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Eliten ohne Chancen

In ihrer Ausgabe vom 26. April 2006 beschreibt die Zeitschrift Nanfang zhoumo (Das Wochenende des Südens) die Lage vieler Absolventen von weniger renommierten Hochschulen als dramatisch. Da ist dieser junge Werbefachmann, der soeben einen Abschluss der Wirtschafts- und Finanzhochschule der Provinz Anhui erworben hat: Am Ort hätte er eine Anstellung für 1 400 Yuan im Monat haben können, doch er meinte, anderswo mehr verdienen zu können und zog in den Süden. In Guangzhou gab es nur 600 Yuan monatlich und in Shenzhen lediglich eine erfolgsabhängiges Honorar ohne festes Grundgehalt. Schließlich ging er in die Schuhfabrik, in der seine Eltern angestellt sind, für 800 Yuan Monatslohn.

Junge Arbeitslose hausen in sogenannten Zehn-Yuan-Hotels (shiyuandian) und verbringen den Tag damit, Lebensläufe zu verfassen, ihre Bewerbungen zu verschicken und Vorstellungsgespräche zu absolvieren. Manche trauen sich nicht mehr nach Hause, weil sie der Familie oder Freunden Geld schulden und nicht „das Gesicht verlieren“ wollen, wenn sie mit leeren Händen zurückkommen. Auf anderen Berufseinsteigern wiederum bauen die Hoffnungen einer ganzen Familie auf, und da ist es unvorstellbar, dass ein Absolvent einer Pekinger Hochschule, und sei es einer minderen, keine gute Stelle in einer der Ostküstenmetropolen findet.

Die Konkurrenz unter den Absolventen ist sehr groß. Gleichzeitig entsprechen die Inhalte der Studiengänge nur selten den Markterfordernissen. Neben diesen Problemen kommen eine ganze Reihe von Faktoren zusammen, die es den Studenten schwer machen, Jobs zu finden. Für viele Hochschulabsolventen bedeutet eine Berufstätigkeit in der Stadt bessere Arbeitsmöglichkeiten, bessere Entlohnung und vor allem attraktivere Karrierechancen. Selbst Forst- und Agraringenieure wollen in den großen Städten bleiben, obwohl es dort außer Dachbegrünungen kaum Beschäftigungsmöglichkeiten für sie gibt.

Andere Diplomierte möchten in den Städten Mittel- und Ostchinas eine Arbeit finden, doch da sie nicht aus jener Gegend stammen, haben sie keinerlei Chance, eine gute Arbeit zu finden: Die Stellen sind fest in den Händen von Einheimischen mit entsprechenden Beziehungen. Viele Studienabgänger haben daher keine andere Wahl, als in die Großstädte zu gehen, wo die Netzwerke den Arbeitsmarkt weniger fest im Griff haben.

Le Monde diplomatique vom 11.05.2007,