Kunstkinder im Bundesamt

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Kunstkinder im Bundesamt

von Mathias Greffrath

Seit einiger Zeit geht jeden Morgen ein Mitarbeiter des Umweltbundesamts in Dessau in eine der Schulen. Er oder sie holt ein Schulkind ab und verbringt mit ihm den Vormittag. Was die beiden miteinander unternehmen, bleibt ihnen überlassen. Sie können durch die Behörde laufen oder gemeinsam die Bild-Zeitung lesen, in der steht, dass wir noch dreizehn Jahre haben, um die Welt zu retten. Fest steht nur, dass sie in der Kantine des Amts zu Mittag essen.

Da sitzt dann eine Elfjährige oder ein Zwölfjähriger unter hunderten von Beamten, ein kleiner Mahner am Mittagstisch. Nachmittags übernimmt der Schüler die Führung, bringt den Umweltschützer an die Orte, die ihm wichtig sind: in sein Zimmer, den Musikraum der Schule, zu den Freunden oder an den Computer. Oder die beiden sitzen auf einer Bank in der Sonne und diskutieren, ob man mit beweglichen Gehwegplatten Strom erzeugen kann.

All dies findet ohne Zeugen statt, und so kann ich mir vorstellen, wie eine aufgeweckte Elfjährige irgendwo auf dem Weg von der Schule zum Amt ihren Begleiter fragt, was wir denn in dreizehn Jahren schaffen könnten? Und wie? Und ich stelle mir vor, wie der Spezialist für Schadensbegrenzung und Abfallnormierung schon anhebt, über effektivere Motoren und wirksamere Dämmverfahren zu dozieren. Aber dann denkt er kurz nach, und es fällt ihm ein, dass wir bislang alle Effektivitätsgewinne durch erweiterten Konsum zunichte machen oder dass die instinktive Reaktion der Kanzlerin nach dem letzten Klimabericht hieß: Klimaschutz sei mit Wachstum kompatibel.

Soll ich, denkt da der Beamte, während die beiden unschlüssig vor der Eisbude stehen, diesem Kind jetzt erklären, warum ich nicht glaube, dass wir unseren Energiekonsum bis 2050 um 80 Prozent verringern werden? Und wie er so in das erwartungsvolle Gesicht der Elfjährigen schaut, sagt er plötzlich: „Weiß du, manchmal beneide ich dich und deine Mitschüler. Ihr werdet in einer aufregenden Zeit leben. In einer Zeitenwende.“

Das klingt spannend. Auf der Stirn des Kindes steht eine große Falte. Und so setzen sich die beiden auf die Bank vor der Eisbude, und der Umweltbeamte erzählt die Geschichte der letzten zweihundert Jahre, in denen die Menschheit einen großen Sprung nach vorn getan hat. Weil Ingenieure so erfinderisch waren und weil wir Kohle und Öl und am Ende nukleare Brennstäbe in Energie verwandelt haben. Und dann wird er von den Ländern sprechen, aus denen heute die Jeans und Spielecomputer und Basketbälle kommen, und wird sagen, dass diese Menschengenossen jetzt auch mal dran sind und dass das schwierig wird. Wegen Kohle und Öl und Atom. Dann werden die beiden eine Weile schweigen.

Hm“, wird die Schülerin dann sagen, „aber wir haben doch dann die Sonnenenergie und die Windräder.“ Und der Ingenieur wird antworten: „Stimmt, aber auch damit werden wir die Arbeitslosigkeit nicht los.“ Da wird das Kind nicken, denn es lebt ja in Dessau. „Außerdem sind wir in diesem Teil der Erde“, redet der Erwachsene weiter, „daran gewöhnt, dass es immer mehr wird.“ Hier aber wird das Kind, stelle ich mir vor, unwillig unterbrechen: „Aber wir haben doch genug. Und wenn was kaputtgeht, dann reparieren wir es eben. Denn wir haben doch viel Zeit übrig, das haben Sie doch eben selbst gesagt.“

Verlassen wir den Beamten und sein Kunstkind. „Kunstkinder“, so heißen im Umweltbundesamt die Schüler, die jeden Morgen abgeholt werden, ein Jahr lang. Denn das ganze Arrangement ist keine umweltpädagogische Maßnahme, sondern das Kunstwerk „This this“. Die Bundesregierung hat es von Tino Sehgal erworben und an das Umweltbundesamt ausgeliehen – wie ein Bild, eine Skulptur, eine Installation.

Sehgals Kunstwerke sind flüchtig. Es gibt keine Fotos und keine Filme von ihnen. Sie verbrauchen kein Gramm Material. Sie inszenieren Erfahrungen, mit sorgfältig vorbereiteten Helfern. In Venedig traten Laien als Museumswärter verkleidet hinter die Besucher und flüsterten ihnen ein: „This is Propaganda, you know“. In Hamburg zeigte er eine Arbeit mit dem Titel „This Progress“. Der Besucher betritt eine labyrinthische Galerie, am Eingang fragt ihn ein Kind: „Was ist Fortschritt“ und lockt ihn in die Gänge, in denen vier Menschen aus vier Lebensaltern das Thema variieren. Am Ende wird er von einem Greis „ins Leben entlassen“, mit Gedanken über den Fortschritt und vielleicht einem kleinen sinnlichen Schock über das Fortschreiten seiner Lebenszeit. Auf der letzten Biennale in Berlin war Sehgals Arbeit „Kiss“ zu sehen. Ein Mann und eine Frau liegen auf dem Boden in einem alten Ballsaal und küssen sich in Slowmotion, stundenlang, in vier Posen, die von vier großen Küssen aus der Geschichte der europäischen Plastik abgenommen sind. Ein Vorgang, der den Raum mit Libidostrahlen erfüllt und allerlei Meditationen über die wichtigen Dinge im Leben auslöst.

Tino Sehgal schafft „nichtstoffliche Produkte“, Kunst-Stücke zwischen Menschen mit Körpern, die sich in ihrem Vollzug erschöpfen, von denen nichts bleibt, wenn sie geschehen sind. Aber sie werden präsentiert – und verkauft –, wie Kunstwerke seit der Entstehung von Galerien und Museen präsentiert werden: in reservierten Räumen, die man betreten muss in Erwartung von Kunst. Von etwas Kostbarem.

Es sind experimentelle Anordnungen, in denen sich auf fast klassische Weise Form und Inhalt entsprechen. Ihr Produkt ist die Verfeinerung des Wahrnehmungsvermögens für Erfahrungen über das „Wesen des Menschen“, das sich ja im „Ensemble seiner gesellschaftlichen Verhältnisse“ zeigt (wie es der junge Marx ausdrückte), an den unsichtbaren Fäden, die uns in Institutionen halten, an Menschen binden, uns in anderen spiegeln. Wenn es gut geht, bleibt von solcher Kunst etwas zurück, wenn es schlecht geht, auch. Aber nichts davon ist Gegenstand, und es geschieht ohne Zeugen. So wie in Dessau auf der Parkbank vor der Eisbude.

Man könnte das für den allerletzten Avantgardekick halten. Aber es ist mehr. Tino Sehgal hat Ökonomie und Tanz studiert, gleichzeitig, und das ist kein Zufall. Er ist besessen von der Idee nichtmateriellen Wachstums, die ja die härtesten Herausforderungen stellt. Was wird geschehen, wenn wir alles haben, wenn die Produktivität des Maschinenkapitalismus uns mit allem Lebensnotwendigen ausgestattet hat, wenn die „unermüdlichen und zweckbewussten Geldscheffler uns in den Schoß des ökonomischen Überflusses mitgezogen haben werden“ und unsere armen Nachbarn auch?

So fragte vor drei Generationen der Ökonom John Maynard Keynes, als er über die „ökonomischen Chancen unserer Enkel“ nachdachte, und er blickte „dem Zeitalter der Muße und des Überflusses nicht ohne Furcht entgegen“. Zu lange seien wir „dazu erzogen worden, nach etwas zu streben, und nicht, etwas zu genießen“. Für „gewöhnliche Menschen ohne eine besondere Begabung“ sei es „eine beängstigende Aufgabe, sich selbst zu beschäftigen, besonders, wenn sie nicht länger in der heimatlichen Scholle, im Brauchtum oder den geliebten Förmlichkeiten einer überkommenen Gesellschaft wurzeln“. Und die Kapitalisten seien über Jahrhunderte dressiert worden, nicht „ihre Katze zu lieben, sondern die Kätzchen ihrer Katze, und in Wirklichkeit nicht einmal die Kätzchen, sondern die Kätzchen dieser Kätzchen und so weiter bis zum Ende der Katzenheit“.

Keynes war skeptisch optimistisch. Für eine Weile könnten wir „mit Dreistundenschichten oder einer Fünfzehnstundenwoche das Problem hinausschieben und „den alten Adam in uns noch besänftigen“. Auch die Akkumulationswütigen werde man noch „hundert Jahre“ lang brauchen, „denn es wird vernünftig bleiben, ökonomisch zweckhaft für andere zu sein, wenn dies für einen selbst nicht mehr vernünftig ist“. Aber auf lange Sicht werde die Welt – so das Plädoyer des Ökonomen, der mit der schönsten Ballerina Londons verheiratet war – nur erbaulich werden, wenn wir wieder „singen lernen“, unseren Wachstumstrieb verlagern auf „die echten Dinge des Lebens“: die Beziehungen zwischen den Menschen untereinander, die Lust am eigenen Lebensausdruck, das Spielen mit den Katzen unserer Gegenwart.

In der großen Krise der 1920er-Jahre konnte sich selbst der geniale Keynes noch nicht träumen lassen, dass Easy-Jet, Heimzapfanlagen, Designerhandys und Hakle Feucht in sechs Varianten einmal zu den menschlichen Grundbedürfnissen zählen würden. Und an Grenzen des Wachstums und Klimakatastrophe dachte damals noch niemand. Aber „singen lernen“ – das ist eine wunderbare Metapher für das große, sehr reale Kunststück, das die menschliche Gattung in naher Zukunft vollbringen muss – um ihrer Selbsterhaltung willen. Um es weiter mit Keynes zu sagen: Wir müssen die „Geldscheffelei“, jenes „widerliche, krankhafte Leiden, jene halbkriminelle, halbpathologische Neigung, die man mit Schaudern an einen Spezialisten für Geisteskrankheiten verweisen möchte“, in den Dienst einer weltschonenden Entwicklung des globalen Südens lenken und in den alten Industrieregionen die Arbeitszeit für alle so verkürzen, dass wir „weise, angenehm und gut leben können“.

Es geht um das politische Kunststück, die WTO in den Dienst nachhaltiger globaler Entwicklung zu stellen. Um das technische Kunststück, den Erfindungsreichtum von Ingenieurinnen auf revolutionäre Verkehrssysteme, energiesparende Wohnformen und ewig haltbare Keramikkugellager zu lenken. Um das kulturelle Kunststück, die Arbeitszeit aller radikal zu verkürzen, so dass alle eine neue Balance finden zwischen gesellschaftlichen Notwendigkeiten und eigenem Leben, zwischen qualifizierter Arbeit und Zeit für die Tätigkeiten und Genüsse, die es nicht vertragen, gegen Geld getauscht zu werden: Kinder erziehen, die Alten umsorgen, die Kranken pflegen, die Räume, in denen wir leben, lebenswert zu machen. Zeit zu haben, uns in der Endlichkeit einzurichten. Tanzen zu lernen.

Das wird keine reine Poesie. Die neue Weltwirtschaftsordnung, der Weg in die postfossile Gesellschaft wird durch Not erzwungen, wird durch Krisen von gewaltigen Dimensionen hindurchführen. Die Kunst mag uns dabei helfen, die Ahnung von einem Fortschritt zu gewinnen, der nicht mehr an Stoffumwandlung und Wachstum gebunden ist, sondern an neue oder ganz alte Formen des Tätigseins. Damit sich diese Ahnung verbreitet, werden Millionen solcher Gespräche wie das auf der Bank in Dessau nötig sein.

Tino Sehgals Kunstwerk wird nach einem Jahr an das ausleihende Kanzleramt zurückgehen. Das kann es dann weiterverleihen. Sagen wir ans Auswärtige Amt. Auch das eine schöne Vorstellung: ein Zwölfjähriger an der Hand von Minister Steinmeier auf dem Weg zum Untersuchungsausschuss, mit neugierigen Fragen. Man kann sich da viel denken – und das ist doch der alte, der klassische Sinn von Kunst. Sie soll schön sein, soll Erfahrungen sichtbar machen, die von selbst nicht in uns zum Ausdruck kommen. Sie soll uns ein wenig erschrecken, soll das Leben verändern. Sie will das unwahrscheinlich Mögliche.

© Le Monde diplomatique, Berlin

Le Monde diplomatique vom 13.04.2007, von Mathias Greffrath

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