08.04.2011

Brief aus Tokio

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Brief aus Tokio

von Christian Kessler

Hier in Japan bebt die Erde jeden Tag. Das war schon immer so. Wenn der Gott Kashima unter der Erde in seiner Aufmerksamkeit nachlässt, so sagt die Legende, bewegt sich ein riesiger Wels und schlägt mit dem Schwanz. Nach dem berühmten Erdbeben von 1855 wurde ausgerechnet dieser Fisch als Gott der Instandsetzung der Welt verehrt. Heute ziert sein Abbild, im Comic-Style, die Schilder für Fluchtwege bei stärkeren Beben. Die Japaner leben in ihren Mythen.

Tokio, früher Edo, erlebte unzählige Katastrophen: 1. Juni 1615, 14. Mai 1647, 21. Juni 1649, 23. November 1703, 2. Oktober 1855 … Die Häuser waren aus Holz, das Feuer breitete sich rasch aus, dazu kam die Flutwelle. Alle flohen, manche aber blickten zurück, um Edo no hana zu bewundern, die Edo-Blumen, die brennenden Häuser, denn das ist auch ein wunderschönes Schauspiel. Der Sinn für Ästhetik geht den Japanern nie verloren. Ebenso wenig der Fatalismus, denn letztlich kann man nichts machen: shikata ga nai, überall ist dieser unwiderlegbare Satz zu hören. Das ist die Unbeständigkeit der Welt: Sisyphus beginnt von vorn, bis zum nächsten Beben.

Das Erdbeben vom 1. September 1923 – Stärke 7,9, 150 000 Tote, 4 000 Hektar verwüstet, 400 000 Häuser zerstört – fand um die Mittagszeit statt. Der Reis kochte gerade im Topf, Feuer fraß sich durch die Stadt, die Welle zerstörte sie. Unter den europäischen Zeugen war ein Dichter, Paul Claudel, französischer Botschafter. Er schrieb eine Reportage über die Katastrophe. „Es ist eine Erfahrung von namenlosem Grauen, wenn sich ringsum die große Erde bewegt, als sei sie plötzlich von einem grauenhaften und autonomen Leben erfüllt […] Unter unseren Füßen ein unterirdisches Grollen […] ein Stoß, noch ein Stoß, entsetzlich, dann kehrt allmählich die Reglosigkeit zurück, aber die Erde hört nicht auf, dumpf zu erschauern, neue Anfälle, die stündlich wiederkehren.“

Auch ihm fiel die Ruhe, das Phlegma, der Stoizismus der Bevölkerung auf, die kein Aufhebens um ihren ungeheuren Schmerz und ihre tiefe Verzweiflung machte. Die sich aber auch auf die Koreaner stürzte, Sündenböcke, die beschuldigt wurden, die Brunnen vergiftet, die Brände geschürt zu haben. Claudel floh nach Yokohama. Ganz in der Nähe suchte Kronprinz Hirohito in den Betonkellern des Kaiserpalastes Zuflucht. Von dort aus sollte er später, nach Hiroshima und Nagasaki, die Kapitulation Japans verkünden.

Das Gefühl für die Zerbrechlichkeit der Welt, ihre Unbeständigkeit ist stark in einem buddhistischen Land. Die Unbeständigkeit bestimmt den Alltag in Tokio: Die Stadt gleicht einer ewigen Baustelle, die Stadtlandschaft ändert sich rasch. Jeder ist bereit für das Unvermeidliche. Wenn eine gewisse Zeit ohne Erdbeben vergeht, kommt es einem schon seltsam vor, so sehr lebt man in dem Bewusstsein, auf bewegtem Grund zu stehen.

Heute aber ist Hiroshima in aller Munde. Hiroshima, die Atombombe auf Japan, die demütigende Niederlage. Die hibakusha, die Verstrahlten, über die die Amerikaner während der Besatzung alle Informationen zu unterdrücken suchten, mit deren passiver Unterstützung. Jahrzehntelang verbargen die hibakusha ihre Schande und wurden im eigenen Land diskriminiert.

Neben Hiroshima kehrt auch das Wort kamikaze zurück. Die Kamikaze, die sich im letzten Weltkrieg mit ihren Flugzeugen auf die Schiffe stürzten, um das Vordringen der amerikanischen Kriegsmaschine so lange wie möglich zu verzögern. Anders als die traditionelle Geschichtsschreibung behauptet, waren es keine Freiwilligen, sondern Universitätsabsolventen oder sogar noch Studenten, die 1944 und 1945, als die Amerikaner die Insel Okinawa und damit den heiligen Heimatboden angriffen, zu diesem sinnlosen Opfer gezwungen wurden. Ehe sie aufbrachen, banden sie sich ein hachimaki um Kopf und Hals, ein weißes Band mit der roten Sonne, wie es einst die Samurai im feudalen Japan trugen, damit ihnen das lange Haar nicht über die Augen fiel.

Heute spricht man von den Tepco-Angestellten und den Soldaten, die in Fukushima, was übersetzt „Insel des Glücks“ heißt, retten sollen, was noch zu retten ist. Trotz ihrer Schutzkleidung können sie der Strahlung nicht entgehen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass diese Opfer der Atomenergie, denn so muss man sie nennen, sehr bald zu Helden werden. Oder man wird versuchen, sie zu vergessen, um auch die Tragödie selbst zu vergessen.

Die Botschaft meldet, es gebe kaum noch Franzosen in Tokio. Und ich? Ich bleibe. Ich habe beschlossen, aus einem Land zu berichten, das mir so viel gegeben hat. Das schulde ich ihm. Als ich meinen japanischen Freunden gesagt hatte, ich würde wahrscheinlich nach Frankreich fahren, konnten sie ihre Enttäuschung nicht ganz verbergen. Auch die japanische Regierung hat offiziell verkündet, sie habe Verständnis für die Abreise so vieler Ausländer (darunter die Profisportler, die bei japanischen Teams unter Vertrag stehen).

Nein, ich bleibe. Wenn sich die Situation plötzlich verschlimmern sollte, würde ich wohl auch zum Flughafen Narita rasen. Aber im Moment geht es mir gut hier. Wie alle anderen hoffe ich, dass das Land die Tragödie überstehen wird, bald mit dem Wiederaufbau beginnt und die Wirtschaft und Industrie, die in der ganzen Welt gebraucht wird, in Gang bringt. Auch wenn es gelingt, die Krise zu überwinden, ist die Umwelt heute und für lange Zeit schwer zerstört. Man wird auf das berühmte Kobe-Rind verzichten und jedes Glas Milch, jedes Sushi vor den Geigerzähler halten müssen. Nette Aussicht!

Das ist alles nicht gerade beruhigend. Ich gehe ins Gemeinschaftsbad. In den letzten Tagen wurden im Fernsehen alberne Spielshows gezeigt und lautes Gelächter eingespielt, als wollte man das Schicksal beschwören. Obwohl internationale Nachrichten sonst keine große Rolle spielen, ist von Libyen fast mehr die Rede als von Fukushima. Das Gemeinschaftsbad: Moment der Entspannung, der Plauderei, im Hintergrund die Unterhaltungssendungen. Plötzlich schaltet jemand einen anderen Sender ein, es wird still. Auf dem Bildschirm erscheinen die Alten aus Sendai, ihre Lippen zittern, auf ihren Jacken stehen die Namen ihrer vermissten Verwandten.

Verstört und orientierungslos irren sie durch die Ruinen, suchen unter den Trümmern, den Autowracks, man weiß nicht was. Auf die Fragen der Journalisten antworten sie so unverständlich, dass der Sender auf Untertiteln wiedergeben muss, was sie stammeln, damit man es halbwegs versteht. Entsetzliches Bild einer Geisterwelt, darin diese Alten, selbst Geister, die nicht mehr wissen, wo sie sind, und denen man ansieht, dass sie sich nie mehr erholen werden.

Ich tauche wieder in das heiße Becken, als wollte ich das alles von mir abwaschen, diesen Albtraum vergessen. Aber ich muss nach Hause. Auf meinem Futon lausche ich den Geräuschen der Stadt. Aneinanderschlagende Holzstücke und die Rufe der Wächter (Hi no youjin – hütet euch vor dem Feuer), die durch das Viertel gehen, das Ende des Abends verkünden und daran erinnern, dass man das Gas abstellen soll.

Immer mehr wird deutlich, in welchem Ausmaß Tepco systematisch Informationen zurückgehalten hat. Die nukleare Katastrophe als Folge eines Tsunami war keine Überraschung; einige Spezialisten in Japan haben sie durchaus vorausgesehen. Schon 2005 hat Professor Ishibashi von der Universität Kobe vor dem Haushaltsausschuss des Unterhauses die Risiken für Atomkraftwerke, die einem Erdbeben ausgesetzt sind, deutlich aufgezeigt. Er war nicht der Einzige. Auch in historischen Texten gibt es Hinweise auf Erdbeben einer geschätzten Stärke von 8,6 in der Region. Außerdem haben Geologen kilometerweit im Landesinneren Sand gefunden, der damals von einem Tsunami dort hingetragen wurde.

Viele Lügen und Fälschungen kommen nun durch Zeugenaussagen ehemaliger Tepco-Mitarbeiter ans Licht, die das Gesetz des Schweigens brechen. Ingenieure von Toshiba, die am Bau von Fukushima mitgewirkt haben, schätzen, dass die möglichen Risiken bei den Berechnungen wissentlich sehr viel geringer angesetzt wurden.

Trotz der japanischen Neigung, keine Fragen zu stellen und im Vertrauen auf die Obrigkeit hinzunehmen, was kommt, führt das unglaubliche Ausmaß dieses abgekarteten Spiels zwischen der allerhöchsten Verwaltungsebene, den Sicherheitskräften und den Betreibern zur schlimmsten Vertrauenskrise seit Ende des Krieges.

In Tokio hat die Radioaktivität im Wasser den Grenzwert für Kleinkinder überschritten. Der größte Getränkehersteller Japans, Kirin, versucht, den dringendsten Bedarf zu befriedigen. Tag und Nacht werden Flaschen mit Wasser aus den japanischen Alpen abgefüllt, bevorzugt für die Versorgung der zerstörten Regionen und für die Kinder. Ich habe seit fünf Tagen kein Wasser im Supermarkt gefunden, dabei habe ich weiß Gott wo gesucht.

Schon bei den ersten Meldungen von der Atomkatastrophe wurden die Getränkeabteilungen gestürmt, jetzt ist es zu spät, die Supermärkte haben keine Reserven mehr. Also betrinke ich mich mit Tee aus der Flasche, auch wenn er wahrscheinlich Leitungswasser enthält. Aber was soll ich machen? Und dieses verdammte Kraftwerk stößt weiter Rauch aus. Das ist alles nicht sehr erfreulich.

Aus dem Französischen von Claudia Steinitz Christian Kessler ist Historiker und Gastdozent am französischen Athenäum in Tokio und den Universitäten Musashi und Aoyama Gakuin.

Le Monde diplomatique vom 08.04.2011, von Christian Kessler