Rückkehr nach Pingxiang

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Rückkehr nach Pingxiang

Rückkehr nach Pingxiang

Von Dreck und Größe einer kleinen chinesischen Stadt von Xifan Yang

Pingxiang, unsere Heimatstadt, ist ein Allerweltsort: anonym, grau, voll von rauchenden Schornsteinen und dreckigen Kohleminen. Pingxiang liegt auf halber Strecke zwischen Schanghai und Hongkong versteckt im Landesinneren. Mit einer Million Einwohnern gilt Pingxiang in China als Kleinstadt. 160 Kilometer westlich wurde Mao geboren. Mehr gibt es über unseren Heimatort nicht zu erzählen. Dachte ich.

Bevor meine Mutter mich 1992 im Alter von vier Jahren nach Deutschland nachholte, lebte ich hier zweieinhalb Jahre bei meinen Großeltern. Meine Erinnerungen sind verschwommen: Großmutter unterrichtete am Stadtrand Chinesisch. Wir wohnten im fünften Stock auf dem Campus ihrer Mittelschule. Großvater saß seine Tage in einer Behörde namens „Abteilung Einheitsfront beim Zentralkomitee“ ab und freute sich auf die Rente. Zwischen Juli und September war es derart heiß, dass wir auf Strohmatten schliefen, die Großmutter auf dem Boden auslegte, und sich jeden Morgen bereits kurz nach dem Aufstehen ein klebriger Schweißfilm auf meiner Haut bildete. Zwischen Dezember und Februar dagegen lief ich zu Hause eingepackt wie ein Michelinmännchen herum. Mehrmals in der Woche fiel der Strom aus.

Mitte der neunziger Jahre zogen meine Großeltern in einen Neubau im Stadtzentrum, in die damals modernste Wohnung Pingxiangs: Onkel Xungui, der älteste Bruder meiner Mutter, hatte die Außenwände des Wohnzimmers durch eine Glasfront ersetzt. So etwas hatte sonst niemand in der ganzen Stadt.

Neubau ist in China ein relativer Begriff: Nur wenige Monate nach dem Einzug färbte der Smog die Fassade schwarz. Bei Regen tropfte gelbes Wasser in den Treppenflur. In der Straße unter dem Balkon breiteten Gemüsefrauen und Metzger ihre Ware auf dem Boden aus; abends, nach Marktschluss, war der Asphalt übersät mit Gemüseresten, Fischschuppen und abgehackten Froschköpfen, dazwischen wuselten fröhlich die Ratten umher. Wenn ich meine Großeltern besuchte, ekelte ich mich: Inzwischen war ich eine „Banane“, wie man in China verwestlichte Auslandschinesen nennt: außen gelb, innen weiß. In Deutschland war ich saubere Bürgersteige und frisch gemähte Wiesen gewohnt. Gern kehrte ich in den Sommerferien jedenfalls nicht nach China zurück.

Das Einzige, wonach ich mich sehnte, war das Essen meiner Großmutter: ihr eingelegter Kohl, ihr geräucherter Schinken, ihre frittierten Süßkartoffelklöße, vor allem aber die Unmengen Chili, ohne die so gut wie kein Gericht in unserer Heimat auskommt. Als Kind habe ich Großvater gelegentlich dabei bewundert, wie er sich einen ganzen Teelöffel mit rotem Chilipulver in den Mund schob, „zur Darmreinigung“, wie er erklärte. „Ohne Chili macht das Leben keinen Spaß“, lautete einer seiner Lieblingssprüche. Wie in so vielen Dingen hatte Großvater auch in diesem Punkt recht.

Als ich 2013 nach Pingxiang fahre, um seine Parteiakten aufzuspüren, wirken die Straßenzüge meiner Kindheit, als wäre ich nie weg gewesen: In den Gassen liegen scharfe Schoten zum Trocknen aus, Teppiche aus rotem und grünem Chili. Vor den Fenstern hängen Eisengitter gegen Einbrecher. Im Hof unserer alten Wohnung spielen dieselben Männer Mahjong wie vor fünfzehn Jahren, vermutlich tragen sie immer noch dieselben gerippten Unterhemden. Ich spaziere durch die Marktstraße vor unserem Haus und muss daran denken, wie ich als Kind hier mit meiner Cousine Lulu durchgelaufen bin, um die beste getrocknete Tofuhaut der Nachbarschaft zu suchen. Auch heute noch spielen die Kioske und Kleidergeschäfte die Frühwerke von Céline Dion und Mariah Carey. Ein Open-Air-Metzger wirbt mit dem Angebot „Sofort schlachten, sofort mitnehmen“: Enten, Gänse, Kaninchen und nicht definierbare Amphibien warten in Käfigen auf ihren Tod. Auf dem Bürgersteig fuhrwerkt ein Zahnarzt in den Rachen ihm ausgelieferter Menschen herum, seine Werkzeuge sehen aus wie Folterinstrumente.

Den brüchigen Asphalt bedeckt eine festgetretene Schicht aus Dreck, Regen und Plastikmüll. Ständig knallen irgendwo Böller – zum Zeichen dafür, dass jemand geboren wurde, geheiratet hat oder gestorben ist; manchmal auch, weil jemand gerade ein Motorrad gekauft hat. Pingxiang hat eine traditionsreiche Feuerwerksindustrie, und das hört, spürt, sieht und riecht man an jeder Ecke. Hinzu kommen die Abgase jahrzehntealter Kohlelaster. Meine Cousine Haohao behauptet, selbst Straßenhunde seien in Pingxiang dreckiger als anderswo.

Erst auf den zweiten Blick erkennt man, dass die Moderne langsam Einzug hält. Am Bahnhof hat vor Kurzem ein McDonald’s eröffnet, und in einem Stadtteil hat die Regierung ein Rathaus gebaut, das aussieht wie eine Mischung aus Weißem Haus und Taj Mahal. Hier und da werden die Uralttransporter und rostigen Santana-Taxis nun von grell lackierten Porsche Cayennes überholt.

Die Reichen Pingxiangs haben ihr Geld mit Kohleminen gemacht, die man an jeder Ausfallstraße am Stadtrand findet: in die Landschaft gefräste Verwerfungen aus schwarzer, kahler Erde, dazwischen Schornsteine, Bagger und umherstapfende Arbeiter mit Schubkarren. Manche Bergwerksgelände sind mehrere Hektar groß, andere klein wie Vorgärten. Früher wurden sie von Staatsfirmen erschlossen, heute vergibt die Regierung die Aufträge an Privatfirmen. Ein Großcousin erklärte mir einmal das Procedere, wie in Pingxiang lukrative Minenprojekte an Land gezogen werden. Man braucht erstens gute Verbindungen ins Rathaus und zweitens einen ausreichend großen Schlägertrupp – Letztere, um Mitbewerber einzuschüchtern und dort, wo die Grube erschlossen werden soll, Anwohner von ihren Grundstücken zu vertreiben. Und drittens, das versteht sich von selbst, benötigt man eine ordentliche Stange Bestechungsgelder als Startkapital. Ein Cousin des besagten Großcousins brachte es als Schläger eines Stadtteilparteisekretärs auf diese Weise selbst zu Wohlstand: Nachdem er jahrelang als Handlanger gedient hatte, wurde er mit dem Zuschlag für eine neue Mine belohnt. Der Großteil des Wirtschaftslebens in Pingxiang wird von mafiösen Geschäftemachern und käuflichen Parteikadern gesteuert.

Zwei Rolls-Royce und zwei große Verbrecher

Dabei hat die Kohleindustrie schon bessere Tage gesehen. Noch 1985 belegte Pingxiang auf der Liste der größten Kohlestandorte Chinas den 33. Platz, heute ist die Stadt auf Platz 90 zurückgefallen. Seit die Minen nicht mehr vom Staat, sondern von illegal operierenden Privatfirmen betrieben werden, sind die Gruben in jämmerlichem Zustand. Fast monatlich ereignen sich Minenunfälle: 157 Arbeiter sind in den vergangenen zehn Jahren ums Leben gekommen, die Dunkelziffer liegt vermutlich weit höher. Bevor ein Grubenarbeiter in Pingxiang in eine Mine steigt, heißt es, zündet er Räucherstäbchen an und spricht zu Buddha.

Die Stadt wirkt heute apathisch und niedergeschlagen, wie vergessen vom Boom der Globalisierung, während andere Teile Chinas in die Zukunft rasen. Die Privatisierung der ehemals staatlichen Kohleunternehmen hat Zehntausende Jobs gekostet, die Wirtschaft darbt vor sich hin. Im Schnitt haben die Bewohner von Pingxiang im Monat umgerechnet 180 Euro zur Verfügung. Im nationalen Wohlstandsranking liegt Jiangxi auf Platz 18 von 23 Provinzen. Wer kann, sucht das Weite, macht sich auf in die Großstädte oder in die Küstenregionen. Zurück bleiben die Alten und Ungebildeten. Nur wenige Rentner haben wie meine Großeltern die Möglichkeit, ihren Lebensabend in lebenswerteren Regionen zu verbringen. Sie sind zu meiner Tante in eine Fünf-Millionen-Metropole mit palmengesäumten Straßen und Luxus-Shoppingmalls gezogen.

Als ich Großvaters Vergangenheit nachspüre, hat unsere Heimatstadt ein besonders mieses Jahr hinter sich: Erst fegte die Antikorruptionskampagne des neuen Präsidenten Xi Jinping das halbe Rathaus leer. In den ersten neun Monaten des Jahres wurden insgesamt 143 Parteikader wegen Korruption verurteilt, vom Vizebürgermeister über den Leiter der Baubehörde bis zum Direktor eines staatlichen Rentenfonds, der Millionen in seine eigenen Taschen abgezweigt hatte. Es war die größte Säuberungsaktion in Pingxiang seit Gründung der Volksrepublik.

Dann verlor die Stadt auch noch ihre zwei reichsten Männer.

Fangen wir mit dem zweitreichsten an. Fan Jixin war ein Kohleboss mit einem geschätzten Vermögen von umgerechnet 60 Millionen Euro und einer typisch chinesischen Neureichen-Vita: Mit neun Jahren heuerte er bei einem Bergwerk als Arbeiter an. Schritt für Schritt arbeitete er sich zum Minenmogul hoch. Ihm gehörten drei Bentleys, drei BMWs, zwei Ferraris, ein Porsche und eine der zwei einzigen Rolls-Royce-Limousinen in der Stadt; ansonsten steckte er seine Millionen in ein Bauprojekt namens „Anyuan Movie City“, eine Art Freilichtmuseum für Touristen und gleichzeitig „das größte Filmstudio Jiangxis“. Dafür ließ der Kohleboss auf 10 000 Quadratmetern das historische Stadtzentrum der zwanziger Jahre nachbauen: Residenzen und Tempel mit geschwungenen roten Dächern, Holzschnitzereien aus tanzenden Drachen und vergoldeten Türrahmen. In einer Ausstellungshalle neben einem Buddha-Schrein konnten Besucher seinen privaten Fuhrpark bewundern. Fan ließ sich als Selfmademan und Wohltäter feiern. Dann kam ans Licht, dass er den Direktor der Aufsichtsbehörde für Kohlesicherheit mit Millionensummen bestochen hatte, um noch größere Summen bei der Unterhaltung seiner Minen einzusparen. Die Polizei steckte ihn hinter Gitter.

Auch für den reichsten Mann und zweiten Rolls-Royce-Besitzer der Stadt war 2013 ein Unglücksjahr. Sein Fall schaffte es sogar bis in die 19-Uhr-Nachrichten auf CCTV1: Wang Lin, ein Mittfünfziger, der mit Vorliebe schneeweiße Zweiteiler trug, erarbeitete sich als selbst ernannter „Qigong-Großmeister“ sein Renommee unter den Schönen, Reichen und Mächtigen in ganz China. Er behauptete, tote Schlangen zum Leben erwecken und mit selbst gebrautem „Wunder-Maotai“ Kranke von ihrem Leiden erlösen zu können. Für seine Kurse verlangte er Hunderttausende Euros. Die vermeintlichen Heilkräfte des Quacksalbers sprachen sich bis in die höchsten Kreise des Landes herum: Zu seinen Patienten zählten Actionfilm-Held Jackie Chan, Jack Ma, der milliardenschwere Gründer von Alibaba, dem größten E-Commerce-Konzern Chinas, Zhao Wei, die erfolgreichste chinesische Seriendarstellerin und sogar der ehemalige Eisenbahnminister. Sie alle glaubten an den Hokuspokus von Meister Wang und waren bereit, Unsummen hinzublättern. Als im Juni 2013 eine Pekinger Zeitung schließlich die Ausmaße seiner Geschäftemacherei aufdeckte, setzte er sich nach Hongkong ab. Auf seinem Anwesen in Pingxiang, einer Disney-Schloss-artigen Festung mit goldener Fassade und künstlichem See, fand die Polizei illegale Waffen und Beweise für Schutzgelderpressung. Der Skandal löste im Internet eine wochenlange Diskussion über Aberglauben in der chinesischen Elite aus.

Man kann also nicht behaupten, unser Heimatort habe keine bekannten Persönlichkeiten hervorgebracht. Kaum einer, nicht mal unter den Einheimischen, kennt hingegen die ruhmreiche Vergangenheit der Stadt. In den zwanziger Jahren war Pingxiang die Wiege der kommunistischen Arbeiterbewegung und als „Chinas kleines Moskau“ bekannt. Niemand aus meiner Familie hat mir je davon erzählt, ich stolpere eher durch Zufall über die Geschichte.

Es ist Sommer 2013, als mir ein ehemaliger Grundschulkamerad meiner Mutter den berühmtesten Flecken Pingxiangs zeigen will – besagte „Anyuan Movie City“ des inzwischen verstorbenen Kohlemoguls mit ihren nachgebauten historischen Tempelchen und Teehäusern.

Wir haben eben den Fuhrpark des einst zweitreichsten Mannes der Stadt besichtigt und wollen zurück zum Abendessen ins Zentrum fahren, als ein Monstrum von einer Gedenkhalle auftaucht. Ich dachte, dass ich in Pingxiang bereits alles gesehen hätte – tatsächlich aber erblicke ich das Gebäude zum ersten Mal. Es sieht aus wie ein stalinistischer Heiligenschrein. Über einen Vorplatz von der Fläche mehrerer Fußballfelder führen Hunderte Treppen auf einen steilen Hang, gesäumt von Marmorsäulen, akribisch gestutzten Hecken und eisernen Adlerskulpturen. Auf halber Höhe des Berges lächelt ein meterhohes Mao-Emblem von der Fassade der Gedenkhalle herab. Es ist nicht das Porträt, das man vom Platz des Himmlischen Friedens in Peking kennt: Auf diesem weltbekannten Bild ist Mao bereits über sechzig und ein senioriger Patriarch mit Geheimratsecken, der gütig auf sein Volk herabblickt.

Das Hoheitsbild in Pingxiang zeigt den Großen Vorsitzenden dagegen als jungen Mann mit vollem Haar, sein Gesichtsausdruck changiert zwischen wilder Entschlossenheit und staatsmännischem Ernst. Die Anlage ist gebaut wie eine Pilgerstätte. Aber auch hier: keine Besucher weit und breit. „Was ist das?“, frage ich Herrn Wen, den alten Schulfreund meiner Mutter. „Ach das! Nichts Besonderes. Mao war hier mal auf Durchreise.“

Hinweis: Auszug aus: Xifan Yang, „Als die Karpfen fliegen lernten. China am Beispiel meiner Familie“. Das Buch erscheint am 23. Februar bei Hanser Berlin. Wir danken dem Verlag für die Abdruckrechte. © Hanser Berlin im Carl Hanser Verlag, München 2015. Xifan Yang lebt als freie Journalistin in Schanghai.

Le Monde diplomatique vom 12.02.2015, von Xifan Yang

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