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Brief aus Värtsilä

Brief aus Värtsilä

von Jenni Stammeier

Die alten Kiefern waren meine Freunde. Ihr Stamm war warm und rau, aber weich. Die besten Steinpilze wachsen unter alten Kiefern. Schon als ich neun war, durfte ich allein in den Wald, und natürlich wusste ich, wie ein Steinpilz aussieht. Ich sammelte Pilze, ruhte mich auf einem Kiefernast aus, aß Preiselbeeren und genoss schon im Voraus den Duft der gebratenen Pilze in der Nase. Dann explodierte das Atomkraftwerk in Tschernobyl. Ich durfte keine Beeren und Pilze mehr sammeln. Ich durfte wegen des Zäsiums nicht mal mehr in den Wald. Ich weinte wegen der Atomkraft und wegen der Erwachsenen, die sie erlaubten.

Das fällt mir in diesem Herbst wieder ein. Jetzt, nach 28 Jahren, sammle ich in der Nähe unseres Sommerhauses in Värtsilä wieder Steinpilze, obwohl noch immer vor erhöhten Zäsiumwerten gewarnt wird. Die finnische Regierung hat gerade den Bau eines neuen Atomkraftwerks genehmigt, in Zusammenarbeit mit dem russischen Staatskonzern Rosatom, der auch Tschernobyl gebaut hat. Ausgerechnet jetzt, wo eigentlich die Sanktionen gegen Russland greifen sollten. Russische Reaktoren entsprechen nicht den westlichen Standards, und nach allen Berechnungen wird die Rentabilität des Kraftwerks eine Katastrophe. Außerdem weiß jeder, wie eng Rosatom mit dem Kreml verbunden ist. Hatte Finnland denn keine andere Wahl?

Ich wandere gern allein im Wald herum, es beruhigt mich eigentlich immer. Manchmal sieht man einen Elch, der vielleicht aus Russland gekommen ist. Von hier sind es fünf Kilometer bis zur Grenze. Der Wald ist öde und still. Die Zugvögel sind schon fort, auch die Besitzer der paar Sommerhäuser sind in ihre Stadtwohnungen mit Strom und Zentralheizung zurückgekehrt.

Die Hälfte der in Finnland verbrauchten Energie kommt aus Russland: ein Viertel des Stroms, ungefähr 90 Prozent des Öls und der Kohle und sämtliches Gas. Das neue AKW im nordwestlichen Hanhijoki sollte diese Abhängigkeit verringern. Zunächst war die deutsche Eon zu 34 Prozent an dem Projekt beteiligt. Dann kam Fukushima. Die Deutschen stiegen im Herbst 2012 wegen der Energiewende aus. Auch finnische Aktionäre stiegen aus, und eine Zeit lang sah es so aus, als sei Atomkraft technisch und ideologisch überholt. Dann, im November 2013, explodierte es erneut in der Ukraine, diesmal 130 Kilometer südlich von Tschernobyl, auf dem Kiewer Maidan. Und einen Monat später unterschrieben Fennovoima und Rosatom den Liefervertrag über den Reaktor für Hanhijoki.

Ich klettere auf den Hügel. Von dort kann man auf Wjartsilja blicken, den russischen Teil von Värtsilä. Hier beschreibt die Grenze einen Bogen, weil die Stadt 1944 geteilt wurde und die Stahlfabrik Wärtsilä der Sowjetunion zugeschlagen werden sollte. Noch 1942 hatte Wärtsilä die ersten Dieselmotoren in Lizenz von Krupp gebaut. Die Zusammenarbeit mit Nazideutschland war nicht nur technisch: Finnland beteiligte sich 1941 am Angriff auf die Sowjetunion. Auch damals hieß es, Finnland habe keine andere Wahl. Die Operation Barbarossa ging nicht aus wie geplant, und Finnland musste Reparationen an die Sowjetunion leisten. Mein Großvater hat in der Rauma-Werft Schiffe für die Sowjetunion gebaut. Was die Finnen nach dem Krieg gedacht haben, scheint kaum jemand zu wissen. Alle haben, wie mein Großvater, geschwiegen. Bis zum Ende seines Lebens plagte ihn der Albtraum einer russischen Invasion.

Die ersten Reaktoren für das Kraftwerk Loviisa wurden bei den Sowjets bestellt. Die westlichen Angebote umfassten Tausende von Dokumentseiten, das sowjetische Angebot nur zwei Blätter. Präsident Kekkonen entschied sich für eine Kombination aus russischen Reaktoren und westlicher Sicherheitstechnologie.

Wegen der aktuellen Zusammenarbeit mit Rosatom verließen die Grünen die Regierungskoalition. Der grüne Umweltminister Ville Niinistö, Neffe von Präsident Sauli Niinistö von der Nationalen Sammlung, kritisierte die Einscheidung als „Finnlandisierung“ – der während des Kalten Kriegs in Deutschland geprägte Begriff beschreibt die Politik eines kleinen Staats, der die Interessen einer benachbarten Großmacht auch im Inneren berücksichtigen muss. Tatsächlich verpflichtete der Finnisch-Sowjetische Vertrag von 1948 Finnland zu einer sowjetfreundlichen Politik – das ging so weit, dass der Prager Frühling in Schulbüchern als „konterrevolutionäre Bedrohung“ bezeichnet wurde. Journalisten drohte bei antisowjetischer Berichterstattung bis zu acht Jahre Haft. Ein Schicksal wie das der DDR – oder der Ukraine – konnte Finnland knapp vermeiden. Und es versuchte, die Tür zum Westen dabei möglichst weit offen zu halten. Damals hatte Finnland keine andere Wahl. Aber heute?

1 340 Kilometer lang ist die Grenze zu Russland. Theoretisch wären russische Streitkräfte in einer Stunde hier, auf diesem Hügel. Im August und im September haben russische Flugzeuge wiederholt den finnische Luftraum verletzt. Eine Ablehnung des Rosatom-Angebots wäre „ein Zeichen der Härte gegenüber unserem Nachbarn“, erklärte Verteidigungsminister Haglund. Es geht also tatsächlich nicht um Energiepolitik, sondern um Außenpolitik. Präsident Niinistö bezeichnete das Atomprojekt als „ein finnisches Projekt in Finnland“. Putin auf der Nase herumzutanzen, wie die EU es sich leistet, ist für Finnland unvorstellbar. Während es statt des Brüsseler Menuetts einen Solotanz für Putin aufführt, untersucht die EU-Kommission, ob der Vertrag mit Rosatom die Energiesicherheitsstrategie der EU gefährdet. Es wird vieles verschwiegen. So war es in den Zeiten des Kriegs und des Kalten Kriegs, und so ist es offensichtlich auch jetzt noch.

Auf dem felsigen Hügel wachsen silberne Flechten und eine knorrige Kiefer. Je grauer, dicker und schuppiger die Borke, desto älter der Baum. Dieser hier ist mindestens 100 Jahre alt. Damals war Finnland Teil des Zarenreiches. Die russische Revolution brachte Finnland die Unabhängigkeit – und einen Bürgerkrieg. Die finnischen Arbeiter bekamen sowjetische Waffen, die deutsche Armee unterstützte die finnische Regierung. Die Wurzeln der Kollaboration mit den Deutschen reichen tief.

Von hier oben kann man den Grenzverkehr beobachten. Seit der Abwertung des Rubels kostet das Benzin drüben nur 80 Cent pro Liter, halb so viel wie hier. Viele Grenzbewohner fahren mit einem Dauervisum wöchentlich zum Tanken. Ein Lastwagen fährt Richtung Osten. Milchprodukte transportiert er keine, wegen der russischen Gegensanktionen. Doch im Supermarkt von Tohmajärvi gibt es keinen Putinkäse – so nennt man den Exportkäse mit kyrillischer Schrift und längerem Haltbarkeitsdatum. Der russische Geschmack ist auf mehr Reife eingestellt. Käse, Joghurt, Wurst und Frühstücksflocken holen sich die Russen jetzt in den finnischen Supermärkten. Ihre Kommentare sind bitter. Sie finden, dass der Westen ihnen den Rücken gekehrt hat. Von Finnland erhoffen sie eine Alternative zur EU-Politik.

Solche Kommentare nimmt man in Finnland ziemlich ernst, sie kommen von Russlands gut verdienender Mittelschicht. Die finanzielle Elite denkt wohl kaum anders. Zitiert wird gern der ehemalige Putin-Berater Andrei Illarionow, der erklärte, Putin rechne Finnland zu seiner Interessensphäre. Und sein Appetit wachse.

Finnland ist vom Schicksal der Ukraine vielleicht gar nicht so weit entfernt. Patriotische Russen könnten auch Finnland als „faschistisches“ Land beschimpfen, denn der finnische Marschall Mannerheim hat 1941, ebenso wie sein ukrainischer Kollege Bandera, eine sowjetische Invasion für ein größeres Übel gehalten als die Kollaboration mit Nazideutschland.

Zurück im Sommerhaus, stelle ich das Radio an und fange an, die Pilze zu putzen. Der Nachrichtensprecher erklärt, die vorläufige Entscheidung für Rosatom im Dezember 2013 sei auf der Grundlage alter Entwürfe für ein Leningrader Atomkraftwerk getroffen worden. Ich lege das Messer zur Seite und schaue auf den See. Auch andere Tatsachen sind verschwiegen worden. Im Februar 2014 ist nicht nur Janukowitsch aus der Ukraine nach Russland geflohen, es wurde auch ein „Vertrag über friedliche Zusammenarbeit in der Atomenergie“ zwischen Finnland und Rosatom unterschrieben.

Dass erst jetzt Einzelheiten des Vertrags bekannt werden, erinnert doch genau an die Finnlandisierung, denke ich und höre weiter. „Das Arbeitsministerium versichert, es handle sich um ein normales Abkommen zwischen den Ländern. Auch Fennovoima versichert, solche Entscheidungen würden oft mit alten Entwürfen getroffen.“ Vielleicht wurden Fakten absichtlich verschwiegen, vielleicht auch nicht. Vielsagend ist es, dass Journalisten erst jetzt nachfragen. Jetzt sieht man Russland anders als noch Anfang dieses Jahres. Von der Ukraine wusste man kaum etwas, die Gemeinsamkeiten der Geschichte erkannte niemand.

Die Ebereschen am Strand tragen dieses Jahr besonders viele orangerote Beeren. Die habe ich geerntet, obwohl sie eigentlich zu sauer sind. Aber im Wald gibt es dieses Jahr keine Preiselbeeren. Ich schaue auf die Gläser mit orangeroter Marmelade. Am Ende isst man das, was eben da ist. Genau das trifft wohl auf die finnische Politik zu.

Jenni Stammeier ist freie Journalistin und arbeitet hauptsächlich für den finnischen Rundfunk. © Le Monde diplomatique, Berlin

Le Monde diplomatique vom 09.10.2014,