als dreitausend Chileninnen und Chilenen waren und noch immer sind, die einst ihr Zuhause verließen und nie zurückgekehrt sind.

Am 11. September 1973 brach Pinochet den Eid, den er auf die chilenische Verfassung abgelegt hatte, und schloss sich in letzter Minute – die meisten Feiglinge sind von Natur aus unschlüssig – dem vom späteren Friedensnobelpreisträger und damaligen US-Außenminister Henry Kissinger geplanten und finanzierten Putsch an.

Eigentlich hätten andere Verräter an der chilenischen Verfassung den Putsch leiten und die Rolle des Diktators übernehmen sollen: Sie hießen Gustavo Leigh, Chef der chilenischen Luftwaffe, und Toribio Merino, Chef der chilenischen Kriegsmarine. Zu ihnen gesellte sich ein geistig überaus beschränktes Subjekt, ein gewisser Mendoza, seines Zeichens Generaldirektor der Carabineros.

Kissinger beschloss jedoch, dass die Diktatur von dem Verräter ausgeübt werden sollte, der am besten kontrolliert werden konnte, der am lenkbarsten und den Interessen der Vereinigten Staaten während des Kalten Krieges am treuesten ergeben war. Pinochet war der Archetyp der Marionette im Dienst des nordamerikanischen Imperialismus. Nachdem Salvador Allende im Kampf für die Verfassung und die demokratischen Institutionen sein Leben gelassen hatte, schritt Pinochet eilig zur Tat. Er folgte den Befehlen aus dem Pentagon, den „inneren Feind“ zu bekämpfen, und öffnete die Kloaken, damit die Bestien des Schreckens das Land in Besitz nehmen konnten.

Die Spitzel, die von Widerstandsaktivitäten berichteten, hatten Anspruch auf einen Teil der beschlagnahmten Besitztümer der „Subversiven“, die Soldaten hatten Anspruch auf Kriegsbeute, was bedeutete, dass sie von Silberlöffeln bis zu Hühnern alles rauben durften, und die Offiziere verwalteten die Kriegsbeute, indem sie sich Wohnungen, Fahrzeuge und Sparguthaben in einem Umfang aneigneten, den man niemals genau bestimmen können wird.

Jeder Soldat, jeder Polizist, jeder Offizier machte ein Vermögen, indem er mit dem Entsetzen Handel trieb: Eine Mutter wollte wissen, ob ihr verhafteter Sohn am Leben war; also erhielt sie als Gegenleistung für die Überschreibung ihres Hauses einen Haufen Lügen, zum Beispiel, ihr Sohn sei in Europa gesehen worden und werde sich schon mit ihr in Verbindung setzen. Nicht ein Einziger der uniformierten Putschisten war unbeteiligt an der Plünderung, nicht einer hat saubere Hände.

Ihnen zur Seite standen die Richter, die sechzehn Jahre lang das Recht beugten, den Raub legitimierten und die Straflosigkeit der Mörder sicherten, sowie die chilenische Rechte, die im Austausch für ihre Teilhabe an der Plünderung der natürlichen Ressourcen – Holz, Fischfang und Mineralien – zuließen, dass ein Land namens Chile, das bis 1973 etliche auf dem Weltmarkt hoch im Kurs stehende Fertigerzeugnisse, zum Beispiel Produkte der Textilindustrie, exportiert hatte, sich in ein in jeder Hinsicht abhängiges Land verwandelte. Heute wird in Chile nicht einmal eine Nähnadel produziert, und alles, absolut alles muss importiert werden.

Chile erlebte nicht so sehr den Sieg Pinochets als den Triumph von Milton Friedman, der zum ersten Mal seine Theorie der Marktwirtschaft in einem wehrlosen Land praktizierte, es ruinierte und in einen typischen Dritte-Welt-Staat verwandelte, der weiter nichts als Obst, Wein und Rohstoffe exportiert. Ein Großteil des Planeten wurde mit Kupferdraht aus Chile elektrifiziert. Heute ist Chile ein Land, das genetisch modifizierte Nachspeisen und Lachs aus kannibalistischer Fischzucht exportiert. Kannibalistisch deshalb, weil für ein Kilogramm Lachs, das natürlich nur den Besitzern der Lachsfarmen Profit bringt, acht Kilogramm des Fischreichtums geopfert werden müssen, der allen Chilenen gehört. Und wenn das Land anders als in den 1980er-Jahren kein Holz exportiert, dann deshalb, weil keines mehr übrig ist, nachdem die einheimischen Wälder erbarmungslos geplündert worden sind.

Während die ökonomischen, kulturellen und sozialen Grundlagen der chilenischen Gesellschaft durch Privatisierungen staatlichen Eigentums bis hin zum Gesundheits- und Erziehungswesen zerstört wurden, wurde jeder Ansatz von Opposition durch Mord, Folter, Entführungen oder erzwungenes Exil im Keim erstickt.

Das ist alles, was Pinochet hinterlässt: ein gebrochenes Land ohne Zukunft, ein Land, in dem elementare Rechte wie ein Arbeitsvertrag oder das Recht auf Information, Gesundheit und Erziehung immer unerreichbarer und so zu Schimären werden.

Pinochet starb im Genuss seiner Straflosigkeit und mit dem ganzen Zynismus, den er stets zur Schau getragen hat. 1986 gab es eine Gelegenheit, ihn für seinen Verrat zu bestrafen, als die heldenmütigen Kämpfer der Patriotischen Front Manuel Rodríguez ihn beinahe zur Hölle geschickt hätten. Aber das Attentat war nicht erfolgreich, trotz des Mutes jener jungen Leute, die zwischen 16 und 27 Jahre alt waren. Später dann, 1998, als er aufgrund eines Haftbefehls des spanischen Richters Baltasar Garzón in London festgenommen wurde, ergab sich die Möglichkeit, ihn für seine Verbrechen vor Gericht zu bringen. Er erhielt jedoch die unbegreifliche Unterstützung der Regierung Aznar in Spanien und der Regierung Blair in Großbritannien sowie von Eduardo Frei in Chile, die alles taten, um seine Auslieferung nach Spanien zu verhindern.

Der Verräter ist sang- und klanglos gestorben, abgelehnt sogar von wundersamerweise redemokratisierten Teilen der chilenischen Rechten, nachdem seine zahllosen Geheimkonten in diversen Steuerparadiesen bekannt geworden waren, aber beweint von den Lumpen, die bis heute von den Brosamen der Plünderung profitieren: von den Militärs und ihren Familienangehörigen, diesem verabscheuungswürdigen Staat im Staate, dem aufgrund eines verfassungsmäßigen Mandats zehn Prozent der Erlöse aus dem Kupferexport gehören.

Von den Opfern, von denjenigen, die Widerstand leisteten, von Präsident Salvador Allende bleibt ein moralisches Vorbild, das von Tag zu Tag größer wird.

Von Pinochet bleibt nichts, das der Erinnerung wert wäre, abgesehen vielleicht von dem üblen Geruch, den die redlichen Winde des Pazifiks sicher bald verwehen werden.

Aus dem Spanischen von Elke Wehr Der chilenische Autor Luis Sepúlveda gehörte zur Leibgarde von Salvador Allende. Er wurde während der Pinochet-Diktatur verhaftet und zu 28 Jahren Gefängnis verurteilt. 1977 kam er durch eine Kampagne von amnesty international frei, ging ins Exil, zunächst nach Ecuador, gründete Theatergruppen und arbeitete als Journalist. Sein bekanntester Roman, „Der Alte, der Liebesromane las“, Frankfurt am Main (S. Fischer Verlag) 1994, ist in 46 Sprachen erschienen. Sepúlveda lebt heute in Spanien.

Le Monde diplomatique vom 12.01.2007,