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Somalia

von Ignacio Ramonet

Einen „weltweiten Krieg gegen den Terror“ führen die Vereinigten Staaten bereits im Irak und in Afghanistan. Nun haben sie in Somalia eine dritte Front eröffnet. Vielleicht sollte man auch schon von einer vierten Front sprechen, denn bereits vergangenen August während der israelischen Offensive gegen die Hisbollah hatte Präsident Bush den Libanon als „dritte Front im weltweiten Krieg gegen den Terror“ bezeichnet.

Die jüngsten Luftangriffe und die Entsendung von Kriegsschiffen an das Horn von Afrika jedenfalls zeigen, dass die Region für die Vereinigten Staaten inzwischen zu den Schauplätzen des Kriegs gegen al-Qaida gehört.

Im Juni 2006 hatte der „Rat der Somalischen Islamischen Gerichte“ (SICC) Mogadischu erobert und die Warlords vertrieben. Deren Machtmissbrauch war den Händlern in Mogadischu schon seit langem ein Dorn im Auge gewesen – Grund genug, den Vorstoß der islamischen Milizen zu finanzieren. Nach knapp fünfzehn Jahren Chaos gelang es den Islamisten, eine gewisse Ordnung im Land wiederherzustellen.

Die USA, die mit ihrer merkwürdig verengten Vorstellung von Terrorbekämpfung auf die Warlords gesetzt hatten, wollten die neue Ordnung nicht anerkennen, zumal sie die Islamischen Gerichte verdächtigten, iranische Hilfe anzunehmen. Also drängte das Pentagon das christliche Äthiopien, das seit 2002 US-Militärhilfe erhält, in Somalia einzumarschieren. US-amerikanische Luftaufklärung und Satellitenüberwachung versorgten die äthiopische Bodenoffensive mit den nötigen Informationen.

Der Feldzug dauerte daher nicht lang. Nach acht Tagen waren sämtliche von den Islamischen Gerichten kontrollierte Regionen besetzt, Mogadischu fiel am 28. Dezember 2006. Derzeit sind in Somalia rund 20 000 äthiopische Soldaten stationiert. Anfang Januar trat in Nairobi (Kenia) die internationale Somalia-Kontaktgruppe zusammen, die sich auf Betreiben der USA erstmals im Juni vorigen Jahres getroffen hatte. In ihrer Abschlusserklärung plädierte sie für die Entsendung einer Friedenstruppe auf der Grundlage der UN-Resolution 1725 und rief die internationale Staatengemeinschaft auf, die dafür benötigten Gelder zur Verfügung zu stellen.

Derzeit hat außer Äthiopien nur Uganda zugesagt, Truppen zu entsenden. Washington kündigte an, den somalischen Übergangspräsidenten Abdullahi Jussuf mit 16 Millionen Dollar zu unterstützen. Des Weiteren sei humanitäre Hilfe und ein zweiter Finanzrahmen von 24 Millionen Dollar geplant, wovon 14 Millionen für die Friedenstruppe bestimmt seien.

Die Bush-Administration wirft den somalischen Islamisten vor, zwei Terroristen Schutz zu bieten: Fazul Abdullah Mohammed und Ali Saleh Nabhane seien an den Anschlägen 1998 auf die US-Botschaften in Kenia und Tansania beteiligt gewesen, bei denen 224 Menschen ums Leben kamen.

Unterdessen rief die Nummer zwei von al-Qaida, Aiman al-Sawahiri, laut einer AFP-Meldung vom 6. Januar die islamistischen Kämpfer zum Widerstand auf: „Ich fordere alle Muslime auf, dem Ruf des Dschihad in Somalia zu folgen. […] Der richtige Krieg wird mit Angriffen auf die äthiopischen Aggressionstruppen beginnen. […] Ich rate euch zu Aktionen aus dem Hinterhalt, Minenlegen und Selbstmordanschlägen.“ Die somalischen Islamisten sollten sich ein Beispiel nehmen an den Guerillakämpfern in Afghanistan und im Irak.

Der Sprecher der Islamischen Gerichte, Ali Modei, erklärte indes, seine Bewegung sei „nicht besiegt“ – so zitiert ihn die International Herald Tribune vom 4. Januar. Seine Männer hätten sich südlich des Juba-Flusses gesammelt, der die Grenze zu Kenia bildet. Dort machen nun äthiopische Soldaten und US-Spezialkräfte mit Unterstützung von Kampfflugzeugen des Typs AC-130 aus Dschibuti Jagd auf Islamisten.

Die Eroberung von Mogadischu wird das Somalia-Problem ebenso wenig lösen wie die Einnahme von Kabul 2002 das Taliban-Problem löste oder der Einmarsch in Bagdad 2003 das Irak-Problem. Hier wie dort fangen die Probleme mit der Eroberung erst richtig an.

Le Monde diplomatique vom 09.02.2007,