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18. edito. Chinesische Abhängigkeiten

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Chinesische Abhängigkeiten

Die geschmähten Vereinigten Staaten haben die Position des Klassenbesten unter den kapitalistischen Mächten verloren. Jetzt soll China die Weltwirtschaft wieder ankurbeln. Eine derart spektakuläre Kehre hätte sich die chinesische Führung in ihren kühnsten patriotischen Träumen nicht vorgestellt.

Jetzt folgen die Belehrungen an die Adresse Washingtons. Die Nachrichtenagentur Xinhua ließ am 7. August verlautbaren, Peking verlange „mit vollem Recht“, dass die USA ihre Schulden- und Haushaltsprobleme angehen. Wer die Party bezahlt, hat das Sagen. Und China hat sehr viel Geld angelegt: Es besitzt US-Staatsanleihen im Wert von 1 170 Milliarden Dollar, das entspricht fast dem Bruttoinlandsprodukt Russlands. Jetzt dienen diese Bonds als politische Waffe, um dem Westen seine Fehler vorzuhalten.

China steht damit nicht allein. Überall in Asien ist die Erinnerung an die Wirtschaftskrise von 1997 und die damaligen IWF-Auflagen noch wach. Daran erinnerte Kishore Mahbubani, ein Exdiplomat Singapurs, als er gegenüber dem Economist süffisant anmerkte: „Alle Ratschläge, die den Asiaten damals erteilt wurden, hat der Westen jetzt ignoriert.“ Trotz aller Konflikte im Chinesischen Meer betonten die Asean-Länder noch am 9. August, wie gut sich die asiatischen Nationalökonomien gegenseitig ergänzen. Ihr großer Nachbar mag sich herrisch bis arrogant benehmen, aber wenn sich die Krise verschärft, wird er immer noch flüssig sein.

Dabei müssen sich die Chinesen an die eigene Nase fassen. Auch sie selbst sind von Schulden abhängig – von denen der USA. Die erlauben es ihnen, ihre Kapitalüberschüsse ziemlich risikofrei anzulegen und ihre Waren auf Kredit zu verkaufen.

China ist der größte ausländische Gläubiger der USA, obwohl es nur 8,1 Prozent der US-Bonds hält (an zweiter Stelle liegt Japan mit 6,4 Prozent). Aber daraus entstehen nicht nur unbestreitbare Rechte, sondern auch gewisse Zwänge. Sollte Peking eines Tages aus den US-Bonds aussteigen, würde der Dollar so abstürzen, dass der Wert der chinesischen Dollarreserven wie ein löchriger Ballon schrumpfen würde.

Diese finanzielle Atombombe wird und kann China niemals zünden. Aber immerhin versucht es sich aus der Dollar-Abhängigkeit zu lösen und auf andere Währungen zu setzen. Zudem weiß man in Peking, dass die chinesischen Exporte zurückgehen werden, und konzentriert sich deshalb stärker auf den Binnenmarkt, etwa mit Lohnsteigerungen und der Einführung einer allgemeinen Mindestrente. Aber das geht nicht schnell genug, und die sozialen Unterschiede sind so groß, dass das Wettrennen kaum zu gewinnen ist.

Doch auch die verbreitete Vorstellung, eine Neubewertung des Yuan und eine mögliche Erhöhung der chinesischen Importquote reichten aus, um das Wachstum in den westlichen Ländern wieder anzukurbeln, ist völlig irreal, erst recht für Länder wie Frankreich, die sich zunehmend deindustrialisieren. Das französische Außenhandelsdefizit rührt ja gerade daher, dass französische Autos großenteils im Ausland hergestellt und anschließend reimportiert werden. Martine Bulard

Le Monde diplomatique vom 09.09.2011,