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Die Dichter und ihr Kontinent

von Santiago Roncagliolo

Meine erste Erinnerung an Mario Vargas Llosa geht zurück auf den peruanischen Wahlkampf 1990, in dem er als Präsidentschaftskandidat antrat. Es handelte sich nicht um irgendwelche Wahlen: Das Land war praktisch bankrott, die Inflation hatte eine Million Prozent erreicht, zahlreiche Grundnahrungsmittel waren knapp geworden, und noch dazu wurde beinahe ein Drittel des peruanischen Territoriums faktisch von der terroristischen Gruppe „Leuchtender Pfad“ kontrolliert. Doch was einen empörten Vargas Llosa schließlich in die Politik katapultiert hatte, war eine ganz andere Angelegenheit: die Verstaatlichung des Bankwesens.

Im Fernsehen und auf Straßenpodesten hatte der Schriftsteller sich energisch für die Verteidigung des Privateigentums ausgesprochen und war damit ganz selbstverständlich zum Wortführer konservativer und liberaler Kreise und zum roten Tuch für die Linke geworden, die die Verstaatlichung unterstützte. So dass sich vor den Präsidentschaftswahlen schließlich die gesamte Rechte geschlossen hinter ihn stellte.

Die Wahlveranstaltung von Vargas Llosa, an die ich mich erinnere, vollzog sich in einem Klima der Anspannung, wie es Peru seit der Wiederherstellung der Demokratie 1980 nicht gekannt hatte. Regierungspartei und Linke beschuldigten den Schriftsteller, die Interessen der Reichsten zu vertreten. Apokalyptische Fernsehspots mit Bildern aus dem Film „The Wall“ warnten die Familien, die von Vargas Llosa geplante wirtschaftliche Reform würde ihre Einkünfte zunichtemachen. Doch andererseits hatten Mittel- und Oberschichten zu schon zu spüren bekommen, dass ihre Einkünfte vernichtet waren. Einige meiner Freunde versicherten, wenn Vargas Llosa nicht gewänne, würden ihre Eltern mit ihnen nach Miami ziehen, Zufluchtsort von Kubanern und anderen Opfern dessen, was sie als lateinamerikanischen Stalinismus betrachteten.

Am Abend der Wahlveranstaltung stellte Vargas Llosas Auftritt natürlich den krönenden Höhepunkt dar. Und sein Publikum erwartete ihn voller Enthusiasmus. Wochen zuvor hatte der Schriftsteller erklärt, er trete wegen Differenzen mit anderen Parteimitgliedern der Frente Democrático von der Kandidatur zurück. Am nächsten Morgen war die Hauptstadt zugekleistert mit seinen Konterfeis und der flehenden Bitte seiner Wähler: „Komm zurück!“ Was zeigte, dass viele seiner Gefolgsleute zwar nichts von seiner Partei hielten, Vargas Llosa persönlich jedoch blind vertrauten. Und als Vargas Llosa nun das Podium bestieg, skandierten etwa zwanzigtausend Menschen seinen Namen und hingen an seinen Lippen.

Wie fast alle seine Reden war auch diese eine flammende Verteidigung liberaler Prinzipien, sowohl auf wirtschaftlicher als auch auf politischer Ebene, und eine Anklage gegen die gescheiterten protektionistischen Regierungen in Peru wie in der gesamten Region. Den stärksten Applaus erntete er, als er unter Begeisterungsstürmen seiner Anhänger, seine politischen Rivalen „Gimpel“ nannte.

Während der nächsten Tage kreiste die politischen Debatte des Landes um die Frage, was zum Teufel ein Gimpel war. Noch nie hatten wir einen Politiker gehabt, der sich so gewählt ausdrückte.

Pablo Neruda, Nobelpreis für Literatur 1971: „Für eine Poesie, die mit der Wirkung einer Naturkraft Schicksal und Träume eines Kontinents lebendig macht.“

Das Bild eines Romanautors, der zu Menschenmassen spricht, ringsum Hände schüttelt und Säuglinge küsst, mag gegen das Klischee des von der Welt zurückgezogenen Schriftstellers verstoßen, dessen gewöhnlicher Aufenthaltsort eine stille Bibliothek oder ein abgeschottetes Arbeitszimmer wäre. Doch unter lateinamerikanischen Schriftstellern der Generation von Vargas Llosa ist dergleichen eher normal. Ich habe Carlos Fuentes in Mexiko-Stadt vor sechstausend Menschen reden gehört und Gabriel García Márquez vor einer ähnlichen Menge in Cartagena de Indias, und auch wenn keiner der beiden für ein politisches Amt kandidierte, sind sie in ihren Ländern nicht nur als Autoren geachtet, sondern auch als Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, deren Meinung zu jedem gesellschaftlich relevanten Thema zählt.

Wenn es einen Schriftsteller gab, der diesen Stil – und diese Anziehungskraft – als Erster entfaltete, dann war das zweifellos der chilenische Dichter Pablo Neruda (1904 bis 1973). Bis in die Dreißigerjahre hinein erklärte Neruda: „Ich verstehe nichts von Politik, ich bin ein wenig anarchoid, ich tue lieber, was mir gefällt.“

Und in der Tat spricht aus seinen Gedichten dieser Jahre eine existenzielle Einsamkeit, Faszination für die Sexualität und der romantische Lebensüberdruss der Mittelschicht – also nichts, was eine politische Position beinhalten würde. Doch dann wurde Neruda kurz vor Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs zum Konsul in Spanien ernannt, wo er sich mit Federico García Lorca anfreundete, der gleich zu Beginn der Kampfhandlungen von Francos Faschisten ermordet wurde. Die spanischen Ereignisse entfachten in Neruda einen fiebrigen Kommunismus, und durchdrungen von seiner neuen Gesinnung, verließ er die spanische Halbinsel in Richtung Frankreich.

Wohin auch sonst? Paris übte auf die Lateinamerikaner, auf die ganze Welt ein entscheidenden kulturellen Einfluss aus. In den Schulen von Peru, Nicaragua oder Paraguay wird immer noch gelehrt, dass der erste lateinamerikanische Schriftsteller Rubén Darío war, ein Dichter des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Doch die Gedichte des Nicaraguaners Darío sind im Paris der Symbolisten oder im alten Griechenland angesiedelt. Darío war nicht deshalb der Gründerdichter Lateinamerikas, weil seine Texte dort verwurzelt gewesen wären, sondern weil er die spanischen Ketten sprengte, besser gesagt, indem er nicht mehr die spanische Dichtung imitierte, sondern direkt die französische. Beinahe ein Jahrhundert nachdem die lateinamerikanischen Kolonien ihre Unabhängigkeit erlangt hatten, war das die kulturelle Unabhängigkeitserklärung aus Übersee. Von da an pilgerten Dichter wie César Vallejo, Vicente Huidobro oder Oliverio Girondo nach Paris wie die Muslime nach Mekka. Und blieben häufig dort.

Frankreich war die Heimat der literarischen Avantgarden, der Parnassiens, des Surrealismus. Und, seit Émile Zolas offenem Brief „J’accuse“, auch der engagierten Intellektuellen, die gesellschaftliche Ungerechtigkeiten anprangerten. Pablo Neruda kam in den Dreißigerjahren in Paris an, mitten im Konflikt zwischen Surrealisten und sozialistischen Realisten, und er, der vor kurzem zu Ersteren gehört hatte, schloss sich unverzüglich Letzteren an. Gemeinsam mit dem Dichter Louis Aragon, der Anordnungen direkt aus Moskau empfing, organisierte er einen Kongress antifaschistischer Schriftsteller in Valencia, als Ausdruck der Unterstützung für die spanische Republik. Er half republikanischen Flüchtlingen, nach Chile einzureisen. Dies war der Beginn eines politischen Aktivismus, der sein ganzes Leben andauern sollte.

Wie Lateinamerika auf der literarischen Weltkarte erschien

Am Ende des Zweiten Weltkriegs verlieh die Schwedische Akademie den ersten Literaturnobelpreis an das spanischsprachige Amerika. Die geehrte Dichterin Gabriela Mistral (1889 bis 1957) war ebenfalls chilenische Diplomatin in Spanien während der konvulsivischen Dreißigerjahre gewesen, doch im Unterschied zu ihrem Kollegen Neruda bekannte sie sich nie zu einer politischen Richtung. Ihre Arbeit bei öffentlichen Institutionen hatte mit der Kulturpolitik vor allem Chiles und Mexikos zu tun, und die zentralen Motive ihrer Gedichte waren ganz und gar unpolitisch, drehten sich um Tod, Liebe, Kindheit und Mutterschaft. Gabriela Mistral bekam den Nobelpreis eben wegen der Universalität ihrer Themen. Die Nobelpreisakademie bürgerte Lateinamerika damit ein, setzte es auf die Landkarte der Literatur. So jedenfalls lautete die Begründung: „Für die von mächtigen Gefühlen inspirierte Lyrik, die ihren Dichternamen zu einem Symbol für die ideellen Bestrebungen der ganzen lateinamerikanischen Welt gemacht hat.“

Mit der Anerkennung seiner Existenz kam für Lateinamerika der Moment, sich über seine Bestimmung klar zu werden. Im selben Jahr begann die politische Karriere des anderen chilenischen Dichters: Neruda wurde in Chile zum Senator gewählt und trat in die Kommunistische Partei ein. Bei den darauffolgenden Präsidentschaftswahlen schrieb er sogar ein Gedicht auf den von seiner Partei unterstützten Kandidaten, Gabriel González Videla, das er in Sälen und Stadien vortrug, um das Publikum auf die Wahlkampfreden einzustimmen.

González Videla gewann die Wahlen, doch nach Kriegsende sahen die Vereinigten Staaten voraus, dass ihr künftiger Feind in Moskau saß, und übten Druck auf die lateinamerikanischen Staatsoberhäupter aus, kommunistische Parteien zu verbieten. Der neue Präsident Chiles gab nach und verriet seine Verbündeten. 1948 wurde das „Gesetz zur kontinuierlichen Verteidigung der Demokratie“ verabschiedet, mit dem die Kommunistische Partei für illegal erklärt und ihren Mitgliedern untersagt wurde, öffentliche Ämter zu bekleiden. Alle aus ihren Reihen gewählten Politiker wurden ihrer Posten enthoben.

Von seiner parlamentarischen Bühne aus wetterte Neruda gegen das „verfluchte Gesetz“, nannte den Präsidenten eine „Ratte“ und ließ auch sonst seinem Unmut freien Lauf. Eine seiner Reden hieß nicht zufällig wie Zolas legendäres Plädoyer „Yo acuso“ („Ich klage an“). Diese Schmähreden sind stilistische Vorläufer von Vargas Llosas „Gimpel“, und Neruda bescherten sie einen Haftbefehl und eine einjährige Verfolgung durch die Justiz.

Nach seiner Flucht aus Chile via Argentinien 1946 begab sich Neruda natürlich nach Paris, wo sein alter Freund Louis Aragon alle seine Kontakte bemühte, um Nerudas Status zu legalisieren und ihn zum Weltfriedenskongress einzuladen, der dieser Tage in der Stadt abgehalten wurde. Das unverhoffte Erscheinen Nerudas bei der Abschlussveranstaltung wurde zur Sensation.

Von diesem Zeitpunkt an war Neruda das perfekte Sprachrohr für die Propaganda der Kommunistischen Internationale. Er war Veteran des Spanischen Bürgerkriegs, kommunistischer Aktivist mit Erfahrung bei Wahlkampagnen und politisch Verfolgter, vor allem aber ein herausragender Dichter. Sein Name hatte große Wirkung auf die Genossen in ganz Lateinamerika. Viele seiner Gedichte waren ideologisch inspiriert. Sein „Canto General“ („Der Große Gesang“) ist eine lyrische Neuinterpretation der Geschichte des Kontinents. Doch er widmete auch Stalin Gedichte. Für ihn war Schreiben nicht von der politischen Aktion zu trennen, im Gegenteil, es war politische Aktion.

Miguel Ángel Asturias, Nobelpreis 1967: „Für seine in volkstümlicher Eigenart und indianischen Traditionen Lateinamerikas verwurzelte farbenreiche Dichtung.“ Neruda war es 1946 zwar gelungen, über die Anden nach Argentinien zu fliehen, doch auch dort erwartete ihn ein Haftbefehl. Mit Hilfe seiner Genossen erreichte er Buenos Aires, doch das Land zu verlassen, erwies sich als wesentlich schwieriger.

Zum Glück für ihn war damals gerade der Schriftsteller Miguel Ángel Asturias (1899–1974) Kulturattaché an der guatemaltekischen Botschaft, der nicht nur ein alter Freund von Neruda war, sondern auch ebenso beleibt und mit einer ähnlich markanten Nase ausgestattet, so dass die beiden bisweilen sogar verwechselt wurden. In seinen Memoiren schreibt Neruda, er habe Asturias aufgesucht und ihm gesagt: „Leih mir deinen Pass. Lass mir das Vergnügen, als Miguel Ángel Asturias in Europa einzureisen.“

Der Romancier willigte ein. Und so überquerte der Verfolgte als Señor Asturias den Río de la Plata, nahm ein Flugzeug in Montevideo und kam nach Paris, um weltweite Berühmtheit zu erlangen.

Asturias war kein Kommunist. Tatsächlich verbot ihm seine Arbeit als Diplomat jeglichen politischen Überschwang. Doch seine Literatur zeugt von einem eindeutig gesellschaftskritischen Bestreben, und seine Laufbahn spiegelt die Zeit, in der Lateinamerika sein „doppeltes Wesen“ entdeckte.

Anfang des 20. Jahrhunderts hatte Rubén Darío die europäischen Wurzeln seiner Identität hervorgehoben. Die erste Nobelpreisträgerin des Kontinents, Gabriela Mistral, schrieb über universell menschliche Themen. Asturias dagegen war am Aufkommen der gesellschaftlichen Ideologien auf dem Kontinent beteiligt; damit einher ging die Anerkennung der indigenen Identität. Seine Magisterarbeit handelte von der problematischen Stellung der Indios in der Gesellschaft, und das Buch, das ihn in Frankreich bekannt machte, war „Legenden aus Guatemala“.

In dem Jahr, als er Neruda seinen Pass lieh, konnte Asturias endlich seinen bis zum Sturz des guatemaltekischen Diktators Jorge Ubico unveröffentlicht gebliebenen Roman „Der Herr Präsident“ herausbringen. Zwar hatte der Spanier Ramón del Valle-Inclán bereits in dem Roman „Tirano Banderas“ (1926) einen Tyrannen karikiert, doch Asturias’ Werk war der erste lateinamerikanische Diktatorenroman und begründete ein Genre, das die Literatur der Region über Jahrzehnte charakterisieren sollte.

Dafür erhielt Asturias, ein Jahr vor dem Nobelpreis, den von der Sowjetunion vergebenen Lenin-Friedenspreis. Den hatte Neruda übrigens bereits im Jahrzehnt zuvor erhalten, als er noch Stalin-Friedenspreis hieß.

Gabriel García Márquez, Nobelpreis 1982: „Für seine Romane und Erzählungen, in denen Fantastisches und Realistisches zu einer dichten, imaginären Welt verschmelzen, die Leben und Konflikte des Kontinents widerspiegeln.“ Gabriel García Márquez, ein Vierteljahrhundert jünger als Neruda, dreißig Jahre jünger als Asturias, entfaltete sich mit seinem Werk und Engagement in einer völlig anderen Welt, die seine Vorgänger auf bestimmte Weise geformt hatten. Wie Neruda trat er für die Revolution als politisches Mittel ein. Wie Asturias schrieb er seinen Diktatorenroman, „Der Herbst des Patriarchen“. Und wie beide war er besessen davon, ein glaubwürdiges Bild Lateinamerikas zu liefern.

Bis in die Sechzigerjahre hinein waren die Geschichten von der lateinamerikanischen Identität aus der europäischen Tradition heraus erzählt worden. Sogar Asturias hatte in London studiert, dann ein Jahrzehnt in Frankreich gelebt und die literarischen Formen des alten Kontinents aufgenommen. García Márquez hatte sich zwar lange Zeit außerhalb Kolumbiens aufgehalten, hielt jedoch ein dem europäischen Rationalismus entgegengesetztes, eigenständiges lateinamerikanisches Denken für notwendig. Seine Romane unterliefen die Logik der Erzählung und des Schauplatzes, indem sie Reales mit Irrationalem verschmolzen und Volksglauben mit Faulkner’schen Strukturen und einem unermesslich reichen spanischen Vokabular verbanden.

Das Vorhaben hatte etwas Utopisches: Es ging davon aus, dass die Realität allein nicht ausreiche und eine neue geschaffen, ein Weg in die Zukunft beleuchtet werden müsse. Und in jenen Jahren schien eine lateinamerikanische Utopie möglich. Tatsächlich war in Kuba gerade eine im Gange. García Márquez trug seine Faszination für die bärtigen Revolutionäre offen zur Schau und verteidigt das kubanische Experiment noch immer. Was war denn die kubanische Revolution letztlich anderes als die Anpassung des europäischen Kommunismus an die lateinamerikanische Realität, mithin die politische Version seines eigenen literarischen Experiments?

Die Utopie wurde zur Realität, und Kuba unterwarf seine Schriftsteller den gleichen Repressalien wie die antikommunistischen Regierungen. 1971, nach einer Lesung seiner Gedichte vor dem Schriftstellerverband, wurde der Dichter Heberto Padilla von der Staatssicherheit verhaftet und „subversiver Aktivitäten“ angeklagt. Die revolutionäre Regierung zwang ihn, eine öffentliche Selbstkritik zu verlesen, und sperrte ihn ins Gefängnis.

Der Fall Padilla führte bei vielen lateinamerikanischen Intellektuellen zum Bruch mit der kubanischen Revolution, doch García Márquez blieb Fidel treu. 1976 lernte er ihn bei den Recherchen für eine Reportage über die Rolle Kubas im Angola-Krieg kennen. Sie freundeten sich auch persönlich an, seither ist García Márquez ein unerschütterlicher Verfechter der Revolution. Er selbst zog die Parallele zum katholischen Glauben, indem er sie eine „Kommunion mit den Heiligen“ nannte. Er schrieb ein Vorwort für eine Biografie Fidel Castros. Er forderte Michail Gorbatschow persönlich auf, sich nicht vor dem amerikanischen Imperium zu beugen. Er verteidigte die umstrittenen Hinrichtungen von General Arnaldo Ochoa und den Brüdern de la Guardia in Kuba 1989.

Seine Unterstützung für Fidel Castro ist der dauerhafteste Zug seines Profils in der Öffentlichkeit. Noch 2009, als er sich schon vom Schreiben und aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hatte, nahm García Márquez noch einmal alle Kräfte zusammen, um in der kubanischen Zeitung Granma ein Loblied auf seinen Freund zu singen: „Der Fidel, den ich kenne“.

Octavio Paz, Nobelpreis 1990: „Für seine leidenschaftliche Dichtung mit weiten Horizonten, geprägt von sinnlicher Intelligenz und humanistischer Integrität.“

In zwei für Europa sehr entscheidenden Jahren des 20. Jahrhunderts ging der Nobelpreis für Literatur nach Lateinamerika: im letzten Jahr des Zweiten Weltkriegs an Gabriela Mistral, und 1990, mit dem Zerfall der Sowjetunion, an den Mexikaner Octavio Paz.

Die Vergabe an Paz war wie ein Vorzeichen der neuen Weltordnung. Seit Asturias war er der erste Preisträger, der kein überzeugter Revolutionär, sondern ganz im Gegenteil Vertreter eines liberalen Denkens war. Seine Wahl erwies sich als prophetisch: Nach dem Fall der Berliner Mauer sollten sich in ganz Lateinamerika – bis auf Kuba – die liberalen Demokratien stabilisieren. Zwar sollten neue Formen des Autoritarismus entstehen, doch der allmächtige militärische Diktator in seinem Glanz und Pomp, wie ihn Asturias oder García Márquez beschrieben haben, sollte von der Landkarte verschwinden. Gleichzeitig sollten die Aussichten der noch bestehenden Guerillagruppen – wie in Kolumbien –, tatsächlich die Macht zu ergreifen, immer geringer werden. Heute sind sie gleich null.

Doch Paz war nicht immer ein Liberaler. Tatsächlich war er von Anfang an Teil der hier geschilderten Geschichte. Bei dem von Pablo Neruda während des Spanischen Bürgerkriegs organisierten Kongress der antifaschistischen Schriftsteller in Valencia war Paz einer der jüngsten Teilnehmer gewesen. Seine Sympathien für die politische Linke gingen so weit, dass er für die spanische Republik kämpfen wollte. Doch bereits da begann seine Enttäuschung von der großen Utopie, als er Zeuge der Ermordung eines Republikaners durch seine eigenen Genossen wurde.

In gewissem Sinn durchlief Paz einen Neruda entgegengesetzten Prozess, ähnlich wie George Orwell: Die Erfahrung des Spanischen Bürgerkriegs entwurzelte ihn und konfrontierte ihn mit der moralischen Zwiespältigkeit aller politischen Fraktionen. Einige Jahre später, 1951, kritisierte Paz öffentlich Stalin, was ihm die Feindschaft der Linken eintrug und den Vorwurf, ein Reaktionär zu sein. 1987 reiste Paz nach Valencia, um den Feierlichkeiten zum fünfzigjährigen Jubiläum jenes berühmten Kongresses beizuwohnen. Als der kommunistische Dichter Rafael Alberti von seiner Anwesenheit erfuhr, verweigerte er die Teilnahme. Und dennoch sind Paz’ Ideen, aus heutiger Sicht, von sozialistischem Humanismus durchdrungen.

Vargas Llosa hatte die Segel im Wind

Inzwischen scheinen die Begriffe „Kapitalismus“ und „Demokratie“ zusammenzugehören, das eine ohne das andere nicht vorstellbar. Paz dagegen betrachtete beides als unvereinbar. Für ihn bildete die liberale Demokratie mit ihrem System aus individuellen Garantien und Freiheiten gerade das Gegengewicht zur zerstörerischen Logik des Kapitals, allerdings kein ausreichendes. Deshalb rief er zum Dialog zwischen Liberalismus und Sozialismus auf, zu einer Neubegründung der Moderne als Kombination der Tugenden ihrer beiden großen Denktraditionen. Im Großen und Ganzen zu dem, was die französischen Revolutionäre forderten: Freiheit und Gleichheit auf demselben Niveau, und vielleicht, wer weiß, ist dann auch Brüderlichkeit möglich.

In seiner Nobelpreisrede unterstrich Paz: „Die große Neuheit dieses Jahrhunderts auf literarischem Gebiet war das Auftauchen der Literaturen Amerikas.“ Vor fast genau hundert Jahren war Rubén Darío nach Paris gereist, inzwischen war ein Imperium aufgestiegen und gefallen, und über diesen ganzen Zeitraum hatte Lateinamerika die großen Veränderungen der Geschichte zunächst widergespiegelt und schließlich mitgestaltet. Es war von der Utopie zum Pragmatismus übergegangen, von der Nachahmung der europäischen Welt zur Entfaltung der eigenen literarischen Imagination. Mit Octavio Paz schloss sich ein Kreis. Vielleicht auch nicht. Einer fehlt noch.

Mario Vargas Llosa, Nobelpreis 2010: „Für seine Kartografie der Machtstrukturen und scharfkantigen Bilder individuellen Widerstands, des Aufruhrs und der Niederlage.“

Ende 1988 unterzeichneten Octavio Paz und Mario Vargas Llosa – gemeinsam mit Susan Sontag, Ernesto Sábato, Saul Bellow und vielen anderen Intellektuellen – einen offenen Brief, in dem Fidel Castro aufgefordert wurde, sein Regime, ebenso wie Pinochet, einer Volksabstimmung zu unterwerfen. Zwei Jahre später bekam Paz den Nobelpreis, Vargas Llosa verlor eine Wahl. Doch dessen ungeachtet, oder vielleicht gerade deshalb, wurde Letzterer für die lateinamerikanischen Intellektuellen zur unbestreitbaren politischen Referenzfigur der Jahrtausendwende.

Lateinamerika brauchte nach dem Fall der Berliner Mauer einen Richtungswechsel, aber nur wenige Ideologen waren dazu fähig. Die große Mehrheit war seit Jahrzehnten damit beschäftigt, irgendeine bewaffnete Revolution zu rechtfertigen oder anzukündigen. Die Geschichte zog ihnen unverhofft den Boden unter den Füßen weg. Vargas Llosa dagegen hatte die Segel im Wind und besaß genügend rhetorisches, journalistisches und erzählerisches Geschick, um ein viel breiteres Publikum zu erreichen als Octavio Paz.

Wie als Metapher der Zeitenwende starb ein Jahr später Artur Lundkvist von der Schwedischen Akademie, der sich immer gegen Jorge Luis Borges als Nobelpreisträger gestellt hatte. Als Freund von Neruda mit kommunistischen Sympathien hatte Lundkvist dem argentinischen Schriftsteller seine Unterstützung für die Diktaturen in Argentinien und Chile nie verziehen. Borges war in jungen Jahren ein glühender antinazistischer und antiperonistischer Demokrat gewesen. Später hatte er begonnen, an der Fähigkeit der Demokratie zu zweifeln, totalitären Staatsformen entgegenzutreten, ohne im Chaos zu versinken. So hatte er einen Autoritarismus für den anderen eingetauscht. Das war ein Syndrom des Kalten Krieges.

Nach dem Fall der Sowjetunion musste man nicht mehr mit rechten Diktaturen sympathisieren, um Antikommunist zu sein. Vargas Llosa lehnt – wie auch Paz – Diktatoren jeder Couleur ab. Trotzdem neigt er, und darin ist er den einstigen Revolutionären nicht unähnlich, zu polemischen Stellungnahmen, wie bei seiner Befürwortung des Irakkriegs oder seinem leidenschaftlichen Eintreten für eine deregulierte Wirtschaft. Für ein System einzutreten impliziert die Rechtfertigung irgendeiner Form von Gewalt, und die Geschichte hat schließlich all unseren politischen Denkern einen Streich gespielt. Europa – und damit auch die Schwedische Akademie – hat diesen Wandel mitbekommen. Bis in die Achtzigerjahre bestand der europäische Traum einer besseren Zukunft darin, dass in Lateinamerika die Revolutionen stattfinden sollten, die die Europäer nicht machen würden. Seit 1990 vertreten die Träger des Nobelpreises das gleiche System wie dessen Verleiher. Ein System, das zu beiden Seiten des Atlantiks gewiss voller Widersprüche ist. In Brasilien und Uruguay regieren ehemalige Guerillakämpfer, beide in Demokratien gewählt. Und mit solchen Demokratien steigen die öffentlichen Ausgaben in Lateinamerika und wächst die Mittelklasse, während in Europa die Leistungen des Wohlfahrtsstaats infolge der Krise drastisch sinken.

In diesem beginnenden Jahrtausend haben sich die Probleme auf unserem Planeten rasend schnell gewandelt: Fast alle Länder vertreten irgendein Modell repräsentativer Demokratie, und sei es nur als äußere Fassade. Dafür besteht die große intellektuelle Herausforderung unserer Tage, von Joseph Stiglitz bis Naomi Klein, inzwischen in der Frage, wie den Exzessen von wirtschaftlicher Macht Einhalt geboten werden kann. Wie verhindern, dass die großen Kapitale und Märkte ungebremst wie eine Diktatur handeln, bis hin zum Selbstmord?

Es ist ein interessantes Detail, dass in den Begründungen für den Nobelpreis an Paz und Vargas Llosa der „Kontinent“ oder „Lateinamerika“ nicht mehr eigens erwähnt wird. Man hat aufgehört, die Preisträger wie landestypische Symbole und eine Gruppe von zwanzig Ländern zu behandeln, als seien sie ein einziges, mit denselben Träumen, Konflikten und Bestrebungen. Oder vielleicht hat man erkannt, dass diese Träume, diese Konflikte und dieses Streben nicht allein dieser Region vorbehalten, sondern global sind und sich an einer Pluralität der Ideen messen muss, die der Kalte Krieg nicht gestattet hat.

Da es in intellektuellen Kreisen inzwischen keine vorherrschende Ideologie gibt, sind alle nützlich, um den Dialog und das Nachdenken aus unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten. In diesem Sinne kann man Mario Vargas Llosa als den letzten großen Schriftsteller des vergangenen 20. Jahrhunderts betrachten oder als den Nobelpreisträger des 21. Jahrhunderts, dem Jahrhundert, in dem Gewissheiten sehr viel flüchtiger und weniger greifbar geworden sind.

Aus dem Spanischen von Angelica Ammar Santiago Roncagliolo ist Schriftsteller und Journalist in Lima, Peru. Sein Roman „Roter April“ (deutsch 2008 bei Suhrkamp) wurde mit dem Premio Alfaguara ausgezeichnet. © Le Monde diplomatique, Berlin

Le Monde diplomatique vom 11.02.2011,