09.03.2007

Die Epen des Sanskrit

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Die Epen des Sanskrit

Religiöse Dichtungen bilden den Ursprung aller indischen Literaturen. Es sind pantheistische Priester und Poeten, Verehrer der Gottheiten der Morgenröte, der Berge und Flüsse, denen wir die Veden, die ersten literarischen Texte Indiens, verdanken. Ihre Autoren lebten vor 3 500 Jahren im Nordwesten des Subkontinents, der von indoeuropäischen Stämmen, den Eroberern des gesamten Industals, bevölkert war.

Der Veda bestand aus vier Sammlungen von Hymnen und Gesängen – Rigveda, Yajurveda, Samaveda und Atharvaveda –, die den Schutz der Götter beschworen. Wörtlich bedeutet Veda „Wissen“, ein vor allem mythisches und spirituelles Wissen. Daher rührt der bei den Hindus herrschende Glaube, die vedischen Textsammlungen seien kein Menschenwerk, sondern vom Schöpfergott Brahma ausgehaucht worden – Offenbarungen, die nur in Sanskrit, der Sprache der Götter, übermittelt werden konnten.

Im Lauf der vedischen Zeit, die fast tausend Jahre währte, wurde Sanskrit zur Lingua franca und im 4. Jahrhundert v. Chr. erstmals von dem Grammatiker Panini systematisiert. Damals gab es in Indien jedoch viele weitere Sprachen, und ob ein Dichter oder Barde diese oder jene wählte, war sowohl in sozialer als auch in religiöser Hinsicht von entscheidender Bedeutung. Der Buddha beispielsweise, der im 6. Jahrhundert v. Chr. auftrat und mit seinen Lehren in Widerspruch zum Elitesystem der Brahmanen stand, hielt seine Reden in Dialekten wie Pali oder Prakrit, die von der Mehrheit gesprochen wurden. Die „Jataka“ oder Erzählungen aus den früheren Leben des Buddha sind auf Pali überliefert, der Sprache des Protests gegen die Erstarrungen des Hinduismus und des Kastenwesens.

Dennoch hat das Sanskrit zwischen dem 4. Jahrhundert v. Chr. und dem 6. Jahrhundert n. Chr. in der Zeit der großen Schöpfungen der postvedischen Literatur ein wachsendes Ansehen als Kultursprache erlangt. Die Epen eröffnen den Reigen. Die bekanntesten, das „Mahabharata“ und das „Ramayana“, erzählen ähnlich wie die homerischen Epen von Krieg und Frieden aus frühesten Zeiten.

Das „Ramayana“, wörtlich „Marsch des Rama“, das dem legendären Dichter Valmiki zugeschrieben wird, erzählt die Geschichte eines Prinzen aus dem Norden Indiens, dem es gelingt, alle geografischen und militärischen Hindernisse zu überwinden, um seine entführte Frau, die der Dämon Ravana auf einer Festungsinsel vor der Südküste gefangen hält, zu befreien. In einem sehr reinen Sanskrit und der damals entstehenden Form der Shlokas (Strophen aus vier achtsilbigen Versen) verfasst, stellt das „Ramayana“ eine Wende dar und kündigt durch seine stilistische Sorgfalt und die gefühlsbetonte Darstellung die hohe Dichtkunst des folgenden klassischen Zeitalters an.

Auch das „Mahabharata“ basiert auf einer Kriegsgeschichte, aber hier handelt es sich um einen Bruderkrieg zwischen zwei Fürstenfamilien. Es ist ein apokalyptischer Krieg, den die fünf Pandava-Brüder mit ihren Vettern, den Kauravas, austragen, um das Königreich zurückzugewinnen. Mit seinen 400 000 Versen in 18 Kapiteln gilt es als das dickste Buch der Welt. Neben der Hauptgeschichte enthält es tausende von zusätzlichen Episoden, unabhängigen Erzählungen, Gedichten im Gedicht, eine so überströmende Fülle, dass Henri Michaux gesagt haben soll: „Erzähl diese Geschichte einem alten Stock, und er fängt wieder an zu sprießen und Wurzeln zu schlagen!“

Im 4. Jahrhundert v. Chr. begann in Indien die Ära der Großreiche, die über 1 000 Jahre dauern sollte. Die aufeinanderfolgenden Dynastien der Maurya, Kushana und Gupta haben das Land zentralisiert und günstige politische und soziale Bedingungen für das Erblühen einer glanzvollen, hoch entwickelten, urbanen Zivilisation geschaffen, die oft mit der von Athen zur Zeit des Perikles verglichen wird. An den Höfen dieser Kaiser und ihrer Vasallen entstand eine profane Literatur, die weiterhin aus den alten Quellen schöpfte – den heiligen Büchern der brahmanischen Zivilisation, ihren Veden, Epen und Puranas – die jedoch von der Liebe, den Festen, Freuden und Wechselfällen im Leben der wohlhabenden Gesellschaftsschichten handelte.

Das „Natyasastra“, eine Abhandlung über die Schauspielkunst, die einem gewissen Bharata zugeschrieben wird und aus dem 1. Jahrhundert v. Chr. stammt, ist das älteste Rhetorikwerk, das die Grundlagen der Dichtkunst behandelt und vor allem die berühmte Lehre von den neun Rasas oder Stimmungen entwickelt, in die das Publikum durch Poesie versetzt werden soll – hervorgerufen durch die Liebe, das Heldenhafte, das Mitleid, das Schreckliche, die Furcht, den Widerwillen, das Lächerliche, das Wunderbare und den Frieden. Der Dichter wurde in erster Linie nach seiner Sprachgewalt beurteilt, weniger nach der Originalität seiner Themen, die den traditionellen Mythologien entlehnt und den Lesern längst bekannt waren.

Der herausragende literarische Vertreter dieser Zeit ist sicher Kalidasa, Dramatiker und Lyriker zugleich, der oft als der altindische Shakespeare bezeichnet wird. Kalisada ist der Autor des berühmten „Sakuntala“. Üblicherweise werden Kalidasa drei Theaterstücke und einige Gedichte zugeschrieben. Das wohl berühmteste namens „Meghaduta“ („Wolkenbote“) ist eine Verserzählung über die schmerzhaft erlebte Verbannung eines Yaksha (Hofdiener der Gottheit des Wohlstands), der die Wolken bittet, eine Botschaft an seine Geliebte in der Heimat mitzunehmen.

Eine andere alte Gattung der erzählenden Literatur sind Märchen und Fabeln. Die früheste und bekannteste Sammlung, das „Panchatanta“ aus dem 4. Jahrhundert n. Chr., ist heute weltweit in zweihundert Versionen und über fünfzig Sprachen verbreitet. Im 11. Jahrhundert goss der Gelehrte Somadeva die Erzählungen in eine grandiose, bis heute gültige Form: Im „Kathasaritsagara“ oder „Ozean der Erzählungsströme“ fasste er 350 Kurzgeschichten mit fast 100 000 Versen zusammen.

Aus dieser klassischen Epoche stammt auch das berühmte „Kamasutra“, wörtlich „Verse über das Begehren“, das nicht nur die Neugier der aristokratischen Jugend befriedigen sollte, sondern auch ein Versuch war, Einfluss auf das Liebesleben der Zeitgenossen zu nehmen.

Zeitgleich zu den Epen und der klassischen Dichtung in Sanskrit entfaltete sich im Süden seit Beginn des christlichen Zeitalters eine von hohen moralischen und humanistischen Werten geprägte Literatur in Tamil, aus der eine hingebungsvolle Frömmigkeit erwuchs, die unter dem Namen Bhakti bekannt geworden ist – eine religiöse Lehre, die auf der liebenden Zuwendung zwischen dem Gläubigen und der Gottheit beruht. Denkbar weit von den Praktiken des brahmanischen Hinduismus mit seinen komplizierten Zeremonien entfernt, hat sich die Bhakti seit dem 6. Jahrhundert im südindischen Tamil Nadu als volkstümliche religiöse Praxis durchgesetzt und einen umfangreichen Korpus poetischer Werke zum Ruhm Shivas und Vishnus inspiriert.

Die Bhakti-Bewegung, die auch nach West- und Nordindien übergriff, fand vom 12. Jahrhundert an ihre wichtigsten Vertreter in Dichtern wie Jayadev, Vidyapati, Surdas, Kabir, Mirabai, Tukaram und Namdev. Viele von ihnen kamen aus sozialen Randgruppen und wurden zu Revolutionären der Poesie, nicht nur, weil sie sich den Themen der Begierde, der Liebe und der mystischen Verschmelzung mit Gott oder vielmehr Krishna öffneten, sondern vor allem, weil sie sich in Lokalsprachen wie Braj, Hindi oder Marathi ausdrückten, um ein möglichst breites Publikum zu erreichen. Dem Talent und dem Mut, den linguistischen und metaphorischen Kühnheiten der großen Bhakti-Dichter ist es zu verdanken, dass die seit Anfang des 2. Jahrtausends hervortretenden einheimischen Dialekte wirkliche Literatursprachen geworden sind.

Tirthankar Chanda

Le Monde diplomatique vom 09.03.2007, von Tirthankar Chanda