Analyse eines Versuchs, zu Wort zu kommen

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Analyse eines Versuchs, zu Wort zu kommen

■ In Frankreich haben es sich mehrere Fernsehsendungen zur Aufgabe gemacht, die Bilder zu entschlüsseln, denen die Fernsehzuschauer ausgesetzt sind. Mittels der Vorstellung, das Fernsehen könne das Fernsehen kritisieren, versuchen sie gegen das wachsende Mißtrauen anzugehen, das diesem Medium in der Öffentlichkeit entgegengebracht wird. Pierre Bourdieu hat im vergangenen Januar an der führenden Sendung dieser Art, „Arrêt sur images“, teilgenommen. Sein Bericht schildert die Unmöglichkeit einer Auseinndersetzung.

Von PIERRE BOURDIEU *

DIE folgenden Überlegungen schrieb ich in den Tagen nach meinem Auftritt in der Sendung „Arrêt sur images“ (wörtlich: „Standbild“, Anm. d. Ü.) am 23. Januar 1996. Ich war seither das Gefühl nicht losgeworden, daß dort mein Vertrauen mißbraucht worden war. Allerdings hatte ich nicht im Sinn gehabt, meine Aufzeichnungen öffentlich zu machen, da mir darin etwas Unredliches zu liegen schien. Doch unverhofft ging eine neue Sendung der gleichen Serie (am 13. März 1996) viermal mit erbitterter Hartnäckigkeit auf Auszüge meiner Stellungnahme ein und präsentierte diese nachträgliche Abrechnung als einen gewagten kritischen Rückblick der Sendung auf sich selbst. Gewagt, allerdings: Man hatte sich zu diesem Anlaß nicht groß die Mühe gemacht, den drei „Killern“, die meine Äußerungen kritisch exekutieren sollten, „Kontrahenten“ gegenüberzustellen.

Dieser „Rückfall“ kommt einem Eingeständnis gleich: Angesichts eines so eklatanten Bruchs des Vertrauens, das zwischen Gast und Gastgeber herrschen sollte, fühle ich mich frei, diese Beobachtungen zu veröffentlichen, die jeder wird überprüfen können, der sich die ungeschnittene Aufzeichnung der beiden Sendungen anschaut. Wer nach der ersten noch Zweifel daran gehabt haben sollte, was für ein hervorragendes Machtinstrument das Fernsehen ist, dürfte sich davon in der zweiten Folge überzeugt haben: Daniel Schneidermann, der Produzent der Sendung, hat wider Willen den Beweis dafür erbracht, indem er das Fernsehen als den Ort vor Augen führte, wo zwei Moderatoren mühelos über alle Kritiker der televisuellen Ordnung triumphieren können.

„Arrêt sur images“, auf La Cinquième (ein staatlicher Kulturkanal, Anm. d. Red.), 23. Januar 1996. Die Sendung illustriert ausgezeichnet, was ich hatte beweisen wollen: die Unmöglichkeit, im Fernsehen einen in sich geschlossenen kritischen Diskurs über das Fernsehen zu führen. Weil abzusehen war, daß ich meine Argumentation nicht würde entfalten können, hatte ich mir als Notlösung vorgenommen, die Journalisten ihr übliches Spiel abziehen zu lassen (das Wort abschneiden, unterbrechen, vom Thema ablenken), um dann nach einer Weile zu sagen, daß sie meine Behauptung bestens illustrieren. Das hätte erfordert, daß ich die Kraft und Geistesgegenwart aufgebracht hätte, dies als Fazit hinzustellen (anstatt höflicherweise auf einen Dialog einzugehen, aus dem zwingenden Gefühl heraus, sich allzu brutal verhalten und die Gesprächspartner unnötig verletzt zu haben).

Daniel Schneidermann hatte mir mehrfach vorgeschlagen, an seiner Sendung teilzunehmen. Ich hatte jedes Mal abgelehnt. Anfang Januar wiederholte er eindringlich seine Bitte anläßlich einer Sendung zu dem Thema: „Kann das Fernsehen über die sozialen Bewegungen berichten?“ Diesmal zögerte ich abzulehnen, um nicht eine Gelegenheit verstreichen zu lassen, an einem exemplarischen Fall eine kritische Analyse des Fernsehens im Fernsehen anzustellen.

Nachdem ich mein prinzipielles Einverständnis erklärt hatte – vorbehaltlich einer vorherigen Absprache über die genaue Umsetzung –, rief ich wieder bei Schneidermann an, der gleich erklärte, es müsse einen „Kontrahenten“ geben, so als würde sich das von selbst verstehen. Ich erinnere mich nicht genau an die vorgebrachten Argumente, wenn es denn Argumente waren, denn für ihn schien es selbstverständlich zu sein. Um den Anstand zu wahren, habe ich nachgegeben: Ein Streitgespräch zu verweigern, ganz gleich, unter welchen Bedingungen und mit wem, heißt, es an demokratischer Gesinnung fehlen zu lassen. Schneidermann zog mögliche Gesprächspartner in Erwägung, insbesondere einen Abgeordneten der neogaullistischen RPR, der sich gegen die Art und Weise ausgesprochen hatte, in der im Fernsehen über den Streik berichtet wurde. Das setzte voraus, daß er von mir erwartete, ich würde die gegenteilige Position vertreten. (Wo er doch von mir eine Analyse wollte; das zeigt, daß er, wie die meisten Journalisten, Analyse mit Kritik in eins setzt.)

Ich schlug daraufhin Jean-Marie Cavada vor, weil er der Leiter der Fernsehanstalt ist, die die Sendung ausstrahlt, und auch, weil er mir typisch zu sein schien für eine sanftere und weniger sichtbare Form von Gewalt: Cavada erweckt den Anschein einer formellen Ausgewogenheit und wirft doch das ganze Gewicht seiner Position in die Waagschale, um die Auseinandersetzungen in eine bestimmte Richtung zu drängen. Um so besser würden meine Analysen zur Geltung kommen. Schneidermann beteuerte zwar, es sei ihm nicht im geringsten unangenehm, daß ich den Direktor der Fernsehanstalt in Frage stellte, auch hätte ich mir in meiner „Kritik“ keinerlei Beschränkung aufzuerlegen, jedoch schloß er Cavada zugunsten von Guillaume Durand aus. Er bat mich, Ausschnitte von Sendungen vorzuschlagen, die zur Erläuterung meiner Analysen gezeigt werden könnten. Ich stellte eine erste Liste zusammen (die mehrere Bezüge auf Cavada und Durand enthielt) und mußte dadurch meine Absichten darlegen, um meine Auswahl zu rechtfertigen.

Bei einem zweiten Gespräch fiel mir auf, daß mehrere der von mir vorgeschlagenen Ausschnitte durch andere ersetzt worden waren. In dem endgültigen Regieplan sollte ich eine lange, uninteressante Passantenbefragung zu sehen bekommen, die zeigen sollte, daß die Zuschauer über die Darstellung der Streiks im Fernsehen völlig entgegengesetzte Dinge sagen können, und insofern von vornherein die „Kritik“ relativierte, die ich hätte vorbringen können – alles unter dem Vorwand, an die erste und unverbrüchliche Regel aus dem Medien-Lehrbuch zu erinnern: Durch eine entsprechende Montage kann man mit Bildern alles ausdrücken. Bei einem weiteren Gespräch erfuhr ich, daß Jean-Marie Cavada nun doch kommen wolle und daß man ihm nicht gut das Recht auf eine Entgegnung vorenthalten könne, da er ja schließlich „in Frage gestellt“ werde.

Schon vom ersten Gespräch an hatte ich ausdrücklich darum gebeten, meine Stellungnahmen während der Streiks vom Dezember unerwähnt zu lassen. Weil es nicht um dieses Thema gehen sollte und darüber hinaus seine Erwähnung unweigerlich die Analysen, die die Soziologie anzubieten hat, als voreingenommene Kritik erscheinen lassen würde. Doch gleich zu Beginn der Sendung verkündete die Journalistin Pascale Clark, daß ich zugunsten des Streiks Stellung bezogen und mich „sehr kritisch über seine Darstellung in den Medien“ gezeigt hätte, obwohl ich mich zu diesem Thema nie öffentlich geäußert habe. Sie konnte es nicht lassen, mit ihrer ersten Frage darauf zurückzukommen: aus welchen Gründen ich mich während der Streiks nicht im Fernsehen geäußert hätte.

Angesichts dieser erneuten Nichteinhaltung einer Zusage, die man mir gegeben hatte, um mich für eine Teilnahme zu gewinnen, überlegte ich lange, ob ich gehen oder antworten solle. Dieses Vorgehen stellte mich gleich zu Beginn vor die Alternative, mich resigniert der Manipulation zu unterwerfen oder einen den Regeln „demokratischer“ Auseinandersetzungen zuwiderlaufenden Skandal zu entfesseln. Auf diese Weise wurde jedoch das Thema eingeführt, auf dem die beiden „Kontrahenten“ während der gesamten Sendung herumzureiten nicht müde wurden: Wie kann er behaupten, ein Ereignis mit wissenschaftlicher Objektivität dazustellen, zu dem er selbst Partei ergriffen hat?

Im Verlauf von Telefongesprächen hatte ich darauf hingewiesen, daß es ja jetzt zwei – noch dazu professionelle – „Kontrahenten“ gebe; sobald ich einen Versuch startete, meine Situation zu analysieren, sollte sich zeigen, daß es ihrer vier waren. Ich hatte den Wunsch geäußert, sie möchten den ihnen daraus erwachsenden Vorteil nicht mißbrauchen. Doch erfüllt von der Arroganz und der Gewißheit, daß es ihr gutes Recht sei, schnitten sie mir unter schmeichlerischem Getue unaufhörlich das Wort ab oder ließen mich erst gar nicht dazu kommen: Ich denke, daß ich in dieser Sendung, in der von mir als ihrem eigentlichen Gast die soziologische Analyse einer Fernsehdebatte erwartet wurde, eine Redezeit von höchstens zwanzig Minuten gehabt haben dürfte – weniger um meine Ideen darzulegen, als um mich mit meinen Gesprächspartnern herumzuschlagen, die sich jeder analytischen Arbeit strikt verweigerten.

Daniel Schneidermann hat mich bis zum Tag der Sendung mehrere Male angerufen, und ich habe ihm gegenüber mit rückhaltlosem Vertrauen (was zumindest für mich die stillschweigende Bedingung für die Teilnahme an einer öffentlichen Diskussion ist) alle meine Absichten zu erkennen gegeben. Die meiner „Kontrahenten“ hat er mit keinem Wort jemals erwähnt. Als ich ihn fragte, ob er gedächte, ihnen vorab die von mir ausgewählten Filmausschnitte zu zeigen – ihnen mit anderen Worten mein gesamtes Geschütz zu enthüllen –, sagte er mir, er könne sie ihnen nicht vorenthalten, wenn sie ihn darum bäten ... Er machte vage Andeutungen über eine in Marseille gedrehte Passantenbefragung zu einem nicht genau festgelegten Thema. Nach der Sendung drückte er mir seine große Befriedigung aus und schmierte mir den „großen Intellektuellen“ um den Bart, der sich die Mühe gemacht habe, das Fernsehen aus nächster Nähe zu betrachten und in Frage zu stellen; wie sehr er aber auch und vor allem meine „Kontrahenten“ bewundere, daß sie „das Spiel mitgespielt“ und sich mutig der Kritik ausgesetzt hätten ...

Vor dem Aufnahmetermin am Tag der Sendung ließen mich die „Kontrahenten“ und die Moderatoren nahezu eine Stunde im Studio allein. Dann setzte sich Guillaume Durand mir gegenüber und begann mich dreist auf das anzusprechen, was er für meine Komplizenschaft mit den Sozialisten hält (er ist schlecht informiert ...). Aufgebracht wies ich ihn zurecht. Betreten sagte er lange Zeit gar nichts. Die Moderatorin Pascale Clark versuchte die Atmosphäre zu entspannen. „Mögen Sie das Fernsehen?“ – „Ich verabscheue es.“ Dabei ließ man es bewenden. Ich fragte mich, ob ich nicht gehen sollte.

Wenn ich wenigstens glauben könnte, daß das, was ich gerade tue, irgendwie von Nutzen wäre, daß es mir gelingen würde, jemanden davon zu überzeugen, daß ich für den Versuch hergekommen bin, etwas in Hinblick auf dieses neue Manipulationsinstrument zu vermitteln ... In Wirklichkeit habe ich den seltsamen Eindruck, mich erfolgreich in die paradoxe Situation eines Fisches gebracht zu haben, der sich ganz natürlich ins Wasser als sein Element gestürzt hat und nun merkt, daß er löslich ist – und er hat es gewußt.

Die Anordnung auf der Bühne: Die „Kontrahenten“ sitzen wie die Porzellan- (und Wach-)Hunde zu beiden Seiten des Moderators, ich an der Seite, der Moderatorin gegenüber. Man reicht mir den Regieplan der Sendung: Nur vier von meinen Vorschlägen wurden beibehalten, hingegen vier neue „Themen“ hinzugefügt, darunter zwei sehr lange „Passantenbefragungen“, die insgesamt darauf abzielen, die Relativität jeglicher „Kritik“ und die Objektivität des Fernsehens zum Vorschein zu bringen. Nicht dabei sind die beiden, die ich gesehen hatte, mit denen die Gewalt der Streikenden gegen das Fernsehen gezeigt werden sollte.

Fazit (das ich vor der Sendung geschrieben hatte): Man kann das Fernsehen im Fernsehen nicht kritisieren, weil die Mechanismen des Fernsehens auch die Sendungen bestimmen, die sich der Bildschirmkritik verschrieben haben. Die Struktur der Sendung über den Umgang des Fernsehens mit dem Streik wiederholt die der Fernsehberichterstattung über den Streik.

Was ich hätte sagen wollen

Das Kommunikationsmittel Fernsehen ist ein Mittel der Zensur (es verdeckt, indem es zeigt), das zugleich einer sehr starken Zensur unterliegt. Man möchte sich seiner bedienen, das heißt der Monopolstellung des Fernsehens und seiner Verbreitungsmöglichkeiten. Das Fernsehen ist das Instrument, mit dem sich die größtmögliche Menge Menschen ansprechen läßt, über die engen Grenzen der in diesem Bereich professionell Tätigen hinaus. Aber bei diesem Versuch kann es auch so scheinen, als bediente man sich des Fernsehens (wie es die „Medienlöwen“ tun), um sich in diesem Bereich eine symbolische Macht zu erobern und dadurch bei den Profanen – den Nichtprofessionellen – auf fragwürdige Weise berühmt zu werden. Man sollte immer überprüfen, daß man zum Fernsehen geht, um (und ausschließlich um) sich dessen besonderes Potential zunutze zu machen – daß es sich nämlich an die große Masse zu richten vermag –, also um Dinge zu sagen, die es verdienen, der großen Masse gesagt zu werden (etwa, daß man im Fernsehen nichts sagen kann).

Im Fernsehen Kritik am Fernsehen zu üben ist der Versuch, die symbolische Macht des Fernsehens gegen es selbst zu wenden – und man kann wohl sagen, um den Preis der eigenen Person: indem man akzeptiert, daß es so aussieht, als pflege man seinen Narzißmus, und sich der Verdächtigung aussetzt, symbolischen Gewinn sogar aus dieser Anschuldigung zu ziehen und schließlich in die Haltung der „Medienlöwen“ zu verfallen, die mit ihrem Gewissen einen Kompromiß geschlossen haben und am Ende genau diesen symbolischen Gewinn einstreichen.

Das Funktionsprinzip: vom Sichtbaren zum Unsichtbaren

Die Rolle des Moderators:

– Er gibt eine bestimmte Problemstellung vor, und zwar unter Berufung auf die Einhaltung formaler (von ihm variabel gehandhabter) Spielregeln, im Namen der Allgemeinheit (der Zuschauer) und durch eindringliche Ermahnungen: „Was soll das heißen ...“, „Wir wollen doch genau sein ...“, „Beantworten Sie meine Frage“, „Erklären Sie uns doch mal ...“, „Sie haben die Frage immer noch nicht beantwortet“, „Welche Reform schwebt Ihnen denn nun vor?“; alles Ermahnungen, die den Gesprächspartner regelrecht in die Zange nehmen. Um seinen Worten Autorität zu verleihen, macht er sich zum Sprachrohr der Zuschauer: „Die Frage, die wir uns alle stellen ...“, „Das ist für die Bevölkerung von großer Bedeutung ...“ Er kann sich sogar auf die „öffentlichen Dienstleistungen“ berufen, um sich bei der Beschreibung des Streiks auf den Standpunkt der Benutzer zu stellen.

– Er (v)erteilt das Wort und Zeichen der Wertschätzung (der Ton respektvoll oder herablassend, zuvorkommend oder ungeduldig, die Art der Anrede, die Reihenfolge der Redebeiträge und so weiter).

– Er erzeugt den Eindruck von Dringlichkeit (und bedient sich ihrer, um Zensur auszuüben), schneidet das Wort ab, läßt nicht zu Wort kommen (im Namen der vermeintlichen Erwartungen des Publikums – der Vorstellung, die Zuschauer würden etwas nicht mehr verstehen; vielleicht artikuliert er auch ganz einfach ein politisches oder gesellschaftliches Unbewußtes).

Diese Interventionen sind stets genau abgestimmt: Beispielsweise richtet man sich an die Gewerkschafter immer in der Befehlsform (Was schlagen Sie denn also vor?“), in einem Ton, der keinen Widerspruch duldet und jede Silbe einhämmert. Auf die gleiche Art wird das Wort abgeschnitten: „Darüber sprechen wir später ..., Ich danke Ihnen, gnädige Frau, vielen Dank ...“ – diese abwimmelnde Art zu danken, im Vergleich zu der beflissenen Art, sich bei einer bedeutenden Persönlichkeit zu bedanken. Das gesamte Verhalten ändert sich gründlich, je nachdem, ob der Moderator sich an eine „Größe“ (einen Alain Peyrefitte) richtet oder an einen gewöhnlichen Gast: Körperhaltung, Blick, Tonfall, provozierende Einflechtungen (das ungeduldige „Ja... Ja... Ja...“, das skeptisch gedehnte „Jaah?“, das unter Druck setzt und entmutigt), die Wortwahl, derer man sich den Gesprächsteilnehmern gegenüber befleißigt, die Redefolge und Bemessung der Redezeit (der Vertreter der Gewerkschaft CGT durfte in der anderthalbstündigen Sendung „La Marche du siècle“ insgesamt fünf Minuten sprechen).

Der Moderator agiert auf der Bühne als die nach Gott ranghöchste Autorität (“meine Sendung“, „meine Gäste“: die brutale Zurechtweisung, die all jene trifft, die sich gegen seine Art der Gesprächsführung auflehnen, bekommt den Beifall der anwesenden Studiogäste, denen die Rolle von Claqueuren zufällt).

Die Zusammensetzung des Podiums

– Sie ist das Werk einer vorangegangenen Phase selektiver Einladung (und Zurückweisung). Die schlimmste Zensur ist die Abwesenheit; die Worte der Abwesenden sind auf unsichtbare Weise ausgeschlossen. Daher das Dilemma: die unsichtbare (tugendhafte) Ablehnung oder die Falle.

– Sie gehorcht der Sorge um formale Ausgewogenheit (zum Beispiel die gleiche Verteilung der Redezeit in den „Fernsehduellen“), die der Kaschierung realer Ungleichbehandlung dient; etwa in den Sendungen über den Streik vom Dezember 1995: auf der einen Seite ein Grüppchen von Aktivisten, die als engagierte Verfechter des Streiks angesehen und vorgestellt werden, auf der anderen Seite Beobachter, die als vollkommen neutrale und korrekte Schlichter eingeführt werden. Also einmal die mutmaßlich Schuldigen (sie haben den Benutzern der öffentlichen Leistungen geschadet), die angehalten werden, sich zu erklären, und dann die unparteiischen Schiedsrichter oder Experten, denen es zufällt, zu urteilen und zu erklären.

Der Anschein von Objektivität wird dadurch gewährleistet, daß die Parteilichkeit gewisser Gesprächsteilnehmer bemäntelt wird (durch das Spiel mit Titeln oder die Betonung der Sachverständigenfunktion: Alain Peyrefitte wird beispielsweise als „Schriftsteller“ vorgestellt und nicht als „neogaullistischer Senator“ und „Vorsitzender der Verlagsleitung des Figaro“, Guy Sorman als „Wirtschaftsexperte“ und nicht als „Berater von Alain Juppé“).

Die Logik des Spiels mit der Sprache

Das Spiel läuft zugunsten der „Profis“ auf dem Gebiet der Rede, der autorisierten Redeführung.

– Das nach dem Vorbild des Catch-as-catch-can gestaltete demokratische Streitgespräch erlaubt es, einen Favoriten der Einschaltquote (das Fernsehduell) als ein Modell des demokratischen Austauschs zu präsentieren.

– Die Übereinstimmungen bei einer bestimmten Gruppe von Gesprächsteilnehmern: Die „Medienlöwen“ leben in derselben Welt (zusammen mit den Moderatoren). Als alte Vertraute der Medien und der Medienschaffenden bieten sie jede Gewähr: Man weiß nicht nur, daß sie gut ankommen (sie sind, wie es im professionellen Jargon heißt, „eine feste Bank“); man weiß vor allem, daß man bei ihnen vor Überraschungen sicher ist. Die gelungenste Form der Zensur besteht darin, überall, wo gesprochen wird, Leute zu plazieren, die genau das sagen, was man von ihnen erwartet, oder noch besser, die gar nichts zu sagen haben. Die Titel, mit denen sie angeredet werden, tragen dazu bei, ihrer Rede Autorität zu verleihen.

Die verschiedenen Gesprächsteilnehmer stehen dieser Situation nicht gleichberechtigt gegenüber: auf der einen Seite die professionellen Redner, die die Fähigkeit besitzen, ihre Ausdrucksweise den jeweiligen Verhältnissen anzupassen; auf der anderen Seite Leute, die weniger versiert und geübt sind, öffentlich das Wort zu ergreifen (die Gewerkschafter und ganz besonders die Arbeiter, die, wenn sie befragt werden, vor der Kamera ins Stottern geraten, übereilt sprechen, sich verheddern oder, um ihr Lampenfieber loszuwerden, wichtigtuerisch daherreden, während sie noch wenige Minuten zuvor, in einer normalen Situation, vernünftige und überzeugende Dinge gesagt haben). Um Gleichheit sicherzustellen, müßten die Benachteiligten bevorteilt werden (man müßte ihnen mit Gesten und Blicken helfen, ihnen Zeit lassen und so weiter), während statt dessen alles darauf angelegt ist, die Bevorteilten weiter zu bevorteilen.

Das Unbewußte der Moderatoren, ihre Berufsgewohnheiten. Etwa ihre kulturelle Gefügigkeit als Kulturvermittler mit angelesenem Halbwissen, ihr Hang zur Anerkennung konventioneller akademischer Erkennungszeichen. Sie sind eine Mensch gewordene Vorrichtung (die Einschaltquote): Wenn sie Äußerungen abwürgen, die ihnen zu kompliziert erscheinen, handeln sie gewiß aus ehrlicher Überzeugung. Sie sind die perfekten Relaisstellen innerhalb der Struktur, und wären sie es nicht, würden sie gefeuert.

In ihrer Vorstellung vom Streik und den Streikenden kommt das Unbewußte ihrer privilegierten Stellung zum Ausdruck: Von den einen erwarten sie Rechtfertigungen und Befürchtungen (“Was befürchten Sie denn?“, „Worüber beklagen Sie sich?“), von den anderen Erklärungen und Einschätzungen (“Was halten Sie davon?“).

dt. Christian Hansen

Soziologe, Professor am Collège de France.

Le Monde diplomatique vom 12.04.1996, von Pierre Bourdieu