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3. Brief aus Athen

Brief aus Athen

von Niels Kadritzke

Mit dem Taxifahrer anzufangen, ist journalistisch streng verboten, ich weiß. Aber erstens schreibe ich einen Brief und keine Reportage. Und zweitens war es eine Taxifahrerin, die mir zwischen Piräus und Stadtzentrum unaufgefordert erzählte, wenn sie Geld hätte, würde sie einen Hubschrauber und ein paar Raketen kaufen, um „die Vouli zu bombardieren“. Die Vouli ist das griechische Parlament und die 50-jährige Kettenraucherin war außer sich, weil man dort beschlossen hatte, die taxitsides müssten Quittungen ausstellen, damit der Fiskus ihnen Mehrwertsteuer abknöpfen kann.

Das war, lange bevor das vom Volkszorn umzingelte Parlamentsgebäude in ganz Europa zum allabendlichen Fernsehspot wurde. Seitdem bin ich noch sehr oft Taxi gefahren – immer noch ohne Quittung – und habe mit vielen taxitsides gesprochen. Das Schöne ist: Nicht einer ist derselben Meinung wie die andere. Nicht über die Parlamentarier, nicht über die Krise, erst recht nicht über die Verantwortung für den Schuldensumpf. Der eine sieht die Schuld bei den Politikern, der andere bei den Bankern, die Nächste bei den Ratingagenturen, dem internationalen Finanzkapital oder gleich bei den Freimaurern; viele schimpfen auf Kyria Merkel und Kyrios Soible, manche auf Sarkozy, einer auf Berlusconi. Aber erstaunlich viele kommen rasch auf die eigene Schuld zu sprechen. Wenn einer mit „kaka ta psemata“ anfängt (was ungefähr „seien wir ehrlich“ heißt), weiß ich schon, wie es weitergeht: „Ach wir Griechen …“

Die Umfrage war ungewollt, aber sie hat mir gezeigt, dass die Athener Taxifahrer ziemlich repräsentativ für die griechische Gesellschaft sind. Und wenn man länger mit einem spricht, sagen wir im Stau, stellt sich dasselbe Gefühl ein wie nach fast allen Diskussionen in diesem Krisenland: dass alles noch komplizierter, verwirrender, widersprüchlicher ist als angenommen. Das rehabilitiert die Taxifahrer als Auskunftsquelle über die aktuellen Verhältnisse, auch für Journalisten. Abgesehen davon schätze ich sie seit Langem als ehrliche Repräsentanten des griechischen Alltags und seiner sympathischen wie befremdlichen Seiten.

Zum Beispiel wenn sie Weihnachten und Ostern für jede Fahrt einen Euro zusätzlich kassieren und dies auf einem diskreten Hinweisschild als doro bezeichnen. Eine Zwangsabgabe ohne jede rechtliche Grundlage zum „Geschenk“ zu erklären – das ich normalerweise freiwillig gebe –, fand ich schon immer dreist. Aber es war mir auch eine Lehre: dass in diesem Land häufig nicht drin ist, was außen draufsteht, ohne dass sich viele daran stören. Die meisten Gewerkschaften ähneln Berufsgilden, denen Solidarität mit ihren Mitproletariern eher fremd ist. Und der „öffentliche Dienst“ hat weniger mit Dienst an der Allgemeinheit zu tun als mit Klientelbeziehungen und dem Ziel, sich selbst eine Klientel zu schaffen.

Natürlich leidet auch die Taxibranche unter der Krise, die sichtbar wurde, als nicht mehr zu verheimlichen war, dass auch in der griechischen Staatskasse nicht drin war, was die konservative Regierung draufgeschrieben hatte. Auf der Patission-Straße, einer der Hauptachsen in Richtung Zentrum, kamen früher in der Rushhour häufig nur volle Taxis vorbei. Wenn man Glück hatte, konnte man sich zu anderen Passagieren auf die Rückbank quetschen. Heute kreuzen viele der gelben Taxis leer durch die Stadt, man kann sich das Automodell aussuchen.

Die Patission-Straße kenne ich seit Jahren, hier wohnt mein Freund Michalis mit seiner Familie. Eine gehobene Einkaufsstraße, vor allem Kleider, Schuhe, Accessoires. Aber das war einmal. Heute hat jedes dritte Geschäft aufgegeben, und die übrig gebliebenen haben ständig Ausverkauf. Dabei sieht man den Aufklebern im Schaufenster nicht an, ob sie Überlebenskampf oder schon Geschäftsaufgabe anzeigen. Zu vermuten ist Letzteres, denn für neue Waren fehlt das Cash und die Banken vergeben Kredite nur gegen bunkerfeste Sicherheiten.

Trotz der Schleuderpreise sind die Geschäfte leer. Die Verkäuferinnen stehen in der Ladentür, in der Hand den Kaffee im Plastikbecher. Das Make-up sitzt noch perfekt, aber eine heitere Miene lässt sich nicht schminken. Man sieht ihnen an, was sie denken: Wenn dieser Laden zumacht, finden sie keinen neuen Job. Manche fegen den Bürgersteig vor dem Schaufenster, um Geschäftigkeit zu simulieren. Das hat man früher nie gesehen. „Die Patission stirbt einen langsamen Tod“, sagt mein Freund Michalis. Umsatz machen nur noch die Fastfoodrestaurants. Das zeigt auch, dass die normalen Restaurants nicht mehr lange überleben. Erst recht nicht, nachdem vor zwei Wochen die Mehrwertsteuer für die Gastronomie von 13 auf 23 Prozent erhöht wurde.

Michalis weiß, wovon er spricht. Er ist Professor für Wirtschaftsgeschichte an der Universität Athen, seine Frau Irini lehrt an einer anderen Hochschule. Eine klassische Mittelstandsfamilie mit zwei Kindern. Auch für sie ist ein Restaurantbesuch nicht mehr drin. Bis vor zwei Jahren waren sie mindestens einmal pro Woche aus. Schon letztes Jahr wurden die akademischen Gehälter –ohnehin weit unter deutschem Niveau – um 25 Prozent gekürzt, und jetzt im Juni um weitere 10 bis 15 Prozent. Wie viele Athener Familien besitzen sie eine weitere Wohnung, die Irini geerbt hat und die sie vermieten. Das ersetzt für viele Griechen die Altersversorgung. Zu Zeiten der inflationären Drachme legte man sein Geld lieber in Immobilien an, als es Banken oder Lebensversicherungen zu überlassen. Dass die meisten Familien noch über die Runden kommen, verdanken sie solchen Mieteinnahmen.

Bei Michalis und Irini soll die Miete die Ausbildung der Kinder finanzieren. Aber die Geldquelle ist seit drei Monaten versiegt. Die alten Mieter sind ausgezogen. Denn Irinis Wohnung liegt im Viertel um die Kirche Agios Panteleimonas. In griechischen wie ausländischen Zeitungen heißt es, dass es zum Slum verkommt, weil hier die meisten Migranten aus Afrika und Asien wohnen. In solchen Vierteln entstehen– überall auf der Welt – mafiose Strukturen, unter denen die meisten Migranten ebenso zu leiden haben wie die Alteinwohner. Von denen am Ende nur die bleiben, die es sich nicht leisten können, wegzuziehen.

Die Mieter von Irinis Wohnung sind aber keine Griechen, die wegwollen, um nicht von der Migrantenflut überspült zu werden. „Das ist eine ägyptische Familie mit zwei Kindern, der Mann arbeitet als Maler, die Frau ist eine traditionelle Hausfrau. Aber dann wurde ihnen die Gegend zu unsicher. Sie haben Angst vor den Chrysi-Avghi-Leuten.“ Chrysi Avghi heißt „goldene Morgenröte“ und ist eine faschistische Organisation, die unter dem Zeichen des byzantinischen Doppeladlers gegen Ausländerflut und für die Reinhaltung der griechischen Rasse zu Felde zieht. Seit letzten Oktober sind sie im Athener Stadtrat vertreten, wo ihr Anführer sich mit dem Hitlergruß einführte. In Agios Panteleimonas kamen sie auf 12 Prozent. Seitdem haben jugendliche Faschisten mehrfach Ausländer überfallen und zum Teil schwer verletzt. Vor diesen Leuten ist die ägyptische Familie geflohen. Michalis kann das verstehen, obwohl er die Miete heruntergesetzt hatte. Die Wohnung ist jetzt unvermietbar, weil Griechen nicht in einen verrufenen Ausländerslum ziehen wollen und legale Ausländer nicht in ein von griechischen Faschisten kontrolliertes Viertel.

Das Wählerpotenzial der Rassisten ist etwas, das vielen Athenern große Sorge macht. Die Gleichzeitigkeit einer tiefen ökonomisch-sozialen Krise und die geballte Anwesenheit illegaler Migranten im Stadtzentrum ist in der Tat eine brisante Mischung. Die mag heute noch pittoresk wirken, wenn sich zwischen den klassizistischen Bauten der Nationalbibliothek und der Akademie ein improvisierter Basar auftut. Afrikanische und afghanische Straßenhändler breiten da ihre Billigstwaren aus: Unterwäsche, Werkzeug, gefälschte Kosmetika. Auf Decken, die man leicht zusammenraffen und über die Schulter werfen kann, wenn die Polizei kommt.

Aber das passiert selten. Wahrscheinlich hat die Stadtverwaltung eingesehen, dass diese Märkte nur ein Symptom der Krise sind. Käufer sind die verarmten Athener. Die Hochkonjunktur der Billigstwaren sind die ersten Anzeichen einer Armut, die ansonsten noch nicht sichtbar ist. Noch leben viele Familien von den Rücklagen. Damit wird auch ein Großteil der Jugendarbeitslosigkeit abgefangen, die auf über 40 Prozent gestiegen ist. Aber die Reserven schmelzen rapide, hat mir eine Freundin erzählt, die bei einer großen Bank arbeitet. In spätestens zwei Jahren sind die Sparkonten leergeräumt.

Aber es wird noch schneller gehen, nachdem mit dem jüngsten Sparprogramm die Besteuerung auch der niedrigen Einkommen (ab 8 000 Euro jährlich) beschlossen wurde, befürchtet Michalis. Er sieht für Griechenland keine Hoffnung, wenn von der EU immer nur neue Sparauflagen und keine Investitionen kommen. Ohne die hält er die Hoffnung, dass die Konjunktur 2012 anspringen wird, für völlig illusorisch. Das Land brauche viel mehr Zeit, um sich selbst umzubauen. „Wir sind in einen Tunnel reingefahren“, sagt Michalis, „obwohl der Ausgang am anderen Ende noch nicht gegraben ist.“ Und wenn der Durchbruch nicht gelingt? No future, jedenfalls nicht in Athen. Auch Michalis und Irini wissen nicht, ob ihre Söhne bleiben werden. Das ist die düsterste Zukunftsvision für Griechenland: die Emigration der eigenen Jugend, der Generation also, die das Land umkrempeln müsste.

Ob er gar nichts Optimistisches zu bieten hat, frage ich Michalis. „Kaka ta psemata“ – leider nein. Und fragt dann: „Was meinst du, wie es in Deutschland aussehen würde, wenn die Einkommen um 25 bis 30 Prozent geschrumpft wären? Wenn über 40 Prozent der Jugendlichen keine Aussicht auf Arbeit hätten? Und zugleich in den Großstädten 10 Prozent der Bevölkerung illegale Migranten wären? Wie viele Faschos hättet ihr dann?“ Ich gebe die Frage an die geschätzten Leser weiter.

© Le Monde diplomatique, Berlin

Le Monde diplomatique vom 08.07.2011,